Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 11 (7.1933)
- Date
- 1933-07-01
- Page
- Seite 280 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 280 die selbständig wie die Schwiegermutter Besselin ein Geschäft betreibt, als Witwe. Ob der 1424/25 den höchsten Steüerbetrag zahlende Salonion von Bacharach mit Gotschalk verwandt ist, läßt sich nicht feststellen. Es handelt sich wohl um den 1404 mit Mutter und Frau in Köln aufgenommenen Salomon v. B., der 1423 Köln verläßt. (Brisch, Geschichte der Juden in Köln und.Umgebung IL, S. 25, 41.) Mit diesem Gotschalk von Bacharach (Oppenheim), dem Sohn des Wormser Judenbürgers Man v. Köln, dem Bruder des Simon und Fifelin und dem Schwager des Gotschalk, darf Gotschalk von Kreuznach nicht identifiziert werden. In seiner Geschichte der Juden in Frankfurt am Main, Band 1, Seite 80, sagt schon Kracauer, daß er Gotschalk für einen auswärtigen Juden hält. Eine kurze Zusammenfassung der Nachrichten, die wir über ihn besitzen, soll Kracauers Auffassung erhärten. Der Anfang seines Lebens liegt für uns im Dunkeln. Wir kennen weder Väter noch Mutter. Und doch ergibt das Wenige, das wir von ihm wissen, ein recht lebendiges Bild. Der Umriß seiner Persönlichkeit hebt sich deutlicher heraus als bei Gotschalk von Oppenheim, über den wir mehr Einzelheiten erfahren. Er ist ein Mann von größerem Format als der vielgewanderte Gotschalk, der Sohn des Man. Zum ersten Mal treffen wir ihn im Herbst des Jahres 1382 in Kreuznach, wo damals der Graf Simon HL von Sponheim regierte, der letzte Graf aus der Kreuznacher Linie. Er wird auch G. von Katzenellenhogen genannt. Dies läßt eine dreifache Deutung zu. Er kann selbst in Katzenellenbogen gelebt haben, es ist möglich, daß sein Vater Schutz in Katzenellenbogen genoß, er kann auch vorübergehend, ohne in Katzenellenbogen zu wohnen, im Schutz der Grafen gestanden haben. Jedenfalls wissen wir aus einer Beschwerde des Erzbischofs von Mainz vom Jahre 1406, daß er lange in Kreuznach gewohnt. hat. (Juden von Katzenellenbogen treffen wir in den Jahrzehnten vor 1400 sowohl in Mainz wie in Köln.) 1395 scheint er die- Absicht gehabt zu haben, nach Frankfurt überzusiedeln. Denn in diesem Jahre kaufte er von Simon Nathan das Haus zwischen dem Hofe, in dem Johann von Holzhausen wohnt, und dem Rosenbusch . . . An dieser Nachricht, die Kracauer nach einem Repertorium wiedergibt, da die Urkunde selbst verloren ging, (Krac, Urk. B., S. 206) ist nicht alles in Ordnung. Ein hebräischer Doppelnamen kommt im Urkundenbuch überhaupt nicht vor. Es muß wohl Simon und Nathan gelesen werden. Simon und Nathan aber kennen wir. Es sind die Enkel des zu seiner Zeit reichsten Frankfurter Juden, des Bankiers der Stadt, der mehrere Häuser, darunter auch dieses, besitzt. Sie sind die S ö h n e des B e r, der den Urfehdebrief des Meisters Meir unterschrieb, der ebenfalls Besitzer mehrerer Häuser ist, die ihm wohl vom Vater vererbt sind. Ber stirbt 1393. Seinen Grabstein konnte ich trotz vielen Suchens nicht finden. Daß aber der Grabstein noch da sein muß, geht daraus hervor, daß bei Horovitz (Inschriften des alten Friedhofs, Nr. 58) die Grabstein inschrift steht, die seiner in ehrenden Worten gedenkt. Sechs Söhne und eine Tochter sind seine Erben. Simon und Nathan werden wohl dieses Haus als Erbteil erhalten haben. Ein anderer Sohn des" Ber, Johel, ist der Schwiegersohn des Gotschalk von Kreuznach. So wird der Kauf verständlich. Johel scheint später nach Köln gezogen zu sein. Hätte nun Gotschalk in dem Haus gewohnt, wofür kein Beweis erbracht werden kann, dann wäre er ein Nachbar geworden des Gotschalk von Bacharach, der ja, wie wir wissen, 1392 im Rosenbusch wohnt. Auch sein Sohn David wird als Bewohner 1395 genannt. In den Rosenbusch zieht 1399 der andere Frankfurter Schwiegersohn des Gotschalk von Kreuznach, Süßkind von Rothenburg, der wohl kaum mit Süßkind von Weinheim identisch ist. Vielleicht ist er einer von denen, die 1397 aus Rothenburg vertrieben werden. Mit Unterbrechungen wohnt er bis 1423 in Frankfurt. Er hat einen Sohn, der den Namen des Großvaters trägt. Außerdem nennt Dietz (Stammbuch S. 244) noch drei Schwiegersöhne: Wolf von Dieburg (1425), Isaak von Friedberg (1426), Meier von Bensheim (1429). Ein Urenkel des Gotschalk lebte noch 1446 in Frankfurt. Durch seine beiden Schwiegersöhne und seine Tochter Kele, die 1400 in Frankfurt aufgenommen wird, tritt also Gottschalk in verwandtschaftliche Beziehungen zu verhältnismäßig vielen Frankfurter Familien, die an einer anderen Stelle genauer gezeigt werden sollen. Es war eigentlich selbstverständlich daß die Stadt Frankfurt die Verbindung mit einem Manne wie Gotschalk finanziell auswertete, besonders nachdem der Wohlstand der Frankfurter Juden so sehr zusammengeschmolzen war. 1397 nimmt die Stadt bei ihm eine Anleihe von 600 Gulden auf. Den RückZahlungstermin hält sie aber nicht ein. Die Rückzahlung erfolgt erst im April 1398. Für immer aber ist die Erinnerung an Gotschalk mit der Stadtgeschichte Frankfurts verknüpft durch den Namen der Straße, die in diesem Jahre besonders oft genannt wird, in der Goethe, der größte Sohn der Stadt, geboren wurde und seine Jugend verbrachte, durch den Hirschgraben. An-der Entstehung dieses Namens ist Gotschalk nicht ganz unbeteiligt. Etwa um die Mitte des 12. Jahrhunderts war der zweite Mauerring um Frankfurt aufgeführt worden, dessen Verlauf .noch heute durch die Grabenstraßen Hirschgraben, Holzgraben und Wollgraben, bezeichnet wird. Nach der dritten Stadterweiterung hatte auch der Teil des Grabens", der heute Hirschgraben heißt, seine Bedeutung verloren. Hier hielt die Stadt 1400 einen Hirsch. Wie die Stadt zu diesem Hirsch gekommen ist, wird nirgendwo erwähnt. Durch Kauf wird sie ihn wohl kaum erworben haben. Sehr wahrscheinlich ist es der Hirsch, der in jedem Jahre in der Dreieich gefangen und dem Schultheißen von Frankfurt während der Herbstmesse überbracht werden mußte, den er dann mit den Schöffen teilen sollte. In diesem Jahr hat man Um wohl am Leben gelassen. Man setzte ihn auf dem breitesten Teil des Grabens aus und fütterte ihn auf Kosten der Stadt. Eine Gefährtin für ihn machte in demselben Jahre Gotschalk der Stadt zum Geschenk. Den Transport nach Frankfurt besorgten Knechte, die dafür 4 Gulden erhielten. Die Hirsche vermehrten sich so sehr, daß der Rat der Stadt Hirschessen veranstalten konnte, die schon 1408 erwähnt werden. 1556 werden sie abgeschafft, da man das Gelände zum Bau von Häusern brauchte. Von dieser Hirschherde, zu deren Entstehung der Jude Gotschalk einen wesentlichen Beitrag geliefert hatte, erhielt die Straße den Namen, den sie bis heute behalten hat. Ein besonderes Verdienst erwirbt sich Gotschalk um alle Juden im Rhein-Main-Gebiet, indem der Erzbischof von Mainz, Johann IL von Nassau, den Würfelzoll in seinen Landen aufhebt. Denn dieser Zoll war von allen Abgaben, die die Juden an den Zollstellen entrichten mußten, der demütigendste. Der Würfelzoll wurde nicht nur im Erzbistum abgefordert. In Frankfurt wird er noch 1486 erhoben. Zwar war er schon einmal 1383 aufgehoben worden. Aber bei der Rechtlosigkeit der Juden hatte eine solche Aufhebung nicht viel zu bedeuten. Das Verdienst Gotschalks besteht darin, daß es ihm gelang, die Aufhebung wieder einmal zu erlangen: „denselben Gotschalke zu liebe und durch siner flissigen bete willen" (1400). Aus dieser Urkunde, die Sälfeld (in der Festschrift für Martin Philippson) bringt, geht hervor, daß Gotschalk in diesem Jahre „wohnhafftig zu Cruczenach" ist. Er ist also nicht nach Frankfurt gezogen, sondern in Kreuznach geblieben. 1400 besitzt er ein großes Haus in Kreuznach, das noch Jahrhunderte "später das Haus des Juden Gotschalk genannt wird. Die Geschichte des Gebäudes beschreibt K. Geib, der verdienstvolle Geschichtsschreiber Kreuznachs im ersten Band seiner Topographie der Stadt. Es geht später wie die Synagoge Kreuznachs in den Besitz des Landesherrn über und'wird Burghaus. 1441 wird Brenner von Lewenstein mit diesem Burghaus belehnt. Im Dreißigjährigen Krieg wird es fast ganz zerstört und «fann wieder aufgebaut. Im 17. und 18. Jahrhundert werden größere Umbauten an ihm vorgenommen. Es lag am Eiermarkt, im Zentrum der Stadt. Es ist heute das Abel'sche Haus Mannheimer Straße 12, Ecke Lämmergasse. Es lag also weder im Altstädter noch im Neustädter Judenviertel. Aus alledem geht hervor, daß Gotschalk ein sehr reicher Mann war. Doch jüdischer Reichtum im Mittelalter, so zeigt auch der Fall Gotschalk. überdauert selten den, der ihn erworben. Der Jude ist weiter nichts als eine Sparbüchse seines Landesherrn. Hat dieser Geld nötig, so leert er die Sparbüchse aus. Um Gründe war man nie verlegen. So wirft Simon III. von Sponheim den Gotschalk, dessen Frau Bulin und deren Kindelunter dem Vorwand des Wuchers 1404 in Kreuznach ins Gefängnis. Nachdem der Graf in Mainz bereits' 5151 Gulden, erhalten hatte, muß Gotschalk, um freizukommen, sich damit einverstanden erklären, daß alles, was sich außerhalb des Hauses des Gotschalk in Kreuznach noch an Gut, an Silber und Gold, gemünzt, und ungemünzt, fände, dem Grafen und dem Reichsoberhaupt, je zur Hälfte, verfalle. Der Reichskammer fallen auf diese Weise 14 000 Gulden zu. Wenn man nun bedenkt, daß die Summe der Schuldbriefe und Pfänder, die alle Frankfurter Juden 1390 in Besitz hatten, 17 848 Gulden betrugen, daß der von Ulm nach Nürnberg verzogene Jäcklin, der reichste Nürnberger Jude, mit seinen beiden Söhnen einige Jahre vorher Fcrderungsrechte im Betrage von 15 000 Gulden angab, so kann man nicht ohne Grund die Behauptung wagen, daß Gotschalk von Kreuznach nicht nur einer der reichsten, sondern vielleicht der reichste deutsche Jude war. Nicht anders erging es im Jahre darauf seinem ebenfalls in Kreuznach wohnenden Schwager Gumprecht, dessen Frau Burlin nebst Sohn und Tochter Smohel und Bune, ferner Sälam von Oppenheim und Frau Burlin, sowie deren Sohn Liebmann und dessen Frau Brune. Sie werden aber bald wieder freigelassen und müssen am 28. 3. 1405 Urfehde schwören. Ueber die Strafen erfahren wir diesmal nichts. Es ist verständlich, daß der Graf nach den schlechten Erfahrungen in der Affäre Gotschalk eine abermalige Beteiligung des Reiches verhüten wollte. Gumprecht und seine Familie bleiben im Schutz des Sponheimers, nur Gotschalk begibt sich „in den Schutz des Königs Ruprecht" auf fünf Jahre. Vom 3. Jahre ab soll er jährlich 10 Gulden nach Heidelberg bezahlen. Man läßt ihm also" Zeit, sich zu erholen, nachdem man ihm fast sein ganzes Vermögen konfisziert hatte. (Schluss in der nächsten Nammer)