Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 11 (7.1933)
- Date
- 1933-07-01
- Page
- Seite 298 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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BS&tiäi JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde Nr. 11 JULI 1933 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an den Schriftleiter der Beilage, Ernst Holzer, Corneliusstrasse 8, zu richten WIR UND DIE JUDEN AUF DEM LANDE Den Juden auf dem Lande, die ihre eigene Wirtschaftidie, politisdie und vor allem auch jüdische Problematik haben, zu helfen, ist eine drängende und widitige Aufgabe. Ist dodi ihre Erhaltung in ihrem Lebensraum auch von grösster Bedeutung für die jüdischen Gemeinden in den Städten. Die vorliegende Nummer von „Jugend und Gemeinde" will den Fragenkomplex dem allgemeinen Interesse und Verständnis näherbringen und darüberhinaus die Massnahmen herausstellen, die vor allem getroffen werden müssten. Die Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde wird ihrerseits die Verbindung mit der jüdisdien Jugend auf dem Lande in verstärktem Masse aufzunehmen und ihr in ihrer Arbeit zu helfen haben. Die Sdiriftltg. Wie helfen wir den Landgemeinden Was unseren Kleingemeinden auf dem flachen Lande ihr charakteristisches Gepräge verleiht, ist ihre Isolierung von den großstädtischen Gemeinden und d!e daraus sich ergebende Vernachlässigung der Pflege ihrer religiösen Güter. Ganz im Gegensaize zur nichtjüdischen Welt, die die Bewohner der Dörfer und Kleinstädte durch staatliche und kirchliche Maßnahmen in besonderer Weise bevorzugt. Aber hier sind in der Hauptsache ökonomische Gründe wirksam. Dem jüdischen Menschen fehlt als Angehörigen des Handelsstandes jeder Eigenwert, den sein nichtjüdischer Genosse als Landwirt und Bauer im großen Ganzen des staatlich-nationalen Lebens für sich beanspruchen kann. So sind es Zwangsläufigkeiten des wirtschaftlichen Lebens, die den einen in den Blickpunkt besonderer staatlicher Fürsorge stellen, den anderen aber aus dem Kreise pflegerischer Maßnahmen seiner Gemeinschaft ausschalten. Aber es muß doch mit nachdrücklicher Betonung ausgesprochen werden, daß das Verhalten der jüdischen Gesamtheit zu ihren Gruppen auf dem Lande einen bedenklichen Mangel an konstruktivem Sehen offenbart. Die Bedeutung des Menschenmaterials auf dem Lande liegt nicht nur in seiner wirtschaftlichen Rolle begründet. Vielmehr verfügt diese Bevölkerungsgruppe auch über besondere physische und mora'ische Qualitäten, die sie im Aufbau eines Volksganzen stels zu einem wertvollen und unentbehrlichen Element machen. In dar Morphologie untergehender Nationen stehen die Großstädte mit den Ausstrahlungen ihres Lebens an erster Stelle. Die jüdische Gesamtheit ist an diesen Tatsachen fast achtlos vorübergegangen, die unheilvollen Wirkungen sind nicht ausgeblieben. Ein drittes Moment kam hinzu, die Abschließung. zu vervollständigen: die in unseren Reihen vorhandene Neigung zur Distanzierung. Sie fct das Korrelat d2r versuchten Angleichung nach oben und hat wesentlich dazu beigetragen, die Kluft zwischen Stadt- und Landjuden offen zu lassen oder gar noch zu erweitern. Zu der Trennung von den Glaubensgenossen in der Stadt tritt die mehr oder minder schroffe von den Genossen der ländlichen Heimat. Die Gründe für diese Erscheinung sind bekannt. Die Konsequenz aber aller dieser Tatsachen führt zu einer besonderen Geisteshaltung der davon betroffenen Gruppe. Es ist zwar nicht so, wie viele Großstädter meinen, daß die Gesamtheit unserer Landgemeinden eine soziologische Schicht älterer Formation darstellt und. an mittelalterliche Zeiten erinnert. Es gibt auch hier Individuen und Gemeinden, die in keiner Beziehung den Vergleich mit den Menschen der Großstadt zu scheuen brauchen. Im allgemeinen aber ist zu sagen, daß das Prinzip, das die Struktur des Dorfes von der der Stadt scheidet, dort die Beharrung, hier die Bewegung, auch in der Formung der im Mittelpunkt dieser Erörterung stehenden jüdischen Menschen seinen bald stärkeren, bald schwächeren Ausdruck findet. Man begegnet verknöcherten Urteilen, geronnenen Anschauungen. Die Enge der Lebensführung und die Einseititgkeit des Berufes können nur enge Lebensnormen und ebensolche ihre Herkunft nicht leugnende Lebensmaßstäbe bieten. Andererseits aber verleihen sie ihren Trägern eine instinktive Sicherheit der Haltung, die anderen Kreisen fehlt. Sie stehen auf schmalem, aber sicherem Grunde. Aus dieser Ruhe werden sie jedoch durch die Wirren der Gegenwart aufgeschreckt und s?hen sich einer Lage gegenüber, auf die sie nicht zu reagieren wissen. Das Los, ihre Existenzgrundlagen erschüttert zu sehen, teilen sie mit vielen anderen. Was aber ihr Schicksal besonders schwer gestaltet, ist ihre Isolierung, die si2 auf sich allein stellt, und aus der noch ein anderes Verhängnis strömt. Sie Leiden als Juden, als Träger des jüdischen Schicksals, dem wir alle verhaftet sind.. Aber ihr besonderes. Geschick ist es, daß dieses Judentum, aus dessen Schoß ihre Zurücksetzungen quellen, sie in sainer Größe und Tiefe nicht genügend anspricht und ihnen nicht die innere Würde zu geben vermag, mit der man äußeren Widerwärtigkeiten begegnet. Hier zeigen sich die Folgen einer verfehlten Gemeinschaftspolitik. Man hätte es nicht dahin kommen lassen dürfen, daß die Stadtgrenze jüdischen Inhalten gegenüber zur Kulturgrenze wurde. Wir sind für unsere Umwelt zur Einheit des Objektes geworden, es bleibt nichts anderes übrig als mit der Einheit des Subjektes zu antworten. Die Zerreißung der jüdischen Menschen Deutschlands nach Stadt und Land muß ihr Ende finden. Nach zwei Richtungen haben sich die Maßnahmen für die Gruppen auf dem Lande zu erstrecken. Erstens müssen neue Wege gewiesen werden, um die immer stärker werdende Einengung des wirtschaftlichen Raumes auszugleichen, zweitens muß der jüdisch-geistigen Not durch Verbreitung jüdischen Wissens und jüdischer Lebenskultur gesteuert werden. Die Wucht der Gegenwartsverhältnisse verleiht unseren Forderungen, die schon wiederholt erhoben wurden, eine besondere Dringlichkeit. Was die Sicherung dar wirlschaftlichen Grundlagen anbetrifft, so wird die nährende Ackerscholle a!s Basis einer neuen Berufstätigkeit in Frage kommen. Zur Behandlung dieses Problems sind treffliche Vorarbeiten geleistet. Insbesondere weise ich auf die einschlägigen Schriften und Aufsätze von Franz Oppenheimer hin. Bei der Erörterung des zweiten Problems darf .ich mich ebenfalls auf eine Vorarbeit beziehen und zwar auf eine vor etwa drei Jahren von mir selber dem Preußischen Landesverbände jüdischer Gemeinden eingereichte Denkschrift, die den Kreis der Erwachsenen und der schulentlassenen Jugend im Äuge hat und deren Inhalt, an Bedeutung und Aktualität durch die Ereignisse der letzten Zeit erheblieh gesteigert, hier in ganz großen Strichen wiedergegeben werden soll. Drei Forderungen wurden aufgestellt: 1. die regelmäßige Entsendung von qualifizierten "Persönlichkeiten in die Landgemeinden zum Zwecke der Lehre und des Gottesdienstes. 2. Veranstaltungen dieser Art im größeren Rahmen, bewirkt durch die gemeinsame Teilnahme der Gemeinden eines ganzen Bezirkes, zugleich mit erweitertem Programm nach der Seite des Religlös-Künstlerischsn hin, 3. die Gründung einer jüdischen Zeitung mit ihrer besonderen Ausrichtung nach den ideellen und materiellen Belangen dieser ländlichen Gruppe. Die erste Forderung ist entscheidender Art, sie stellt an die ausführende Persönlichkeit die höchsten Ansprüche. Das Ziel disser erkenntnismäßigen Ei Schließung der jüdischen Lehre ist, den Höhrenden mit aller Eindringlichkeit zum Bewußtsein zu bringen, daß das Judentum, alles. B