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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-06-01 · 10 (6.1933) · p. Seite 240

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
10 (6.1933)
Date
1933-06-01
Page
Seite 240 (sequence 6)
Language
German
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Seite 240 teil Ausdruck . . . durch die Vortrefflichkeit ihrer Gesetze und weil sie die alles (beherrschende Monarchie Gottes lehrten. So ward meine Seele von Gott unterrichtet." Noch überschwänglioher ist, wie Gregor, den die Kirche den Großen nennt, und der der Sohn eines römischen Senators war, sich über die Thora äußert: ..sie übertrifft ohneallen Vergleich jede Wissenschaft und Gelehrsamkeit, sie verkündet nichts als Wahrheit und läßt die Seele nach höheren Dingen streben. Von dem Ungelebrten wird sie verstanden, und dem Gelehrten bleibt sie immer neu." Ist es unter diesen Umständen zu verwundern, daß im letzten Jahrhundert «■ine Rähel in ihrer Sterbestunde bekannte: „Mit erhabenem Entzücken denke ich an meinen Ursprung . . . Was Zeit meines Lebens meine größte Schmach war, möchte ich jetzt um keinen Preis missen." Ist es zu verwundern, daß ein anderer berühmter Sohn des Judentums, Heinrich Heine, schrieb: „meine Vorliehe für Hellas hat abgenommen. Wenn nicht jeder Geburtsstolz töricht wäre, so könnte ich stolz sein, daß meine Ahnen dem edlen Hause Israel angehören, daß ich ein Abkömmling jener Märtyrer, die der Welt einen . Gott und eine Moral gegeben." Dieser Sohn des Judentums, der es hier als Stolz und Glück empfindet, als Jude geboren zu sein, ist derselbe, der in seinen literarischen Flegeljahreu das iböse Wort geprägt hat: „'bleiben Sie mir weg mit der altjüdischen Religion, die wünsche ich nicht meinem ärgsten Feind. Man hat nichts als Schimpf und Schande davon. Ich sage Ihnen, es ist gar keine Religion, sondern ein Unglück." Ist das Judentum ein Glück oder ein Unglück, eine Schmach oder eins Ehre? Scheint nicht die ganze Weltgeschichte, von der ältesten Vergangenheit bis zur grausamen deutschen Judennot der Gegenwart als Zeuge aufzustehen für die pessimistische Entscheidung? Wir schlagen die Bibel auf und lesen den Klageruf: „alle, die des Weges ziehen, schlagen wider dich die Hände zusammen . . . sie sperren wider dich ihren Mund auf, all deine Feinde, sie zischen und fletschen die Zähne, sie sprechen: „wir haben sie vernichtet, das ist der Tag, auf den wir gewartet, wir haben's erreicht." Wir nehmen die Apokryphen zur Hand, und gleich zu Anfang des ersten Makkabäerfouches steht geschrieben: „des Unglücks hat uns viel getroffen, seitdem wir uns von den Völkern abgesondert haben." Wir befragen Josepbus, den Geschichtsschreiber des jüdischen - Volkes, und erfahren, wie schon zu seiner Zeit dem Judentum in. giftigen Schmähschriften die ungeheuerlichsten Verleumdungen angedichtet wurden, z. B. •daß sie im Tempel einen Eselskopf verehrten. Seneka nennt das jüdische Volk im glühenden Haß des Herrenmenschen „das frevelhafteste Volk", und Tacitus wiederholt in seinen Historien all die giftigen Schmähungen, die das von dem heidnischen Rom unverstandene Judentum zum Zerrbild herabwürdigen. Und als das besiegte und gehaßte Volk seine Besieger durch seine „Sklavenmoral" überwunden hatte, als das Evangelium), die frohe Botschaft vom Sinai und von Zion, hinausgegangen war zu allen Mühseligen und Beladenen und Enterbten der Gesellschaft,, als in den Tempeln von Rom und Athen, von Alexandria und Byzanz und später in allen christlichen Domen Europas jüdische Psalmen erklangen und die heiligen Bücher der Juden verehrt und ausgelegt wurden, da wurde der Haß und die Verlästerung, die Herabsetzung und Mißhandlung noch unerträglicher. Damals begann eine durch fünfzehn Jahrhunderte sich fortsetzende Zeit des Martyriums, wie sie noch kein Volk der Erde erlitten hat. Die Päpste und die Könige, der Pöbel und Adel ganz Europas wetteiferten in Unterdrückung und Mißhandlung. Ausplünderung und Hinschlachtung der Juden. Papst Innozenz HI. erklärte, daß das ganze Volk der Juden wegen seiner Schuld am Tode des christlichen Heilands zu immerwährender Sklaverei von Gott 'bestimmt sei, und Kaiser Karl IV. verfügt in einer Urkunde: „ihr gehört uns und dem Reiche mit Leih und Gut an, wir mögen damit schaffen, tun und handeln, was wir wollen und was uns gutdünkt." „Eine peinlichere Existenz", sagt D'öllinger in seinem akademischen Vortrag über die Juden in Europa, „als die eines Juden im Mittelalter ist kaum denkbar. Jeden Tag mußte der Jude .gewärtigen, eine Erpressung oder den Verlust seines Vermögens, Kerker oder Verbannung zu erleben. Auswanderung war oft unmöglich, wurde meist, solange noch etwas von ihm zu erpressen war, verweigert. Auf den öffentlichen Straßen des Landes war er so unsicher wie ein Geachteter. So ist denn die ganze äußere 'Geschichte der Juden, während fast tausend Jahren, eine Kette von ausgesuchten Bedrückungen, von herabwürdigenden und demoralisierenden ■Quälereien, von Zwang und Verfolgung, von massenhaften Abschlachtungen, ein Wechsel von Verbannungen und Zurückrufungen. Es ist, als ob die europäischen Nationen wetteifernd alles aufgeboten hätten, um den Wahn zu verwirklichen, daß bis ans Ende der Zeiten den Juden das härteste Helotentum nach dem Ratschluß des Himmels bestimmt, und daß die Söhne der Heiden berufen seien, Büttel- und Henkersdienste an •öottes Lieblingsvolk zu verrichten." Das ist die äußere Geschichte der Juden. * In all diesen Zeiten aber traten diese um ihres Judentums willen Gemarterten an jedem Morgen vor ihren Gott und beteten aus voller Seele: „Heil uns, wie herrlich ist unser Teil, wie beglückend unser Los, wie kostbar unser Erbe! Heil uns, daß wir gewürdigt sind, das jüdische Bekenntnis „Schema Jisroel" an jedem Morgen und Abend zu beten." In allen 'diesen Zeiten brachen diese Ausgestoßenen, angesichts ihrer Thora, in den Ruf aus: „gepriesen seist' du, Ewiger, unser Gott, Weltenherr, der uns unter allen Völkern erwählt hat, uns seine Thora zu geben." In allen diesen Zeiten haben unsere Vorfahren es als ein Glück 'angesehen, Jude zu sein. » Warum? Was war der tiefste psychologische Grund, weshalb diese gepeinigten Juden des Mittelalters, bei aller äußeren Demütigung, es als hohes Glück empfanden, Juden zu sein? Diese Träger uralter religiös-sittlicher Kultiur mochten wohl, wie die Aegypter zu den Griechen, sagen „ihr seid nur wie Kinder gegen uns". Geistig und sittlich fühlte sich der Jude tausendmal höherstehend als alle seine Quäler und Verfolger. Dieses ganze rohe Mittelalter war ihm, wie das massive alte Rom — beides bezeichnete er als Edom — nur durch seine brutale Gewalt überlegen. Kein jüdisches Kind, das ohne tiefere oder weniger tiefe Thorakenntnis aufwuchs, in einer Zeit, als über der abendländisehen Welt geistige Finsternis lag. In seinem. von religiöser Weihe erfüllten Familienhaus, in seinem sozialen und Gemütsleben durfte sich der Jude höher dünken als dieses von Faustrecht, Wegelagerungen und ewigen Fehden und Kriegen erfüllte Mittelalter. Je mehr er verachtet war, um so höher achtete er sich selbst, je unglücklicher ihn die äußere Welt machte, um so glücklicher fühlte er sich in seiner inneren Welt, dem Judentum. Dieses Verhältnis zur umgebenden Kultur mußte sich, seitdem durch Renaissance und Humanismus, durch Reformation und Aufklärung ein ungeheurer Fortschritt der Bildung Europas sich angebahnt hatte, von Grund auf ändern, zumal da dieser Aufschwung mit dem Niedergang jüdischer Kultur in den letzten zwei Jahrhunderten vor Mendelssohn zusammentraf. Als sich darum vor hundertfünfzig Jahren den Juden die Pforten des Ghetto öffneten, als die bürgerliche Emanzipation ihnen als Geschenk der Humanität in den Schoß fiel, standen sie wie geblendet vor dem Glanz der Zivilisation und eilten mit lechzendem Durst zu den neuerschlossenen Quellen europäischer Literatur und Kunst. Rousseau und Voltaire, Herder und Lessing, Schiller und Goethe, Kant und Hegel und die Romantiker verdrängten die Sinailehre aus den Herzen und Geistern der bildungsdurstigen Juden. War ihnen früher das Judentum alles und die Außenwelt nichts, so wurde ihnen jetzt die Außenwelt alles und das Judentum nichts. Stand ihnen früher das Judentum so hoch, daß sie um seinetwillen alles ertragen konnten, so entfremdeten sie sich jetzt so sehr dem Ursprung ihres Seins, daß sie von dem eigenen Sein schließlich nichts mehr wußten, als daß es ihnen ein Un- * glüek war. — Hinter <uns liegt heute der Rausch der Emanzipationszeit. Aufgerüttelt aus allen unseren Träumen stehen wir heute einer schier unfaßbaren Wirklichkeit gegenüber. Eine Welt ist uns untergegangen. Alte Gespenster stehen aus ihren Gräbern auf. Jüdische Menschen werden entrechtet, aus ihrer Lebensbahn herausgeschleudert und gebran'dmarkt, jüdische Menschen, die über ihrem Menschsein ihr jüdisches Sein schon fast vergessen hatten, die sich an unser deutsches Vaterland mit flammender Liebe 'hingegeben hatten, so voll und ganz, daß sie im Begriffe standen, sich als Juden aufzugeben. Was nun? Sollen. wir in Wüsten fliehen und das Leben hassen? Sollen wir der ratlosen Verzweiflung und Verbitterung in die Arme fallen? Oder sollen wir nicht vielmehr wieder lernen, wie unsere Väter, im Judentum unser Glück und unsere Ehre zu finden? Nun denn! Wenn wir hundert Jahre lang alles Heil darin erblickt haben, es den anderen in allem gleich zu tun, wenn wir auf die trügerische Macht der Menschenliebe geharnt und dabei uns selbst verloren haben, wenn wir unsere Kostbarkeiten in den Staub geworfen und unseren Glauben in ein fadenscheiniges, blosses Gedankending, ohne Leben, ohne Saft und Kraft und Seele und Atem, verwandelt haben,- dann legt in' dieser Notzeit das Schicksal seine eiserne Faust auf uns, dann ruft unser Gott und der Gott unserer Väter im Schicksal dieser Zeit, das er über uns ergehen läßt, uns zu, daß wir, wie im Jobeljahr „zurückkehren ein jeglicher zu seinem Eigenbesitz und. zu seinem Geschlecht". Hier sind die starken Wurzeln unserer Kraft. Hier ist der Ort, wo wir ein umfriedetes, warmes Plätzchen in dieser kalten, von Liebe verlassenen Welt finden können und nicht zu betteln brauchen um die Brosamen fremder Gunst und Liebe. So hoch uns auch die Achtung von außen steht, die Achtung vor uns. selbst muß uns höher stehen. Wir müssen uns wieder bewußt werden — um so mehr, je mehr die Außenwelt uns fühlen läßt, daß wir Juden sind — daß wir nicht als Bettler in die euro-

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