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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-05-01 · 9 (5.1933) · p. Seite 230

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
9 (5.1933)
Date
1933-05-01
Page
Seite 230 (sequence 24)
Language
German
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt _Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde Hr'9_;_____(MAI 1933 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an den Schriftleiter der Beilage, Ernst Holzer, Corneliusstrasse 8, zu richten IST DER AN! 1SEMITISMUSI ÜBERWINDBAR? Antisemitismus, dialektisch gesehen Was sind die Juden? Die verschiedenen Theorien über das Judentum sind verhältnismäßig jüngeren Datums, soweit wir es wenigstens mit den Theorien von Juden über das Judentum zu tun haben. In der Voremanzipationszeit, als die Juden ja auch nicht — wie man es irrigerweise von der Zeit der Ghetti anzunehmen pflegt — völlig abgeschlossen von ihrer Umwelt lebten (die deutschjüdischen Minnesänger oder die spanischjüdische Kultur der maurischen Epoche sind dessen Gegenzeugen), in der Voremanzipationszeit also war die innere Stärke, das selbstverständliche innere Artbewußtsein zu stark, als daß es besonderer Untersuchungen, besonderer Ueberlegungen über das Wesen dieser Sonderart bedurft hätte. Die älteste Theorie der Nachemanzipationszeit ist zweifellos die: die Juden sind eine Konfession. Sie unterscheiden sich von ihr er Umwelt durch den Glauben; und ob dieser jüdische Gla ube sich nun in dem mehr oder weniger überlieferten, im sogenannten orthodoxen Ritus demonstrierte, oder ob er -eine dem Protestantischen bewußt angenäherte oder doch den modernen Lebensformen angepaßte qualitativ und allzuoft auch quantitativ verkleinerte sogenannte liberale Form annahm: das ist im Prinzip gleichgültig. Judentum ist eine Konfession. Die Juden sind Staatsbürger jüdischen Glaubens. Diese Theorie glatt verneinend und dieser These die Antithese gegenüberstellend, kommt um die Jahrhundertwende die andere Theorie auf, die zionistische. Die Juden sind ein V o 1 k, ein Volk (Herzl). Aus der jüdischen Nationalgeschichte, die als eine geschlossene Nationalgeschichte freilich 2000 Jahre früher aufgehört hatte, aus einem beschwörend heraufzitierten, alle Judenschaften verbinden wollenden „nationalen" Bewußtsein, und schließlich aus all den zwar noch fehlenden, aber, wie man hoffte, wieder herbeizuschaffenden Notwendigkeiten einer Nation, gemeinsame Sprache, gemeinsame Kultur, gemeinsames Land: aus all dem sollte das eine Volk wieder entstehen. Judentum war so als „Nation im Werden" zu betrachten. Die Wahrheit liegt wie meistens in der Mitte. Die jüngeren heutigen Menschen glauben festgestellt zu haben, daß die beiden Theorien in ihrer Starrheit und. letzten Konsequenz nicht auf das wirkliche Leben zutreffen. Aufgewachsen sind sie in einer nüchternen, religionslosen Zeit, — wir sprechen von den Jahrgängen 1900—1905, die die Zeit ihres Reifens zwischen 1920 und 1930 erlebten —. aufgewachsen sind sie in einer dem Religiösen abgewandten Zeit. Ihnen genügte also weder die Theorie, daß das Judentum nur eine Glaubengemeinschaft, noch die, daß es eine nationale Gemeinschaft wäre. Und doch erkennen sie die verpflichtenden Tatsachen ihres Judeseins vollkommen und restlos und gerne an. Für sie versteht sich das Judentum auf der mittleren Linie der beiden alten Theorien. Dialektisch gesehen, entwickelt sich nach ihrer Auffassung vom Judentum eine neue Synthese. Judentum ist ihnen Kultur-, Schicksals- und Abstammungsgemeinschaft, wobei — soweit sich im Einzelwesen die Komponenten, die einen Menschen in seiner Einmaligkeit ausmachen, überhaupt fein säuberlich trennen lassen — Kultur den Deutschjuden mehr an das Deutsche, Abstammung ihn mehr an das Jüdische, Schicksal aber an das spezifisch Deutschjüdische als einmalige historische Tatsache binden. Die Frage, was an deutschen oder an jüdischen Quellen in den Deufcschjuden stärker sei, kann generell nicht beantwortet werden: sie ist nur für jeden Einzelnen so oder so zu beantworten. Wünschenswert und als Ziel und geistige Richtung erscheint "dieser jüngeren, deutschjüdischen Generation jedenfalls die Erhaltung des Jüdischen in Deutschland in der geschichtlich gewordenen, mit deutschem Land und deutscher Kultur und deutscher Art verbundenen deutschjüdischen Form. Deutscbjudentum, dialektisch gesehen, ist also zu definieren als eine im Deutschen und im Jüdischen wurzelnde, weder das Primat des einen noch das des anderen grundsätzlich anerkennende, deutschjüdische Kultur-, Schicksals- und Abstammungsgemeinschaft. Die aus dem Jüdischen und die aus dem Deutschen kommenden Quellen befruchten sie wechselseitig. Deutschjudentum, vom Standpunkt der Geschichtserfahrung gesehen, — die ja bekanntlich nicht unbedingt für den lebenden Menschen Richtschnur zu sein pflegt —, verkörpert zudem das historisch Wahre, d. h. dasjenige Judentum, das sich bewußt in den ungebrochenen Geschichtsablauf einordnet. Wenn die jüdische Weltgeschichte eine Epoche mit der Zerstörung des Tempels und des Reichs vor zwei Jahrtausenden begonnen hat, so läßt sich diese Geschichte nicht wie ein Rad zurückdrehen. Und wenn die Erscheinungsform des Judentums in der Welt seitdem die Diaspora, die Zerstreuung war, so können wir Heutigen diese Geschichtstatsache nur hinnehmen. Und wenn wir schließlich bewußt und gerne dieses, jüdische Diasporaschicksal mit seinen Konsequenzen akzeptieren in der uns überkommenen Gestalt, der deutschjüdischen, so leben wir das historisch wahre, weil geschichtlich erwiesene Judentum. n. Was ist nun A n tis emi tisanus? Unter Antisemitismus versteht man die dauernden Spannungen zwischen Juden und ihrer Umwelt. Man kann in dieser Erkenntnis erheblich weitergehen als die Zionisten Arnold Zweig und F. Bernstein, die in ihren grundlegenden Untersuchungen über das Wesen des Antisemitismus ihn als eine Gruppenleidenschaft erklären, wie sie immer von Mehrheiten gegen eine Minderheit gerichtet wird. Man kann vielmehr sagen, daß auch dort, wo jüdische Mehrheiten bestehen, seitens der Minderheiten antisemitische Haltungen und Handlungen vorkommen. Spannungen entstehen überall, wo Menschen zusammenkommen, zusammenleben; das liegt in der menschlichen Natur. Antisemitismus, Spannungen, Reibungen zwischen Juden und ihrer Umwelt, entstehen, wo eben Juden mit Nichtjuden zusammenleben. Solange es also Juden geben wird, wird es Antisemitismus geben. Antisemitismus auf einen normalen, bei Menschen selbstverständlichen „menschlichen" Grad beschränkt, wird nicht überwindbar sein; er braucht auch nicht über-: wunden zu werden. Der Deutschjude nun, der weder das Judentum zu einer „bloßen" Religion noch zu einer unwirklichen, weil ja anerkanntermaßen gar nicht vorhandenen Nation verflüssigt sehen will sondern der die geschichtliche Gewordenheit des Deutschjuden „heute und hier" bejaht und lebt, — der Deutschjude akzeptiert also auch den Schatten dieser deutschjüdischen Diaspora -Existenz: den Antisemitismus, als Reibung zwischen Juden Tind ihrer Umwelt verstanden. Freilich mit seiner ganzen Kraft, mit seinem ganzen Ethos, mit seiner Würde und aus seinem Recht wird er sich gegen Zurücksetzungen wenden, wie jeder Mensch es tun wird. Die Tatsache aber von Reibungen und Spannungen, die Tatsache solchen Antisemitismus ward ihn nicht erschrecken, diese Tatsache kann ihn nicht erschrecken. Nur gegen die Uebersteigerungen wird er kämpfen. Für den Deutschjuden, wenigstens für die jüngere, deutschjüdische Generation, von der hier gesprochen wird, bedeutet Antisemitismus einen Zustand, der in seiner natürlichen Stärke unüberwindbar ist, solange Juden bestehen, also ewig unüberwindbar. Sowohl für den religiösen also auch den Nationaljuden bedeutet Antisemitismus dagegen eine Bewegung, von der beide in ihrer Judentumstheorie sieh ungeheuer beeinflussen lassen, ja die für sie zum Glaubensgrundsatz fast geworden ist. Der religiöse Jude steht, was den Antisemitismus betrifft, wie überhaupt, auf dem Boden des Fortschritts. Es wird eine Zeit kommen, glaubt er, wo es keinen Antisemitismus mehr gibt. Die Menschen entwickeln sich von dem „Vorurteil" des Antisemitismus fort. Dieser Fortschrittsglaube Hegt wohl zu einem guten Teil in der Weltanschauung des liberalistischen Zeitalters begründet, zu einem ebenfalls sehr erheblichen Teü wird er aber auch im •messianischen' Glauben

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