Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 9 (5.1933)
- Date
- 1933-05-01
- Page
- Seite 231 (sequence 25)
- Language
- German
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Seite 231 des religiösen Juden begründet sein. Der Xational-Jude nun gar hat sich das gegenteilige Dogma zurechtgemacht. Für ihn ist der Antisemitismus die Bewegung vom Schlechten zum noch Schlechteren. Nach seiner Ansicht kann der Antisemitismus überhaupt immer nur noch schlechter werden. Er verkündet täglich: „Haben wir es nicht immer gesagt?" Er versucht mit den sich verstärkenden antisemitischen Strömungen die Richtigkeit seiner nationaljüdischen Theorie zu beweisen. Er hat so eine „Verelendungstheori e" des Antisemitismus aufgestellt, so, wie die religiösen Juden eine messianische Theorie des Antisemitismus aufgestellt hatten. Antisemitismus in Wahrheit ist weder eine Bewegung, die sich zum ganz Guten entwickelt, wo jede Spannung aufhören wird, noch eine Bewegung, die sich zxim ganz Schlechten entwickelt, wo alles Jüdische vernichtet wird. Antisemitismus kann vielmehr nur dialektisch gesehen werden: die jüdische Art stellt sich der Art der Umwelt entgegen. Leben unter und mit anderen Menschen heißt Reibung, heißt Spannung. Antisemitismus ist wie das ewige Meer: Wellenberge, Wellentäler, ein ewiger Zustand. Aber weder fließt das Wasser den Wellenberg in dauernder Bewegung herauf, noch fließt es das Wellental dauernd hinunter, sondern der Zustand des Hinauf und Hinab, des Wechseins von Berg und Tal bleibt; und nur für den Tropfen bedeutet das Auf und Ab eine Bewegung, in der er untergeht, nur für den Tropfen. Für den Juden, der mit dem Geschichtsablauf und somit mit sich selbst im Bruch steht, für den dem wirkliehen jüdischen historischen Dasein, der Diaspora-Existenz entfremdeten Juden, bedeutet also der Antisemitismus, auch der heute sich übersteigernde Judenhaß ein memento mori, eine Erschütterung seiner geistigen Position. Der Deutschjude dagegen, eins mit dem historischen Schicksal des Judentums, eins mit der gewachsenen Kultur, dem Geistigen in seiner Umwelt, eins mit den in ihm wie in seinen Vätern imö. Kindern strömenden Blutzusammenhängen: er überwindet im Innern, im Geistig-Seelischen, im Kern unerschüttert, auch harte Zeit; denn er hat die Sicherheit aus zwei Jahrtausenden jüdischer Geschichte. Ernst Holz er Die jüdische Antwort Die Frage nach der Ueberwindbarkeit des Antisemitismus ist nicht so wirklichkeitsfremd, wie sie dem im Deutschland von 1933 lebenden Juden auf den ersten Blick erscheinen könnte. Allerdings, um sie fruchtbar zu behandeln, muß man wissen, warum man sie stellt. Wer im Antisemitismus lediglich ein Hindernis sieht, sein Judentum so zu verstecken, wie es speziell zahlreiche deutsche Juden seit vielen Jahrzehnten für richtig befunden haben, der hat von einer Ueberwindung des Antisemitismus als Jude nichts zu erwarten. Wer der Auffassung ist, daß mit dem Verschwinden des Antisemitismus alle jüdischen Probleme von selbst aufhören, der hat weder vom Antisemitismus noch vom Judentum etwas begriffen. Wer das Aufhören des Antisemitismus wünscht, um das Judentum langsam, aber sicher zu Grabe tragen zu können, kann nicht unser Verhandlungspartner sein. Die Geschichte des Judentums lehrt, daß vom Rückgang des Antisemitismus stets nur der einzelne Jude einen' Vorteil hatte, der den Zusammenhang mit der jüdischen Gemeinschaft lösen wollte, ohne sich äußerlich von ihr trennen zu müssen, aber auch, ohne sein Alltagsleben im jüdischen Bezirk zu leben und ohne an jüdischer Verantwortung Teil zu haben. Für die jüdische Gemeinschaft als solche ist der Antisemitismus niemals nur ein Unsegen gewesen. Hätte der Antisemitismus nicht die Juden, seit sie in der Zerstreuung leben, in ihrem Anderssein auch gegen ihren Willen bestärkt — vielleicht gäbe es heute keine Juden mehr. Viele Juden würden dies für ein Glück halten. Da es aber keinen Sinn hat, jüdische Dinge mit Juden zu diskutieren, die ihre eigene Art verwünschen, weil sie wegen dieser ihrer eigenen Art angefeindet werden, können wir die von der Redaktion gestellte Frage nur behandeln, wenn wir zuvor danach gefragt haben, was die jüdische Gemeinschaft von einer Ueberwindung des Antisemitismus zu erhoffen hätte. Auf diese Vorfrage kann die Antwort nur lauten: die Möglichkeit freier Entfaltung jüdischen Lebens, allerdings unter der Voraussetzung, daß man davon Gebrauch zu machen weiß! Jüdisches Leben ist nämlich mehr als die Möglichkeit wirtschaftlicher Betätigung in der Diaspora, mehr als die Erlangung von Beamtenstellen, überhaupt mehr als alles, was der Jude bestenfalls nur, obwohl er Jude ist, erreichen kann. Jüdisches Leben ist vielmehr das, was die Juden tun, weil sie Juden sind. Jüdisches Leben ist die Gestaltung des jüdischen Schicksals im jüdischen Kreise. Jüdisches Leben ist die Sammlung aller jüdischen Kulturkraft um ein jüdisches Zentrum. Jüdisches Leben ist die Messung aller Dinge an jüdischen Maßstäben, in Theorie und Praxis. Kein Volk hat den Gebrauch seiner eigenen Maßstäbe so verlernt wie das moderne Judentum; kein Volk kennt die Trennung zwischen Alltag und geistigem Leben, der der Jude seit der Emanzipation unterliegt. Jede nationale Gruppe entfaltet ihre Kultur in und an der Gestaltung und Deutung ihrer materiellen Wirklichkeit. Auch das jüdische Volk war dazu in der Lage, sogar während des „finsteren Mittelalters", jwar nicht in einem einzigen Lande, sondern an vielen Orten, nicht in äußerer Freiheit, sondern unter Druck; und trotzdem vollzog sich die Gestaltung jüdischen Lebens in überraschender Einheitlichkeit. Die Ghettomauern fielen; der Jude wurde freier Bürger. Aber anstatt die neugewonnene Freiheit zu verstärkter Sammlung und zur Schaffung neuen jüdischen Lebens auszuwerten, machte er sein- Judentum zur Privatsache, erklärte — was früher niemals einem Juden oder Nichtjuden eingefallen wäre — das jüdische Volk als nichtexistent und trat als Mitglied desjenigen Volkes auf, das ihm lediglich staatsbürgerliche Rechte, nicht aber die Volkszugehörigkeit verliehen hatte, die ja überhaupt nichts Verleihbares ist. Und nicht nur dies: der Jude betrachtete den neugeschaffenen und von ihm falsch ausgedeuteten Zustand als unabänderliche Tatsache, so sehr, daß er sich seiner jüdischen Gemeinschaft, die ihrerseits fast nur der ständigen Beteuerung eines möglichst dem Nulhvert sich nähernden Judeseins diente, lediglieh noch durch ein inhaltsloses Bekenntnis der Zugehörigkeit verbunden fühlte — soweit er es nicht vorzog, auch darauf zu verzichten. Was Ausnahme im Judenschicksal war, betrachtete er als neue Regel; mit dem Schicksal der Juden anderswo wollte er nichts zu tun haben, was-über bloße Humanität hinausging. Die endgültige Ueberwindung des Antisemitismus — eines Antisemitismus, der wirklich keine Störung des Judeseins mehr bedeutete, auf den man aber merkwürdigerweise allen Ehrgeiz konzentrierte — galt nur noch als eine Frage der Zeit; bis dahin war es erste Aufgabe jedes Juden, alles zu vermeiden, was dem Antisemiten Aergernis geben könnte, mochten dabei auch die widersprechendsten Verhaltungsweisen und Erklärungen herauskommen. Man suchte sich selbst und dem anderen zu beweisen, daß man nicht da war, wenigstens als Jude. Wohl gab es Juden, die diesen Zustand für unerträglich hielten, die die Freiheit vom Judentum durch eine Freiheit f ü r das Judentum ersetzen wollten, die die Unwahrhaftigkeit der Existenz des entjudeten Juden empfanden und die Folgen solcher Unwahrhaftigkeit für das Judentum wie für das Zusammenleben von Juden und Nichtjuden voraussahen. Sie wurden verlacht, weil man sich sicher und geborgen fühlte; sie wurden angefeindet, weil sie auf das unveränderte Fortbestehen der Judenfrage hinwiesen, die man begraben sein lassen wollte; sie wurden denunziert, weil man ein besserer Volksgenosse zu sein glaubte, wenn man den anderen eines Mangels an außerjüdischen Idealen verdächtigen konnte. Heute zeigt es sich, daß es keine unabänderlichen Tatsachen gibt. Ohne behaupten zu wollen, daß das, was heute in Deutschland geschieht, auch in anderen Ländern möglich wäre, muß man doch zugeben, daß gerade die Unwahrhaftigkeit des reduzierten und „getarnten" Judentums es war, die den Anstoß zu dieser gewaltsamen Reaktion gegeben hat. Und wie jede Reaktion auf einen unerträglich gewordenen Zustand schießt auch diese über das Ziel hinaus: heute müssen wir es erleben, daß unsere Andersartigkeit nicht nur festgestellt wird, was für die denaturierten Juden der Gegenwart schon schlimm genug wäre, sondern daß das Jüdische sogar als das Minderwertige schlechthin beträchtet wird. Der Jude wird nicht nur überall aufgestöbert, sondern auch entfernt, selbst da, wo er Gutes und Wertvolles geleistet hat; man will ihn überhaupt nicht mehr, selbst da, wo er nicht in außerjüdischer Maske auftritt. Weil der Jude seine Anders a r t igkeit nicht wahr haben und auch den Nichtjuden darüber hinwegtäuschen wollte, weil er aus seinem Judentum nichts zu machen wußte und im Anschluß an fremdes Volkstum die einzige Rettung aus seinem jüdischen Nichts erblickte, will man ihm nicht einmal mehr die Gleich w e r t i g keit konzedieren. Für etwas, was ihm selber nichts bedeutet und dessen er sich doch nicht entäußern kann, muß der Jude heute leiden, für die Tatsache seines Judenseins. Eine Judenfrage gab es für ihn nur vom außerjüdischen Standpunkt aus, nämlich insofern sie der Antisemit als bestehend betrachtete. Weil er von einem jüdischen Wertsystem aus, das ihm ja nicht mehr zu Gebote stand, die Judenfrage nicht anerkennen wollte, weil er sie lediglich auf die vermeintliche Unfreiheit des jüdischen Individuums, nicht auf die wirkliche der jüdischen Gemeinschaft bezog, muß er sich nun eine Deutung dieser Frage gefallen lassen, deren Wertmaßstab er nicht mehr übernehmen kann, ohne sich auch