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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-05-01 · 9 (5.1933) · p. Seite 232

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
9 (5.1933)
Date
1933-05-01
Page
Seite 232 (sequence 26)
Language
German
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Seite 232 als Individuum moralisch zum Tode zu verurteilen. Weil die Rücksicht auf den Antisemitismus die einzige Richtschnur seines jüdischen Lebens war, muß er einen Antisemitismus erleben, dem gegenüber alle Verhaltungsweisen und alle Erklärungen versagen. Unsere Antwort auf die uns gestellte Frage kann nun nicht mehr zweifelhaft sein: Ueberwindung des Antisemitismus kann nur heißen, sich von der Wertung jüdischer Dinge unter antisemitischen Gesichtspunkten freizumachen; mit einem Worte: Heilung vom jüdischen Selb st haß, sei er bewußt oder unbewußt, und Befreiung der jüdischen Energie zur Gewinnung eigener Maßstäbe und zur Gestaltung eigenen Lebens. Damit aber wird die Ueberwindung des Antisemitismus zu einer schlechthin sekundären Angelegenheit; und in der Tat gibt es nichts Absurderes als eine Gemeinschaft, die ihr eigenes Glück vom Fortschritt der anderen erwartet, anstatt sich selbst zu befreien. Was wir Juden tun oder lassen, darf sich nicht länger danach bestimmen, was Menschen dazu sagen, die im Jüdischen das Minderwertige erblicken: und es braucht es auch nicht, weil es ja doch zwecklos geworden ist. Wir müssen wieder lernen, unser Wertbewußtsein in uns selbst zu tragen, die Unwahrhaftigkeit der Identifizierung mit den Nichtjuden, seien sie Antisemiten oder nicht, zu verlassen und uns als geschichtliche Gruppe mit eigener Verantwortung und unter eigenem Namen zu bewähren, genau wie es alle anderen tun. Die Unentrinnbarkeit unseres Judeseins darf nicht länger ein Unglück sein, sondern muß wieder die. von uns selbst bejahte elementare Gegebenheit unseres Lebens werden, nach der wir unser Dasein einzurichten haben. An die Stelle einer Konstruktion mit schlechtem Gewissen muß wieder die Wirklichkeit treten. Nicht weil es Antisemiten gibt besteht die Judenfrage; sondern der Antisemitismus ist da, weil es die Judenfrage gibt und weil die Juden selber sie wegleugnen wollen. Die Judenfrage muß wieder eine jüdische Frage werden; sie darf nicht länger eine Frage der Antisemiten sein. Schon haben diejenigen, die es stets abgelehnt haben, sich das Gesetz jüdischen Handelns vom Antisemiten vorschreiben zu lassen, ein Beispiel eigener jüdischer Leistung gegeben, die vermöge ihres ehrlichen jüdischen Namens nicht minder als wegen ihrer Qualität überall da bestehen kann, wo Völker einander im Wettkampf gegenübertreten: in P a 1 ä s t i n a bauen wir unser Leben selbst, unserer eigenen Kraft vertrauend, nach unserer eigenen Art und bereit zur Verantwortung vor uns selbst wie vor der Weltgeschichte. In Palästina schaffen wir eine Kultur, die unserer Eigenart entspricht, ohne schwächliche Anlehnung an andere; dort ist Festtag und Alltag jüdisch; dort manifestiert sich Jüdisches als Wert eigener Art; dort darf der Jude stolz sein Haupt erheben, ohne sich zu etwas anderem bekennen zu müssen als zu sich selber. Dort ist auch die Ueberwindung des Antisemitismus kein Problem, und zwar legitim, weil dort Judentum nichts anderes sein will, als es wirklich ist. Wer den Antisemitismus im Galut überwinden will, will der Welt der Wirklichkeit entfliehen, will machen, daß Galut kein Galut sei; wer an die Möglichkeit jüdischer Leistung unter jüdischer Flagge glaubt und so die Kraft gewinnt, sein Judentum zu bejahen und durch die Tat zu bewähren, braucht nach der Ueberwindung des Antisemitismus nicht mehr zu fragen; er hat ihn in sich selber überwunden. Er, und nur er darf die Gewißheit haben, daß mit dem Wachsen eigener jüdischer Leistung der Antisemitismus und sein vom Wertbewußtsein der jüdischen Gemeinschaft aus ebenso unerfreulicher Gegenspieler, jener Philosemitismus, für den die restlose Assimilation die einzige Lösung der Judenfrage war, abgelöst werden wird durch die ehrliche und aufrechte Freundschaft oder Gegnerschaft zwischen gleichwertigen Partnern, wie es im Völkerleben überall üblich ist. Wer die Freundschaft anderer will, ohne dasselbe zu leisten wie die anderen, dem ist mit Ueberwindung des Antisemitismus nicht zu helfen. Wem aber sein Judesein der primäre Wert seines Daseins ist, an dessen berechtigtem Stolz muß alle Qual der Gegenwart erlahmen. Die Ueberwindung des Antisemitismus heißt: Zionismus. Martin Pleßner Die ökonomische Funktion des Antisemitismus Die Spannungen innerhalb der heutigen Gesellschaft sind in ihrer Stärke abhängig von dem Verteilungsverhältnis der erzeugten Güter. In bestimmten Zeitaibschnitten treten im Verteilungsprozeß Störungen ein, die das Gleichgewicht gefährden, indem sie den Anteil immer breiterer Schichten der Bevölkerung am „Sozialprodukt" bis unter das Existenzminimum herabdriicken. Im Bewußtsein dieser Massen vollzieht sich dann jene Wandlung, die man als die Folge .materialistischer Verhetzung bezeichnet und die nichts weiter ist, als der durch die wachsende Verelendung notwendige Zusammenbruch einer Ideologie, die nicht mehr ausreichen kann, um die sich verschärfenden ökonomischen Gegensätze zu erklären oder zu verbergen. Von diesem Gesichtspunkt aus ist auch die verstärkte antisemitische Propaganda in Deutschland zu verstehen. Es besteht eine reale Beziehung zwischen dem 'deutschen Ahasver des 20. Jahrhunderts und der Schrumpfung der Produktion in Deutschland, den Millionen Arbeitslosen, der immer weiter sinkenden Kaufkraft der Massen. Der Antisemitismus ist kein ewiges tragisches Schicksal der Juden, sondern — wie diese selbst — eine von der sozialen Situation anhängige Erscheinung. Die reale Gefährdung durch den Antisemitismus ist nicht für alle Juden gleich groß, sie schwindet mit der Höhe der sozialen Stufenleiter und wächst mit der allgemeinen Gefährdung durch Abgleiten zu ökonomisch Entwurzelten und Pauperisierten. Die anthropologische Argumentation des modernen Judenhasses hat als Ausgangspunkt den Bestand einer jüdischen Rasse und folgert daraus, daß die gesellschaftliche Funktion der Juden an ihre körperlichen und geistigen einheitliehen Merkmale gebunden sei. Die Juden seien eine privilegierte Schicht in Deutschland, die an der „deutschen Not"' die Hauptschuld tragen. Die Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben bedeute daher die Beseitigung der Ursache deutscher Not. Im jüdischen Lager bemüht man sieh, den Beweis zu erbringen, daß die Juden nicht jene rassengebundene Mission der Unheilstiftung hätten. Zur Erklärung des tatsächlichen Bestehens einer wachsenden antisemitischen Bereitschaft der nichtjüdischen Bevölkerung kommt man zu zionistischen, liberalen oder orthodoxen Lösungen, die, unter Verkennung der sozialen Funktion des Antisemitismus, den Judenhaß weder erklären, noch wirksam bekämpfen können. Auf die Anwürfe der Antisemiten gegen die Juden gibt es keine jüdische Antwort, die "wie jene von einer Einheit des Judentums ausgeht. Die Antwort muß, je nach der Klassenzugehörigkeit, verschieden »ein. Der besitzende Jude zählt in einer Gesellschaftsordnung der Besitzenden zu der herrschenden, der privilegierten Klasse, der besitzlose Jude zu der beherrschten, rechtlosen Klasse.. Daß gesellschaftlicher -Boykott der jüdischen Bourgeoisie die feudalen und großbürgerlichen Salons verschließt, ist für den Betroffenen bitter und schmerzlich, hat aber nichts gemein mit der Not des jüdischen Mittelstandes, der jüdischen Arbeiterschaft, der die allgemeine Not des nichtjüdischen Mittelstandes, der nichtjüdischen Arbeiterschaft um nichts nachsteht Die katastrophale wirtschaftliche Lage des jüdischen Kleinbürgertums ist nicht auf den Antisemitismus zurückzuführen, sondern ist eine im Rahmen des allgemeinen kleinbürgerlichen Aufreibungsprozesses zu verstehende Erscheinung. Dies kann dadurch nicht widerlegt werden, daß in einzelnen Fällen jüdische Angestellte als Juden entlassen werden. Die objektiven Tendenzen der' kapitalistischen Wirtschaft werden mir „national" verdeckt, entscheidend sind nicht Gefühle, entscheidend sind die nüchternen, unsentimentalen Gesetze der Wirtschaft. Und diese fragt nicht nach Rasse, Religion, Nation. Die ostelbischen Junker beschäftigen - alljährlich Tausende polnische Saisonarbeiter, weil sie billiger sind und besser arbeiten können als die „'blutsverwandten" deutschen Arbeitslosen. Als Analogen: Aus einem Reisebericht erfuhr man, daß sogar orthodoxe und zionistische Fabrikanten in Polen häufig nicht einen einzigen jüdischen Arbeiter beschäftigen. Der Kampf gegen den Antisemitismus, bedeutet daher nicht nur Widerlegung der antijüdischen Argumente, sondern Kampf gegen eine Auffassung, die als eine Abwehrbewegung gegen ihren Untergang noch einmal den „ewigen Juden" aus der Rumpelkammer der Geschichte hervorholt. Die Parole der Gleichheit und Freiheit war die Parole des revolutionären Bürgertums gegen die feudalen Fesseln des Ständewesens und der bäuerlichen Leibeigenschaft. Der Sieg des Bürgertums im Westen brachte mit der Sprengung des Ghettos den Aufstieg der Juden vom Krämer zum Kaufmann und Bankier und in der letzten Epoche des deutschen Bürgertums die Spaltung der Juden $u Deutschland durch die Angestellten mit und ohne Stellung, durch die Enteignung des Mittelstandes, durch das Entstehen eines akademischen Proletariats, durch die Zuwanderung der Ostjuden, soweit es ihnen nicht gelang, über den Arbeiter, den Althändler und Hausierer hinauszukommen. Der Sieg des Bürgertums brachte nicht „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit", er brachte „freie" Knechtung, Armut durch den Reichtum^ Haß und Feindseligkeit. Er brachte die „wissenschaiftiiche" Form des Judenhasses. Der Kapitalismus schuf das moderne Proletariat und damit die Voraussetzungen seiner eigenen Ueberwindung. Das ist die historische Aufgabe, die es zu lösen gilt. -Wird sie gelöst, so fallen die Ursachen sozialer Spannungen, so ist die objektive Funktion des Antisemitismus 'hinfällig, so ist die historische Kategorie Antisemitismus am Ende ihrer Historie. Max Mandel!

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