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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-07-01 · 11 (7.1933) · p. Seite 301

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
11 (7.1933)
Date
1933-07-01
Page
Seite 301 (sequence 31)
Language
German
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Seite 301 ein — bisher etwas von oben herab betrachteten Landjuden? Genügt die Erklärung: man will für den Centrai-Verein oder Zionismus, für Ägudah oder neutralen Jugendverband werben oder im Auftrage der Logenverbände das Jüdische stärken? Nein. Wir werden diese dem Bewußtsein der breiten jüdischen Oeffentlichkeit noch wenig bekannten Bestrebungen nur verstehen können, wenn wir sie aus der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland und der speziell jüdischen Problematik dar letzten Zeit erklären. Wie in der allgemeinen deutschen Bevölkerungsbewegung dürfte auch bei uns Juden die Konzentration in der Großstadt zum Stillstand gekommen sein. Wie vorteilhart eine derartige Zu ammenbaKung in einigen Zentren für die organisatorische Erfassung der Juden auch zu sein scheint, so sind die sich daraus ergebenden neuen Schwierigkeiten und Nöte der Großstadtjudenheit doch ungeheuer groß. Die Fragen der Pauperisierung des Mittelstands, des Geburtenrückgangs vor allem in den Städten sind an dieser Stelle schon erörtert worden. Die Kompliziertheit und Unsicherheit unserer städtischen Existenz veranlaßt uns, den Blick zu werfen auf die Menschenquellen, von denen die Großstadt bis vor kurzem gespeist wurde. Der Zustrom aus dem Osten ist unterbrochen, und wir blicken auf das Land, von dem unsere Eltern oder Großeltern in die Stadt gewandert sind. Auch hier finden wir in der allgemeinen deutschen Situation eine Parallelerscheinung: Bemühungen uti den „bäuerlichen Raum", Agrarpolitik, Siedlungen, Werben der politischen Parteien um die Landbevölkerung, Bauernromane. Nicht, daß hiermit etwa die soziologische Struktur der Landjuden mit der des deutschen Bauern gleichgesetzt werden soll; aber unsere Situation von der Stadt her gesehen ist eine ähnliche. „Die selbstverständliche Sicherheit städtischer Politik ist dahin" (Adolf Wilh. Machholz: „Das papierne Dorf" Tägl. Rdsch. 28. 12. 32). Die entscheidende Bedrohung der Grundlagen unserer bürgerlichen Existenz vor allem in den Städten läßt uns Umschau halten nach all dem, was sonst wie, überall zerstreut, noch existiert und sich durch die Krise hindurchhilft. Daher denn auch, vor allem bei den Jungen, ein stärkeres Gefühl der Verbundenheit mit allen und ein Bemühen zueinander zu kommen. Selbstverständlich spieit auch der starke Druck der politischen Situation dabei mit. Bei einer künftigen Neuorganisation der deutschen Judenheit, die auch der veränderten wirtschaftlichen Situation weitgehend Rechnung tragen muß, wird man gerade die besonderen Bedürfnisse und die Mentalität der jüdischen Landbevölkerung berücksichtigen müssen. Die Verschiedenartigkeit der städtischen und ländlichen jüdischen Atmosphäre ist groß, sodaß man wirklich von einem eigentümlichen „Raum" der Landjuden sprechen kann. Um es deutlicher zu machen, nehme ich zwei Beispiele aus der letzten Zeit an: Neulich sprach ein junger Zionist in einem Ort X. vor 117 jüdisenen Zuhörern über das Thema: Was bedeutet Palästina für die Juden von X? In der Aussprache fragt man ihn: Wie steht es mit dem Viehhandel in Palästina? Ein Rundbrief des C. V. Reichsjugendausschusses hat in einer Landgemeinde starken Widerspruch gefunden wegen eines Artikels, der eine offene Kritik in religiösen Fragen verlangte, eine Forderung, wie sie doch in Kreisen der Großstadt - Jugend nicht zum ersten Male gestellt worden ist. Der Zusammenstoß moderner jüdischer Strömungen, diq in den städtischen Zentren ihren Ursprung haben, mit der eigentümlichen Welt des Landjuden wird bei engerer Fühlungnahme nicht zu vermeiden sein, aber man wird diese Besonderheit respektieren müssen. Man wird sich deshalb überhaupt mit den tatsächlichen Verhältnissen auf dem Land eingehend beschäftigen müssen. Es seien hier ganz unsystematisch einige Zahlen und Tatsachen angeführt. Wieviel Juden gibt es denn eigentlich auf dem Lande, wird man sich fragen müssen. Ich nehme hier als für Frankfurt naheliegendes Beispiel einmal die Zahlen von 1925 der jüdischen Bevölkerung in den benachbarten Städten und in den Orten des Rabbinatsbezirkes Hanau: Frankfurt 29385, Offenbach 1500, Gießen 1017, Aschaffenburg 643, Darmstadt 1664, Hanau ca. 630, Schlüchtern 375, Mainz 2738, Friedberg 400, Bad Nauheim 300 und nun einige Beispiele von kleinen Gemeinden: Bergen 145, Birstein 115 (jüd. Volksschule)!, Wachenbuchen 84, Gelnhausen 205, Groß Krotzenburg 110 (jüd. Volksschule)!, Windecken 41, Langenselbold 200, Sterbfritz 95, Salmünster 52. In 47 Ortschaften dieses Bezirks wohnen insgesamt 3776 Juden. Das bedeutet, daß 28 Synagogen da sind, Lehrer, Vorsteher, Ortsgruppen oder Vertrauensleute jüdischer Organisationen, daß da noch eine Zelle jüdischen Gemeinwesens sitzt. Zahlenmäßig im Verhältnis zu den Städten ist es vielleicht nicht viel, aber überall lebt da noch eine Möglichkeit jüdischen Lebens mit allem „Zubehör." Was diese kleinen und kleinsten Gemeinden in den letzten Jahren und besonders in der letzten Zeit an wirtschaftlichen und politischen Stürmen haben erleben müssen, das sollen sich alle Juden in der Großstadt einmal überlegen. Hier mußte man leben, seinen Beruf ausüben trotz allem. Darüber halfen keine* Pläne irgendwo in der Ferne hinweg. Die psychische Belastung dieser Menschen konnte man immer spüren, wenn man mit ihnen zusammen kam. Was ist zu tun, wenn man eine Erhaltung der deutschen Judenheit, eine Sicherung unserer jüdischen Positionen insbesondre auf dem Land wünscht? Voraussetzung und dauernd neue Aufgabe ist die möglichst eingehende Kenntnis eines Bezirks. Wie schwer ist es schon, die jüdischen Arbeitslosen einer Gegend, nur einmal ihre Personalien zu bekommen! Erzielen sollte man, daß jeder Jude die Schwierigkeit unserer heutigen Situation erkennt, daß es ihm selbst fraglich wird, wohin es denn nun gehe mit seinem Judesein, wenn er sich ernstlich dafür verantwortlich fühlt. Das Bewußtmachen unserer Situation ist die Voraussetzung für eine Besserung. Es dürfte heute, wo auch das Land in Unruhe lebt, nicht schwer fallen, Jugendgruppen zu gründen und diese in dauernder Verbindung mit der nächst größeren Gemeinde zu halten. Gerade hier ergäbe sich eine dankbare Aufgabe für die Jugend der MiiMstädre (vergleiche die obigen Zahlengaben), systematisch die jüdische Jugend ihres Hinterlandes zu erfassen. Vorträge und Aussprachen, geleitet von jungen Leuten aus der Stadt, die von einer neugegründeten Jugendgruppe veranstalt wurden, haben nach den bisherigen Erfahrungen immer ein zahlreiches und dankbares Publikum gerade auch von Seiten der älteren Gemeindemitglieder gefunden. Auseinandersetzungen zwischen je einem Vertreter deutschjüdischer und zionistischer Haltung werden gewünscht und mit starkem Interesse verfolgt. Wenn neben der Erkenntnis unserer Situation auch eine persönliche Fühlungsnah m e und gegenseitiges Verständnis herauskäme, wäre schon genug getan. Denn wir hätten dann eine engere Gemeinschaft, eine jüdische Oeffentlichkeit von Stadt und Land geschaffen, die bei allen zukünftigen entscheidenden Fragen innerlich beteiligt wäre. Die Führung von oben her und von der Großstadt her (z. B. bei der Gründung des Landesverbandes, eines Reichsverbandes, Arbeitsnachweis usw.) würde eine Antwort von unten bekommen. Wir glauben ein Gebiet aufgezeigt zu haben, das noch ziemlich intensiver „Beachtung" bedarf. Es ist nicht leicht, aber es lohnt. Und vor allem: eine gesamtjüdische Aufgabe ist hier gestellt als Möglichkeit für loyale Zusammenarbeit aller jüdischen Richtungen. Fritz Stei n.h a ue r Aus der Arbeit der Jugendkommission Die Jugendkommission hat die Aufnahme von Beziehungen zu den Jugendvereinen auf dem Lande im Umkreise Frankfurts beschlossen und die notwendigen Schritte dazu eingeleitet. — In ihrer Sitzung vom 12. 6. beschäftigte sich die Kommission u. a. mit Schul- und Bildungsfragen; sie wird diesem Gebiet weiter ihre besondere Aufmerksamkeit widmen. — Neben organisatorischen Fragen, die das Jugendheim und das Tagesheim für die erwerbslose jüdische Jugend betrafen, behandelte die Kommission sodann die Hilfsmaßnahmen für die auf Grund der neuen Bestimmungen von den Begünstigungen der Jugendpflege ausgeschlossenen jüdischen Organisationen. Nachdem die Turnsäle des Philanthropie und der Hirsch-Realschule den jüdischen Turnvereinen nunmehr zur Verfügung stehen, werden weitere Hilfsmaßnahmen erwogen. Die Vorlage einer Denkschrift an die Gemeindebehörden wurde beschlossen. — Frl. Edith Falk, die seit Gründung der Jugendkommission angehörte und hauptsächlich soziale Fragen in ihr bearbeitete, hat infolge Wegzugs ihr Amt niedergelegt; es sei ihr auch an dieser Stelle Dank für ihre tätige Mitarbeit ausgesprochen. E. H. Schluss der Beilage. Verantwortlich für die Schriftleitung der Beilage: Ernst Holzer in Frankfurt a. M ■^^^■MHDM

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