Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 9 (5.1933)
- Date
- 1933-05-01
- Page
- Seite 214 (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 214 Im Rahmen dieser finanziellen Maßnahmen hat es sich als notwendig erwiesen, in Erwägungen darüber einzutreten, auf welche Weise der Gemeinde neue Betriebsmittel, wie sie bis zur Inflation stets in der Form eines eigenen Betriebsfonds zur Verfügung standen, zugeführt werden können. Es handelt sich hierbei nicht etwa um Mittel, die zur Deckung .von Ausgaben dienen sollen, sondern lediglich um die Bereitstellung des Betriebskapitals, das zwischen den einzelnen Steuerzahlterminen die reibungslose Fortführung der Geschäfte ohne Inanspruchnahme weiterer Bankkredite ermöglicht und jede Gefahr einer Zahlungsstockung ausschließt. Dieser Betriebsfonds wird durch die jeweiligen Eingänge regelmäßig wieder ergänzt. Zu diesem Zweck ist die Gemeinde an eine größere Anzahl von Mitgliedern mit der Bitte herangetreten, ihr in Abschnitten von RM 500.— oder einem Mehrfachen davon, darlehensweise gemäß einem bestimmten Zins- und Tilgungsplan die erforderlichen Beträge zur Verfügung zu stellen. > f'i Die sachkundigen und verantwortungsbewußten Männer, denen die Leitung der Gemeinde anvertraut ist, im Verein mit einer Beamtenschaft, deren Hingabe gerade in dieser Zeit bis an die Grenze des Menschenmöglichen reicht, bürgen dafür, daß die Geschäfte mit größter Vorsicht und zugleich mit unerbittlicher Sparsamkeit geführt werden. Hierzu ist freilich auch erforderlich, daß jeder Leerlauf, alle überflüssigen Sitzungen und Besprechungen vermieden werden. Nur durch schärfste Konzentration auf das sachlich Notwendige kann wirksame Arbeit geleistet werden. Sollte sich die Notwendigkeit ergeben, so wird, wie schon einmal vor einem Jahrzehnt, auch nach dieser Richtung eine weitere Vereinfachung des Verwaltungsapparats durchgefühlt werden müssen. n. Wieviel Sorge und Mühe aber auch an die Aufrechterhaltung des organisatorischen und finanziellen Rahmens der Gemeindearbeit gewandt werden mag, so hat alle diese Arbeit nur dann einen Sinn, wenn sie um eines höheren Zweckes willen geschieht. Wenn der Rahmen nicht leer bleibt, sondern ein Bild umschließt, ein „lebendes Bild" allerdings, nämlich die ihrer Aufgabe bewußte und für sie lebende Gemeinschaft. Wie in der neuen Erziehungswissenschaft die Mahnung „V o m K i n d h e r" sich durchgesetzt hat, so wird auch die zukünftige Gemeindearbeit in ganz anderem Maße als bisher vom Kind her ihre Richtung erhalten müssen. An dem Schicksal, das über uns hereingebrochen ist, wirkt nichts so erschütternd, wie die Beobachtung, daß so viele Menschen nicht nur wirtschaftlich, sondern auch seelisch aus der Bahn geworfen sind, den Boden unter den Füßen verloren haben. Es sind vor allem diejenigen Kreise, für welche die Zugehörigkeit zum Judentum zu einem Begriff ohne Inhalt geworden war, und die heute mit Keulenschlägen an ihr Judesein erinnert werden. Ihre menschliche Tragik liegt darin, daß sie mit diesem Judesein nichts, noch nichts, anzufangen wissen, daß sie vor den eignen Kindern ratlos dastehen. In der Erkenntnis dieser Tatsache, in der Notwendigkeit, die unausweichlichen Folgerungen zu ziehen, liegt die weltgeschichtliche Bedeutung der Stunde, die wir durchleben. Der älteren Generation, für die das Judentum allzuhäufig nur noch eine sehr lose Bindung bedeutete, vor allem aber dem jungen Geschlecht, muß die innere Sicherheit wiedergegeben werden, die allein das Leben erträglieh macht, die alle vermeintliche Erniedrigung in Erhebung verwandelt. Hier steht die Gemeinde vor einer neuen Aufgabe, oder richtiger gesagt, vor der Notwendigkeit, alte Aufgaben in neuer Form wieder aufzunehmen. Es geht um nichts anderes als um die Schaffung eines jüdischen Bildungszentrums, das sowohl der Schuljugend, wie auch den Schulentlassenen und den Aefteren Kenntnis vom Judentum vermittelt. Wer vom Judentum nichts oder 'nichts Ausreichendes kennt, wird niemals wissen, warum und wozu er Jude ist, wie er sich in Zeiten, wie den jetzigen, zu verhalten hat. Auf Sünden der Vergangenheit soll hier nicht eingegangen werden, denn es gilt, Neues aufzutauen. Im Gegensatz zu anderen Gemeinden sind wir in Frankfurt in der glücklichen Lage, im P h i 1 a n - thropin ein ausgedehntes Schulwerk zu besitzen, das in seinem heutigen Bestand eine voll ausgebaute Volksschule und ein Reformrealgymnasium mit Lyzeum umfaßt. Historisch gesehen gehört es zu den vielen seltsamen Wendungen der jüdischen Geschichte, daß diese Schule vor nunmehr 129 Jahren begründet -wurde, um der jüdischen Bevölkerung, der sich damals die Tore der Gleichberechtigung öffneten, den Weg zur deutschen Bildung zu ebnen, während heute die Schule einen neuen Sinn dadurch erhält, daß die staatsbürgerliche Gleichberechtigung in zunehmendem Maße aufgehoben wird. Es ist klar, daß in dieser geschichtlichen Situation auch die Bildungsaufgaben nicht unberührt bleiben können. Zwar wird nach wie vor das deutsche Bildungswesen den Charakter der Schule entscheidend bestimmen, denn sie hat Kinder zu erziehen, die auf deutscher Erde und mit deutscher Muttersprache geboren sind, aber mehr als bisher wird der Ton auch auf das Jüdische zu legen sein. (Die Leitung 'der Schule ist sich, wie wir wissen, dieser Notwendigkeit durchaus bewußt.) Im lehrplanmäßigen Unterricht wird sich dies — immer im Rahmen des gesetzlich Zulässigen — vor allem in einer Vermehrung und intensiveren Behandlung der jüdischen Unterichtsfacher zu äußern haben. Der „Religionsunterricht" muß zur Judentumskunde werden. Gerade weil wir damit rechnen müssen, daß man anderwärts Jude und Judentum als etwas Minderwertiges darstellt, ist es die vornehmste Aufgabe der jüdischen Schule, von ihren Kindern jeden „Mnderwertigkeitstkoanplex" dadurch fernzuhalten, daß ihnen das Judentum mit seinem Kulturgut und seiner weltgeschichtlichen Aufgabe in voller Reinheit dargeboten wird. Unsere Lehrer werden zusammenwirken müssen, um die so schwierige wie dankbare. Aufgabe zu lösen, ein den höchsten Ansprüchen in bezug auf Wissensvermittlung, Charakterbildung und .Schuldisziplin genügendes jüdisches Schulwerk zu gestalten. Kein Zweifel, daß sie alle sich ihrer Verantwortung -bewußt sind, sie, die als „Bauleute" den ins Wanken geratenen Boden eines ganzen Geschlechts neu zu unterbauen haben. Wie fern liegt uns heutigen angesichts dieser Aufgabe alles, was an die Richtungsstreitigkeiten bequemer Jahrzehnte erinnert, wie selbstverständlich ist es geworden, daß heute der Gedanke der Einheit und der Gemeinschaft über alles geht, allerdings auch in der Einsicht, daß diese Gemeinschaft nur auf gewachsenem Boden und nicht auf dem Flugsand des jeweiligen Zeitgeistes gedeihen kann. Neben den Dienst an der Schuljugend tritt die Aufgabe des Fortbildungswesens. Wir müssen uns klar darüber sein, daß die deutsche Judenheit unter den heutigen Verhältnissen in raschem Tempo verarmt und sich nur noch wenige, aber dafür um so besser geleitete Anstalten leisten kann. Alle die zahlreichen Einzelveranstaltungen, die beim besten Willen doch nur Unzulängliches bieten konnten, müssen einer einheitlich zusammengefaßten Volksbildung Platz machen. In organischer Verbindung mit der auf der Schule erlangten Ausbildung müssen —- für Schulentlassene und Aeltere — Kurse aufgebaut werden, die es allen daran Interessierten ermöglichen, das Judentum an der Quelle zu studieren: seine Geschichte, sein Religionsgesetz, sein religiöses und weltliches Schrifttum, seine Beziehung zur Umwelt, seine sozialen Verhältnisse; daß dabei auch dem Neuhebräischen und der Palästinakunde entsprechender Raum gebührt, ist selbstverständlich. (Zur Beratung dieses ganzen Problemkreises hat der Vorstand bereits eine Sonderkommission eingesetzt.) Wenn die Gemeindebehörden sich die hier aufgestellten Forderungen zu eigen machen, dann werden sie zu ihrem Teil dazu beigetragen haben, den Fluch dieser Zeit in Segen im verwandeln, und dann wird sich wieder einmal das alte jüdische Wort bewähren: „Auch dies ist zum Guten". IH. Keine Gemeinschaft darf zulassen, daß ihre Träger aus materieller Not zugrundegehen. In keiner Gemeinschaft war der Gedanke der gegenseitigen Verantwortung und Hilfepflicht stärker ausgebildet als in der jüdischen. Nun wird sich diese Gemeinbürgschaft in tausendfältigem Maß zu bewähren haben. Wir können es uns nicht leisten, den Sommer über — diesen Sommer! — unsere Notstandsküche zu schließen, weil es an Mitteln fehlt, um die Rechnungen zu bezahlen. Wir dür-