Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 9 (5.1933)
- Date
- 1933-05-01
- Page
- Seite 233 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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Wiedergeburt Seite 233 Geschichte ist nicht mit Vergangenheit gleichzusetzen, denn sie birgt schon den Keim der Zukunft in sich. Ein Jetzt der Geschichte gibt es nicht, wir können nicht handeln, wie „der Augenblick "es -verlangt". Von keiner Bewegung oder Idee des Judentums kann behauptet werden, sie sei eine Gegenwartsbewegung oder gar eine moderne Bewegung. Jede Bewegung ist nur die Projektion aller geschichtlichen Kräfte auf einen Zeitabschnitt. Wir sollen die Geschichte nicht zum Götzen erheben. Wir dürfen nicht erwarten, daß sie uns eine Vorschrift für unser V erhalten zu den Fragen der Umwelt gibt, wohl aber, daß sie für unsere geistige Haltung mitbestimmend ist. Jede Zeit hat andere Gegebenheiten — bedingt durch wirtschaftliche und kulturelle Einflüsse — Geschichte aber ist die Linie, die durch alle Gegebenheiten führt. In unser wagerechtes. Verhältnis zur Umwelt kann sich die senkrechte Geschichte nicht einordnen. Haltung aber ist das Verhalten zu sich. Sie ist mitbestimmt durch die geistigen Kräfte, die durch die Jahrhunderte zu uns getragen wurden und deren Ausdruck wir sind. Das Hineingeborensein in die Gemeinschaft kann uns nicht genügen. Wir müssen Stellung nehmen. So Stellung nehmen, al's ob von uns das Geschick des Judentums abhinge. Welche Wege sieht nun der junge Jude vor sich, wie verhalten sich die verschiedenen Richtungen des Judentums zur Judenfeindschaft? Im Denkbereich besteht die Möglichkeit, sich von seinem Volk zu trennen. Allerdings schließt das Leben eines normalen Volkes diese Möglichkeit praktisch aus, denn für gesunde Völker gibt es nur ein Gesetz der U m w a n d 1 u n g, nicht aber der Sezession. Für das jüdische Volk besteht aber noch diese Möglichkeit, wenn auch Tradition, Vererbung und Erziehung das nicht so klar hervortreten lassen. Drei Wege liegen vor uns: ^Radikale Assimilation, Mission des Judentums durch" den einzelnen Juden, kulturelle und wirtschaftliche, nationale Wiedergeburt. Das sind die großen Straßen — ohne Seitenpfade. Einen Augenblick stehen wir und hören: Schwere Bedrängnis lastet auf Land und Volk. Sie rührt nicht allein von den römischen Landpflegern —-sie begnügen sich ja damit, das Land mit allen Mitteln römischer Verwaltungskunst auszusaugen. Ernster ist der neue Vorstoß des Hellenismus, der jetzt auf breiterer Front erfolgt als unter den Seleuciden. Auch jetzt windet sich der Antijudaismus an der jüdischen Tradition empor — im letzten aber treiben ihn andere -Kräfte. Trotz der politischen Unterwerfung Judäas ist es Rom nicht gelungen, die Juden zu unterwerfen. Im Gegenteil — fester wird der Zusammenhalt der bewußten Juden, die Bedeutung des Tempels wird größer, der Zusammenhang zwischen Palästina und der Diaspora verdichtet sich. In dem gleichen Maß verstärkt sich auch die Gegnerschaft der griechisch-syrischen Mischbevölkerung, die hinter sich das Wohlwollen* der Verwaltung und der Armee hat. In Städten mit gemischter Bevölkerung kommt es zu blutigen Zusammenstößen. Zeiten der Notwehr bedeuten oft Zeiten der Selbstbesinnung. So beginnt innerhalb des Judentums eine fruchtbare Klärung. Und als schließlich der Krieg begann, als die Zeloten die XII. Legion des Cestius Gallus bei Bethöron aufrieben, als eine gemäßigte Nationalregierung das Land zu sichern versuchte, war die Gruppierung deutlich geworden. Dort die Assimi- lanten jeglicher Schattierung — von der Art des Tiberius Alexander über den König Agrippa II. bis zu gewissen Kreisen der Priesteraristokratie — h i e r die sich irgendwie vom Judentum bestimmt fühlenden — von den gemäßigten Pharisäern über Rabbi Jochanan ben Sakkai bis zu den gemäßigten Zeloten des Eleasar ben Schimon und den terroristischen Gruppen des Schimon bar Giora und des Jochanan aus Gis'chala. Allmählich enthüllt der Antijudaismus sein wahres Gesicht. Deutlich zeigt sich, wie er nicht gegen den jüdischen Ritus, nicht gegen die jüdische Rasse, nicht gegen den jüdischen Nationalismus allein gerichtet ist, sich nicht gegen den einzelnen Juden wendet, sondern gegen die Juden als historische Einheit, wenn auch verschiedene Motive nach Maßgabe der Verhältnisse in den Vordergrund treten. Wie verhalten sich nun die verschiedenen Richtungen des Judentums zu diesen Angriffen? Nicht wenige versuchen, das Judentum wie ein unbequemes Gewand abzustreifen. Einigen gelingt es, sich durch Aufgabe des Judeseins einen Aufstieg in die Gesellschaft' zu erkaufen. (Im Lände selbst war naturgemäß die Preisgabe schwerer als in der Diaspora.) Typisch für diese Gruppe ist Tiberius Alexander, ein Verwandter des Philo. Seine Vergangenheit tauscht er gegen eine Gegenwart ein, die ihm große Erfolgsmöglichkeiten bietet, er bringt es bis zum Statthalter von Aegypten. Nicht nur einzelne gehen diesen Weg, sondern auch große Gruppen. Als sich nämlich der Ring des römischen Heeres schon fast um Jerusalem geschlossen hat, da begegnen den Pilgern, die ihr Lamm zum Pessachopfer bringen und den kriegsbereiten Zelotengruppen kleine Gruppen von Essäern und Xazarenern, die von der Stadt kommen, um nach Transjordanien zu flüchten. Sie werden ihre Hütten in Transjordanien bauen — ihre Flucht aber geht weiter. Sie fliehen in eine andere Welt, sie vertauschen willig den irdischen Ablauf mit der himmlischen Hoffnung. Dieses Leben — und die Angriffe auf dieses Leben — sind ihnen im tiefsten gleigültig. Während ein Teil also durch Selbstaufgabe oder Abkehr das Problem zu lösen versucht, faßt das gemeinsame Schicksal die in der Stadt — und im Volk — Zurückbleibenden zu einer Zwangsgemeinschaft zusammen. Viele werden sich der Bedeutung ihres Handels nicht bewußt — die Zeloten aber heben sich aus der Masse. Wenn auch unter den Zeloten graduelle Verschiedenheiten bestehen — ein Gedanke ist allen gemeinsam: die staatlich selbständige Organisation des Volkes zu erhalten. Sie sind erzürnt, weil römische Soldaten den Tempel schänden können, weil die aus dem Land gepreßten Steuern in fremde Taschen und Länder gehen. Es ist die äußere Notlage der jüdischen Gemeinschaft, ihre politisch passive Rolle, was die ..Eiferer" zu bewaffnetem Kampf treibt. Im übrigen, darf nicht vergessen werden, daß bei allen innerjüdischen Kämpfen die soziale Schichtung des Volkes von großem Einfluß war. (Verbrennung des Schuldarchivs, Klassenjustiz der revolutionären Gerichtshöfe usw.) Jenseits aller Bewertung und Beurteilung aber muß die Ehrfurcht vor der heiligen Kraft der .Barjonim' liegen, die sie in den Stand setzte^ trotz Hunger und tausend anderen Todesgefahren einer ganzen Welt zu trotzen. Aber als ihre übermenschliche Tapferkeit, ihr grenzenloser Opfermut fruchtlos blieb, als die edelste Selbstopferung der Sechshundert in Masada den Widerstand beendet hatte, da zeigte sich, daß in ihnen nicht nur die Organisation des Judentums getroffen war, sondern das Judentum selbst. Selbstmord ist ihr Weg — denn verbrannt ist der TempelT begraben der Traum einer makkabäischen Erneuerung. Mit der Schale — so glaubten sie — sei auch der Kern zerbrochen. Es gab Menschen, die in sich den Uebergang fühlten und versuchten, neue Wege zu finden. Manche aber haben nur die Kraft, das Suchen des Neuen zu beginnen, nicht aber die Kraft, den Weg zu Ende zu gehen. Eine der tragischsten Gestalten unserer Geschichte ist Josef ben Matthias oder Flavius Josephus. Hier stehen die Fragenden — hier sind wir selbst. Hier ist unsre Frage — aber nicht unser Weg. Wir wissen alle um die Erzählung des Talmud, wie Rabbi, Jochanan ben Sakkai sich im Sarg aus der Stadt tragen läßt, wie er dem Konsul Vespasian die Erringung der Caesarenwürde prophezeit, wie dieser ihm als Dank das Lehrhaus in Jawne zugesteht und den Arzt für Rabbi Zadok. Und der Talmud erzählt auch, wie Rabbi Jochanan den Entschluß faßte, die Stadt zu verlassen: Dann nämlich, als er sah, wie die Krieger- Stroh kochten und aßen. Da mußte er die Sinnlosigkeit dieser Opfer fühlen. Doppelt bewußt wird ihm seine Verantwortung und Führerschaft. Und er geht nach Jawne — oder besser: er geht über Jawne. Denn Uebergang ist Jawne und kein Ziel. Man hüte sich davor, Jawne und die Lehrhäuser sich als religiöse Einrichtungen allein vorzustellen. Uebergang und Bewahrung ist Jawne. Tag und Nacht wird der Wiederaufbau des Tempels erwartet, obwohl mit dem Tempel i h r Judesein nicht zerstört wurde. Und es ist kein Zufall, daß die letzte Erhebung (Rabbi Akiba, Bar Kochba) von Jawne ausging. Bewahrung und Uebergang': Bewahrerin der dokumentierten jüdischen Geschichte — Uebergang zum neuen Tempelbau. Nichts liegt mir ferner, als der Geschichte Gewalt anzutun, sie zu vereinfachen und zu schematisieren —• denn die Geschichte ist nicht unser Geschöpf, sondern w i r sind die Geschöpfe der Geschichte. Eines aber dürfen wir sagen: Unsere Aufgabe ist es, der Judenfeindschaft so zu begegnen, daß sie ihres zeitgegebenen Gewandes entkleidet wird und wir fühlen, was sie sein muß — ein Mahnzeichen der Wiedergeburt. Erich E. Schwarz Schluss der Beilage. Verantwortlich für die Schriftleitung der Beilage: Emst Holzer in Frankfurt a. M.