Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 12 (8.1933)
- Date
- 1933-08-01
- Page
- Seite 315 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3094266-3094386-3094398--3673-3098452- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 315 Jüdische Bildung in Deutschland nach einer Rede von Martin Buber Bei der Tagung der Konferenzgemeinschaft der größeren Gemeinden und Landesverbände wie der Reichsvertretung, über die an anderer Stelle berichtet wird, hat in einer Aussprache über Bildungs- und Erziehungsfragen auch Prof. Dr. Martin Buber das Wort ergriffen und den von ihm vertretenen Gedankengängen eine besonders meisterhafte Prägung verliehen. Da weder ein Manuskript noch ein Stenogramm von dieser Rede besteht, ist es leider nicht möglich, sie in der vollen Kraft und Schärfe des Ausdrucks wiederzugeben. Es soll aber wenigstens versucht werden, die Gedankenführung in ihren wesentlichen Punkten einem breiteren Kreis zugäng- _ lieh zu machen. Die Aufgabe der jüdischen Bildung in Deutschland greift weit hinaus über die bloße Behebung einer Schulnot. Es geht um die Antwort, die das deutsche Judentum von sich aus auf das ihm Widerfahrene zu geben hat. Es geht darum, der künftigen Generation, die keinesfalls vollständig das Land verlassen kann, eine würdige Haltung und Existenz zu vermitteln. Wir wissen heute nicht, in welcher Schärfe der numerus clausus angewandt werden wird, und wir können auch nicht sagen, daß die jüdischen Kinder in der allgemeinen Schule heute schon durchweg in einer unerträglichen Lage wären. Aber wir können überzeugt sein, daß der nationalsozialistische Staat sich bei seinen Lehrern durchsetzen und seine Bildungsidee verwirklichen wird, so daß jüdische Kinder in den allgemeinen Schulen nicht ohne Schaden werden aufwachsen können. Man kann drei Gruppen von jüdischen Kindern unterscheiden: Kinder, die noch ein echt jüdisches Elternhaus haben — hier ist das gesetzestreue Judentum in einer günstigeren Lage — werden sich ihrer Umgebung gegenüber fremd fühlen, aber doch in dem Bewußtsein der besonderen Kräfte des jüdischen Lebens ein Gegengewicht besitzen gegen den starken Eindruck des geschlossenen Lebens ihrer Umgebung, an dem sie nicht teilhaben können. Eine zweite Gruppe von Kindern, denen das jüdische Haus fehlt, werden neben der Fremdheit gegenüber der Lebenskraft der Umgebung eine Leere verspüren, aus der ein Ressentiment erwachsen muß. Die dritte schwächste Gruppe wird dem starken Eindruck des fremden Lebens so verfallen, daß sie versuchen wird Anschluß zu finden, sei es auch als Paria. Eine gesunde Auseinandersetzung mit den Schwierigkeiten des jüdischen Lebens in Deutschland kann deshalb nur die jüdische Schule geben. Wenn die jüdische Schule ihren Schülern einen Halt gegenüber ihrer Umgebung vermitteln soll, so muß sie ihn aus dem Geist des Judentums finden. Sie muß ihnen eine verbindliche jüdische Lehre vermitteln, und sie kann das auch. Es ist nicht zu erwarten, daß die verschiedenen Richtungen innerhalb des Judentums nun plötzlich ihre Auffassungen preisgeben, aber die jüdische Schule kann sich auf den gerne insamenjüdischenUrgrund stützen. Diesen gilt es deutlich zu machen. Dabei kommt eine besondere Bedeutung dem Geschichtsunterricht zu, dem Unterricht in der Universalgeschichte, nicht nur in der Geschichte Israels und des Judentums. Die Kernfrage ist, ob wir einer Geschichtsbetrachtung, für die die Geschichte eine Kette von Machtkämpfen ist, für die der Erfolg in diesen Machtkämpfen darüber entscheidet, wo Gott steht, ob wir einer solchen Geschichtsbetrachtung eine eigene aus den Quellen des Judentums entgegenstellen können. Dafür haben wir den Ansatzpunkt in der Schrift selber, in der die Geschichte als ein Geschehen zwischen der Gottheit und der Menschheit verstanden wird. In dieser Geschichtsbetrachtung kann die jüdische Schule den festen Punkt für die Bindung ihrer Schüler an das Judentum finden. Dazu brauchen wir freilich ein Geschichtsbuch, das wir bisher nicht haben. Dazu brauchen wir Lehrer, die diesen Unterricht geben können. Gewiß, wir haben jüdische Lehrer und auch gute, aber werden sie diesen Unterricht geben können? Wir müssen darangehen, sie dafür umzubilden. Wir brauchen aber noch mehr, wir brauchen das Elternhaus. Es gibt eine Möglichkeit der Elternbildung, wir müssen sie vorbereiten. Mit diesen Aufgaben ist aber das jüdische Bildungsproblem noch nicht erschöpft. Ueber die Schule und ihren Umkreis hinaus muß die Jugendbildung und die Volksbildung in Angriff genommen werden. Im deutschen Judentum, vor allem in den kleineren Gemeinden, herrscht ein Hunger nach der Vermittlung jüdischen Gehalts. Es genügt auch nicht, der jüdischen Jugend in unseren Volksbildungseinrichtungen nur jüdisches Wissen zu vermitteln; denn wir werden ihr das geben müssen, was sie bisher von der allgemeinen Volksbildungsarbeit gehabt hat, an der sie wohl nicht mehr wird teilnehmen können. Damit wird der große Umfang der jüdischen Bildungsaufgabe in Deutschland deutlich. Ihr muß nicht allein in vollem Umfang entsprochen werden, es muß auch aus einem einheitlichen Geist geschehen. Es ist entscheidend für die Existenz des Judentums in Deutschland, daß es dem geschlossenen und einheitlichen Geist seiner Umgebung einen eigenen nicht minder einheitlichen und geschlossenen Geist gegenüberzustellen hat. Hier liegt die Aufgabe eines Bildungsamts der deutschen Juden. Pädagogische Aufgaben einer jüdischen Schule in Deutschland Von Dr. Hans Weil, Privatdozent für Pädagogik I. Da wir arm und bedrängt sind, müssen wir unseren Kindern und noch mehr unserer Jugend eine Schulung und Lehre geben, die geeignet ist, gerade dieser Generation — und ausschließlich um diese handelt es sich jetzt — Halt und Stärke zu geben, die sie befähigt, in der Welt, in die sie nun einmal hineingestellt ist, für sich und vor anderen redlich zu bestehen. In diesem Satz steht alles zusammengefaßt, was die jüdische Schule in Deutschland zu leisten hat. Um die Konsequenzen dieses Satzes zu begründen, sind die folgenden Ausführungen gemacht. n. Die Aufgabe der zu schaffenden Schule ist in den letzten Wochen sehr heiß umstritten und verschieden formuliert worden. Vielleicht ist manchem Leser und Zuhörer gleich mir der Gedanke gekommen, daß in diesen Forderungen oft zuviel vom Judentum und zu wenig von unseren Kindern, von unserer Jugend gesprochen worden ist. Es ist eine berechtigte Aufgabe einer jeden großen Gemeinschaft, über die Ziele, über die Vollendung dieser Gemeinschaft nachzudenken und die Glieder dieser Gemeinschaft dazu zu bestimmen, diesem Ziele zu dienen. Diese Aufgabe ist eine kulturpolitische. Fragt man dagegen nach dem, was eine Gruppe braucht, um bestehen zu können, nach den Mitteln, wodurch man sie bestärkt, so fragt und denkt man pädagogisch. Gewiß wird man versuchen müssen, beiden Forderungen gerecht zu werden; um unserer Kinder willen muß aber gefordert werden, daß die kulturpolitischen Ansprüche nicht falsch und nicht übersteigert sind, daß den Kindern gegeben werde, was die Kinder brauchen. Wenn nicht eine kritische Besinnung auf das Mögliche, auf das Vorhandene, auf das Schicksal der Kinder hinzutritt, so kann leicht heillose Verwirrung eintreten, mit dem Erfolg, daß nichts.oder schlimmer als nichts, nämlich das Falsche getan wird. Wir sind arm und bedrängt. Armut und Bedrängnis sind — neben anderem — zwei Faktoren unseres Daseins, die allzuleicht dazu verleiten, gedanklich ihrer harten Wirklichkeit zu entfliehen, in Zukunftsträumen zu versinken, anstatt das zu tun, was gerade möglich wäre. Nicht weniger gefährlich als die politische Lethargie ist die kulturpolitische Schwärmerei, die die Begünstigung des Augenblicks unverstanden läßt und der Sache schadet, die sie scheinbar begeistert fördert. m. Es ist gefährlich, die heutige Lage mit den Augen von früher zu betrachten. Früher gab es für die Juden eine fast allgemeine politisch-gesellschaftliche und wirtschaftliche Sicherheit und eine auf ihr beruhende literarische Kultur. Eine so geartete Kultur, eine solche Stellung zur Welt forderte und begünstigte eine Art zu denken, zu streben und zu handeln, die nur in dieser Lage erlaubt und möglich war. Es fehlte ihr nämlich jener letzte Ernst, den jeder Kampf auf Sein oder Nichtsein dem Menschen von außen aufzwingt. Man denke etwa an die frühere Pseudoproblematik, was das Jüdische und was die