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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-06-01 · 10 (6.1933) · p. Seite 264

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
10 (6.1933)
Date
1933-06-01
Page
Seite 264 (sequence 30)
Language
German
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Seite 264 Willen stärkte, sie fortzusetzen. Er kann sich aber nicht damit begnügen, daß allein historisches Bewußtsein der Weg gewesen sei, auf dem praktisch diese Äusnahme des Judentums von der Vergänglichkeit der Völker sich vollzogen habe. Wenn ein Umstand die Aufmerksamkeit immer wieder auf sich zieht, so ist es die gesellschaftliche Organisation des Judentums. Sie vollzog und vollzieht sich zu den verschiedenen Zeiten in den verschiedensten Formen: der von Nomadenstämmen, der von Staatsgebilden, der einer streng kontrollierten Gesstzesgemeinschaft, der von lockeren, vielerorts sogar nur freiwillig zusammengeschlossenen Gemeinden. Durch keine dieser Formen war die Existenz des Judentums bedingt. Die Verbundenheit des jüdischen sozialen Organismus muß also weniger eine formale als eine inhaltliche sein. Äls solche könnte man sich vor-> stellen, die Uebereinstimmung der Glieder, den sozialen Orga- -nismus mittels der Anspannung des gemeinsamen Willens und der Ausübung von Macht aufzubauen. Das römische Imperium aber, dem man diese Grundlage nachsagen kann, hat sich weniger lebensfähig erwiesen als das Judentum, das diesen Weg nicht beschritt. Als eine andere ist dankbar die Uebereinstimmung der Glieder, den sozialen Organismus mittels freier Betätigung des Verstandes im Wetitlauf um die sachlichste Lösung aufzubauen. Der liberale Kapitalismus, dem man diese Grundlage nachsagen kann, hat sich, das läßt sich heute bereits behaupten, weniger lebensfähig erwiesen als das Judentum. Der Aufbau des jüdischen sozialen Organismus läßt sich an Hand des Satzes: „Ganz Israel bürgt für einander" darstellen. Durch diesen Satz ist vor aUem seine Grundläge offenkundig: die selbstverantwortliche Einzel-, persönlichkeit. Bürgschaft ist nur möglich zwischen verschiedenen Personen, von denen jede für sich verantwortlich ist. Diese in materieller wie 'in sittlicher H:rsicht durch nichts eingeschränkte Verantwortung je _es Mündigen findet sich * immer und überall im Judenium. Für die Theorie sei nur auf das „Du sollst" des Zehngebots hingewiesen, in der Praxis war sie selbst in den Zeiten engster Ghettogemeinschaft aufrechterhalten. Sie gilt erst recht für die heutige Zeit. Niemand steht es zu, zu sagen: „Ich kann nicht mehr", niemand: „die anderen müssen sorgen", „dann soll halt alles zu Grunde gehen", „es kommt doch nicht mehr darauf an." Es kommt an auf die persönliche Initiative und auf die persönliche Haltung jedes Einzelnen. Nur wer seine aktive Persönlichkeit aufrecht erhält, hat das Recht, zu erwarten, daß die anderen für ihn bürgen. Die Bürgschaft des anderen für den einen, sie ist die zweite Folgerang, die aus jenem Satz fließt als ganz selbstverständ iche Ha.tung für jeden Juden, der seinen Nächsten in die Notlage geraten sieht, seine Verpflichtungen sich selbst, den Seinen und der Allgemeinheit gegenüber nicht mehr erfüllen zu können. Bürgschaft, erfüllen heißt nicht, dem anderen die Verpflichtungen abzunehmen, sondern ihm, der durch nicht vorhergesehene Ereignisse, durch höhere Gewalt außerstand gesetzt ist, seine Verpflichtungen zu erfüllen, zu helfen, dies tun zu können. Was ist nun der Inhalt der Verpflichtung, die zu erfüllen einer dem anderen bürgt? Ich glaube, es liegt ganz im Sinne des Judentums, diese Frage zu beantworten mit: zu leben. Als Einzelner zu leben und als Gemeinschaft zu leben. Damit kommen wir wieder zur Frage: wodurch hat das Judentum die Lebenskralt, die Zeiten zu überdauern? Bei einer soziologischen Betra.htung der jüdischen Lehren fällt immer und immer wieder auf, wie sehr die den Naturgesetzen entsprechen, auf -denen das Erhalten des Einzelnen wie das Erhalten der Gemeinschaft beruht. „Seid fruchtbar und mehret euch, ehre Vater und Mutter, du sollst nicht morden, ehebrechen, stehlen, gib Wir — Mein Freund, der Nationalsozialist, ein Idealist von reinster * Prägung, begleitet mich am 7. Tag Pessach zur Sgnagoge. Lange schon wollte er einmal aus eigenem eine Synagoge kennen lernen. Ich hatte ihm über Ordnung, Inhalt und Sinn unserer Gebetsordnung ein Privatissimum gehalten: nun folgt er mit Interesse dem Aus- und Einheben, der Verlesung von Thora- und Prophetenabschriften, auch „Matnas Jad' macht starken Eindruck auf ihn. Das Wesentlichste aber ist ihm und mir die Predigt des Rabbiners. Dann gehen wir noch ein Stündchen spazieren und unterhalten uns. Wir kennen uns schon länger, wir' sprechen offen und ehrlich miteinander, er will nichts,, garnichts anderes als dem Aufstieg, dem Gesunden seines Volkes dienen, ich möchte nicht minder der Erhaltung und der dem Hungernden dein Brot, du sollst den Lohn eines Arbeiters nicht über Nacht behalten"; und viele andere si.cd Beispiele. Das Judentum ist mit den sittlichen Geboten, die die liberale-jüiische Theo ogie für alle Menschen und Zeiten verbindlich unterscheidet von dm Zeremoriialgeboten, nicht erschöpft. Auch diese haben, soziologisch gesehen, den letzten Sinn, die Gemeinschaft zu erhalten. In diesem Zusammenhang aber soll deshalb nur von den sittlichen die Rede sein, weil nicht nur ihre Funktion, sondern auch ihre Unwandelbarkeit von sämtlichen Richtungen des Judentums unbestritten ist. Die Identität dieser Gebote mit den sozialen Naturgesetzen bedeutet nicht, daß ein Zwang besteht, sich nach ihnen zu richten. Auch die Naturgesetze kann man mißachten. Man kann die Willenskraft aufbringen, seine Hand ins Feuer zu legen — aber sie verbrennt. Man kann lange Zeit dem Körper die notwendige Nahrung entziehen, aber die Folgen werden sich zeigen. Manchmal zeigen sie sich, bei Naturwie bei gesellschaftlichen Gesetzen nach so langer Zeit, daß nur nach dem Augenblick urteilende Alenschen sie leugnen und erklären, es sei von ihren Vorfahren ein Tatbestand als Naturgesetz betrachtet worden, der gar keines sei. Gegenüber den Gefahren dieser Verkennung hat die Bürgschaft Israels für einander einzutreten. Einer ist verantwortlich für den anderen, wenn er ihn voneinem Irrtum befallen sieht, der sein Leben oder das der Gemeinschaft gefährdet: die materielle Verantwortung wird zur sittlichen. Mit welchem Recht nun kann man behaupten, daß unsere Vorfahren die sozialen Naturgesetze richtig erkannt Haben? Sie könnten doch geirrt haben. Hier sch.ießt sich der Ring: Der Umstand, daß die jüdische Gemeinschaft, die sich nach ihnen gerichtet, hat, keiner Zerstörung anheimgefallen ist, genügt uns. Der Umstand. genügt allerdings nicht jedem. Eine junge Generation, die nur sich und ihre Väter sieht, Menschen wie sie, deren Fehler und Irrtümer nicht bezweifelt werden können — und selbst Moses fehlte nach jüdischer Ueberlieferung — fühlt sich leicht versucht, sich als ebenso kompetent wie ihre Vorfahren zu betrachten, neue Gesetze für neue Zeiten anstelle der alten aufzurichten. Da kennt das Judentum eine Instanz, der gegenüber das Recht der Aenderung nicht ebenso freisteht wie gegenüber der vorherigen Generat on. Es ist die Instanz, der gegenüber einer für den anderen bürgt, der jeder für seine Person verantwortlich ist: Gott. Es ist keine theologische, sondern eine soziologische Betrachtung, die hier vorgenommen wird. Die Frage nach der Ursache der Naturgesetze ist von naturwissenschaftlichem Standpunkt, aus unbeantwortbar. Die Quelle dieser Naturgesetze Gott zu nennen, widerspricht der Naturwissenschaft nicht. Auch die Quelle der sozialen Naturgesetze Gott zu nennen, ist daher berechtigt. Die sozialen Naturgesetze als Gottes erklärt zu haben, jedes Vergehen wider sie nicht nur als einen Fehler, der sich für die Gemeinschaft rächen wird, sondern als Sünde gegen Gott, der das Leben gespendet hat, jedes Befolgen als Heiigung im Sinne Gottes: das ist die Eigenschaft der jüdischen Gemeinschaft, die ihren Bestand gegenüber allen Vö-kern gewährleistet hat. Die gleiche Haltung wird jedem Volk Ewigkeit innerhalb der Menschheit gewährleisten, denn nicht für sich allein, sondern für die Menschheit ist — nach jüdischer wie nach christlicher Auffassung — dem jüdischen Volke das Sittengesetz geo.fentart worden. Und so erstreckt sich der Satz: „Ganz Israel bürgt für einander" nicht nur ganz selbstverständlich über alle Juden der Welt, sondern er mündet in die Erfahrung: „Die ganze Menschheit bürgt für einander." Erwin Baer Stärkung meiner jüdischen Gemeinschaft dienen, so von Standpunkt zu Standpunkt, ohne Grenzübertretung, bemühen wir uns um Verständnis und Klärung. Er sagt: „Ihr seid wirklich merkwürdige Menschen: Schweres trifft Euch, ihr wißt nicht, was der morgige Tag bringt, und euer Rabbiner spricht von längst Geschehenem, von Pharao und Moses, kein Wort des Murrens oder Anklagens aus der Not dieser Zeit, nur Sinndeutung aus der Geschichte, Einordnung des kleinen Einzelschicksals ins Große und Ganze — und ihr fühlt euch gestärkt, befreit, fertig mit der Zeit!" Ich antworte: „Mein Freund, seien wir ehrlich: Sie warten mir ja nie mit den Sklareks, Kuliskers und Rotters auf, ic'i präsentiere Ihnen auch nie d e Franck, Liebermann, EhrLcn und was weiß ich wen noch alles, erinnere Sie auch nie an das jüdische Kollektiv

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