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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-05-01 · 9 (5.1933) · p. Seite 212

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
9 (5.1933)
Date
1933-05-01
Page
Seite 212 (sequence 6)
Language
German
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Seite 212 Wie im Laufe der niehrtausendjährigen jüdischen Geschichte unsere Väter und Urväter angesichts eines jeden Unheils, das über sie hereingebrochen, ihre Sünden , mit als des Unheils Ursache ansahen, so müssen auch wir einen tiefen Blick in uns tun, müssen „bekennen", die bessernde Hand überall anlegen und dürfen nicht die Entschuldigung zulassen, daß andere ähnlich gehandelt und gefehlt haben. Müßten wir doch aus langer, schmerzensreicher Erfahrung endlich wissen, daß für die Verfehlungen des Einzelnen die Gesamtheit, jeder Einzelne zu büßen hat! Gerade unsere Frauen sollten sich bei •der Erziehung der Kinder und in ihrem Auftreten mit einem besonders hohen Maße von Verantwortungsbewußtsein gegenüber der Gesamtheit erfüllen. Uns tut in dieser Zeit schwerster materieller und seelischer Not ein steter Blick über uns not, „zu den Bergen, von wannen unsere Hilfe kommt". Mehr denn je haben wir uns stets die Aufgabe, ..ein Segen zu werden für alle Völker", vor Augen zu halten. Um ihretwillen sind wir in die Welt gesetzt und erhalten worden; ihre Erfüllung allein vermag uns mit jenem Stolz- und Glücksgefühl zu durchdringen, ohne das wir die Schwere des Daseins nicht werden ertragen können. Das prophetische Wort, das eine der Grundforderungen unseres Erbgutes enthält: ..Nicht durch Gewalt und nicht durch Heeresmacht, sondern durch meinen Geist, spricht der Herr", haben wir zur Weltenwahrheit zu machen, müssen durch jüdische Geistestaten den Nachweis erbringen, daß wir auch in der Not, ja trotz der Not nicht „Objekte" geworden 'sind. Endlich verlangt die Zeit gebieterisch von uns ständig den Blick um uns.' Tausende jüdischer Familien sind bereits zugrundegerichtet, weiteren Tausenden droht innerhalb kurzer 'Zeit das gleiche Schicksal. Das Vaterland entzieht vielen und gerade der Jugend die Möglichkeit, sich voll zu entfalten: es drängt sie förmlich heraus. Da werden unsere Gemeinden noch mehr in ihrem Bestand erschüttert werden, sie, die es angesichts der allgemeinen deutschen Not ohnehin schon schwer genug hatten, ihre notwendigsten Institutionen zu erhalten und ihren ureigensten Aufgaben, den Aufgaben der Belehrung, des Gottesdienstes und der Armenfürsorge nachzukommen. Zwar fühlen wir uns, dem Himmel sei Dank, nicht schwach. Unser alter Gott, daran glauben wir fest, ist. mit uns, wie er mit unseren Vätern gewesen. Aber es wird der Opfer tausendfach bedürfen, um das deutsche Judentum nur einigermaßen in Kraft und Wirkungsmöglichkeit in bessere Zeiten hinüberzuretten. Mein Ruf als Vorsitzender dieser Gemeinde ergeht daher dahin: Schart Euch immer enger und enger um die Gemeinde, auch Dir, die Dir sie einst verlassen habt, und vollbringt ein wahrhaft jüdisches und damit auch ein großes Werk für das Vaterland, das wir lieben, auch wenn es uns zurückstößt. Gemeinderabbiner Dr. Seligmann In dieser Notzeit des deutschen Judentums ergeht an uns alle die Mahnung, unseres jüdischen Namens, der ein heroisches und tragisches Erbe ist, uns würdig zu erweisen. Wir waren von alters her innerhalb der Nationen, die die Vielen und Mächtigen waren, stets die Wenigen und Ungeschützten. Welche Behandlung diese Ungeschützten inmitten der Völker erfahren, äst der Gradmesser für die Menschenliebe der Völker. Denn Liebe bewährt sich immer im Verhalten der Vielen zu den Wenigen. Es gab Lichtzeiten und. Zeiten tiefer Finsternisse in unserer Geschichte. Wenn wir durchhalten und bestehen wollen, müssen wir an den Durchbruch des Lichtes glauben, wie unsere Väter in noch trüberen Zeiten geglaubt und gehofft haben. Nur für die leichtbeschwingte Jugend, die auf die gelenke Kraft der Arme, unbelastet von wirtschaftlichen Sorgen für andere, vertrauen kann, öffnet sich der dornige Weg in die Fremde. Für die große Mehrzahl der in höherem oder mittlerem Alter stehenden deutschen Juden bleibt das Land, wo die Gräber unserer Väter und die Wiegen unserer Kinder sind, unsere Heimat und unser Schicksal. Wir haben es nieht nötig;, liebedienerische Erklärungen; abzugeben. Unser Religionsgesetz. befiehlt uns, selbst unter, dendrückendsten Verhältnissen, für das Wohl des Staates zu beten,, wo wir Heimat gefunden haben, denn auf seinem Wohl beruht, das unsere. Wir brauchen unser Heimatrecht in einem Lande nicht zu betonen, in welchem unsere Väter und Mütter zum Teil; schon, bevor die germanische Ansiedlung auf ihrer heutigen Scholle erfolgte, wohnen, mit dessen Scholle wir verbunden sind, dessen Sprache wir sprechen, dessen Kultur- und. Wirtr schaftsgüter wir vermehrten, für dessen Einheit und Freiheit unser Blut auf zahllosen Schlachtfeldern floß, für dessen.Größe wir erglühten, um dessen Niedergang wir gebangt haben,;. Was uns geschieht, ist keine Entehrung für uns. Unsere Ehre kann uns keiner rauben, wenn wir sie nicht selbst uns rauben; unsere Würde kann uns niemand nehmen, wenn wir. sie nur selbst bewahren. Nichts von Kleinmut, nichts von Entmutig'ung und', von verzweifelter Flucht aus dem Leben! Wappnen wir uns mit: dem Heroismus unserer Väter, mit ihrem Stolz, ihrer Treue,, ihrer Tiefe! Lernen wir wieder Bedürfnislosigkeit und Zurückhaltung! Nicht auf Straßen und Plätzen, wo die Prunksucht glänzt, die Lustbarkeit lockt, die Genußsucht schwelgt, ist unser Platz. Das jüdische Haus werde wieder unsere Heimat. Man meide jeden Aufwand, halte sich fern von allen Vergnügungsstätten, für die wir in unserer Verarmung keinen Pfennig* übrig haben dürfen. Wer mehr hat als der andere, gebe^ für' den anderen in dieser Zeit furchtbarer jüdischer Not,. Jeder muß jedem ein Helfer sein, jeder dem anderen Beistand' und: Stütze, Freund und Genosse, Wegweiser und Berater, Tröster, und Ermunteren Bruder und Schwester, Vater und Mutter, Dann wird in uns kein Raum sein zur Verzweiflung, und jeder wird im Helfen selber seelische Hilfe finden. Im gemeinsamen Tragen werden wir unsere Armut zu tragen wissen und in der Armut längst verschüttete innere jüdische Reichtümer wiederfinden. Gemeinderabbiner Dr. Hoffmann Was uns nottut Schicksalswende fordert Selbstbesinnung; Und nun gar erst; eine Schicksalswendung, die unser äußeres Leben in allen seinen-, Beziehungen bis auf den Grund erschüttert. Sie traf uns, als: das unmöglich Scheinende harte Wirklichkeit wurde, wie ein: betäubender Keulenschlag. Aber die Benommenheit. muß der Besonnenheit weichen. Wir müssen den Gegebenheiten fest, und! klar ins Auge sehen und Konsequenzen aus ihnen ziehen;. Und diese dürfen nicht im Bezirk des Beruflichen und Wirtschaftlichen stecken bleiben. Unser äußeres Sein ist bedroht. Ist unser inneres Sein stark genug, um den uns drohenden GeJahren zu trotzen und die über uns hereingebrochene Not zu ftagen und mählich zu überwinden? Es kommt auf unsere Ge*stesb,altung an und auf unsere Einstellung zum Judentum und zu seinen unvergleichlichen Werten und Gaben. Schicksalswende fordert Selbstbesinnung. Es ist ein altes Wort der Weisen (Ex. Rabba I, 9): „Aus tiefer Erniedrigung steigt Israel immer wieder zur Höhe empört Unsere mehrtausejidjährige Geschichte bestätigt die Wahrheit dieses Wortes. Prüfungen und Leiden haben die jüdische Gemeinschaft allezeit gefestigt und gestärkt, weil geläutert und sittlich erneuert. „Die Uebergabe des königlichen Ringes durch Achaschwerosch an Haraan hatte eine tiefere Wirkung auf die dem Judentum Entfremdeten als die ach'tundvierzig Propheten und sieben Prophetinnen, die in Israels Mitte blühten (b. Megilla 14a). In Notzeiten entdeckten unsere Vorfahren die Kraftquellen, die in der Tiefe ihrer Seele rauschten. Sie verbanden sich inniger mit Gott und dem Judentum und wurden stark an Geist und Seele. Diese tiefen inneren Kräfte wieder zur Dynamik unseres Lebens zu machen, ist das dringende Gebot der Stunde. Erkennen wir, daß wir auf einer abschüssigen Bahn dem Abgrund zusteuerten. -Taufe, Mischehe, flache Aufklärerei, öder Rationalismus, Angleichung an die Gedankenwelt und Lebensart der

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