Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 8 (4.1933)
- Date
- 1933-04-01
- Page
- Seite 206 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 206 i voranzusetzen? Kernfrage dieser Tage! Nein! diese Frage ist an sich schon wieder sekundärer Art, indem nämlich die Primärfrage lautet: Gibt es einen Glauben 1933? Glauben die Zeitgenossen überhaupt? Oder ist Glauben im Kampf um die Notwendigkeiten des Tages zu Aberglauben geworden an die Macht des Augenblickes? Glaube und Aberglaube! Der Mensch ist leicht, geneigt alles, was nicht seinem dogmatischen Glaubent entspricht, als Aberglauben anzusprechen; aber es ist notwendig zu scheiden zwischen den Arten des Glaubens an sich: einmal der Glaube, der starne Glaube an die Lehre, das Dogma; sodann das Glauben an das Mysterium. Der fundamentale Unterschied ist der, daß Aberglaube nur da entstehen kann, wo der dogmatische Glaube herrscht. Hier ist die Frage naheliegend, was Aberglaube eigentlich ist; dieser Begriff des Aberglaubens liegt fern von den landläufigen Begriffen, abergläubischen Sitten, deren verwandtschaftliche Beziehungen zu konstruieren wären; fern liegt der Begriff den dunklen Verbindungsbestrebungen mit dem „Jenseits". Aberglauben ist der Glauben an die zeitlichen Dinge schlechthin. Also: Der Glaube oder das Glauben? Rationalismus oder Mystik? Logik oder Romantik? — Ueberschriften, herausgegriffen aus der Masse der Begriffe, die die Beantwortung dieser Frage einleiten. Wenn die Religion den Bekenntnissen überzuordnen ist, war das Beginnen der Ausfluß der Dinge aus einem höchsten Ürwesen. Dieser Satz ist nicht Dogma, sondern er beansprucht für sich tätige Kraft des Glaubens, um leben zu können; eine zeitlose Erkenntnis, die allen Richtungen des Glaubens gemeinsame Basis ist; und die verheißene Zeit eines Glaubens wäre nahe, wäre nicht das Zeitlose-Wesentliche gezerrt worden in die Formen, Uniformen der Zeit; und indem man das tat, schuf man zunächst dem Zeitlosen, Körperlosen das oder ein Angesicht: dem Begriff „Glauben" im Sinne von Vertrauen wurde ein zweiter Sinn zugelegt: Bekennen. Wer glaubt, muß sich bekennen zu einer Lehre, und die Lehre trägt jeweils die Zeichen und Abdrücke ihrer Zeit in sich. Eines der wesentlichsten Argumente der Gegner: die „Verkalkung" der Konfession; solange sie dabei den Begriff der Religion überordnen, haben sie Berechtigung; allein zumeist sind sie schon wieder einem neuen Bekenntnis verschrieben: alle jene Bestrebungen der Gegenwart, begonnen beim Nationalismus, beendet beim Sozialismus, sie alle sind neue G1 a ubensbekenntnisse; Bekenntnisse! denn zugrunde liegen Dogmen, Lehren, die Jünger und Bekenner suchten und fanden. Keine Zeit war dem tätigen Glauben so fern und keine Zeit dem Glauben an die zeitlichen Dinge so nahe, wie unsere! Endlich, wo aber der Glaube zum Glauben an die Maehtj zum Gla/uben an da-s Geld wird, dieser Glaube, der sich so trefflich kennzeichnet 'in dem Schlagwort von „der Flucht in die Sachwerte", der der verbreitetste vielleicht unter den Zeitgenossen sein dürfte: in ihm manifestiert sich der Aberglaube dieser Tage. Ich habe diese Zeilen „Glauben 1933" > genannt; ich wollte versuchen, einen Situationsbericht zu geben; ich wollte nicht im besonderen Beobachtungen innerhalb des Judentums niederschreiben. Die Juden haben alle Schwankungen der Zeit, dieser Zeit mitgemacht; und was ist geworden aus „dem Volk der Priester"? Was ist geworden aus den Mensehen dieser Tage? „____ich erhebe meine Augen zu den Bergen; von wannen wird mir Hilfe kommen?? meine Hilfe kommt von GOTT!" so begann einst der Gesang Israels in seiner Not. Frage und Antwort! Nicht Bekenntnis, Rühmen• des Bekennens und Feilschen um den Lohn; sondern: Vertrauen: hoch sind die Berge; von Menschen wird keine Hilfe kommen, kommen können; aber von GOTT! von dort wird die Hilfe kommen! Das ist Glauben und Vertrauen! Wo aber ist Gott? so werden die Zeitgenossen fragen, in den Wirrnissen dieser Tage! Da lasse man mich schließlich noch einmal Martin B u b e r zitieren. (Auf das Bedenken Moses, er wisse nicht, was er dem Volke sagen solle, wenn es ihn frage): „. . . ihr braucht mich nicht zu beschwören, denn ich bin jeweils so bei euch, wie ich jeweils sein will, ich selber nehme keine meiner Erscheinungen vorweg, ihr könnt mir nicht begegnen lernen, ihr begegnet mir, wenn ihr mir begegnet: „Nicht im Himmel ist es, daß du sprächest: / Wer steigt für uns zum Himmel und holt's uns / und gibt's uns zu hören, daß wir's tun? . . . Nein, sehr nah ist dir das Wort, / dn deinem Munde und in deinem Herzen, / es zu tun" (Kampf um Israel, Seite 43). Noch einmal: Glauben und Vertrauen! heraus aus der Zeit^ die voll ist von kleinen und kleinlichen Nöten! Sehen und erkennen die Sterne und die Sonne, die leuchtend verkünden die ewige Gesetzmäßigkeit! Das sei der Glaube 1933! Kurt Sassen Autorität Zu Bubers Aufsatz „Biblisches Führertum" Autoritäre Staatsführung hat es immer gegeben. Sie hat dem weitaus größten Teil der Weltgeschichte ihren Stempel aufgedrückt. Neben der reichen Zahl despotisch, absolutistisch, monarchisch-konstitutionell oder diktatorisch beherrschter Staaten aller Zeiten und Länder nehmen sich die echten Volksrepublikaner nur sehr dürftig aus. Zur Rechtfertigung autoritären Regimentes wurden die mannigfachsten religiösen, philosophischen und naturrechtlichen Ideologien erfunden. Die unverwüstliche Zähigkeit, mit der sich diese Organisationsform politischen Lebens erhalten hat, legt die Vermutung nahe, daß dadurch doch tief instinkthaften Bedürfnissen der menschlichen Natur Rechnung getragen wird. Zweifellos unterscheiden sich die einzelnen Beispiele autoritärer Staatsführung durch die verschiedenen wirtschaftlichen und nationalpsychologischen Bedingungen, unter denen sie entstanden sind. Aber ihr Grundgedanke, die klare Trennung von Herrschenden und Beherrschten, ist seit den alten orientalischen Despotien über Alexander, den Byzantinismus, das Cäsarentum, die mittelalterliche Kaiserherrschaft, den Absolutismus und die Militärmonarchien bis auf den heutigen Tag im wesentlichen der gleiche geblieben. Autoritäre Staatsführung ist demnach keineswegs etwas Neues. Es sind noch keine 140 Jahre verflossen, seit man in Frankreich begann, aus Untertanen Staatsbürger zu machen. Hatte auch der Stimmzettel angesichts der fortbestehenden sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheit nur formalen Wert, so breitete sich doch im Volke das Bewußtsein tätiger Mitarbeit an den Geschicken seines Landes aus. Man begann, sich für Gedeih und Verderb des Staates mitverantwortlich zu fühlen. Solange günstige Umstände ein stolzes Selbstbewußtsein rechtfertigten, war man mit der neuen Staatsbürgerwürde wohl zufrieden. Als sich aber die Folgen der allgemeinen politischen und wirtschaftlichen Krise verhängnisvoll auszuwirken begannen, war es schon weniger angenehm, mit an der Bürde der Verantwortung zu tragen. Es lag allzu nahe, sich jetzt gewisse Vorwürfe machen zu müssen. Dazu hatte die neuere Staatsform im Vergleich zu der traditionellen noch keineswegs festen Fuß fassen können. Gerade hier prägt sich die Macht des Nationalcharakters klar aus. Es war in Deutschland nicht schwer, den Massen zu beweisen, daß alles Unheil von dem autoritätslosen Staat herkomme. Dies umso eher, als der neue Staat die Pflege bestimmter traditiongeheiligter Formen vernachlässigt hatte, mit denen sich jedoch im Volke der Begriff von Tüchtigkeit und Prosperität verknüpfte. Das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit, das Bedürfnis nach Schutz und Geborgenheit, die Sehnsucht nach einem Retter und Führer haben teilweise wahrhaft messianische Formen angenommen. Man empfindet es im Grunde durchaus als eine Selbstverständlichkeit, Befehle auszuführen, nicht aber freie Entscheidungen zu treffen. Keineswegs ist diese Haltung auf eine bestimmte politische Richtung beschränkt. Und auch in anderen Ländern finden sich ähnliche Erscheinungen. Unter dem wirtschaftlichen Gesichtspunkt wird man diese Entwicklung als eine Folge der Ablösung des wirtschaftlichen Liberalismus durch spät- und staatskapitalistische Organisationsformen erklären müssen, wobei der persönlichen Initiative nur ein ungleich engerer Spielraum als früher eingeräumt werden kann. Doch hier interessiert hauptsächlich die menschliche Haltung, in der breite Volksschichten unter Aufgabe der eigenen Mitverantwortung und vieler daran geknüpfter Rechte sich freiwillig auf eine Stufe staatlichen Lebens zurückbegeben, die sie erst vor kurzem unter erbitterten Kämpfen verlassen haben. An sich besteht wenig Grund, diese Dinge unter einem spezifisch jüdischen Aspekt zu betrachten. Die Rolle der Juden ist nicht so, als ob hier von einer praktischen Einflußnahme die Rede sein könnte. Eine Auseinandersetzung mit diesen Problemen kann lediglich den Sinn haben, die Erkenntnis unseres eigenen Wesens zu fördern. Zwar hat auch der gläubige Jude in dem Gesetz eine Autorität von unbedingter Verbindlichkeit, und sicher läßt sich mit einem Schulchan Aruch beruhigter leben als ohne ihn. Aber dennoch stellt gerade die jüdische Religion mit ihrer hohen Bewertung der „Tat" und des „Lernens" unvergleichlich stärkere Anforderungen an persönliches Verantwortungsgefühl und geistige Selbständigkeit, als das bei dem Protestantismus oder gar der katholischen Hierarchie der Fall ist. Der unverkennbare Hang des Juden zu Subjektivismus und Individualität mußte sich in der verschiedensten Hinsicht auswirken. Davon zeugt sein ewig kritischer Geist, seine Hochschätzurg der denkenden Persönlichkeit, sein oft groteskes Selbständig-