Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 11 (7.1933)
- Date
- 1933-07-01
- Page
- Seite 300 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 300 Setzungen, die dem Außenstehenden zuweilen ein unerfreuliches Bild geben. Noch ein Wort von der jüdischen Jugend auf dem Lande. Der größte Teil von ihr fand früher Existenz in der Stadt. Damit ist es aus. Die engen Verhältnisse spürt sie schmerzlich. Jugend will in die Weite und besonders jüdische Jugend! Durch ihre größere Beweglichkeit, und durch Die wirtschaftliche Lage Nur ein ziemlich kleiner Bruchteil unserer deutschen Glaubensgenossen lebt heute noch auf dem „flachen Lande", zu dem wir nicht nur das eigentliche Dorf, sondern auch die Kleinstädte hinzuzählen müssen. Hier gab es bis in die letzten Jahre des vorigen Jahrhunderts blühende Gemeinden mit einem teils impulsiven, echt jüdischen Leben und Treiben, damals das Reservoir der Großstädte. Ihre Lebensbedingungen waren nicht gerade leicht, aber immerhin erträglich. Dann kam bis in die Inflationsjähre hinein der Run auf die Großstädte. Es war allgemein üblich, daß die Jugend zur Erlernung eines Berufes oder zum Studium in die Großstadt geschickt wurde, aus der nur ein verschwindend kleiner Prozentsatz, — etwa die Erstgeborenen, . welche die Geschäfte der Väter übernehmen sollten — zurückkehrte. Die Älten hatten sich teilweise ein kleines Vermögen erworben, sahen das leichtere und vor allem geselligere Leben der Stadt, wo ihre Söhne und Töchter sich schon vielfach Existenzen geschaffen hatten oder durch Heirat hingekommen waren, und wanderten ebenfalls aus. Äuf diese Weise sind kleine Gemeinden spurlos verschwunden, und nur ein verwahrloster alter Friedhof oder eine verfallene, ja sogar zum Strohschuppen umgewandelte Synagoge zeugt noch, von verschwundener Pracht. Mit der Stabilisierung der Mark hörte diese Wanderung zwar auf, eine Rückwanderung von der Großstadt aufs Land ist dagegen kaum erwähnenswert. Die Lage dieser und der anderen Juden in der Großstadt ist uns zur Genüge bekannt. Haben nun die auf dem Lande zurückgebliebenen Juden das bessere Los gezogen? Ja und nein. In mancher Hinsicht sind sie nicht zu beneiden. Sie haben heute oft furchtbar unter dem Äntisemitismus zu leiden, weit mehr als irgendwer in der Großstadt, aber auch das ist ganz unterschiedlich und ganz und gar nicht zu verallgemeinern. Hier soll aber mehr von der wirtschaftlichen Lage der Juden auf dem Lande die Rede S2in; und die ist, gemessen an der teilweisen großen Not unserer Glaubensgenossen in der Großstadt, prozentual weit besser. Es sei vorausgeschickt: direkt darbende Juden, d h. Menschen, die kein Brot über Nacht oder kein warmes Zimmer haben, gibt es auf dem Lande nichL Trotzdem hat der jüdische Handels- und Kaufmann auf dem Lande heute einen recht schwierigen Stand. Für den Handel ist die bisherige Bedeutung der Juden erschüttert. Früher war es für den Landwirt fast unumgänglich, daß er sich bei all seinen Geschäften an den jüdischen Handelsmann wenden mußte, so lästig er auch diese Beziehungen oft empfand, über es blieb ihm kaum etwas anders übrig. Die nichtjüdihsche Bevölkerung stand abseits jeder geschäftlichen Betätigung, sodaß dieser Gewerbezweig ausschließlich den Juden vorbehalten blieb. Das hat sich gründlich geändert. Heute findet man auf dem kleinsten Dorfe den nichtjüdischen Geschäftsmann aller Branchen, und was ihm heute noch an Behendigkeit und Tüchtigkeit fehlen sollte, ersetzt er durch die größere Verbundenheit mit seinen Dorfgenossen. Dazu kommt noch der ihnen immer wieder ins Ohr gehämmerte Ruf: „Kauft nicht bei Juden." Es ist also tatsächlich so, daß das bisher kampflos den Juden überlassene Terrain von anderer .Seite besetzt wird und ihm verlorengeht. Diese Feststellungen, die fast wörtlich einem Hufsatz von Ä. Neuhaus-Fritzlar in den „Blättern für jüdische Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik" entnommen sind, fügt N. folgende Bemerkungen noch hinzu: „Man darf anderseits zu der wirtschaftlichen Gewandtheit und Routine der jüdischen Gewerbetreibenden das Vertrauen haben, daß sie den ihnen aufgezwungenen Kampf um Sein oder Nichtsein vorläufig bestehen werden. Ihre Kräfte werden in diesem Kampfe wachsen, und der drohende Verlust ihres Existenzraumes wird ihre Wachsamkeit schärfen und ihren Lebenswillen stählen." Ich kann den Optimismus des Kollegen Neuhaus leider nicht vollkommen feilen. Wie setzen sich die Juden auf Stadt ui ihre größere Sehnsucht nach geistiger Weite ist sie "mit den engen Verhältnissen unzufrieden. Mag das Radio den Drang nach Wissen einigermaßen stillen, diese Unzufriedenheit kann erst durch Klarheit und durch das Ringen mit gleichartiger Jugend in die richtigen Wege geleitet werden. Eine wichtige Aufgabe für die Jugendvereine in der Stadt! Leopold Bester der Juden auf dem Lande dem Lande wirtschaftlich, was hier oft gleichbedeutend ist mit gesellschaftlich, zusammen? Auch her gibt es oft eine Oberschicht, die denen der Großstadt vollkommen ähnlich ist; Großkaufleute, Fabrikanten, die nur .zufällig" auf! dem Lande wohnen, die aber infolge ihrer Steuerkraft die jüdisch-kulturellen Einrichtungen der Gemeinde (Lehrer, -Religionsunterricht, Synagoge) oft ganz allein erhalten, wenn sie nicht vorziehen, durch ihren Austritt aus der Gemeinde sich von ihren Verpflichtungen zu drücken. Sie haben auch: teilweise keine Lust und kein Interesse, allein von ihrem Geld die Gemeinde zu erhalten. Aber sie können „leider" nicht in die Stadt, weil ihre gute Existenz mit der Verlegung ihres Betriebes aus mancherlei Gründen, die hier nicht untersucht werden sollen, erschüttert würde. Dann kommt ein kleiner Teil mit noch gutgehenden Geschäften der verschiedensten Branchen. Sie haben zu kämpfen, um sich einigermaßen auf der Höhe zu halten. Das Warenhaus der Großstadt lockt und der Boykott droht, wenn er noch nicht eingesetzt hat. Sie sind bewundernswert fleißig. Sie kennen keinen Sonntag und keinen Achtstundentag. Nur ganz wenige können sich den 'Luxus erlauben, ihre Kundschaft bei sich im Laden zu erwarten. Sie müssen mit ihrer Ware per Wagen, per Rad, meist sogar zu Fuß in die kleinsten Dörfer und dann noch oft, wenn der Verkauf getätigt ist, monatelang und noch länger ihrem G2lde nachlaufen. Je nach der „guten Gegend" und der Hilfe durch tüchtige Söhne bringen es dabei manche sogar noch zu einigem Wohlstand. Dann kommt das große Heer der Händler. An ihrer Spitze steht der Vieh- und Pferdehändler, von denen gerade in den letzten fünf Jahren der größte Teil verarmt ist. Diese leben meistens von Gelegenheitskäufen und Vermittlungen und schlagen sich gerade noch durch. Nur wenigen geht es infolge ihrer Solidität, ihres guten Namens, ihrer Beliebtheit, bei den Bauern, ihres Fleißes und nicht zuletzt ihrer Tüchtigkeit wegen noch gut. Ueber die schwierige Art ihrer Arbeitsweise, und was gerade sie an Strapazen aushalten müssen und auch aushalten, davon kann sich der Großstädter gar keinen Begriff machen. Ihre Arbeit wird besonders erschwert durch die schon vor dem Kriege auf dem Lande wirksam gewesene Tendenz, den jüdischen Händler möglichst aus dem Kreislauf des wirtschaftlichen Lebens auszuschalten. Der genossenschaftliche Gedanke, der sich in den verschiedensten Vereinen und Einkaufs- und Verkaufsgenossenschaften seine Organe schuf, hat dem Viehhandel und auch dem Getreidehandel der jüdischen Kreise eine scharfe Konkurrenz gemacht. Ein letzter Teil der Juden beschäftigt sich mit einer Art von Handel; denn weder die Ware noch die geschäftlichen Bräuche entsprechen oft den Vorstellungen, die man sich sonst in der Welt, vom Handel macht. Sie leben meistens viel eher von Zufällen als von Aussichten, viel mehr von der unberechenbaren Vorsehung als von geschäftlichen Ueberlegungen, und jeder Händler ist jederzeit bereit, gerade die Ware zu ergreifen, die ihm das Schicksal jeweils ausliefert. Ihre Arbeit ist oft ein Rätsel. Keine Läden, kein Kredit! Aber sie besitzen oft einen scharf geschliffenen Wundersinn für alle geheimnisvollen Quellen des Erwerbs. Sie verdienen wenig, aber sie verdienen. Sie sind grenzenlos bescheiden in ihrer Ernährung, in ihrer Kleidung, überhaupt in ihrer ganzen Lebensweise. Sie haben zum Glück meistens keine Ahnung von dem Ueberfluß, in dem ein Mensch leben kann und sind dadurch zufrieden. Zu erwähnen wäre noch ein kleiner Prozentsatz von Handwerkern, die sich mehr oder weniger mühsam, aber rechtschaffen, gut oder weniger gut durchs Leben schlagen. Alle Juden auf dem Lande aber sind hilfsbereit und stehen stets helfend dem zur Seite, der aus irgend einem Grunde wirtschaftlich vollkommen heruntergekommen ist. Des einen Leid ist immer des Änderen Leid; leider aber nicht des einen Freude immer des Anderen Freude. Alfred Speyer d Land In letzter Zeit häufen sich die Bemühungen der ver- Dörfer Fühlung zu nehmen, sie für eine Idee zu gewinnen; schiedensten jüdischen (neutralen wie politischen) Orgainsbesondere sucht man die Jugend zu erfassen. Woher auf nisationen der Städte, mit den Juden der Kleinstädte und einmal das Interesse für den — gestehen wir es ruhig