Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 9 (5.1933)
- Date
- 1933-05-01
- Page
- Seite 215 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 215 fen nicht zugeben, daß die Männer und Frauen, diu in jahrzeluitelanger mühseliger und selbstloser Arbeit vorbildlichen Dienst am Nebenmensch geleistet haben, nun die Hände in den Schoß legen sollen, nicht weil sie müde geworden sind, sondern weil es ihnen an Geldmitteln fehlt. Schon in den letzten Jahren ist in der Langestraße und in der Gagernstraße und an den zahlreichen anderen Stätten des Wohltuns ein harter und zugleich bewunderungswürdiger Kampf mit der Not geführt worden. Nur wer die Einzelheiten kennt, kann die Tätigkeit dieser Männer und Frauen würdigen und weiß, wie sie um jeden Pfennig „in Einnahme und Ausgabe" zu ringen hatten. Weniger als jemals darf diese Arbeit nun zum Stillstand kommen. Daneben aber erhebt sich drohend die neue Gefahr, die nun so viele von uns bedroht: es darf nicht dahin kommen, daß auch nur eine der hartgeprüften Familien sich ratlos und verlassen fühlt. Das Wenigste, womit heute geholfen werden kann, ist Zuspruch und Geld. Man wird dem Gemeindevorstand dankbar dafür sein, daß er sofort nach diesen beiden Richtungen für das Nötigste gesorgt hat. Am weiteren Kreis der Gemeinde wird es liegen, auch diese drängende Gegenwartsarbeit so zu stützen, daß die in Bedrängnis Geratenen in all ihrer Not das beglückende Gefühl brüderlichen Zusammenstehens erleben können. Wehe denen, die heute nur an Sonderinteressen denken und glauben, für sich allein bestehen zu können. Der hat die Zeichen der Zeit wahrlich nicht verstanden, der meint, er könne sich der Gemeinschaft entziehen. Wie einst in Zeiten der Not die Frankfurter Juden sich auf ihrem alten Friedhof versammelten, so möge die Gemeinde heute wiederum zusammenstehen in dem Bewußtsein, daß sie zwar auch jetzt auf einem Friedhof steht, in dem mancher Traum des deutschen Judentums begraben liegt, daß aber die Juden in ihrer ganzen Geschichte gerade aus der Not immer ihre stärksten Kräfte geschöpft haben. Nichts Tröstlicheres gibt es heute, als auf diese Geschichte zurückzuschauen, und mancher mag bei dieser Schau, die zugleich Verheißung ist, an das Wort Friedrich Hebbels denken: „Wir kommen aus anderen Zeiten und hoffen, in andre zu gehn." E. M. Von I d Vor eine neue Aufgabe ist die Hausfrau, die einen rituellen Haushalt führt, mit der Einführung des Schächtverbotes gestellt. Sie muß ihre Familie durch fleischlose Kost ebenso nahrhaft und nicht teurer versorgen als bisher. Dies ist gar nicht so schwer oder gar unmöglich, als es den Anschein hat, es erfordert nur ein Umlernen, das durch systematische Ueberlegung und Anweisung leicht erreicht werden kann. Es gilt vor allem zwei wichtige Bestandteile des Fleisches zu ersetzen, den reichlichen Eiweißgehalt und die nicht Küche Wolf zu unterschätzenden Geschmacksstoffe, die die Kost würzen und dadurch ihren Anschlagswert erhöhen. Es empfiehlt sich entschieden, möglichst viel „m i 1 c h i g'. zu kochen. Man scheue, wenn es irgend möglich ist, die Anschaffungskosten für etwas milchiges Kochgeschirr nicht, denn nur durch reichliche Verwendung von Milch und Butter und Käse erhalten die Speisen die erforderliche Eiweißmenge, die durch Eier, Gemüse und Fisch allein nicht erreicht werden kann. Es muß freilich auch mehr als bisher darauf geachtet werden, daß der natürliche Eiweißgehalt aller Nahrungsmittel nicht Jüdische Wohlfahrtspflege Frankfurt am Main Langestrasse 30 In dieser Zeit schwerster Not gilt nur das eine Wort: Wenn wir nicht für uns sind, wer ist für uns! Und wenn nicht jetzt, wann dannl JÜDISCHE WOHLFAHRTSPFLEGE Frankfurt a. M. POS7SCRECKKONJO No. 54893 FRANKFUR7 a. M. / ANRUF: 28249