Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 11 (7.1933)
- Date
- 1933-07-01
- Page
- Seite 281 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Das jüdische Von Dr. med. A In der Frankfurter Stadtbibliothek findet sich ein Holzschnitt aus dem 17. bis 18. Jahrhundert ..Der Kinderfresser": Ein grausam und verwildert aussehender Riese, die Taschen mit schreienden Kindern angefüllt, ein Knäblem gerade zum gierig geöffneten Munde führend, will nach zwei zarten Mädchen greifen, die sich mit angstvollen, ja verzweifelten Gebärden, von der Straße fort in die Rockschöße ihrer Mutter flüchten. Diese Darstellung ist das eindrucksvollste Symbol all der Angst- und Schreckensvorstellungen, von denen einst das Gemüt des sich entfaltenden Kindes von früh auf erfüllt war und oft sogar erfüllt wurde. Im „Jahrhundert des Kinde s" war jener Spuk sehr bald vor der Befreiung und der sich immer mehr ausbreitenden realistischen Freiheit des Kindes zurückgewichen. Darüber hinaus hat ein bald zwanzigjähriger Kampf der modernen Tiefenpsychologie dafür gesoi-gt, daß nicht nur im erzieherischen Milieu des Kindes, sondern auch in den vielen Einzelseelen die Komplexe der Angst bloßgelegt und somit ihre verschiedenartigen Erscheinungsformen gemildert wurden. Bei uns Juden, denen jahrhundertelang so viel niederdrückendes „Galuth"-Gefühl eingepflanzt war, wurde die neue jugendbildnerische Aufgabe, welche den Schwerpunkt der Erziehung vom Wissen fort auf die seelische Harmonie verlegte, mit der historisch notwendigen Energie aufgegriffen. Der Erfolg blieb nicht aus. Es schien wirklich, als ob nicht allein die Ausbrüche der unlustbetonten Affekte sich mildern oder gar abzunehmen begannen, sondern als ob auch die neurotische, d. h. die auf Angst, Zweifel und Zwang aufgebaute Lebensform als solche im Schwinden begriffen war. Der Erfahrene wußte freilich, daß nicht die Zahl der Psychopathen, unter denen die Aengstlichen bei uns einen besonders weiten Raum einnehmen, im Abnehmen war. sondern daß diese sich allmählich nur an das veränderte, entängstigte Milieu anzupassen begonnen hatten. Immerhin war dieser Erfolg, an welchem die jüdische J u g e n d b e w e g u n g einen erheblichen Teil mit Recht beansprucht, nicht nur erzieherisch, sondern auch religionspädagogisch bedeutsam: War es doch das erste Mal, daß auch in der werdenden religiösen Persönlichkeit nicht mehr der Angstfaktor eine der Haupttriebkräfte bildete, wie dies noch in" der Zeit der Pädagogik des Pietismus der Fall war, als es in Deutschland zum letzten Male gelungen war, die Erziehung der Jugend völlig in den Dienst des religiösen Gedankens zu stellen. Nun scheint auch hier ein Umschwung sich anzubahnen. Die gegenwärtige Schicksalswende der deutschen Judenheit beginnt zwar einerseits, in den Gemeinschaften unseres Volkskörpers Treue, Ausdauer und Zusammengehörigkeitsgefühl von neuem zu entwickeln, sie hat aber andererseits auch Depression, Angst und Furcht mit all ihren Folgeerscheinungen gefördert und besonders die ängstlichen Typen wieder mehr als je an die Oberfläche des sozialen Lebens geschwemmt. Hat auf jene Wandlung der religiöse Führer zu achten, so betrifft diese das Verantwortungsgebiet des Beobachters seelischer Vorgänge. Hier aber ist die gewiß schmerzliche Uebergangserscheinung, das Auftreten von seelischer Verzweiflung und Daseinsverneinung, infolge seiner Plötzlichkeit und Häufung so sehr« in den Vordergrund der Aufmerksamkeit gerückt, daß die sich nicht so rasch auswirkenden, jedoch nicht minder bedeutsamen sozialpädagogischen Folgen bislang völlig im Hintergrund geblieben sind. Nicht auf die Einzelerscheinungen kommt es jedoch in erster Linie an, als viel mehr auf die gesamte Auswirkung auf die erzieherische Umwelt. Stehen Einzelperson und Milieu an und für sich schon in einer Wechselwirkung, so wird die leichter beeindruckbare Jugend von Zeitereignissen und Strömungen noch viel stärker und schwerer getroffen, und gerade in einem Zeitpunkt der Entwicklung, der für die zukünftige Gestaltung des Lebensstiles von entscheidender Bedeutung sein kann. Schon häuft sich die Beobachtung, daß die Angstzustände bei jüdischen Kindern zunehmen und auch ärztlich schwerer zu beeinflussen sind. Besonders die Sieben- und Dreizehnjährigen scheinen gefährdet, also diejenigen Kinder, die nach der Zurückgezogenheit des Spielalters und nach dem Erlebnis das Schuleintrittes nun ins geregelte soziale Leben eingegliedert sverden und bereits jm'stande sind, sich hier zugleich als Einzelwesen zu erleben. Die Jugend der späteren Jahrgänge ist seelisch schon gereifter und auch geistig ansprechbar genug, um die Veränderung des pädagogischen und sozialen Milieus ohne ernsteren- Schaden überwinden zu können. Beim kleinen Kinde, das auf Milieuschäden stärker reagiert, als es gemeinhin bekannt ist, ist die Verschiebung der Verhaltungsweise zwar nicht greifbar genug, um sofort aufgedeckt werden zu können, muß dennoch aber hinsichtlich der Milieugestaltung in Rechnung gezogen werden. Seite 281 Kind von heute rnold Merzbach Die akuteren Er s c h e i n uniformen kindlichen Reagierens auf den Temperaturwechsel der Umgebung sind so mannigfach, daß der Unkundige sie oft nicht unter einen Hut bringen zu können glaubt. Das größere Gebiet kindlicher Angstreaktionen ist die Nacht, wo das unbewußt Schlummernde enthemmt ist und durchbricht. Viele Eltern beobachten neuerdings, daß ihre Kinder nachts wieder häufiger aufschreien, in Schweiß gebadet erwachen, von Angstträumen, die sich an Tagesereignisse anknüpfen, unklar berichten und sich an ihre Eltern anklammern. Andere Kinder lehnen es von vornherein strikt" ab, in einem Zimmer ohne Schutz allein zu schlafen. Nächtliches Einnässen des Bettes tritt bei Knaben wieder auf. Ueberhaupt scheint der Schlaf der Kinder im ganzen unruhiger geworden zu sein, bei manchen ist das Einschlafen erschwerter und bisweilen nur unter Beachtung von allerhand Formalitäten möglich, welche als Schutzmaßnahmen zu gelten haben. Aber auch am Tage verrät sich unbewußte Angst oder Furcht im Nachlassen der Aufmerksamkeit oder Konzentration, worüber einzelne Schullehrer berichten; Stottern tritt in Erscheinung, wo Leistung verlangt wird, auch scheint, als ob einzelne Kinder in ihrem allgemeinen Verhalten scheuer, unsicherer, unnatürlicher geworden seien, sogar ein plötzlicher Gewittersturm soll mehr als früher Angst auslösen. Ein etwas älteres Kind berichtet von selbst, es sitze ihm etwas in der Brust, ein anderes spricht von Herzklopfen, was es sicher von Erwachsenen gehört hat. Hier ist also ein Unruhegefühl im erzieherischen Milieu körperlich ganz bewußt geworden. Bei manchen Kindern tritt die verstärkte Unruhe in einem Auftreten oder einer Wiederkehr unschöner Gewohnheitshandlungen zutage: die einen kauen Nägel, die andern, trommeln mit den Fingern, manche reagieren mit sexuellen Ungezogenheiten. Bei zwei Geschwistern einer ängstlich gehemmten Familie konnte ich das Auftreten von Gesichtszuckungen im Anschluß an ein Schreckerlebnis beobachten. Andere mit mehr Ausdrucksfähigkeit begabte Kinder reagieren ihre unruhige Stimmung im Schreiben von Tagebüchern ab. Man kann darüber streiten, welche Unlustaffekte im einzelnen hinter solchen Unruheerscheinungen verborgen sind. Meist liegen Schreck, Furcht oder Angst zugrunde, weiche wohl unterschieden sein wollen. Der Schreck ist ein ganz aktues Erlebnis: die Reaktion auf ein plötzlich eintretendes, unerwartetes, meist unfrohes Ereignis; ein oft erschrecktes Kind wird schreckhaft. Die schleichende Furcht setzt im Kinde schon ein Wissen oder Fühlen um die Gefahr voraus, auch dort, wo sie Instinktfurcht zu sein vorgibt; oft aber ist die Gefahr nur eine vermeintliche, denn der Furchtsame erschafft sie sich selber. Die Angst endlich, der am tiefsten gehende Affekt, stellt sich ein, wo die persönliche Existenz unmittelbar bedroht geglaubt wird; der Aengstliche sieht überall Isolierung oder Lebensgefahren, wo nur Schwierigkeiten sich auftun. Auch In ihrem Bewegungsbild können die drei Unlustgefühle einigermaßen unterschieden werden: Vor Schreck fährt man zusammen, die Furcht macht zittern und zagen, Angst lähmt Bewegungen und Entschlußkraft. Alberf Katz?™: Koks / Kohle / Holz KOKS für alle Heizungssysteme Büro: Arndtstrasse 9 Tel. Maingau 79759