Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 11 (7.1933)
- Date
- 1933-07-01
- Page
- Seite 299 (sequence 29)
- Language
- German
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Seite 299 andere als veraltet und überlebt, in seinen Grundideen von dem Einen Gott und der Einen Menschheit, in seinem Ja und in seinem Nein eine der stärksten Triebkräfte für die Höherentwicklung des Menschen zur reinen Sittlichkeit ist, die in den großen Persönlichkeiten unserer Geschichte ihre Verwirklichung und lebendige Bewährung gefunden hat. Für die zweite Forderung sind äußere Momente maßgebend, sowohl das der Wirkung der Zahl an sich wie das der Wirkung der künstlerischen Darbietung. Wir haben bisher übersehen, welchen Änteil die allzu dürftige Ausstattung von Gotteshaus und Gottesdienst an der Wertung des Judentums in dem Urteile seiner eigenen Bekenner hat. Es entspricht dem Wesen der menschlichen Seele, ihren Ideen einen konkret-symbolischen Ausdruck zu geben und umgekehrt von dem Eindruck des Symbols aus auf die Mächtigkeit der Idee zu schließen. So reden die großen Dome und Kathedralen der katholischen Kirche zu ihren Gläubigen eine gewaltige Sprache. Äuch die Zahl, die Masse der Bekenner wirkt für sich schon als Symbol der dem Bekenntnis innewohnenden Kraft der Wahrheit. In dieser Beziehung gähnt uns im religiösen Leben der jüdischen Dorf- und zuweilen selbst der Kleinstadtgemeinde eine erschreckende Leere entgegen. Fast alle Voraussetzungen fehlen, die hier ein empfängliches Gemüt beeinflussen konnten: die größere Zahl der Teilnehmenden, das Format der großen Persönlichkeit, deren Fluidum sich der Gemeinde mitbeilt, der künstlerische Rahmen mit seiner suggestiven Kraft. Man mißverstehe mich nicht, ich will nicht veräußerlichen, was seinem Ursprünge nach in die tiefste Innerlichkeit gebannt sein sollte. Aber der Zugang zur Welt des Religiösen ist an gewisse Bedingtheiten gebunden, deren Erfüllung für die meisten Menschen unerläßlich ist, oder diese Welt bleibt ihnen verschlossen. Darauf allein kommt es an, und in der Gleichgültigkeit gegen diese Voraussetzungen entdecken wir die Quelle so mancher Verfallserscheinung. Aus diesen Erwägungen heraus schaffen wir mit unserer Forderung der im größeren und würdigeren Rahmen herbeizuführenden Veranstaltung die große Gemeinde, die in sich die Gegebenheiten birgt', deren wir zum Gelingen bedürfen. Äuch hier steht das Wort der Belehrung an erster Stelle. Die auftretenden Redner sollen die Bedingung der eindrucksvollen Persönlichkeit erfüllen. Der zweite Punkt des Programms, Heranbringung des Die geistige Lage der Stadt und Land sind verschiedenartige Gegebenheiten; deshalb sind die Menschen der Stadt anders beschaffen als die auf dem Lande. Gerade die Gegenwart zeigt uns beide Typen im Kampfe gegeneinander um ihre beruflichen und wirts:haftlich?n Interessen. Wir sehen dabei Gegensätze, deren Ueberwinr'ung uns nahezu unmöglich erscheint. Wir wollen versuihen, die geistige Lage der Juden unter soziologischen Gesichtspunkten zu begreifen. Der Laxidjude gehört zwei Gruppen an: der Landbevölkerung und der Judenheit, zwei an sich unler den gegebenen Verhältnissen wesensfremden Gegebenheiten; und doch beeinflussen sie sich gegenseiLig nachhaltig. Stellen wir zunächst die günstigen Einflüsse seiner ländlichen Umgebung auf sein Judentum als Religion fest. Die Religion des Judentums ist auf agrarischen Grundlagen aufgebaut. Ein Teil se.ner Feste sind Erntefeste. Ein größer Teil seiner Gesetze (z. B. Schemittoh, Jovvel, Peoh) richtet sich an den Israeliten als Menschen, der auf dem Lande und vom Lande, d. h. vom Ertrag seiner Bodenarbeit lebt. Gebete und Psalmen behandeln häufig die Welt des Landmanns. Lohn und Strafe für die Erfüllung der Gebote entsprechen seinen Wünschen und Befürchtungen. Alle diese Tatsachen lassen den Stadtmenschen und in viel höherem Maße den Großstadtmenschen sein Judentum als etwas erleben, was mit der Wirklichkeit und sogar mit seihen Wünschen in Widerspruch steht. Äber der Mensch auf dem Lande denkt und fühlt sein jüdisch-religiöses Leben als etwas, das mit seiner Wirklichkeit bis zu einem gewissen Grade in Uebereinstimmung steht, sofern er das erforderliche Wissen hat. Dann muß hervorgehoben werden, daß der Mensch auf dem Lande als Besitzer unbeweglicher Werte im Grunde seines Wesens konservativer ist als der Städter; damit haben wir ein weiteres Kennzeichen des jüdischen Menschen auf dem Lande. Er hält beharrlicher an der Religion fest, da er zerstörenden Einflüssen nicht so sehr ausgesetzt ist wie der Städter. Als drittes Moment sei erwähnt, daß der Landmensch nicht mit dieser Hast den Existenzkampf führt wie der Städter (wenn auch Religiös-Künstlerischen, ruft zu seiner Verwirklichung unsere bedeutenden Kantoren zum Mittun herbei. An ergreifenden Gebeten und Gesängen haben wir keinen Mangel. Im seelenvollen Vortrag, in der packenden Vermählung von Text und Melodie soll der lauschenden Gemeinde wenigstens eine Ähnung von der Tiefe der jüdischen Seele vermittelt werden. Äuch für dramatische Darbietungen aus der jüdischen Geschichte und dem jüdischen Leben wäre Ort und Stunde gegeben. Hier könnten sich unsere jungen Freunde aus den Jugendvereinen ein besonderes Verdienst erwerben und von ihrer eigenen Begeisterung den Zuschauern mitteilen. Tagungen dieser Art mit dem Zusammenströmen einer größeren Menge sind auch geeignet, das Gefühl der seelischen Vereinsamung zu mildern, das wir unter unseren jüdischen Brüdern gerade in der Not der Gegenwart so oft antreffen. Sie erfahren hier, daß das Gefühl der Verbundenheit mit ihnen lebendig ist und die Bruderhand sich ihnen helfend entgegenstreckt. Der Wunsch nach einer besonderen Zeitung für diesen Menschenkreis soll natürlich den Wert unserer jüdischen Presse von heute nicht antasten. Äber bei der Vorrangstellung, die die Interessen der Stadt beanspruchen, kann sie denen des Landes nicht mit der gleichen Energie dienen. Man kann mit Gewißheit annehmen, daß der Mangel einer zielsicher zugreifenden Zeitung .für so manche Rückständigkeit in unseren Gemeinden mitverantwortlich ist. Daneben hat der Jude des Landes seine besondere Geistigkeit, er hat seine besondere Probleme, seine besondere Einstellung zu den Dingen. Alle diese Tatsachen rechtfertigen in ihrer Summierung und in ihrer Verflechtung das Erscheinen einer besonderen, für diesen Kreis bestimmten Zeitung. Meine Ausführungen, ich wiederhole es, konnten mit Rücksicht auf den zur Verfügung stehenden knappen Raum nur das Nötigste bringen. So ist manches, ungesagt geblieben, was der Zusammenhang zu sagen erfordert hätte. Es fehlt die Erörterung über die Organisation des Aufzubauenden, es fehlt ferner der Hinweis auf bereits geschaffene Einrichtungen, die, wie das Kulturwerk des Hessischen Logenverbandes den hier umrissenen Aufgaben in verheißungsvollen Anfängen schon dienen. Daß diese mir auferzwungene Kürzung die Wirkung meines Weckrufes an eine größere Oeffentlichkeit nicht beeinträchtige, ist mir Wunsch und Hoffnung zugleich. A. Neuhaus Juden auf dem Lande die beschaulichen Zeiten auf dem Lande unwiederbringlich dahin sind). Das gestattet dem Landmenschen, sich religiöser Betätigung eindringlicher zu widmen als der Städter. Dem seien die Momente gegenübergestellt, die eine jüc ische Betätigung erschweren. Hierzu gehört das Fehlen von Bildungsmöglichkeiten, wie sie Stadt- und GroBstadtgemeinden bieten: Bibliotheken, Arbeitsgemeinschaften, Vorträge u. a. So fehlt ihm die Möglichkeit, sich den Kernfragen des Judentums zu widmen, tiefer dessen Sinn zu erfassen und daraus eine Verpflichtung für sich und seine Gemeinschaft abzuleiten. Äber auch der jüdische Mensch auf dem Lande erfaßt sein Judentum als etwas, das über die religiöse Sphäre herausragt. Er spürt die Agrarkrise stärker als der Bauer. Zudem leidet er unter den Folgen des Antisemitismus weit mehr als der Städter. Diese Tatsachen nehmen ihm viel von der Ruhe und Sicherheit, die er früher hatte. Wo noch eine organisierte Gemeinde ist, da hat er eine geistige Zuflucht. Aber fehlt sie, oder ist sie durch die Entwicklung der Verhältnisse zusammengebrochen, dann ist er seelisch vereinsamt und verwaist. Mehr noch als dem Städter fehlt ihm die Einsicht in die wirtschaftlichen Verhältnisse, und Klarheit über seine Lage. Die Unfähigkeit, in' größeren Zusammenhängen zu denken, macht es ihm unmöglich, aus eigener Kraft seine soziale Lage zu erkennen. Wird ihm aber die Möglichkeit dazu gegeben, so ist bei seiner ruhigeren, bedächtigeren Veranlagung zu erwarten, daß er dem Notwendigen mit mehr Ruhe und Entschlußkraft entgegensieht als der Städter. Wie lebt der Jude auf dem Lande innerhalb seiner Gemeinschaft? Hier muß etwas hervorgehoben werden, was typisch ist für unsere Glaubensgenossen auf dem Lande: ihre häufig zu beobachtende Unverträglichkeit. Schuld daran sind die Verhältnisse auf dem Lande. Der Mensch auf dem Lande lebt und denkt weit mehr für sich als der Städter; dadurch ist er ausgesprochen individualistisch, ihm fehlt das kollektive Denken. Zudem fehlt unseren Glaubensgenossen auf dem Lande die berufliche Gliederung. Das führt zu persönlichen Mißhelligkeiten und Auseinander-