Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 8 (4.1933)
- Date
- 1933-04-01
- Page
- Seite 192 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 192 Verkürzungen liegt ein breites Material, über das das Urteil sehr subjektiven Schwankungen unterliegen wird. Auch dafür einige Beispiele: Als Josephus nach dem Falle der von ihm gegen die Römer verteidigten galliläischen Festung Jodaphath sich mit einer kleinen Schar in eine Höhle gerettet hat, von der er den Weg in die ihm glimpfliche Gefangenschaft findet, da geht, nach seinem eigenen Bericht, wie nach dem Urteil der meisten Historiker, die eigentliche Krisis seines Lebens in ihm vor. Er entschließt sich zum Wirken statt zum Sterben, denn er hat noch eine, gottgesandte, Aufgabe zu erfüllen: Römer und Juden zu versöhnen, die Geschichte dieses Krieges und seines Volkes zu schreiben, dessen verkannten Namen in der Welt zu Ehren zu bringen. So sehr Feuchtwanger diese Motive für die spätere Wirksamkeit des Josephus lebendig macht, nun, in der Not der Höhle nach der Not der Belagerung, läßt er ihn nur von einem Wunsche getrieben sein: er will endlich einmal wieder trinken. Hier ist der Realismus des Dichters überzeugender als die spätere Ideologie des Flavius und seiner Historiker. Ein anderes Beispiel: Als die Belagerten in Jerusalem ein letzte« Angebot des Titus, durch freiwillige Uebergabe ihren Tempel vor der Zerstörung zu retten, wiederum ablehnen, sprechen sie, nach des Josephus' Bericht, das stolze Wort: „Gott hat noch einen besseren Tempel — die Welt." Feuchtwanger schreibt es dem Josephus selbst zu, und zwar als den Schlußvers eines von ihm angeblich gedichteten kosmopolitischen Psalmes. Hier erscheint die dichterische Freiheit im Bunde mit einer — freilich wohl nicht in die Tiefe der paradoxen Wahrheit dringenden;— historischen Kritik. Es zeugt für Feuchtwangers gesunden historischen Sinn, wenn das Christentum in dieser Epoche nur eine ganz sekundäre, episodische Rolle spielt. Alle Vorteile dieser Position werden erst so recht klar, wenn man sie mit der völlig unhistorischen eines (auch künstlerisch und sprachlich unvergleichlich schwächeren) historischen Romans von H. E. von Kalinowski über „Judas Ischarioth"3) vergleicht. Dort sind Pharisäer — im Volk verhaßte Aristokraten, dort zitiert Jesus ununterbrochen seine eigenen Aussprüche aus dem „Neuen Testament", dort heißt Ischarioth nicht, wie zweifellos richtig, Isch Kirioth, der Mann aus Kirioth, sondern „Verräter" u. s. f. Interessant ist nur die Auffassung des Titelhelden selbst: er wird, ähnlich wie in. spätjüdischen ,.Toldoth Jeschu", als der große Gegenspieler Jesus' dargestellt, und zwar hier als nationaler Freiheitskämpfer aufgefaßt, der sich von dem Messias in dem Augenblick abwendet, als jener nicht auch der politische Führer im Kampf gegen die Römer, nicht auch der weltliche „König der Juden" sein will. Hier also ist ein politisches Drama erfunden, das sich; in anderer Form, zur Zeit des Bar Kochba, nicht aber um das \Jahr 30 in Judäa abgespielt hat. Wenn aber Anatole France, sehr anders als v. Kalinowski. seinen Pontius Pilatus, nach der Kreuzigung Jesu gefragt, die Antwort geben läßt: „Ich erinnere mich nicht", so erwähnt auch Feuchtwanger nur einmal ganz kurz die Christengemeinde Jerusalems, die sich von Kampf und Schicksal ihres, des jüdischen Volkes rechtzeitig getrennt hat. Um so 3) Verlag: Grunow & Co., Leipzig. befremdender wirken freilich Verfrühungen angeblich gleichzeitiger jüdischer Vorgänge: so steht z. B. das Gebet der achtzehn Bitten schon vor der Tempelzerstörung fest (einschließlich der Bitte um die Rückkehr nach Jerusalem) u. dgl. m. Weit schlimmer als solche perspektivischen Mißgriffe aber ist ein substanzhafter: als Josephus den Jochanan ben Sakkai nach seinem Messiasglauben fragt, erhält er eine Antwort, die niemals wirklich jüdisch, die aber vorgestern, zur Zeit des greulichsten philosophischen Idealismus jener verstaubten „Als ob"- Lehre hochmodern und hochgebildet war: man wisse zwar nichts Genaues, müsse sich aber so verhalten, „als ob" der Messias einmal käme. Hier unterschätzt Feuchtwanger seine Leser, von Rabbi Jochanan ben Sakkai ganz zu schweigen. D a s P r o b 1 em d er B e w er tu ng Als aen Juden Jerusalems bekannt wurde, Josephus sei bei der Belagerung Jodaphaths gar nicht gefallen, sondern befinde sich bei Vespasian, da wandelte sich die Trauer in Wut, und er wurde zum nationalen Verräter gestempelt. Das ist er im wesentlichen bis heute geblieben. So schnell seine Schriften im griechischen und lateinischen Sprachbezirk Verbreitung fanden, so gern die Kirchenväter seinen Bericht über den Fall des irdischen Jerusalems als das notwendige Vorspiel für den Aufbau des christlieh-himmlischen benutzten — dem jüdischen Volke blieb sein größter Historiker fremd. Erst im zehnten Jahrhundert erschien ein hebräisches Volksbuch, der „Josippon", das zwar im Titel und einem Kern des Inhalts die Beziehung zu Josephus wahrt, als dessen Autor er aber nur unter dem enstellten Namen „Bin Gurion" gilt. Und obwohl der Gaon Rabbi Eliahu von Wilna den Wunsch nach einer hebräischen Uebersetzung des Josephus ausgesprochen hat, ließ sie noch weiter auf sieh warten, während unterdessen die jüdisch-nationalen Historiker Salvador, Graetz, und später Norman Bentwich und Dubnow ebenso wie die meisten christlichen Beurteiler: Schürer, Laqueur und Weber, den Menschen bestenfalls als haltlosen Opportunisten, den Historiker oft als tendenziösen Hofschriftsteller abtun. (Graetz freilich erkennt 'die gewaltige historiographische Leistung des ihm tief verhaßten Mannes beinahe widerwillig an.) Eine Revision dieser negativen Haltung beginnt erst mit der ersten Uebersetzung des „Jüdischen Krieges" ins Hebräische, die Kalmann Schulmann (aus dem Deutschen) in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts angefertigt hat: der Uebersetzer macht sich zum Apologeten seines Autors! Ihm folgt darin Joseph Micha Berditschewski, wenn er „Bin Gurion", den mittelalterlichen Pseudonamen des verfemten Kämpfers gegen den jüdischen Staat, sich zum Sehriftstellernamen wählt. Und I. N. Zimchoni, der neue wissenschaftliche Uebersetzer aus dem griechischen Original, verteidigt jene Position des toten Freundes mit allen Mitteln wissenschaftlicher Argumentation. Dadurch hat sich die Problemlage so gewandelt, daß selbst Joseph Klausner im vierten Bande seiner hebräischen „Historia jisraelit" Josephus Gerechtigkeit widerfahren läßt: er war ursprünglich kein Verräter, sondern wurde erst dazu, und erfüllte später wiederum eine subjektiv ehrlich empfundene jüdische Mission nach besten Kräften und, trotz vieler tendenziöser Fehlurteile, auch nicht ohne objektive Wahrheit. Feuchtwanger nun gehört weder zu den Anklägern noch zu den Verteidigern des Josephus, und dies ist der künstlerische Kern seines Buches. Die tiefe Zwiespältigkeit des Mannes, die die Zwiespältigkeit jedes modernen Juden ist — und in diesem Sinne war der kulturell gräcisierte, politisch von Roms machtvoller Gestalt in Bahn geschlagene Jude allerdings modern — gerade sie hat es ihm angetan. Man darf annehmen, daß die inneren Entscheidungsnöte unserer heutigen jüdischen Situation einen Hauptantrieb hergegeben haben, und nicht zufällig schrieben wohl zwei einander befreundete jüdische Autoren Bücher, in deren jedem ein politischer Verräter und religiös dem Judentum verhafteter Mensch im Mittelpunkt steht. Zwischen Josephus und Jakob Israel de Haan, den Arnold Zweigs unglücklicher Palästinaroman „De Vriendt kehrt heim"4) behandelt, führt eine unsichtbare Brücke, und sie sind, wenn auch entfernte, Verwandte. Beide stehen in einer Situation, da das Judentum um seine politische Geltung kämpft und sich doch nicht dem Schema einer normalen Nation einpassen mag. Beide stellen, jeder in seiner Art, die Frage nach der Möglichkeit einer jüdischen Politik; beide haben sie schließlich verneint. Die letzte Zeile des Buches kündigt eine Fortsetzung an. Es wird augenscheinlich die entscheidende geistige Auseinandersetzung zwischen Josephus und seinem großen Widersacher, dem Historiker Justus von Tiberias, bringen, dessen Gestalt. Feuchtwanger außerordentlich gut gelungen ist, weil er sie, infolge des glücklichen Fehlens beinahe aller Quellen, fast frei erfinden konnte. Diese Fortsetzung könnte ein Buch werden, in dem die große geistige Kernfrage des heutigen Deutsche Eiden- und Wechsel-Bank vorm. L. A. Hahn — gegründet 1821 — Akt. Ges. seit 1872 FRANKFÜRT A. M. Kaiserstrasse 30 DEPOSITENKASSEN: Konstabier Wache Osthafen Allerheiligenslr. 89 Hanauerldslr. 125 Bockenheim Leipzigersir. 50 Offenbach a.M. Höchst a. M. Frankfurterslr. 54 Dalbergslr. 3 4) Verlag: Kiepenheuer, Potsdam, 1953; vgl. meine ausführliche Besprechung in der „Jüd. Rundschau".