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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-07-01 · 11 (7.1933) · p. Seite 278

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
11 (7.1933)
Date
1933-07-01
Page
Seite 278 (sequence 8)
Language
German
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Seite 278 Professor Goldenherz öffnete ihn, die Frau blickte ihm über die Schulter, und in hebräischen Buchstaben standen auf einem vergilbten Blatt die Worte: Schma Jisroel, die zehn Gebote und das Wort „Ohawto lereacho komaucho" (Liebe deinen Nächsten wie dich selbst). Darunter: Das Erbe von Moscheh Goldenherz aus Slobutka, das er seinem' Bruder Joel in Chicago gegeben hatte, und das dessen Sohn Sam, als er im „New York Herald" gelesen hat, daß der getaufte Professor Goldenherz in seinem ganzen Leben vernichtet und zerrüttet war, diesem hiermit zustellt. Die Familie Göldenherz soll wieder sehr erschüttert gewesen sein. Wie die Geschichte weiter geht, weiß man noch nicht, aber die Erbschaft war groß und gut und wertvoll, und es wäre zu wünschen, daß alle abgebauten und getauften Akademiker sie in Empfang genommen hätten. So geschehen im Frühjahr 1933. Alfred Oppenheim zum 60. Geburtstag Von Dr. Hermann Gundersheimer Moritz Oppenheim, Bildnis Alfred Oppenheim 1876 Als Professor Moritz Oppenheim, der künstlerische Gestalter des jüdischen Familienlebens in der Malerei, 76 Jahre alt war, unternahm er es, seinen damals dreijährigen Enkel Alfred zu porträtieren. „Dem Bub geb' ich den Struwwelpeter in die Hand", soll er gesagt haben, und das Bildchen, das wir wiedergeben, zeigt den Jungen, die bekannte Seite des Bilderbuches dem Beschauer zuwendend, in einer Haltung, als erfasse er völlig die Wichtigkeit der Stunde: vom berühmten Großvater gemalt zu werden. Wer Alfred Oppenheim kennt — und es wird wenig Frankfurter geben, die ihn nicht schon gesehen haben —, wird in dem Kinderbildchen die Züge vorgeformt finden, die den Mann kennzeichnen: zwar ist von der blonden Schönheit des über die Stirne gekämmten Haares heute nicht mehr viel zu erzählen, aber die ungemein bezeichnende, leicht zur Seite geneigte Haltung des Kopfes, die offenen, lustigen Augen von mandelförmigem Schnitt, der kleine Mund — wir kennen diese Züge; nur das Profil ist zarter und milder, als wir es erwarten. Erklärlich — es ist keine kleine Spanne Zeit seitdem verflossen! Aus dem Frankfurter Buben ist „AO" geworden, ein Maler, der über den Kreis unserer Stadt hinaus zu verdientem Ansehen gelangte. So wie er in sich die Tradition einer angesehenen jüdischen Familie Frankfurts trägt, so bedeutet seine künstlerische Leistung die Weiterführung einer in Frankfurt gewordenen Kunst des Malens, zu der er die inneren Voraussetzungen nicht zuletzt aus den künstlerischen Kräften gewonnen haben mag, die sich vom Großvater her auf den Vater und schließlich auf ihn übertrugen. Alfred Oppenheim ist am 7. Juli 1873 in Frankfurt geboren und in dem kultivierten Elternhause bald seiner Begabung sich bewußt geworden. Umgeben von Sammlungen von Gemälden und Kunstgewerbe, neigte er dazu, ein Kunsthandwerk zu erlernen und wurde in den Jahren 1890/92 als Goldschmied ausgebildet- Bald beschäftigte er sich mit Malerei, besuchte die Städelschule, die Akademie in München, lebte von 1900 bis 1902 in Paris, wohin er auch bis zum Kriege alljährlich wiederkehrte. Seit 1902 hat er sich in der Vaterstadt seßhaft gemacht. Als „Bijoutier" zuerst, dann als Maler, zählt er seitdem zu den führenden Künstlern der Stadt. Es ist in den Gesetzen der Generationsgleichheit be- Bildnis Ludwig Bottenberg schlössen, aber auch aus den Einwirkungen der gleichen Unweit zu erklären, wenn manche Verbindungen zwischen Alfred Oppenheim und dem gleichaltrigen :] Jakob Kußbaum bestehen, mit dem er sich seit der gemeinsamen Akademiezeit verbunden fühlt. Diese künstlerische Nachbarschaft beruht in einer verwandten Art, dem Naturvorbild gegenüberzutreten; es vom farbigen Eindruck her zu gestalten, also die Form durch das Mittel der Farbe aufzubauen und das Atmosphärische, Schwebende und Unfaßbare, auch im Bilde wirken zu lassen. Mehr noch als ein Bildnismaler yon psychologischer Eindringlichkeit, ist Alfred Oppenheim ein Landschaftsmaler von hohen Graden. Würden nicht schon Auswahl und Komposition der Motive davon Zeugnis geben, so könnte es die lichte, aber nie leichte, sondern immer gesättigte Farbigkeit, die selbst in unseren Reproduktionen noch zu ahnen ist. Ob er die lagernde Familie im Kastanienwald im Schatten eines glühenden Sommertages gibt, oder ein Motiv aus dem kaum gekannten Frankfurt, ob er den Friedhof am Börneplatz oder irische Blüten in edlen chinesischen Vasen malt — er gibt mehr als das Abbild: er erfüllt seine Malereien mit zartester Stimmung, ja nicht selten mit einer spätsommerlichen Melancholie. Ein merkwürdiger Zug des Malers, dessen humorvolle Aufgeschlossenheit man auch in seinen Werken zu finden erwarten könnte. 'Der Gepflegtheit seines Geschmacks entspricht es, wenn er sich als einer der ersten in Deutschland mit dem Sammeln und der wissenschaftlichen Erforschung ostasiatischer Kunst befaßt hat. Hier hat er als großer Kenner Geltung gefunden. Mit dem geschulten Auge des Malers sieht er die feinen Nuancen, die über Echtheit und Entstehungszeit aufzuklären vermögen. Alfred Oppenheim hat sein Auge „frankfurtisch" genannt und gesagt, daß er selbst seine schönen französischen Landschaften auf Frankfurter Weise sehe. Wie sehr er und mit ihm die anderen jüdischen Maler ihre Umwelt auch mit jüdischen Augen aufnehmen und gestalten, ist noch nicht zu erkennen. Ein größerer zeitlicher Abstand wird hier dsutlicher unterscheiden lassen. Bis dahin erhoffen wir von dem jungen Sechziger noch manche Bereicherung zu erfahren! Landschaft bei Meidelberg Hof im Deutschherrnhaus in Frankfurt

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