Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 12 (8.1933)
- Date
- 1933-08-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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„Jugend und Gemeinde1' am Sdiluss der Nummer' FRANKFURTER ISRAELITISCHES GEMEINDEBLATT Amtliches Organ der Israelitischen Gemeinde Das Gemeindeblatt erscheint monatlich und wird den Gemeindemitgliedern unentgeltlich durch die Post zugestellt. — Preis der Einzelnummer 50 Pfg. — Schriftleitung: Gemeindehaus, Fahrgasse 146 Fernspr.: Sammel-Nr. H. 27544. — Postscheckkonto: Frankfurt a. M. Nr. 33521. — Anzeigenverwaltung: M. Isaac & Co., Ravensteinstraße 11, L, Fernsprecher Nr. 44888. — Anzeigen nach Tarif. — Anzeigenschluß für die nächste Nummer: 26. Aug. — Die Schriftleitung übernimmt für den Inhalt des Gemeindeblattes nur die preßgesetzliche Verantwortung. Nachdruck nur mit Erlaubnis der Schriftleitung gestattet. 11. Jahrgang Frankfurt a. M., August 1933 Nr. 12 Jüdische Richtungen in dieser Zeit Wir haben Vertreter der jüdischen Richtungen gebeten, ihren Standpunkt in dieser Zeit darzulegen. Das geschah einmal deshalb, weil viele, die bisher dem inner jüdischen Leben fernstanden, Bedürfnis nach einer solchen Orientierung haben, mehr aber noch deshalb, weil allenthalben Zweifel auftauchen, ob denn nicht diese Richtungen überholt seien. Einer der Befragten hat uns aus solchem Zweifel heraus die Erfüllung unserer Bitte abgelehnt, in einem Brief, den wir zum Abdruck bringen, weil er in besonders treffender Weise diese Zweifel zum Ausdruck bringt und zugleich in die Grenzen ihrer Berechtigung verweist. Verschiedene Arten, die jüdische Existenz zu sehen — das sind die Wurzeln der Richtungen, und als solche verschiedene Sichten behalten die Richtungen ihr Lebensrecht, auch wenn die Zeit über die Parteien einmal hinweggeht. Wann und wie das geschehen wird, kann heute niemand sagen, und so entspricht es der gegenwärtigen Wirklichkeit, wenn wir der Betonung der jüdischen Einheit die Darstellung der verschiedenen Sichtei Sichten des Judentums — nicht Parteien Wenn ich meine — um es gleich zu sagen — ablehnende Antwort auf die ehrende Aufforderung, über liberales Judentum als Richtung in dieser Zeit zu schreiben, ausführlicher begründe, so geschieht dies aus einem umgreifenden und einem ins Einzelne gehenden Anlaß. Zuerst: die politische Lage, in die wir Juden in Deutschland geraten sind, zwingt uns von dem „Parteiismus" weg, den wir uns solange — ich glaube: allzulange — haben leisten können. Es sind aus Sichten der jüdischen Existenz, aus Wurzeln, die ewig unsere Substanz speisen, drei „Richtungen" geworden; die elementaren Charaktere von (nennen wir sie einmal so aus der gegenwartsgeschichtlichen Bedingtheit) Konservativismus, Liberalismus, Zionismus sind Selbstzwecke geworden, politischhandelnde und oft leider nur v e r handelnde Maschinen in der Institution einer Einheitsgemeinde. Ich sagte, die Lage zwinge uns von diesen Parteien weg: aber das ist nicht das Letzte. Not öffnet uns — Vielen — nur die Augen für Etwas, das aus uns selber heraus einfach „fällig" geworden ist, lange schon. Wenn das, was da „gemeindepolitisch" geschah und geschieht, vielfach uns gar nicht bewußte Assimilation an die Umwelt war und ist, so sollte dann nun diese „Assimilation" auch plötzlich mit dem, was draußen geschieht, ihr Ende finden. Oder soll es wahr sein, daß wir Juden alles in der Geschichte 50 Jahre später nachmachen? In Ihrem Briefe sprechen Sie von „verschiedenen Gruppen", von „vertretener Richtung", von „Vermeidung jeder Polemik,, — das kennzeichnet gerade jetzt die vollkommene Unerträglichkeit der Lage. Die Kirchen scheinen sich zu einigen: ein Konkordat mit der katholischen Kirche ist im Werden. „Internationales Judentum" ist kein Verhandlungspartner: wie könnte es einen solchen geben, den man — negiert? Innerlich, hier in Deutschland haben wir nur eine „Einheit": die Einheit der jüdischen Menschen, die nicht ahnen, was mit ihnen vorgehen wird, eine Masse, deren Leben sich in mehr oder minder entsetzliche Einzelschicksale auflöst, der (das Schlimmste!) die Kinder entrissen werden. Und da wollen, können wir von „Richtungen" sprechen? Wenn wir wähnen, dies jetzt auch nur eine Stunde lang tun zu dürfen (es gibt Leute und jüdische Zeitungen, die es tun!), dann ist in derselben Stunde der Untergang des deutschen Judentums behten folgen lassen. schlössen; dann brauchen unsere Widersacher uns nur uns selber zu überlassen — und können dann wahrhaftig ihre Hände in Unschuld waschen! Ich sage nicht, daß die „Richtungen" keine lebendigen Kräfte wären: im Gegenteil. Sie sind aus solchen — aber sind sie es, dann sollen sie jetzt von sich selber schweigen und zentral handeln. Wo endlich erhebt diese Mitte ihre Stimme? Ich meine: wir hätten sie seit Ewigem. „Die Tore sind offen in jeglicher Stunde, allwer eintreten will, trete ein." Und haben Sie selber nicht einst R. Loeb Jizchoks von Berditschew Einleitung für Neila niedergeschrieben? Der ausführlichere Schluß heißt: „Jetzt weich' ich nicht von dannen, von meiner Stelle, bis ein Ende wird, bis ein Schluß wird der Verbannung — Jisgadal — wejiskadasch — sch'meh rabbo . . ." Genug — oder zu wenig vor Gott — von Diesem. Und nun noch das Besondere! Ich erachte mich heute nicht befugt, den jüdischen Liberalismus bündig zu vertreten; eigene noch ganz in der historischen Betrachtung („von Mendelssohn bis Rosenzweig") steckende Arbeit gehört in diesen Tagen nicht vor die Oeffentlichkeit: Polemik also innerhalb einer Richtung, wenn Sie wollen, noch viel weniger, als äußere — d. h. solche zwischen den „Richtungen"! Wir Liberalen haben eben genau so wenig Zeit zu Betrachtungen, zu bloßen Betrachtungen, wie die Anderen: nein! Gerade als Liberaler will ich laut sagen: es darf jetzt keine ,Anderen" mehr geben — nur noch uns Alle! Was liegt mir heute daran, ob es etwelche „Belange" gibt? Es gibt nur Einen: unsere Einheit. Wenn die Not uns wirklich zu dieser Einkehr, Umkehr und Heimkehr bringt, dann — aber auch nur dann — hat die deutsche Judenheit aus ihren Leiden gehandelt: und Handeln aus dem Leiden — das ist, glaube ich, jüdischer Sinn für die Menschheit . . . Ich will also keinem zu Herz und Ohren reden und keinem dagegen. Ich verzichte auf Programm, Grundsätze, Ideen und — hebe meine Augen zu den Bergen, von denen uns Hilfe kommen 8011 Eduard Strauß