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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-07-01 · 11 (7.1933) · p. Seite 277

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
11 (7.1933)
Date
1933-07-01
Page
Seite 277 (sequence 7)
Language
German
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Seite 277 nehmigt. Aus der abschließenden Beratung ist hervorzuheben: Der Berichterstatter für die Ausschüsse verwies namentlich auf die Tatsache, daß die Grundlage aller Verpflichtungen auf zivilrechtlichem Vertrag beruhe, daß also auch die Kautelen, die zur Wahrung einer von konfessionellen und politischen Einseitigkeiten freien Verwaltung vorgesehen seien, in erzwing barer Form festgelegt seien und die vertragsmäßigen Leistungen nur unter der Voraussetzung ihrer strikten Einhaltung geschuldet würden. Der nationalliberale Fraktionsführer hob u. a. hervor, daß der Vertrag die nötigen Garantien dafür biete, daß bei der Berufung lediglich wissenschaftliche Gesichtspunkte, nicht aber konfessionelle, politische oder persönliche Rücksichten maßgebend sein werden. Zu stürmischen Unterbrechungen kam es, als ein sozialdemokratischer Redner in einer kurzen Erklärung den jüdischen Stiftern Würdelosigkeit vorwarf und sie für verächtliche und charakterlose Menschen erklärte, wenn sie ihr Geld hergäben, ohne daß man ihre Gleichberechtigung anerkenne. (Heilbrunn, S. 176 ff.) Aus den Erinnerungen von Adickes Die Entwicklung des neugegründeten „Instituts für Serumforschung und experimentelle Therapie" nahm bald unter Ehrlichs Leitung einen so glänzenden Aufschwung, daß alle bei seiner Errichtung gehegten Hoffnungen überreich in Erfüllung gingen. (Adickes, S. 28) Am 6. November 1909 schloß Frau Franziska Speyer für immer die Augen, nachdem sie bis zuletzt allen wissenschaftlichen Anstalten Frankfurts ihr Interesse bewahrt und immer wieder bezeugt hatte. Der Vorstand der Georg- und Franziska - Speyerschen Studienstiftung versammelte sich am 11. Dezember zu einer Trauersitzung in dem Haus seines erkrankten Vorsitzenden, und auf Antrag des letzteren wurde beschlossen, das Andenken der Verstorbenen, die den von ihr geförderten wissenschaftlichen Unternehmungen auch noch weiterhin reiche Mittel hinterlassen hatte, dadurch zu ehren, daß alsbald der Versuch unternommen werde, die in langer Arbeit geschaffenen gelehrten Anstalten zu einer Universität zu entwickeln. Daß dies im Sinne der verstorbenen Gönnerin aller wissenschaftlichen Bestrebungen in Frankfurt sei, bildete den Ausgangspunkt. (Adickes S. 51) Zusammenstellung jüdischer "(nichtarischer) .Universitäts-Stiftungen 1. Stiftung Carolinum (Carl Mayer von Rothschild). 1892. Zahnärztliche Klinik. 2. Institut für Gemeinwohl (Dr. Wilhelm Merton). 1895. Wirtschaftswissenschaften u. dergl. Ursprünglich 30 000 RM. jährlich. 1912. Lehrstuhl für O p p e n h e i m's che Lehrstuhl für exakte 3. Georg- und Franziska-Speyersche Studienstiftung. 1901. Allgemeinwissenschaftliche Zwecke, besonders Medizin und Philologie. 1 000 000 RM. 4. Weitere Speyersche Stiftungen: Georg-Speyer- Haus. 1 000 000 RM. Georg-Speyer-Nachlaß. 1 000 000 RM. und 15 000 RM. jährlich. Georg-Speyer-Stiftung. 1907—1909. 675 244 RM. 5. Charles Hallgarten. 1909. Therapeutisches Institut. 150 000 RM. 6. Theodor S t e r n's c h e s M e d i z i n i s c h e s Institut (Pharmakologisches Institut.) 1910. 80 000 RM. 7. Ludwig E d i n g e r. 1910. Neurologisches Institut. 8. Otto und Ida Braunfels. 1910. Romanisches Seminar. 25 000 RM. Kinderkrankenhaus 150 000 RM. 9. Dr. Arthur von Weinberg. 1910. Forschung auf den Gebieten der Chemie und Physik. 300 000 RM. 10. Dr. Ludwig Darmstädter. 1910. Goldene Amtskette des-Rektors. 11. Jacob H. Schiff (New York.) Semitistik. 250 000 RM. 12. Katharina und Moritz Universitätsstiftung. 1912. Naturwissenschaften. 250 000 RM. 13. Freifrau Mathilde von Rothschild und Freiherrlich von Goldschmidt-Rothschildsche Universitätsstiftung. 1913. Förderung der Wissenschaft und des höheren wissenschaftlichen Unterrichts. 1 000 000 RM. 14. Wilhelm Bonn. Juristisches Seminar. 25 000 RM. Einzelne Stiftungen Joseph Baer. — Dr. Heinrich Bechhöld und Frau Marie geb. Neubürger. — Eduard Beit von Speyer und Frau Lucie. — Wilhelm Blumenthal. — Ida Cohen. — Ludwig Cohnstaedt und Frau Rosa. — Ferdinand Dreyfuß. — Frau Anna Edinger. — Dr. Paul Ehrlich. — Frau Alice Ellinger. — Leo Ellinger. — Heinrich Emden. — Robert Flersheim und Frau. — Dr. Leo Gans. — Frau Martha Gans geb. Pick. — Julius Goldschmidt. — Dr. Karl Herxheimer. — Paul Hirsch und Frau. — Zachary Hochschild. — Bernhard Kahn. — Dr. Simon Kirchheim und Frau Henriette ^eb. Edenfeld. — Louis Koch.— Karl Kohn. — August Ladenburg. — Ernst Ladenburg. — Dr. Siegfried Lindheimer. — Dr. Oskar Löw-Beer. — Ludo Mayer. — Erben der Frau Sabine Merton geb. Stern. — Dr. Max Neisser. — Oskar Franklin Oppenheimer. — Leontine und Flory Oppenheimer. — Arthur Reiß. — Therese Schiff. — Dr. Ernst Schuster. — Fritz, Julius und Werner Sondheimer. — James Speyer und Frau. — Dr. Karl Sulzbach. — Carl von Weinberg. — Julius Wertheimber. Die Erbschaft Von Bertha Pappenheim. Es war im Jahre 1933. Professor Goldenherz hatte auf Grund seiner Taufe vor einem Vierteljahrhundert eine Professur erlangt und hatte versucht, mit Frau und Kindern jegliche Spur seiner jüdischen Herkunft aus seinem Leben zu verwischen. Da er tatsächlich auf seinem Gebiet Hervorragendes leistete, so glaubte er, niemals mehr Veranlassung zu haben, mit seiner früheren Familie irgendwelche Fühlung zu behalten. Als er in der Zeit der Gleichschaltung seine Professur und sein Laboratorium, d. h. also den Lehrstuhl und die Möglichkeit der weiteren wissenschaftlichen Betätigung verloren hatte, fühlte er sich wie vor den Kopf geschlagen, und auch seine Kinder, die von der Herkunft der Eltern nur eine sagenhafte Ahnung hatten, konnten sich begreiflicherweise nicht zurecht finden. Sein Name stand auf der Liste derjenigen Koryphäen, die durch die Presse in der ganzen Welt genannt und bekannt wurden, und es geschah etwa sechs oder acht Wochen nach seiner Beurlaubung, daß er eine Zuschrift aus Amerika bekam. Er öffnete den Brief, der von einem amerikanischen Anwalt war, der ihn fragte, ob er der Professor Goldenherz sei, dessen Großvater Möschen Goldenherz in Slobutka gelebt hatte, und dessen Vater mit seiner Familie nach Meseritz gezogen war; auch ob die Großmutter Blümchen Goldenherz gewesen war und die Mutter des Professors Rosalie und sein Vater Simon geheißen habe. Wenn Herr Professor in der Lage wäre, diese seine Herkunft einwandfrei festzustellen und nachzuweisen, dann hätte der unterzeichnete Rechtsanwalt und Notar Auftrag, Herrn Professor Goldenherz von einem Bruder des Großvaters, der Joel Goldenherz geheißen, in Chicago gelebt und einen einzigen Sohn Sam hinterlassen habe, eine Erbschaft zuzuweisen. Herr Professor Goldenherz war über diese Mitteilung etwas betroffen und wußte nicht recht, wie er sich zu ihr stellen solle. Larigsam bereitete er seine Gattin auf den Inhalt des Briefes vor, die mit größerer weiblicher Beweglichkeit die Tragweite der Mitteilung zu erfassen glaubte und ihren Mann daran erinnerte, daß in dem Geheimfach seines alten Schrankes alte Briefe in unleserlichen Schriftzügen — wie sie sich ausdrückte — waren, sowie ein Siegelring, ein kleines Büchschen in Turmform, dann noch ein sonderbares Instrument: eine Hand mit einem Deutefinger und ähnliche seltsame Dinge. Herr Professor Goldenherz erinnerte sich auch dieser Gegenstände. Man ging an die Schublade, holte sie herbei, fand eingravierte Buchstaben wie M. G. und anderes, und auch die Briefe begann der Professor langsam zu entziffern und für ihn unabweislich festzustellen, daß — nach der Erschütterung des April 1933 — von Amerika eine neue Erschütterung, vielleicht aber auch eine Festigung seines Daseins zu erwarten sein würde. Man versuchte, den Kindern die gefundenen Dinge zu erklären und gewisse Fäden nach der Vergangenheit wieder anzuspinnen, und nach einigen Tagen ging Herr Professor Goldenherz Ssu einem gleichfalls abgebauten Rechtsanwalt, brachte ihm den Brief aus Amerika, erklärte seine Abstammung an Hand der Sächelchen ganz überzeugend und bat den juristischen Freund, die Briefe und die Dinge an den Rechtsanwalt nach Chicago zu senden. In der Familie Goldenherz war nun ein dreispaltiges Leben: die Gegenwart in ihren furchtbaren Formen, die Vergangenheit, die täglich lebendiger wurde und die besonders bei Herrn Professor oft Erinnerungsbilder wachrief, die dann so begannen: „Weaßt Du noch, wie es war" —, „ich erinnere mich recht gut" usw. Das dritte dieser Bilder war die Zukunft, von deren Gestaltung man nichts wußte, die aber unwillkürlich ein recht materielles goldenes Rändchen hatte. Unter diesen eigentüm-. liehen psychologischen Verhältnissen verbrachte die Familie Goldenherz sechs Wochen in Unruhe, bis tatsächlich ein eingeschriebener Brief kam.

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