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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-06-01 · 10 (6.1933) · p. Seite 265

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
10 (6.1933)
Date
1933-06-01
Page
Seite 265 (sequence 31)
Language
German
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Seite 265 die 12 000 Gefallenen des Weltkriegs, wir waren ja übereingekommen, in der ersten Stunde der Aussprache zwischen uns, nicht Konten zu saldieren, sondern die ganz großen Zusammenhänge immer zu sehen. So sage ich Ihnen auch ganz ehrlich: unser Rabbiner macht genau das, was Ihre Führer machen, ja ma.hen müssen: er setzt den Menschen voraus, dsn es zu schaffen gilt. Wir sind — leider — garnicht so, wie es scheinen könnte, aber wir müssen so werden und wir werden so werden — oder untergehen!" „Jetzt sprechen Sie, verzeihen Sie, wie ein Nationalsozialist: auch wir sehen die große Erziehungsaufgabe, die innere Gestaltung; wenn die nicht klappt, dann — sprechen wir lieber nicht davon! Es muß klappen, wenn wir wollen!" Warum ich dieses, nicht erfundene, Gespräch berichte? Wirklich nicht, um die Parallelität der Aufgabe zu zeigen oder gar eine Reihe von tiefsinnigen Betrachtungen: „Das Judentum ,und* der Nationalsozialismus" anzuregen. Sondern: um zu sagen, daß wir ohne falsche Aengstlichkeit in aller Offenheit unsere jüdischen Dinge in unserem Bezirk gestalten müssen, daß wir jüdische Angelegenheiten offen und aufrichtig debattieren müssen, daß wir dabei, wenn wir es mit selbstverständlichem Stolz auf unser Eigensein tun, das Verständnis und die Anerkennung derer erringen, die heute versuchen, Deutschland eine ganz bestimmte einheitliche Gestaltung zu geben. Wir vergeben uns dabei nichts, begeben uns keines „Rechtes": wir werden, wenn wir jüdischer werden, keinesfalls Schiller, Goethe, Jean Paul, Kleist, Wilhelm Schäfer oder Ricarda Much aus unseren Bücherschränken verbannen. Wir können uns auch denken, daß ein Tag wieder einmal kommt, an dem man uns wie in so vielen anderen großen Kulturländern alle Rechte eines „Staatsbürgers" geben wird, weil man dann wieder seiner sicher geworden sein wird und den anderen in sßiner ganzen Eigenart kennen gelernt haben wird. Ja, wir wagen es heute schon zu sagen, daß nur auf diesem Wege die Rehabilitierung erreicht» werden wird, nicht auf dem Wege des Ressentiments und nicht durch den unmöglichen „Beweis", daß wir „genau so gute Deutsche" sind: unmöglich deshalb, weil Logik gegen Irrationales immer versagt. Erste, einzige Erkenntnis des Geschehens um uns: wir müssen „wir" sagen. Viele taten es schon, alle müssen es lernen. „Wir Juden": wir gehören zusammen; da wir es im guten verlernt hatten, lernen wir es im schlechten wieder. Die es schon wußten, se können Lehrmeister denen sein, die lernen müssen. Liebe und Geduld, wie bei allem Lehren, müssen dabei sein; Nachsicht gegen die Schüler, doch nur gegen die Schüler, keine Konzession aber in der Sache! Täuschen wir uns nicht über die Schwere und Größe dieser Äufgabe! Wir sehen sie heute wieder zu Haufen zu uns stoßen, *die jahrelang uns nicht kannten, uns nicht kennen wollten; mit Liebe und Geduld wollen wir ihnen entgegentreten und i'inen den Platz bei uns gönnen, damit sie nicht als Vereinzelte sinnlos leben müssen. Und doch sei es auch gleich von vorneherein gesagt: viele dieser Menschen, die gewohnt waren, in außer jüdischen Bezirken eine Rolle zu spielen, werden vielleicht und wahrscheinlich versuchen, nun bei uns nicht minder eine Rolle zu spielen. Wir bitten sie, in Reih und Glied zu treten, nirgends anders ist Plate für sie in unserem „Kollektiv." Kollektiv? Ja: Ko lektiv! Wir nehmen den Begriff auf, selbst auf die Gefahr hin, uns sagen lassen zu müssen, daß das sehr zeitgemäß sei. Ist's zeitgemäß, so ist es nicht minder altjüdisch. „Kol jisroel arewim seh loseh": „Ganz Icrae.: einer bürgt für den anderen!" Wir haben es oft gehört; ging's dem einen schlecht, der andere war für ihn da. Hatten Juden irgendwo Hunger, gewiß fanden sich anderswo Juden, die halfen. Ist's nicht ein kleiner Lichtblick für uns heute, wo vielen, ja den meisten deutschen Juden ihre materielle Basis unter den Füßen schwindet, oft von einem Tag zum anderen, daß schon sich jüdische Hände entgegenstrecken und Helfen? Äber diese Bürgschaft ist es nicht allein, die wir meinen. Wir wollen auch Bürgschaft dafür, daß gemeinsam gedacht, gemeinsam empfunden werde, daß nicht das Schicksal des X und des Y gesichert werde, sondern daß unser aller Schicksal gestaltet werde, daß jeder nur den Platz ausfülle, innerhalb des Gesamt: „deutsches Judentum", den ihm die Gesamtheit bestimmt!. Das is,t keine fantastische Utopie, das ist unbarmherzige 'Notwendigkeit. Wir sind herausgerissen aus vielen „typischen jüdischen" Berufen; was keine Beweisführung unserer Experten, keine Bitte wissender Führer vermochte: die Außenwelt hat's geschafft — wenn auch nur negativ — daß wir aus gewissen Berufen heraus sind. Auch diese Umwelt muß ein Interesse daran haben, daß die positive Seite dieses Prozesses gesehen werde: wir müssen schließlich in andere, wenn auch weniger bequeme, weniger rentable, vielleicht auch weniger unserer Eignung entsprechende Berufe hinein. Wir haben Menschen, die kraft ihrer fachmännischen Kenntnisse Wege zeigen können, wir brauchen Menschen, die folgen, sich unterordnen. Schweres auf sich nehmen und ertragen — um der Gesamtheit willen. Auch hier sei es gleich gesagt: es werden manche zerbrechen. Es ist eine harte Zeit, wir müssen unsere Herzen panzern. Wir vertrauen in erster Linie auf unsere jungen Menschen. Sie sind zumeist schon durch die harte Schule des Lebens gegangen, haben bewußt den Zusammenbruch ihrer gut bürgerlichen Elternhäuser erlebt, sind ohne Ressentiment und ohne Illusionen. Ein Wort hier an die „Alten": Ihr müßt das alles zum wenigsten einsehen! Wir rechten nicht mit Euch, erstens weil es sinnlos wäre, denn Ihr seid Kinder Eurer, ac-h so überwundenen Zeit, zweitens weil wir u is bei der Dringlichkeit der vor uns liegenden Aufgaben garnicht mit nutzlosen Debatten über Vergangenes aufhalten dürfen. (Muß gesagt werden, daß „Alt" tder nicht aufs Jahr ausgerechnet werden kann?) Aber: wer nicht gründlich sich so umstellen kann, wie die vor uns liegende Zeit es fordert, der möge dann nicht im Wege stehen. Das gilt auch für viele, die bis zum Tag „Führer" waren in Gemeinden, in Verbänden und Organisationen. Macht Platz härteren, jüngeren Menschen, beschwert unseren Weg nicht mit Euren „Persönlichkeiten" (ganz im individualistischen Sinne!). Derer, die es wagen werden, für die gesamte jüdische Gemeinschaft in Deutschland in der kommenden Zeit in Gemeinden oder wo immer Arbeit zu leisten, führend voranzugehen, Wege zu weisen, harren schwere Aufgaben: den Raum, der uns bleibt, abzumessen, für Zuteilung ltleiner Unterräume für den Einzelnen nach Möglichkeit . zu sorgen, Abwanderung vorzubereiten und durchzuführen, wo überhaupt sie möglich sein wird, seelische Stützung durch bewußte Pflege aller Institutionen, die dazu führen körnen: der jüdischen Schulen weithin, damit wenigstens die Kinder acht Jahre lang unbeschwert und sto'z aufwachsen, der Austi'dung von Lehrern, die für solche Zeit besonderes Format haben müssen und Kinder erziehen, die doppelt gewappnet „hinaus ins feindliche Leben treten", der Jugendvereine für die Zeit von der Schulentlassung (und bereits während der Schulzeit), der Gemeinden, die wahrhaft Gemeinden sind, nicht „Verwaltungskörper." Daß muß möglich sein, oder wir wären nicht wert, daß wir leben! Möglich aber ist's nur, wenn man gründ ich mit veralteten Methoden bricht. Ressentiments hinter sich läßt, wenn Führer vorangehen, die nicht nur in der Theorie, sondern auch in ihrem eigenen, persönlichsten Leben bescheidenes, srolzes und jüdisches Gestalten des Daseins vorleben. E- Mannheimer Die Aufgaben der Jugend Die ernsten Zeiten, die heute Juden in Deutschland er- leben, können einen Wendepunkt in der jüd'schen Geschichte herbei'ühren. wenn wir unser Schicksal und unsere Aufgabe erkennen. Man drängt uns aus vielen Bezirken des deutschen Lebens. Man setzt uns eng bemessene Grenzen der politischen, geistigen und wirtschaftlichen Betätigung. Wir können nichts dagegen einwenden, daß man uns a's einer jüdischen Minderheit innerhalb des deutschen Lebensraums einen eigenen Platz anweisen will, daß man von den Juden den Aufbau einer eigenen und eigenartigen Kultur erwartet, aber wir können es nicht ruhig hinnehmen, daß man uns zu. Bürgern zweiter Klasse stempelt. Auch als Minderheit haben wir einen natürlichen Anspruch auf gleiches Recht. Doch wer hört auf unsere Proteste? Viele von uns scheint das Geschehene unbegreiflich, unverständlich, einmalig. Indes sollten wir aus unserer langen Exilgeschichte wissen, daß schon häulig Episoden scheinbarer Ruhe, scheinbaren Friedens, scheinbarer Verwurzelung jäh i'ir Er.de fanden. Die echte Eingliederung gelang nie endgültig und umso schmerzlicher war das Erwachen, je mehr man sich von dem eigenen Volkstum innerlich und äußerlich gelöst hatte. Da biedern sich Juden immer wieder an, die Unentschlossenen, ewig Halben suchen eine Zwischenlösung; aber die Besten, die stolzen Juden kehren in den

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