Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 11 (7.1933)
- Date
- 1933-07-01
- Page
- Seite 279 (sequence 9)
- Language
- German
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Seite 279 Die Gottschalke von Bacharach und Kreuznach Ein Beitrag zur Geschichte d. Juden in Frankfurt um d. J. 1400 Von Kabbiner Dr. A. Lewin Das dunkelste Jahr in der Geschichte der deutschen Juden ist das Jahr 1349. Wie ein verheerender Sturmwind kam dieses Jahr des Unheils über die jüdischen Gemeinden. Was die Pest des großen Sterbens übrig gelassen, das sollte die Pest der Verfolgungen vernichten. Klein war das Häuflein, das noch übrig blieb. Ein Gutes aber hatte die kleine Zahl für die historische Betrachtung. Der Einzelne und seine Familie treten nun stärker hervor als vor 1349. Es sind nicht mehr nur die gelehrten Vertreter der Lehre, deren persönliches Leben doch im Grund eintypisches ist, sondern nun erscheinen auch die Handelsherren, von denen wir vorher nur ganz wenige prominente Persönlichkeiten kannten, in größerer Zahl. Und es zeigt sich, daß nicht die Wanderlust, wie man gewöhnlich annimmt, sie von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt treibt, sondern daß die wirtschaftlichen Verhältnisse, die Not, die Habgier der großen und kleinen Potentaten sie zum Wandern zwingen. Eine große Familie ist es, die da an den Ufern des Rheins, der Donau, des Mains, des Neckars und der Nahe um ihre Existenz ringt. Zu ihrem Mittelpunkt wird Frankfurt, die einzige Gemeinde, in der nach 1360 mit einer bald vorübergehenden Ausnahme keine Austreibung stattfand. Damit wird sie zur Muttergemeinde der deutschen Judenheit. Zu den Familien, die im Rhein-Main-Gebiet um diese Zeit erscheinen und deren Schicksale diese allgemeinen Beobachtungen im einzelnen bestätigen, gehören die des Gotschalk von Bacharach und des Gotschalk von Kreuznach. Der erste, der die beiden in Zusammenhang bringt, ist D i e t z, der in seinem Stammbuch der Frankfurter Juden auf Seite 18 Nr. 26 über sie sagt: „Bacharach I., zuerst genannt im Jahre 1391 mit Gotschalk von Bacharach, welcher vermutlich mit dem in den Jahren 1390—92 genannten Gotschalk von Oppenheim und dem 1400—1409 genannten Gotschalk von Kreuznach (lauter kurpfälzische Städte) identisch ist..." Zwei Irrtümer sind an dieser Stelle dem Schöpfer des Stammbuches unterlaufen. Von den drei genannten Städten ist nur Bacharach pfälzisch. Oppenheim ist Reichsbesitz und nur zeitweilig an Kurpfalz verliehen worden. Kreuznach ist die Hauptstadt der vorderen Grafschaft Sponheim. Es kam auch nicht ganz, wie Stern (König Ruprecht von der Pfalz in seinen Beziehungen zu den Juden, S. XH, Anm. 8) behauptet, sondern nur zu einem Fünftel durch Schenkung der Elisabeth von Sponheim, der Schwiegertochter des Königs Ruprecht, an die Kurpfalz. Auch die Gleichsetzung der drei genannten Gotschalks läßt sich nicht aufrecht erhalten. Es handelt sich um zwei Personen, wie nun gezeigt werden soll, über die wir sehr gut unterrichtet sind. Denn beide sind in der Geschichte der Juden der Zeit keine Unbekannten. Gotschalk von Bacharach ist der Sohn des W o r m s e r Judenbürgers Man von Köln. Da erst 1372 wieder Juden in Köln aufgenommen werden und Man schon 1362 in Worms wohnt, so scheint er einer von denen gewesen zu sein, die 1349 mit dem Leben davonkamen. Daß er der Sohn eines Märtyrers ist, geht aus der Urkunde hervor, die er mit allen Wormser Familienvätern und deren verheirateten Söhnen im Jahre 1377 unterschrieb, in der sie sich verpflichten der Stadt Worms 20 000 Goldgulden zu leihen: Menachem Sohn des Märtyrers Simon. Noch 1380 wird er zusammen mit seinem Schwiegersohn Gotschalk genannt und dabei erwähnt, daß er daselbst Haus und Stallung besitzt. Er ist auch in Worms gestorben. Von seinen Söhnen kennen wir außer Gotschalk von Bacharach den Fifelin, der 1369 in Straßburg aufgenommen wird, dessen, Sohn Isaak wahrscheinlich der Schwiegersohn des Jäklin von Uhu wird und 1383 wie sein Schwiegervater in Nürnberg wohnt. Außerdem lernen wir 1390 einen Sohn Simon kennen, der zusammen mit Simon von Bensheim und Isaak von Kaiserslautern, dessen Frau Sara und dessen Tochter Gutlin um 1400 in Frankfurt leben, erwähnt wird. 1386 treffen wir einen Bruder des Man, Isak von Monjoie, in Köln. Nachdem wir nun die Familie des Gotschalk kennen gelernt haben, wollen wir seinen Lebensweg weiter verfolgen. Am 22. November 1362 erhält er von Gerlach von Nassau, dem Erzbischof von Mainz, für sich und seine Familie die Niederlassungserlaubnis in dessen Landen. Gegen ein jährliches Schutzgeld von 25 Gulden, an Martini zahlbar, darf er sich 6 Jahre in Bingen oder sonstwo aufhalten. Von den damals Aufgenommenen ist er der zweithöchste Steuerzahler. Die Summe ist beträchtlich, wenn man bedenkt, daß damals in . Frankfurt Jakob von Miltenberg, der später mit Meister Mullyne, dem Vater des Maharil, der Stadt Frankfurt Geld lieh, als Höchstbesteuerter nur 20 Gulden Judenzins zu geben hatte. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist anzunehmen, daß sich Gotschalk in Sobernheim niederließ. Dort war nämlich zwei Jahre vorher ein Platz frei geworden, da Michel von Sobernheim in diesem Jahre nach Frankfurt übergesiedelt war, wo er im Hause Neu-Falkenstein (Fahrgasse 18) Wohnung bezogen hatte. Hier im kurmainzischen Sobernheim begegnet uns G. 1363 und 1367. Sein Kompagnon ist Lemmichen. Kurz bevor seine Schutzfrist abgelaufen war, siedelt er nach Bacharach über. Er erhält zuerst für 3 Jahre, dann 1370 für 4 Jahre Aufenthaltserlaubnis. Nun muß er 30 Gulden pro Jahr bezahlen. Wie lange er hier gelebt hat, ist nicht zu ermitteln. Er scheint aber längere Zeit in dieser schönen pfälzischen Stadt am Rhein gewohnt zu haben, da er und sein Sohn David sich noch 25 Jahre später „von Bacharach" nennen. Erst 1388 treffen wir ihn in Oppenheim. Doch hier ist seines Bleibens nicht lange. Schon 1390 wohnt er im Lowerhof in Frankfurt. Von diesem Hof ist heute nichts mehr erhalten. Er stand an der Stelle, wo heute das Plätzchen am Roseneck liegt, mitten im ältesten Judenviertel der Stadt. Der Hof, in dem damals eine Reihe von jüdischen Familien wohnte, war Eigentum des Bartholomäusstifts, an das die Juden ihren Mietzins zu entrichten hatten. 1392 wohnt er einige Häuser daneben im Haus zum Rosenbusch am Garküchenplatz, das noch heute diesen Namen führt und nach einer christlichen Familie Rosenbusch, die es wohl erbaute, genannt ist. Neben der reichen Zorlin, der Witwe des zwischen 1380—83 verstorbenen Fifelin von Dieburg, und nach dem hochangesehenen Süßkind von Weinheim a. d. Bergstraße, dem zweiten Mann der Zorline, die im Arnsburger Hof an der Predigergasse wohnten, ist er einer der wohlhabendsten Juden Frankfurts. Das beweist die Höhe der Abgaben, die von ihnen verlangt wurden. Zorlinens, später ihres Mannes Süßkind Judensteuer betrug 60, die des Gotschalk 50 Gulden. Aber der Aufenthalt in Frankfurt brachte dem Gotschalk nicht viel Glück. Zwar stand die Stadt damals wirtschaftlich in hoher Blüte, trotzdem die Niederlage bei Kronberg mit ihren finanziellen Folgen sie außerordentlich belastete. Auch das Vermögen der Juden nahm zu, wie die Rechenbücher ausweisen. Doch schon das Jahr 1390 machte der Wohlhabenheit der Juden ein Ende. Um Ostern herum war Gotschalk nach Frankfurt gekommen, wo damals der berühmte Meir ben Baruch Halevi aus Erfurt wirkte, und schon im Herbst desselben Jahres brach das Verhängnis in Gestalt des Judenschuldenerlasses König Wenzels über die Juden Frankens herein, das auch den Frankfurter Juden einen großen Teil ihres Vermögens nahm. Eine große Anzahl von Schuldurkunden, die damals die Frankfurter Juden, darunter Gotschalk von Bacharach, abgeben mußten, liegt noch heute fein säuberlich geordnet und wunderschön geschrieben im Stadtarchiv. Die gesamte Schuldenmasse betrug ungefähr 17 000 Gulden. Die 11 Schuldurkunden, die Gotschalk zurückgeben mußte, stellten einen Wert von 1000 Gulden dar, eine hohe Summe, wenn man den damaligen Kaufwert des Geldes berücksichtigt. Zwar verschwindet mit dem Jahre 1393 sein Name von der Steuerzahlerliste, aber damit ist nicht gesagt, daß er nicht mehr in Frankfurt gelebt hätte. Die Listen geben uns nie die genaue Zahl der in einer Stadt lebenden Juden an. Dieser Unsicherheitsfaktor wird in den statistischen Berechnungen meist nicht genügend berücksichtigt. Auch die Annahmen Büchers (die Bevölkerung von Frankfurt a. M. im XTV. und XV. Jahrh., Seite 564) sind sehr hypothetischer Natur. Von Gotschalk wissen wir, daß er noch mehrere Jahre in Frankfurt lebte. Noch im März 1395 schließt er, seine Frau Besselin und sein Sohn, der Frankfurter Judenbürger David, mit Siegfried Dünnebein von Lorch, wohnhaft zu Geisenheim, einen Vergleich. Mitte dieses Jahres leiht er der Stadt 250.Gulden, die höchste Summe, die in dieser Zeit ein Frankfurter Jude als Darlehen gibt. Die Schuld wird 1398 an seinen Sohn David zurückbezahlt. Der Vater scheint also in der Zwischenzeit gestorben zu sein, da nicht anzunehmen ist, daß der alte Mann noch einmal zum Wanderstab greift. Die Stelle des Vaters nimmt seit 1393 in den Rechenbüchern der eben erwähnte Sohn David ein. An den Judensteuern erkennt man nun deutlich die Folgen der Vefmögenskonfiskation vom Jahre 1390. Der Höchstbesteuerte ist immer noch Süßkind von Weinheim. Nur sind es nicht mehr 60, sondern nur mehr 24 Gulden, die Steuer des David beträgt 12 Gulden. Damit ist er immer noch keiner von den Aermsten, aber jedenfalls bei weitem nicht mehr so wohlhabend wie der Vater. Lange ist er noch nicht selbständig, da es von ihm in einer Liste vom J. 1390 heißt: „had nicht." (Krakauer, Urkundenbuch S. 160, Nr. 395: statt Daniel ist David zu lesen.) Lange hat er den Vater nicht überlebt. Bereits 1400 erscheint seine Frau Memlin.