Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 10 (6.1933)
- Date
- 1933-06-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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„Jugend und Gemeinde" am Schluss der Nummer' FRANKFURTER ISRAELITISCHES GEMEINDEBLATT Amtliches Organ der Israelitischen Gemeinde Das Gemeindeblatt erscheint monatlich und wird den Gemein deinitgliedern unentgeltlich durch die Post zugestellt. — Preis der Einzelnummer 50 Pfg. — Schriftleitung: Gemeindehaus, Fahrgasse 146 Fernspr.: Saumiel-Nr. JI. 27544. — Postscheckkonto: Frankfurt a. M. 33521. — Anizeigenverwaltung: M. Isaac & Co., Hölderlinstraße 3 Fernspr. 44888 (ab 15. Juni: Ravensteinstraße 11,1. Fernspr. 44888). — Anzeigen nach Tarif. — Anzeigenschluß für die nächste Nr.: 25. Juni. — Die Schriftleitung übernimmt für den Inhalt des Gemeindeblattes nur die'preßgesetzl. Verantwortung. Nachdr. nur mit Erlaubnis. 11. Jahrgang Frankfurt a. M., Juni 1933 Nr. 10 An die jüdische Jugend In einer schweren Zeit wenden wir uns an Euch, jüdische Jugend Frankfurts. Ein hartes Schicksal lastet auf unserer jüdischen Gemeinschaft, lastet auch auf Euch. Vielen von Euch sind Zukunftspläne zerstört, vielen sind die materiellen, vielen die geistigen Sicherungen vernichtet, die ihnen Inhalt, Grundlagen ihres Lebens schienen. Und doch geht das Leben weiter! Än uns allen aber ist es, das Haus zu erneuern, das unsere Wohnstatt ist, die Eckpfeiler zu stärken, die sich als zu schwach erwiesen. Dieses Werk des Aufbaus tragend und mitführend zu leisten, dazu seid Ihr jüdische Jugend in erster Linie berufen; denn Euer jüdisches, Euer menschliches Schicksal ist es, an dem Ihr baut. Und deshalb ergeht unser Ruf, ein zweifacher Ruf, an die jüdische Jugend unserer alten Gemeinde. Euch, die Ihr, bisher schon mehr als 3000 junge Juden, in den jüdischen Jugendorganisationen gewirkt habt, die Ihr in enger Verbundenheit mit den uns überkommenen jüdischen Werten, aber auch in enger Verbundenheit mit deutschem Leben und deuschem Geistesgut, zu Eurer und der Gesamtheit Zukunft gearbeitet habt, — Euch rufen wir auf, Eure Hrbeit zu verdoppeln, Eure Anstrengungen zu vervielfachen; denn ungewöhnliche Zeiten bedingen auch ungewöhnliche Anstrengungen. Euch aber, unbekannte junge Freunde, die Ihr bisher abseits standet, nicht am jüdischen Jugendleben teil hattet, an Euch ergeht unser werbender, von Verständnis und Liebe getragener Ruf. Euch, die Ihr allein seid, trifft das jüdische Schicksal unserer Tage doppelt schwer. Wir rufen Euch, wir werben um Euch, um Eure Seele, um Eure Kraft. Kommt zu unseren Jugendorganisationen! Groß ist ihre Zahl und verschieden ihre Richtung und Haltung: in einem der zahlreichen Bünde findet Ihr gewiß Menschen Eurer Art, Menschen, die Euch Freunde sein wollen, die mit Euch den Weg gemeinsam gehen wollen. Kommt zu uns! „Jugend ist die ewige Glückschance der Menschheit." Auch unsere Glückschance ist die jüdische Jugend. Wenn Ihr, die Ihr jung seid, Euch der Verantwortung gewachsen zeigt, die auf Euch, Träger der Zukunft, gelegt ist, dann müßt Ihr den Ruf der Zeit verstehen, den Ruf, der auch unser Aufruf an die jüdische Jugend ist: Der Einsame ist schwach und geknechtet. Schließt die Reihen, vereint und vervielfacht damit Eure Stärke und führet in gesammelter, geballter Kraft den kommenden Tag herauf! Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde. Ein Glück, Jude zu sein? Zum Schowuosfest Von Gemeinderabbiner Dr. C. Selig mann Im dritten Aufzug von „Nathan der Weise" fragt Reoha den Tempelherrn, der eben voim Berge Sinai kommt: „Ob's wahr, möcht ich nur gern von euch erfahren, daß es bei weitem nicht so mühsam sei, auf diesen Berg hinaufzusteigen, als herab'?" In dieser kindlichen Frage hegt eine tiefe Symbolik. Wer einmal die Höhe des Sinai erstiegen hat, für den ist es fast unmöglich, von dieser Höhe wieder herabzusteigen. Es gibt gewisse Wahrheiten, die — einmal gefunden — nicht wieder zu verlieren sind. Die Wahrheit de>s Sinai ist Gemeingut der Welt geworden. Ein Funke vom Flammengesetz des Sinai ist in die nichtjüdische Welt gefallen und hat wie kein anderer 6edank& je gezündet, daß Aegyptens und Griechenlands Weisheit davor erblaßten und die mächtigste Umwandlung des rechtlichen, gesellschaftlichen, sittlichen Lebens davon ausging. So gewaltig war die Umwälzung, welche diese Wahrheit des Sinai in der griechisch-römischen Welt hervorrief, daß Nietzsche nicht mit Unrecht von einer Umwertung aller Werte, von einem Sklavenaufstand der Moral gegen alles Selbstherrliche, Erobernde, Herrschsüchtige, was bisher allein in der Welt galt, redet. „Alles, was auf Erden gegen die Vornehmen, die Gewaltigen, die Herren, die Machthaber getan worden ist, ist nicht der Rede wert im Vergleich zu dem, was die Juden gegen sie getan haben. Die Juden haben die Sklavenmoral, das Mitleid mit den Schwachen, an die Stelle der Herrenmoral, der Selbstiherrlichkeit der Starken gesetzt. Mit den Juden begann der Sklavenaufstand der Moral, der uns heute nur deshalb aus den Augen gerückt ist, weil er — Siegreich gewesen ist." Als zum ersten Male dieses Sinaigesetz unter die alten Völker hinausflutete, da ging es wie eine mächtige Bewegung durch die heidnische Welt. Das Wort des Propheten Secharia erfüllte sich: zehn Männer aus allen Zungen faßten den Rockzipfel eines jüdischen Mannes an und sprachen, wir woben mit «uch gehen, denn wir haben gehört, daß Gott mit euch ist. Aus jener Zeit berichtet uns der berühmte Philosoph Philo aus Alexandrien: „diese Gesetze Moses' haben eine außerordentliche Anerkennung erlangt, wie die keines anderen Gesetzgebers. Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Miedergang hat fast jedes Land, jedes Volk eine Abneigung vor fremden Gesetzen. Nur mit unserem Gesetz ist es anders. Denn es unterwirft sich alle Menschen und führt sie zur Sittlichkeit: Griechen und Nichtgriechen, die Bewohner des Festlands und der Inseln, die Völker des Orients wie des Okzidents, Europäer, Asiaten, alle Völker der Erde." Damals strömten Hunderttausende, ja Millionen, aus den heidnischen Völkern dem Judentum zu. Die Verheißung der Thora hatte sich erfüllt: „diese Thora wird eure Weisheit sein in den Augen der Völker." Der griechische Rhetor T a t i a n, der im zweiten Jahrhundert nach der gewöhnlichen Zeitrechnung zu Rom lebte, schreibt: „als ich ernstlich das, was frommt, erwog, fielen mir die heiligen Schriften der Juden in die Band. Diesen gelang es, mäch zu überzeugen, und zwar durch ihren schlich-