Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 12 (8.1933)
- Date
- 1933-08-01
- Page
- Seite 313 (sequence 7)
- Language
- German
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Seite 313 bot die -schonendste Art der Tiertötung darstellt, ist ein Opfer subjektiver Auffassung von Tierschützlern geworden. Die Tröue, die der konservative Jude dem Gesetz hält, macht ihn zu allen Opfern -bereit und fähig. Mit tiefem Schmerz aber erfüllt es ihn. daß viele seiner Brüder die erste Erschwerung ihrer Lebenshaltung zur Abkehr von einer für sie vielleicht nur als äußerlicher Brauch übernommenen Haushaltsführung bewogen hat. Ganz abgesehen von dem schweren Schaden, den das Schächtverbot den Schächtern und Metzgern in ihren Berufen gebracht hat. Oer konservative Jude ist ohnehin in seiner wirtschaftlichen Existenz in viel stärkerem Maße geschädigt als die anderen. War es schon vorher schwierig, kaufmännische oder handwerkliche Beschäftigung unter Heiligung des Sabbat und der Feiertage zu bekommen, so ist dies heute geradezu unmöglich. Bei der Ausschaltung in den akademischen Berufen sind verhältnismäßig viel junge konservative Juden ausgeschieden, weil erst in den letzten Jahren die Möglichkeit zur Durchführung des Studiums unter Einhaltung des jüdischen Gesetzes öfter gegeben war. Der Glaube an die ewige Sendung des Judentums, dessen einzelne Träger in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht oder vernichtet sein mögen, das jedoch als lebensvolle Idee unzerstörbar dasteht, läßt uns in Abkehr von reinem Fatalismus heute vor allem an die Zukunft denken und damit an die Gestaltung des Schicksale unserer Jugend. Auch das konservative Judentum zeigte zu allen Zeiten trotz seiner Anerkennung der Wichtigkeit der gesamten Anschauungswelt des Judentums gewisse Bevorzugung einzelner Teilgebiete und hat damit eine besondere Färbung in manchen Ländern und zu verschiedenen Zeiten 'bekommen. Noch vor kurzem machte es den Eindruck, als ob die Mystik des C h a s s i d i s m u s von Polen her in Ungarn und auch in Deutschland sich Eingang verschaffen würde. Heute ist diese Möglichkeit, sich aus dem Alltagsleben auf eine eigentümliche Auffassung" und Betätigung des Judentums zurückzuziehen, in der jüdischen Jugend Deutschlands wohl kaum anzutreffen. Von Litauen her hat sich dagegen die M u s s a r - Bewegung eine beträchtliche Zahl von Vorkämpfern und Anhängern in Deutschland zu verschaffen gewußt. Es ist auch aus der Einstellung der Orthodoxie durchaus verständlich, daß man die harte Bedrängnis von außen auf die eigenen Sünden, auf die Fehler in seinem jüdischen Leben zurückfuhrt. Die tätige Reue, wie sie auf vielen Gebieten, besonders auf dem der Festigung des Charakters und der ethischen Grundanschauungen durch Bücher wie Luzattos „Mesilath Jeschorim" und dea „Chofez Chajim': eine ungeahnte Verbreitung gefunden hat, ist sicherlich geeignet, in Zeiten äußerer Not eine Stärkung jüdischer Weltanschauung zu fördern. Ganz besonders dann, wenn jeder sich seihst meint und zuerst vornimmt. Auch die andere Möglichkeit des Ausweichens vor dem Druck und des Aufbaues eines neuen Lebens in Palästina, der Zionismus, hat im konservativen Lager weitere Verbreitung gefunden. Die Verhältnisse haben viele den Vorbereitungsprozeß unterbrechen und die Uebersiedelung beschleunigen lassen. Mit alten Zionsfreunden sind viele, um Lebensmöglichkeiteu zu finden, nach dem heiligen Lande gezogen. Mit Sorg.} blicken gerade die konservativen Juden auf die Neueinwandernden, die fern von aller jüdischen Lebensart in Golusformen sich in Erez Israel einrichten. Die gegenwärtige Lage der deutschen Orthodoxie ist ein Schwebezustand, der erst beseitigt wird durch die gesetzliche Regelung der Stellung der deutschen Juden im deutschen Staat. Die unverbrüchliche Treue zum jüdischen Gesetz, die opferbereite Hingahe an das Judentum als primäre Daseinsbedingung wird den gesetzestreuen Juden in Deutschland das Vertrauen auf den Lenker der Geschicke erhalten, in dessen Hand wir gegeben sind und der alles zum Besten seines Volkes fügen wird. Dr. Ernst Freimann Die zionistische Bewegung Der moderne Zionismus vertritt das auf seinem ersten Kongreß im Jahre 1897 formulierte Programm: Er erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. Der juristische Teil dieses Programms ist durch das auf der Balfour - Deklaration fußende Palästinamandat realisiert. Umkämpft bis heute ist die Bewegung, die den Kampf um die Durchsetzung der I d e e in der Judenheit führt. Sie geht von einer kritischen Betrachtung der jüdischen Gegenwart aus. Inmitten einer von Feindschaften strotzenden Welt, einer von Spannungen überladenen Zeit, erkannte der Zionismus die Judenfrage als ein Problem, das sich an Intensität und Eigenart abhebt aus der Fülle der Probleme, als ein Problem, das quer durch die Welt geht, nicht etwa das Problem eines Staates ist. Diese Diagnose hat der Zionismus immer gestellt, nicht erst heute, er hat sie auch zu einer Zeit gestellt, als die in optimistischen Illusionen schwelgende emanzipierte Judenheit nicht recht verstand, w^as mit dieser Behauptung vom Gallith, als Ort der beengten jüdischen Möglichkeiten, eigentlich gemeint sei. Denn diese Judenheit betrachtete die Entspannung der Welt auch hinsichtlich der Judenfrage als ein Entwicklungsergebnis einer immer reifer werdenden Gesellschaft, die von Tag zu Tag bereiter werde, die Juden zu rezipieren. Dem Versuch, dieser Entwicklung durch Entjudung nachzuhelfen, trat der Zionismus entgegen, indem er der programmatischen Fiktion „Verlorenes Volk — unsterblicher Geist": den Satz ..wir sind ein Volk, ein Volk" entgegenstellte. Mit diesem Satz traten die Juden durch Theodor Herzl wieder in die Weltpolitik ein. Theodor Herzl hat durch seinen Ausruf „Wir sind ein Volk" den im 19. Jahrhundert unklar gewordenen Gegenstand der Unterhaltung wieder hergestellt: Eine lebendige Gemeinschaft wirkender Menschen war damit gemeint; die Erkenntnis unseres einheitlichen Wirkens in der Welt liegt ihm zugrunde, einheitlichen Schicksals und — als hervorragendstes Erkenntnismaterial — der einheitlichen Reaktion, die dieses Wirken hervorruft. Die Idee der „Autoemanzipation" ist die zionistische Antwort auf die Judenfrage. Moses Heß. der den zionistischen Gedanken schon 1862 mit tiefreligiöser messianischer Innigkeit erfaßt hat, Leo Pinsker, der 1882 eine, gerade von heute aus gesehen, erstaunlich aktuelle Analyse des Problems gab, sind die Pioniere der Idee. Theodor Herzl gab unabhängig von allen 1896, zu einer Zeit, als die Wirklichkeit der jüdischen Weltlage sich dem zionistischen Gedanken zudrängte, die aufrüttelnde Antwort und schuf in der zionistischen Weltorganisation das große Instrument, das sich erzieherisch an die Juden und politisch an die Mächte der Welt wandte. Das war der Sinn des umkämpften Satzes „Subjekt der Politik werden" oder „ein politischer Faktor" werden. Die politische Aktivität der Juden war durch Jahrhunderte unterbrochen gewesen. Die „Politik" des jüdischen Volkes war im Gegenteil auf Abschluß, auf Vermeidung von Berührung mit der Welt gerichtet gewesen. Die neue politische Idee ging dahin, die Gründe zu beseitigen, die diesen Selbstschutz durch Einkapselung notwendig gemacht hatten, dadurch daß man dem jüdischen Volk normale Lebensbedingungen wiedergab, die ihm ermöglichten, unbefangen und weltaufgeschlossen sein Leben wieder zu beginnen. Theodor Herzl hat sein zionistisches Erlebnis anläßlich des Dreyfuß-Prozesses gehabt. An diesem Ereignis las er die Judenfrage ab, erkannte er spontan das Schicksal der Juden unter den Völkern. Das heißt: Er reagierte nicht ressentimenthaft auf eine öffentliche Kränkung, sondern er verstand das Ereignis als Quelle der Erkenntnis zu verwerten. „Wissen und Verändern." Die Entdeckung, die Herzl gemacht hat und die auch die Voraussetzung zur Erkenntnis der persönlichen menschlichen Judenfrage war, diese Entdeckung kann heute jeder Jude machen, dem es gelingt, die Ereignisse der Umwelt nicht in die Tiefe seiner Seele zu Depressionen zu versenken, sondern sie zu einer „schöpferischen Reaktion" zu verwerten. Der Zionismus beruht auf der Erkenntnis, daß ein anormal lebendes Volk der Mißdeutung verfällt, dem gegnerischen „Differenzaffekt" in gesteigerter Intensität ausgesetzt ist. Die Völker würdigen einander unter dem Eindruck ihres kollektiven nationalen Beitrags zur Weltkultur. Mögen zwischen ihnen Spannungen bestehen — der Versuch, sie als Elemente der Zersetzung summarisch zu brandmarken, zerschellt hier an der im geschichtlichen Leben offenbar werdenden Gegenstandslosigkeit der negativen Beurteilung. Dieses Leben kann für das jüdische Volk — dies sagt der Zionismus — nur das Leben unter freien Umständen sein, in dem Land, wo es ohne von anderen beherrscht zu werden und ohne über andere zu herrschen, ein nationales Leben in normale r Spendet für die „Jüdische Nothilfe" Postscheckkonto Frankfurt a. M. 29990