Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-08-01 · 12 (8.1933) · p. Seite 312

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
12 (8.1933)
Date
1933-08-01
Page
Seite 312 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3094266-3094386-3094398--3670-3098449
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 312 Religiöser Liberalismus in der Krife des deutschen Judentums Der jüdisch - religiöse Liberalismus ist ein Erzeugnis einer Krise des Judentums, also einer Zeit des Erwachens neuer Kräfte. Die Krise traf ein Judentum, das ihrer dringend bedurfte. Sie bestand darin, daß dies in sich selbst verlorene und sich selber verlierende Judentum fast unvermittelt zur Auseinandersetzung mit der Kultur des 19. Jahrhunderts gezwungen wurde, einer Kulturdes rationalen, ja rationalistischen Denkens. Diese Auseinandersetzung selber und nichts anderes ist der jüdis che Liberalismus. Als solche ist er eine Zeit der lebendigsten Spannungen. Notwendig hat sie schwere Gefahren mit sich gebracht; mancher ist man erlegen. Gleichwohl ist diese Zeit eine der fruchtbarsten in der jüdischen Geschichte. Nicht entschieden genug kann dem Modeschlagwort entgegengetreten werden, das das 19. Jahrhundert als eine Zeit des Verfalls im Judentum anspricht. Der Verfall hat nicht in der Zeit der Gefahr stattgefunden, sondern in der darauffolgenden Zeit der Sekurität. Vielmehr hat das deutsche Judentum als der eigentliche Träger des religiösen Liberalismus dem Gesamtjudentum gewaltige Impulse gegeben und damit eine neue Zeit heraufgeführt. Das Jüdische, damals zum Problem geworden, forderte eine Renaissance. So geht von dem Mendelssohnkreise die Belebung der hebräischen Sprache aus, und in der Auseinandersetzung mit den neuen Methoden der geschichtlichphilologischen Forschung ersteht das Judentum in den Werken von Leopold Zunz und Geiger, der Schüler der großen deutschen klassischen Philologen und Historiker, als eine historische Erscheinung im Bewußtsein des Juden. Der Sinn jüdischer Selbstdarstellung wird durch die neue geistige Haltung, die sich in den Schriften Zunz' kundtut, revolutionierend gewandelt. Alle Geschichtswerke, auch die zionistischen, sind erst auf diesen Voraussetzungen möglich geworden. Auch der zionistische Versuch eines „neuen" Sichselbstbegreifens ist . unternommen mit den Mitteln des 19. Jahrhunderts, und der Vorwurf der „Gesehichtslosigkeit" des Liberalismus ist nur auf der Basis möglich, die der Liberalismus in dem neuen Geschichtsbewußtsein geschaffen hat. Dieses Jahrhundert ist für uns Juden noch nicht zu Ende. Ist die Krise, entstanden aus dem Aufeinanderprall des Innen und Außen, dem jüdisch - religiösen Liberalismus seit seiner Geburtsstunde das Element, so muß die Krise der Gegenwart, die abermals die Massen aufrüttelt und allen das Judentum zum Problem macht, den Liberalismus wieder auf den Platz fordern. Ist seine Grundhaltung das Bewußtsein, daß alles Gegebene allemal aufgegeben ist, daß jede Tatsache nichts ist, wenn sie nicht Forderung ist, so muß eine Zeit und me Generation, der aufs grausamste gezeigt worden ist, daß es keine „feststehenden" Tatsachen gibt, eine Zeit, wo alle Selbstverständlichkeit aufgehoben ist, seine Zeit sein. Im vergangenen Jahrhundert ist es ihm aus gewissen Gründen nicht wirklich gelungen, aus der Gärung letzte Formkraft der Gemeinschaft erstehen zu lassen, obgleich das seiner Grundhaltung hätte entsprechen müssen. Für uns Heutige liegt hier Arbeitsziel und Arbeitsimpuls. Es gilt das Judentum zu einem lebendigen Prozeß zu machen, in dem die haltlos gewordene „Gesellschaft" einen Mittelpunkt findet. Und in diesem „gesellschaftlichen" Leben muß das Judentum Gespräch sein, Geist, der sich im Wort manifestiert und als Wort, das hin und her wandert, als Rede und Gegenrede Menschen aneinander bindet. Innerhalb dieses Gespräches allein und nur als ein besonderes Moment an ihm wird erst die Predigt — augenblicklich noch eine problematische Angelegenheit — ihren legitimen Ort finden. Auch der Gottesdienst wird eine Ausdrucksform dieses gesellschaftlichen Lebens sein und wird als solche erst seine wahrhaft „zeitgemäße" Gestalt finden. Gesichtspunkte des „Zugeständnisses an die Zeit" fallen dahin, wenn er Lebensäußerung neben anderen Formen des „gesellschaftlichen" Lebens ist, die mit ihm ineinandergreifen. Jede Form, in der Juden beisammen sind — so auch die Schule — muß jüdisches Leben fördern. Die Grundlage — bewußt dem Einen, unbewußt dem Anderen — bleibt das Erlebnis vom Sinai. Dort ist von oben der Einbruch in uns erfolgt, der Griff in uns hinein getan worden. Da haben wir die Prägung empfangen, die unser Schicksal bestimmt. Dieses Schicksal anzuerkennen, als ein jüdisches in unser Bewußtsein zu heben und unsere Besonderheit zu begreifen, muß jeder durch den inneren Zwang des Gemeinschaftslebens getrieben werden. Er muß lernen, Geschichte nicht mehr als Geschehen, sondern als sinnhaftes Schicksal erleben, das sich von der Offenbarung über eigene Schuld zur messianischen Erlösung spannt. Wir werden das alte, tiefe jüdische Warten lernen, das immer im Morgen zu enden hofft mit den Worten bimhero bejomenu, „bald, in unseren Tagen"! Dabei werden wir bewußt daneben die rational-pädagogische Seite des jüdischen Zukunftsglaubens betonen und werden auch Geschichte uns mit den Methoden aneignen, die das 19. Jahrhundert uns gelehrt hat, statt in unwahrhaftiger Romantik ein künstliches Geschichtsbild zu erzeugen. Jedoch werden wir uns die Spannung zwischen den beiden Geschichtsauffassungen fruchtbar machen. Es ist die tiefe Spannung des wahrhaft Religiösen. Das Sollen wird unvermittelt neben dem Warten stehen. Wir werden uns das Eine bewußt halten: Mit dem Urerlebnis ist es Israel gegeben, daß es nie durch den politischen Raum völlig gedeckt werden kann. Das rein Politische und auch das rein Blutmäßige ist in Israels Geschichte immer zur schuldhaften Verfehlung gestempelt worden. In dem Kampf, den die Pharisäer als Erben der Propheten und Esras gegen das „Wie alle Völker" der Makkabäerfürsten geführt haben, ist das politische Sein zersprungen. Das „utopische" Ideal hat dagegen seine Realität dadurch erwiesen, daß es das Judentum erhalten hat. Seither ist Israels Schicksal mit dem der Völker verwirkt. Und das bejahen wir heute noch nach wie vor. Wir werden bewußt die Kulturwerte pflegen, die uns schon allein dadurch vermittelt werden daß wir unsere Muttersprache sprechen, die uns auch weiterhin Ausdruck unseres tiefsten Seins bleiben wird. Erst dadurch wird das Judesein in uns vollendet. Dabei bleibt daneben die Pflege des Hebräischen aus mehr als einem Grunde vordringliche Forderung. All dies muß sich in dem jüdischen „Gespräch", das wir meinen, entwickeln und eine Totalität geistigen Lebens wirken, die letztlich als solche religiös ist und Religion im jüdischen, im nurjüdischen Sinne wird. Das bedeutet, im jüdischen Selbstbewußtsein muß die jüdische Geschichte wieder als das erlebt werden, was sie immer gewesen ist: als ein einziger, gewaltiger Kommentar zur Bibel. Und darum wird die Bibel wieder in den Mittelpunkt des „Gespräches" rücken. Die Araber haben uns einst „das Volk des Buches" genannt. Sie empfanden es als fast unheimlich, daß dies Volk ohne Land seine Heimat in einem Buche mit sich trug. Diese Heimat wiedergewinnen, wieder kolonisieren und anbauen, das wäre echter Jischuw Erez Israel, „Besiedlung des Landes Israel". Dann stünden wir auf festem eignen Boden, hätten von uns selber ein geschlossenes Bild. Und dessen bedürfen wir. Max Vogelstein Gegenwartsprobleme des gesetzestreuen Juden Das dritte Reich hat neben dem Wechsel der Staatsleitung in tseinen Führern und in der großen Masse des Volkes eine völlige Veränderung der Geisteshaltung zur Folge gehabt. Drei wesentliche Merkmale kennzeichnen den Umbruch: Das Führerprinzip, die Gemeinschaftsarbeit und das Autarkiestreben. Das Führerprinzip beruht auf der Wechselwirkung zwischen der Autorität des Führers und dem Gehorsam der Masse und hat damit den demokratischen Gedanken an Selbstverwaltung des Volkes und Auslieferung der Führung an die Interessentenpolitik einzelner Gruppen abgelöst. Die Arbeit für .die Gemeinschaft steht im Gegensatz zum früher herrschenden, übersteigerten Individualismus und die Autarkie betont das eigene Volkstum gegenüber dem Internationalismus. Der Glaube an die unbedingte Autorität des Gesetzes oand seiner Verkünder, die Hintanstellung der individuellen Wünsche gegenüber der Gemeinschaftsverpflichtung des Judentums und die Begrenzung der menschlichen Betätigung, dafür auch die Erfassung des Menschen in seiner Totalität durch das Judentum sind die Kennzeichen der Orthodoxie. Ideologisch ist im neuen Staat der Boden ifür die Verwirklichung der Gesetzestreue geebneter als er es im letzten Jahrhundert in Deutschland war. Desto härter ist der konservative Jude von der UmgestalUmg des Reiches in den realen Möglichkeiten seines Lebens getroffen worden. Das Verbot des Schlachtens unbetäubter Tiere, das einem Schächtverbot gleichkommt, hat ihm den Fleischgenuß erschwert, z. T. auch aus wirtschaftlichen Gründen unmöglich gemacht. Das Schächten, das für den Juden als biblisches Ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.