Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 9 (5.1933)
- Date
- 1933-05-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3094266-3094386-3094395--3554-3098330- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
„Jugend und Gemeinde1' am Schluss der Nummer' FRANKFURTER ISRAELITISCHES GEMEINDEBLATT Amtliches Organ der Israelitischen Gemeinde Das Gemeindeblatt erscheint monatl. und wird den Gemeindemitgliedern unentgeltl. durch die Post zugestellt.—Preis der Einzelnummer SOPfg.— Schriftleitung: Gemeindehaus, Fahrg. 146. Fernspr.: Sammel-Nr. H. 27544. — Postscheckk.: Frankfurt a. M. 33521. — Anzeigenverwaltung: M. Isaac & Co., Hölderlinstr. 3, Fernspr. 44868 u. 4488S. — Anzeigen n. Tarif. — Anzeigenschluß f. d. nächste Nr.: 27. Mai Die Schriftleitung übernimmt für den Inhalt des Gemeindeblattes nur die preßgesetzl. Verantwortung. Nachdr. nur mit Erlaubnis gest. 11. Jahrgang Frankfurt a. M., Mai 193S Nr. 9 Aufruf zur Rückkehr Die schweren Zeiten, in denen wir stehen, haben ein Gutes: sie haben vielen die Augen geöffnet, die da meinten, ihrem Judentum entrinnen zu können. Nun wird ihnen gewaltsam klar gemacht, dass es kein Entrinnen und kein Tarnen gibt — bis ins dritte Geschlecht! Bei manchen sind unter diesem äusseren Druck alte, längst verschüttete Quellen wieder aufgesprungen, ein neues Gemeinschaftsgefühl kündigt sich an. Schon haben nicht wenige den Weg zurückgefunden. Viele aber stehen noch abseits, die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten der Gemeinde und dem Judentum den Rücken gekehrt haben. An sie ergeht unser Ruf: Gedenkt eurer jüdischen Eltern und Voreltern, die den jüdischen Namen in Ehren getragen haben, gedenkt aber auch eurer Kinder, die von euch eine klare Antwort erwarten. Kehrt zurück zu eurer jüdischen Mutter, die mit weit offenen Armen auf euch wartet, um euch und euren Kindern neue Kraft zu geben. Da wo eure Väter gestanden haben, ist auch euer Platz. Stolz und aufrecht werdet ihr nur dann durchs Leben gehen können, wenn ihr euch wieder als Juden bekennt und zu der Gemeinde als der einzigen Trägerin unserer Gemeinschaft zurückkehrt. Wer auf diesen Ruf hören will, soll es uns mitteilen. Vorstand der Israelitischen Gemeinde Jüdische Beratungsstelle für Wirtschaftshilfe Die politische Entwicklung hat zu einem Angriff auf das deutsche Judentuim geführt, der zahlreiche Menschen um ihros Judentums willen fast über Nacht ihrer Existenz beraubt hat. Aerzten, Anwälten, Beamten, Lehrern, nicht zuletzt Kaufleuten, sind die wirtschaftlichen Grundlagen ihres Wirkens und Lebens entzogen worden. Es ist die Pflicht der Gemeinschaft, ihnen zu helfen. In der vorigen Nuanmer des Gemeindeblatts wurde bereits die Errichtung einer Beratungsstelle in Frankfurt im Rahmen einer Aktion der Vereinigten Landesverbände jüdischer Gemeinden angekündigt. Diese Beratungsstelle hat inzwischen am 10. April als „J ü dis ch e B er a t u n gss t e 11 e für Wirtschaftshilfe" ihre Arbeit begonnen. Sie hat eine Reihe von geeigneten Fachkräften aus den vorzugsweise in Betracht kommenden Berufen zur Mitarbeit gewannen und außerdem eine Anzahl freiwilliger Helferinnen und Helfer für allgemeinere Aufgaben. Neben die Beratung sollen andere Hilfsmaßnahmen treten, so die Sorge für Unterricht in fremden Sprachen, in Schreibmaschine und Stenographie, in Hauswirtschaft, sodann Erleichterungen für die Einschränkung von Haushaltungen und nötigenfalls auch geldliche Hilfen für Uebergangsschwierigkeiten und Neuaufbau der Existenzen. Die Beratungsstelle steht in enger Verbindung mit dem von der Reichsvertretung der jüdischen Landesverbände errichteten ,,Z e n t r a 1 a u s - schuß der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau" in Berlin, als der deutschen Zentralstelle für alle Gebiete der wirtschaftlichen und sozialen Hilfe, insbesondere auch dem Ausland gegenüber. Dem Zentralausschuß, in dem die maßgebenden jüdischen Organisationen mitarbeiten, gehören an die Herren RaJWb. Dr. Baeck (Vorsitzender), Landgerichtsrat Dr. Lilienthal (Geschäftsführer), Altfred Berger, Dr. Georg Landauer, Direktor Stahl, Dr. Ludwig Tietz, Dipl.-Ing. Bruno Woyda, Dr. Carl Melchior und Dr. Mark Wischnitzer. Die Frankfurter Beratungsstelle arbeitet außerdem mit den jüdischen Arbeitsnächweisen und allen anderen in Betracht kommenden örtlichen Organisationen zusammen. Sie bittet um die Mitwirkung der ganzen Gemeinde insbesondere durch Nachweisung von Unterbringungsmöglichkeiten für jüdische Arbeitskräfte (auch gegen freie Station) bei den jüdischen Arbeitsnachweisen oder der Beratungsstelle selbst. Die Sprechstunden der Beratungsstelle finden jetzt wegen des starken Andrangs täglich von 3 bis 6 Uhr statt, und zwar im Gemeindehaus, Fahrgas3e 146, 3. Stock. Die Fachberatung für Mediziner findet an derselben Stelle Montags und Donnerstags von bis 1 Uhr statt, die für Juristen Dienstags und Mittwochs von 4—5 Uhr, für Lehrer Montags und Donnerstags von 4—6 Uhr. Schulberatung Zur Eröiterung derzahlreichen schwierigen Fragen, die durch die neueste Schulgesetzgebung entstehen, wird in den nächsten Tagen der allgemeinen Beratungsstelle eine besondere Abteilung für Schulberatung angegliedert werden. Den Eltern wird dort, soweit möglich, Auskunft und Rat erteilt. Justizrat Dr. Blau Vorsitzender des Gemeindevorstands Volle 120 Jahre seit dem Beginn der grundsätzlichen Einbeziehung der Juden Deutschlands in den deutschen Wirtschafts- und Kulturkreis, nachdem sie in allen Werken des Friedens und auch des Krieges ihr Schicksal mit dem deutschen innig verflochten haben und sozusagen gänzlich „eingedeutscht" sind, hat eine Bewegung die Oberhand gewonnen, Zur Lage die im Begriff ist, den deutschen Juden um ihrer nichtarischen Abstammung willen die gesetzlich anerkannte Gleichberechtigung nach Möglichkeit zu rauben und damit den Lebensrauni und die Existenzmöglichkeit Tausender und Abertausender zu vernichten. Mit einem Schlage ist den jüdischen Deutschen ihr Vaterland, das Land, das sie aufrichtig lieben und dem sie ihre besten Kräfte geweiht und Gut und Blut geopfert haben, ein Land auch besonderer jüdischer Not geworden.