Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 9 (5.1933)
- Date
- 1933-05-01
- Page
- Seite 213 (sequence 7)
- Language
- German
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Seite 215 Miichiäüclischen Umwelt, Unkenntnis des Judentums, mutwillige 'oder -gedankenlose Abkehr von den jüdischen Mealen und Xebensgütern, die uns tausende Jahre hindurch inneren Halt und . Jugendfrische gaben, haben das Judentum mit Untergang bedroht. War befanden uns mitten in einem Auflösungsprozeß. Erträumten Sicherheiten zuliebe begaben wir uns der inneren Festigkeit und Selbstsicherheit. Und unser Wertvollstes, unser jüdisches Sein gaben wir hin für schillernden Tand. Und so wurden viele von uns heimatlos, wurzellos, haltlos. Machen wir wieder das Judentum zu einer unser Leben beherrschenden Macht. Suchen wir wieder im Judentum unsere geistige und seelische Heimat. Verwurzelt in dieser Heimat, die uns keine Macht der Erde streitig machen kann, werden wir uns selber rinden und fest und sicher auf dem eigenen Schwerpunkt ruhen. Aus dieser Erkenntnis erwächst die Pflicht, alle Kräfte aufzubieten, :um unsere jüdische Gemeinde und ihre religiösen, kulturellen und humanitären Einrichtungen und Anstalten zu erhalten. In dieser schweren Notzeit dürfen wir erst recht nicht zulassen, daß dasgjüdische Leben in unserer ehrwürdigen Gemeinde verkümmert. Unsere ernsteste Sorge muß jetzt insbesondere der religiösen Erziehung und Ertüchtigung unserer Kindergelten. Wir brauchen jüdische Schulen, wirkliche jüdische Schulen, die unsere Kinder zu aufrechten, stelzen, von der Tbora erleuchteten und im geschichtlichen Judentum verwurzelten Menschen heranbilden. Lehrer, die selber tief innerlich mit dem Judentum verknüpft sind, sollen unseren Kindern die Kenntnis unseres heiligen Schrifttums, unserer heiligen Sprache und unserer unvergleichlichen Geschichte vermitteln. In einer Zeit, in der unsere Kinder mit schweren seelischen Nöten belastet sind, sollen sie alles Große und Herrliche, das in unserem Judentum ruht, kennen lernen. Und sie sollen zur pflichttreuen Entfaltung des überlieferten jüdischen Lebens angeleitet werden. Es soll ihnen durch Lehre und Leben die Ueberzeugung werden, daß das, was andere uns als Schimpf zurufen, einen Ehrennamen bedeutet, einen ruhmvollen Namen, den wir mit Stolz und Freude durch die Welt tragen. So gestärkt und gefestigt, werden wir Kraft gewinnen, das Herbe und Schwere zu tragen und besseren Zeiten entgegen zu harren, entgegen zu reifen. Trösten soll uns aber der Weisen Wort im Talmud (Baba kamma 93a): „Gehöre lieber zu den Verfolgten als zu den Verfolgern." Oberstudiendirektor Dr. Driesen Was ist? — Was wird? Was ist? Ein Verniehtungsfriede hat das deutsche Volk in Armut und Verzweiflung hinabgestoßen. Verzweifelt ringt Deutschland um Ehre, Leben, Arbeit und' Völkerrecht. Verzweiflung schreit nach dem Erlöser. Der ruft: „Folgt mir. ich werde Euch Ehre, Freiheit lind Arbeit wiederbringen. Aber zuerst: Kehret zurück zu Eure« Wesens Kern und Wurzel! Vernichtet in Euch und in Eures Alltags Umkreis, was nicht urdeutsch, was nicht nordisch ist!" Und das Volk, hoffnungstrunken, neigt sich in Gebet und Sehnen, in Lied und Wehr vor der Sonne des Nordens und verschließt, in verzweifelt verbittertem Entschluß, das Auge vor Ost und West. Verzweifelt ringt heute der deutsche Jude um seine Ehre, sein Recht und seine Arbeit. Verzweifelt ringt er um diese Menschenwerte in Deutschland, dessen Erde seit mehr als anderthalb Jahrtausenden seine Heimat, dessen Sprache seit mehr als anderthalb Jahrtausenden seine Muttersprache, dessen Kultur ebenso lange seine Kultur, dessen Wohl und Wehe ebenso lange seine Freude und sein Leid ist, in Deutschland, das er liebt, tiefer liebt als er in Worten zu sagen vermag,* und für das er arbeiten und kämpfen möchte, bis zum letzten Hauch, und für das er gearbeitet und gekämpft hat! Verzweifelt ringt er um seine. Ehre, sein Recht, seine Arbeit. — Was wird? Deutschland wird wieder Deutschland werden im Kreis der Völker. Der Vernichtungsfriede wird verschwinden, wie alles Unrecht am Ende durch die immanente Gerechtigkeit des Weltgeschehens sich selbst aufhebt. Ehre, Leben, Arbeit und Freiheit werden dem deutschen Volk wieder erblühen. Dann wird auch der deutsche Nationalismus — das lehrt die Weltgeschichte — heute in der Verzweiflung, hart, unerbittlich und ausschließend, im Glück wieder versöhnlich und umfassend , werden für alle, die deutschen Willens, deutschen Könnens,, deutscher Treue, deutscher Liebe sind. Und er wird dann um so natürlicher zum Verstehen sich bekennen wollen, je ehrlicher, selbstbewußter, gewissenhafter, tiefer und fester wir deutsche Juden uns zu unseren Eigenwerten bekannt haben werden! Für Gemeinde und Gemeinschaft „Man muss die Dinge weder beklagen, noch belachen, sondern begreifen". Spinoza I. Voraussetzung aller Gemeindearbeit ist die Aufrechterhaltung ihres äußeren Rahmens. Die Selbstverwaltung der jüdischen Gemeinden, die bis zum Ende des 18. Jahrhunderts in Blüte stand, hat mit einem Mal wiederum neue Bedeutung erhalten. Von heute auf morgen sehen sich die jüdischen Gemeiden Deutschlands vor Aufgaben gestellt, die eine Zusammenfassung und Anspannung aller Kräfte erfordern. Es geht nicht nur um die Rettung der Zehntausende, die durch die gegenwärtige deutsche Gesetzgebung ihrer Existenz beraubt werden, sondern um den Bestand der Gemeinden selbst. Jede jüdische Gemeinde hat in den letzten Jahren die Folgen der allgemeinen Wirtschaftskrise zu spüren bekommen. Nun wird die ohnehin schwierige Lage durch die jüdische Sonderkrise in ungeahntem Maße verschärft. In zahlreichen Kleingemeinden — um nur diesen einen Punkt herauszugreifen — werden die Lebensverhältnisse auch wirtschaftlich unhaltbar; von diesen Gemeinden müssen Dutzende sehr bald zusammenbrechen. Um dieser Lage Herr zu werden, bedarf es einer straffen Gesamtorganisation, die nicht länger hinausgezögert werden kann. Die Argumente von gestern haben ihre Geltung verloren. Die allgemeine Krise hatte für die Frankfurter Gemeinde ihren deutlichsten Ausdruck in dem Rückgang der Einnahmen aus Kult u.s steuern gefunden, die 1930 noch RM 1377 527 erbrachten, während der Abschluß für 1932 sich nur auf etwa RM 750 000 belaufen dürfte, was gegenüber 1930 eine Abnahme um 45 v. H. bedeutet. Für das am 1. April beginnende Rechnungsjahr 1933 war ohnehin auf Grund der allgemeinen Entwicklung ein weiterer Rückgang des Steueraufkommens um mindestens 25 v. H. zu erwarten. Dazu kommt nunmehr, daß infolge der neuesten Ereignisse mit der Vernichtung zahlreicher Existenzen und einer gewissen Abwanderung gerechnet werden muß, so daß sich eine weitere Verschlechterung der Steuerlage ergibt. Der in dieser Ausgabe des Gemeindeblatts veröffentlichte Gemeindebeschluß über die Kultussteuern im Rechnungsjahr 1933 wird daher niemand überraschen, und jeder unbefangene und gerechte Beurteiler wird zugeben müssen, daß die Gemeindeverwaltung die durch die Verhältnisse gesetzten Grenzen nicht überschritten hat; diese und noch höhere Steuersätze wurden in einer ganzen Reihe von Gemeinden schon in den Vorjahren erhoben. Die Verwaltung steht vor der kaum lösbaren Aufgabe, einen Haushaltsplan aufzustellen, der unter allen Umständen in Einnahmen und Ausgaben ausgeglichen werden muß, da unter den heutigen Verhältnissen die Aufnahme neuer ungedeckter Verpflichtungen ein Ding der Unmöglichkeit ist und nicht verantwortet werden kann. Diese Aufgabe ist nur dadurch zu lösen, daß auf der - einen Seite die rückläufige Entwicklung der Steuereinnahmen wenigstens zu einem Bruchteil durch eine mäßige Erhöhung der Steuersätze ausgeglichen wird, während auf der anderen Seite die Ausgaben in sämtlichen Etatkapiteln rücksichtslos zu kürzen sind. Dies findet vor allem darin seinen Ausdruck, daß die Beamtengehälter weit unter die staatlichen Sätze herabgesetzt werden; ferner sind sämtliche Subventionen, die nicht auf bindenden Verpflichtungen beruhen, gestrichen und die sachlichen Ausgaben auf das unumgänglich notwendige Mindestmaß beschränkt. Der Haushaltsplan wird, sobald er von der Gemeindeverwaltung endgültig verabschiedet ist, wie. üblich im Gemeindeblatt bekanntgegeben.