Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 12 (8.1933)
- Date
- 1933-08-01
- Page
- Seite 314 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 314 sozialer Schichtung führen kann. Im Namen dieser Idee erzieht die Zionistische Bewegung die Menschen, die unabhängig von politischen Konjunkturen dem Aufbau Palästinas an ihrer Stelle dienen. Sie hat die philanthropische Kolomsationsmethode durch die nationale ersetzt, und in 25jähriger Arbeit (deren Hauptteil naturgemäß nach dem Kriege unter den Auspizien des Mandats geleistet wurde) aus einer kleinen interessanten Sache eine große gemacht, die heute das Schicksal vieler deutschen Juden verkörpert. Ein wirkliches jüdisches Leben besteht dort, Siedlungen auf jüdischem Boden, gebaut von Menschen, die hebräisch sprechen. Dieses Leben mag Fehler und Schwächen haben; beglückend ist, daß von ihm die Atmosphäre der Freiheit heute schon in nicht geahnter Weise ausströmt. Hier ist der Jude aus einer feindlichen Welt als Erscheinung in die Wirklichkeit eines eigenen sichtbaren Lebens hinüber geleitet. Ein Volk wie alle Völker also? Wie allen Völkern ist es auch uns nicht gestattet, mit der Tarnkappe ein fiktives Leben zu leben. Wie alle brauchen wir ein Land, in dem wir zu Recht und nicht aus Duldung leben, auf eigenem Boden und mit allen Voraussetzungen für ein sozial- und kulturell normales Leben. Freilich der Sinn „unsere s" Nationalismus, der von Moses Heß, Achad Haam, Buber und ihren Schülern als sittlicher Wert begründet wurde, ist die Erkenntnis, daß der Inhalt dieses Lebens sich nach eigenen Gesetzen, eigenen Verstellungen zu vollziehen hat. Und wir meinen, daß diese erwünschte Scheidung zwischen Fremdem und Eigenem. Legitimem und Illegitimem, sich in steigendem Maße aus der Realität dieses neuen Lebens ergeben wird, dessen Gestalt seit Herzls Utopia „Altneuland" mit der Vision der „neuen Gesellschaft" eng verbunden ist. Dr. Hans Pomeranz Sein Schicksal schafft sich selbst der Mann „Sein Schicksal schafft sich selbst der Mann". Dieser Leitsatz war stets Grundlage der Arbeit des Centralvereins und der Weltanschauung, auf deren unverrückbaren Pfeilern sie sich früher aufbaute, auf denen sie sich auch heute noch aufbaut. Heute mehr denn je. Bringt doch die Lage, in der sich das deutsche Judentum gegenwärtig befindet, jedem, auch dem Lauesten und Gleichgültigsten, aufs Eindringlichste die Erkenntnis zum Bewußtsein, daß er sich nicht auf fremde Hilfe verlassen darf in der Sorge um die Zukunft des nächsten Tages und der nächsten Jahre, daß nur der Anspruch und Möglichkeit hat, an der Gestaltung der Zukunft teilzuhaben, der seine Verantwortlichkeit gegenüber der Gemeinschaft und sich selbst gegenüber erkannt hat und danach handelt. In einer Erkenntnis sind sich die deutschen Juden aller Richtungen einig: Daß sich die Gestaltung des Schicksals der überwiegenden Zahl aller heute in Deutschland lebenden Juden auch in Deutsehland vollziehen muß. Aus doppeltem Grunde: Weil die „unlösliche VerbundenheitmitDeutschland, deutscher Landschaft und deutscher K u 11 u r", sich heute als Tatsache erweist und nicht als hohle Phrase, als die sie von nichtjüdischen und jüdischen Gegnern bezeichnet worden ist. Wer hätte nicht in dieser Zeit, in der nicht Leistung und nicht Gesinnung, sondern die biologisch umstrittene Rasseneigenart lange zurückliegender Generationen entscheiden soll, wer Deutscher sei und wer nicht, ernsthaft im Innern seine Stellung überprüft. Gewiß ist keiner unberührt geblieben von der folgenschweren Erkenntnis, die jahrzehntelange heiße Arbeit um die rechtliche Emanzipation und ihre Befestigung in den Herzen und Gehirnen unserer nichtjüdischen Umwelt mit einem Schlag vernichtet zu sehen. Und man wird sich auch nicht darüber hinwegtäuschen können, daß ohne unsere Schuld Scheidewände aufgerichtet wurden, die zu überwinden nicht nur einseitige Bemühungen nötig sein werden, die vielleicht von den jetzt lebenden Generationen auf beiden Seiten nicht überwunden werden können. — Man hat den Juden in Deutschland fast den letzten Rest ihrer wirtschaftlichen Existenzmöglichkeiten genommen, aber ihr Deutschtum hat man ihnen nicht nehmen können, weil man im Herzen wurzelnde Gesinnungen und Gefühle niemals, am wenigsten im Verwaltungswege, beseitigen kann. Wohin diese deutschen Juden auch immer gehen, ob sie in Deutschland zu bleiben und zu leben versuchen oder anderswo — sie werden Deutsche bleiben. Vielleicht werden sie ein anderes Deutschtum bewahren, als es der Besitz künftiger Generationen, an deren Entwicklung wir nicht teilhaben, sein wird. Aber sie werden sich in einer verständigungsbereiten Atmosphäre immer mit denen verständigen können, die den Geist Lessings und Moses Mendelsohns, Stefan Georges und Gundolfs als wahrhaft deutsch empfinden, heute und in Zukunft. Das Schicksal der deutschen Juden wird und muß sich aber auch auf deutschem Boden vollziehen, weil nirgends in der Welt die Möglichkeit besteht, einen zahlenmäßig bedeutungsvollen Bruchteil von ihnen aufzunehmen. Niemaud wird es dem Einzelnen verdenken können, wenn er durch ein Tor schreitet, das sich außerhalb der deutschen Grenzen auftut; besonders dann nicht, wenn er der jüngeren, heute in Deutschland praktisch vor das Nichts gestellten Generation angehört. Aber die meisten müssen hier bleiben, aus äußerem und aus innerem Zwang. So wird verantwortungsvolle Arbeit für die Zukunft der deutschen Juden sich frei zu machen haben von der Illusion, es bestehe die Möglichkeit einer, wenn auch nur zeitweiligen, Massenaussiedelung. Sie Wird sich aber auch freihalten müssen von Vorurteilen, die sich aus der früheren ideologischen Haltung der verschiedenen jüdischen Gruppen in Deutschland ergeben. Hier unterscheiden sich vielleicht die Jüngeren in allen jüdischen Lagern Deutschlands von der letzten Generation. Sie wissen auch, daß die in liberalem und individualistischen Gedankengut wurzelnden Wege der Arbeit des Einzelnen am Teilproblem ersetzt werden müssen und von den neuen Wegen, die sich aus der jetzt unter dem Druck der Umwelterscheinungen vollziehenden Entwicklung des deutschen Judentums zur wirklichen Schicksalsgemeinschaft, in der sich jeder für jeden verantwortlich fühlt, ergeben. Der Centraiverein hat sich diesem neuen Geist nicht verschlossen. Er sucht die bisher geübten Methoden der „Aufklärung" nicht nur durch neue zu ersetzen, weil er ein den veränderten Verhältnissen angepaßtes Mittel sucht, sondern weil sich zwangsläufig neue Wege ergeben. Hier ist n o c h a 11 e s i m F1 u ß. Es wird sich darum handeln, daß jeder Einzelne durch seine Mitarbeit dafür sorgt, daß das deutsche Judentum den Weg geht, der Aussicht auf eine hellere Zukunft bietet. Wer wollte schon heute sagen können, welches endgültig der rechte Weg ist. Aber es kann kein Zweifel bestehen, daß die mannigfache Arbeit, die heute noch, beispielsweise in der Betreuung der Landgemeinden, auf juristisch-wirtschaftlichem Gebiet zur Sicherung zukunftsfähiger Existenzmöglichkeiten, zur Abwicklung streitiger Fragen auf allen Gebieten des täglichen Lebens und in so vielem anderen vom Centraiverein geleistet wird, nicht weniger wichtig ist, als die sorgsame Vorbereitung neuer Wege, aufbauend auf der Erfahrung einer jahrzehntelanger Arbeit und einer wohlfundierten Organisation, die auch heute als die einstweilig umfassendste jüdische Organisation in Deutschland geeignet erscheinen muß, die Form für die Gemeinschaft der deutschen Juden abzugeben. Helfe jeder, daß das Ganze sich zum Rechten fügt. Heute gilt der Satz: Sein Schicksal schafft sich selbst der Mann. Alfred Levi Die nationaldeutschen Juden Der Verband nationaldeutscher Juden bezweckt den Zusammenschluß aller derjenigen Deutschen jüdischen Stammes, die bei offenem Bekennen ihrer Abstammung sich mit deutschem Wesen und deutscher Kultur so unauflöslich verwachsen fühlen, daß sie nicht anders als deutsch empfinden und denken können. Er bekämpft alle Aeußerungen und Betätigungen undeutschen Geistes, mögen sie von Juden oder Nichtjuden ausgehen, die das Wdedererstarken deutscher Volkskraft, deutscher Rechtlichkeit und deutschen Selbstgefühls beeinträchtigen und 'damit den Wiederaufstieg Deutschlands zu einer geachteten Stellung in der Welt gefährden. Er ei*strebt ein verständnisvolles und auf gegenseitiger Achtung beruhendes Zusammenarbeiten der deutschen Volks genossen jüdischer und nichtjüdischer Abstammung, die sich ohne Rücksicht auf ihre persönliche Stellung zu Fragen der Parteipolitik auf dem gemeinsameu Boden des deutschen Nationalgefühls und der Liebe zum deutschen Vaterlande zusammenfinden. Aufnahmefähig sind Männer und Frauen deutscher Staatsangehörigkeit und jüdischer Abstammung, die nicht aus dem Judentum ausgeschieden sind, das 18. Lebensjahr vollendet haben und sich mit den Bestrebungen des Verbandes in allen Punkten ausdrücklich einverstanden erklären. (Auszug aus der Satzung von 1921.)