Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 8 (4.1933)
- Date
- 1933-04-01
- Page
- Seite 191 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 191 Literarische Rundschau i Historische Belletristik Von Dr. Ernst Simon Das Problem der Zeit ,. Geschichte ist immer zugleich das ganz Gegenwärtige und das ganz Andere. Gegenwärtig ist sie als — aktives und passives — Erlebnis der, im wesentlichen, unveränderlichen Menschennatur; unwiderruflich vergangen ist sie als jeweils einmalige und unwiederholbare Kombination von Menschen, Zuständen, Handlungen. Dieser Doppelcharakter hat von jeher der Geschichtsschreibung — nicht: der Geschichtsforschung — die Frage nach ihrer strengen Wissenschaftlichkeit gestellt und sie, gerade in ihren klassischen Vertretern, an die Grenze der Kunst verwiesen. Er auch hat jenes merkwürdige und häufig fragwürdige Mischgebilde ermöglicht, das „historischer Roman" heißt. Dieser steht also vor der gleichen Schwierigkeit wie die wissenschaftliche Geschichtsschreibung; beide wollen „vergegenwärtigen", aber schon das Wort sagt^ daß nicht die Gegenwart selbst ihr Gegenstand ist, sondern die Vergangenheit. Zur Erreichung -dieses Zieles gibt es nun, entsprechend jenem ihm einwohnenden Doppelcharakter, zwei Wege: man kann entweder die Vergangenheit in ihrer ganzen Andersartigkeit aus ihrer eigenen Umwelt heraus und in ihrer eigenen Atmosphäre entstehen lassen, sodaß der Leser selbst die Seelenbrücke schlagen muß von seinem ewigen Menschentum hinüber zum ewigen Menschentum vergangener Form und Art. Oder aber man kann die historische Umwelt ins Moderne „übersetzen", sodaß dem Leser die Spannung des Brückenschlagens erspart bleibt und er in direkter „Tuchiühlung" mit den Nachbam von vor zweitausend Jahren steht. Den ersten Weg geht meistens die wissenschaftliche Geschichtsschreibung, den zweiten die historische Belletristik, mit größerer oder geringerer Konsequenz. Bis ganz an sein Ende gelangt ist L i o n Feuchtwangers „Jüdischer Krieg".1) Jedenfalls scheint das zunächst so. Man sagt „Sie" zueinander, der Titel der jüdischen Weisen ist „Doktor" oder, immerhin ein wenig archaisierend, „mein, Herr und Doktor", und wenn es ganz hoch kommt: „Großdoktor". Aber neben solchen Modernisierungen steht dann unvermittelt der Opferdienst in Jerusalem und Rom, stehen Aberglauben, Messianismus, Prophetie. Der Dichter sieht also nicht mit dem ruhigen Blick seiner beiden Augen auf die gcschichtiiche Wirklichkeit, sondern er — schielt. Sein eines Auge ist auf das bereits Vergegenwärtigte in der Vergangenheit, das andere auf das noch Vergangene in ihr gerichtet, und wenn er beide Richtungen gewaltsam zusammenbiegen will, dann ergeben sich so hübsche wie journalistische Pointen; etwa die, daß Alexandriens kultivierte Judenheit verächtlich auf Roms — „Westjuden" herabschaut. Eine völlig entgegengesetzte Auffassung vom Wesen des historischen Romans zeigt Oskar Wöhrles ausgezeichnetes Buch „Jan Hus. Der letzte Täg".2) In einem saftigen Deutsch, das zwar nicht jenes des Jahre 1415 ist, aber diesem so nahe kommt, als es der Zwang zur Verständlichkeit erlaubt, wird die Tragödie des tschechischen Vorläufers der Reformation in den grandios gespannten und prall gefüllten Rahmen seines letzten Lebenstages hineingedrängt. Es entsteht ein sehr zeitechtes — und hoffentlich nicht allzu aktuelles! — Bild des späten Mittelalters mit seinen Ketzerverfolgungen, Fehden, Ausschweifungen und — Juden. Diese spielen, wie billig, nur eine Nebenrolle: z. B. als Vermittler falscher Kroninsignien, .wenn die echten verpfändet sind; aber auch als Männer von Geist, die, wenn's nottut, würdig zu sterben wissen. Doch zurück zu Feuchtwanger! Seine „Häßliche Herzogin" und sein „Jud Süß" waren zwar weniger „historische" Romane als Wöhrles Hus; aber immerhin wußte der Leser immer: die Sache ist lange her. In seinem vorletzten Buche nun, dem ersten, das der Gegenwart gewidmet ist, dem Romane „Erfolg", wird nun diese Gegenwart in ein künstliches Schongewesensein hinein distanziert. Stört auch die Atmosphäre kürzester Vergangenheit (nicht etwa: unmittelbarer Gegenwart), die jedem Schlüsselroman eigen ist, jene Perspektive -einer konstruierten Zukunft, von der her die Geschehnisse angeblich gesehen sein sollen, so sucht sich der Dichter doch immer wieder durch gleichsam „futurisierende" Stilmittel zu sichern, indem er z. B. von München wie von einer längst untergegangenen „Stadt in der südbayerischen Hochebene" spricht. Hier ist das genaue Gegenstück zur Zeitbeziehung des „Jüdischen Krieges". Was ist die gemeinsame Absicht beider Bücher? Sie zielen offenbar auf eine Art'von „Gegenwart", die außer- und überhalb der zeitlichen Reihe Vergangenheit Gegenwart Zukunft liegt. Ein sehr hohes Ziel — und im Falle eines jüdischen Romanes insofern ein immanent legitimes, als das besondere Judenschicksal, von jeher und insbesondere nach der Zerstörung des Tempels, aus dem Strombett des historischen Zeitablaufs herausgerissen, in „ewiger Gegenwart" dem Wandel der Zeiten trotzt. Wird dieses höbe Ziel erreicht? Es wird nicht erreicht. Gerade vor seinem Angesicht hätte der Verfasser auf all die Stilmittel verzichten mü3sen, die ©3 allzu deutlich herbeizuzwingen suchen und ebendadurch verfehlen. Einen exakten Beweis für unser Verdikt liefert die hebräische Uebersetzung: dort konnte man die Rabbinen nicht „Doktor", R. Jochanan Ben Sakkai nicht „Großdoktor" nennen, sondern sie heißen nun wieder „Rabbi". Wenn einmal Franz Rosenzweig gezeigt hat, daß erst Klatzkins hebräische Uebersetzung gewisse Positionen in Spinozas „Ethik" ganz verständlich macht, die jüdisch gedacht, im Lateinischen nur den Notbehelf ihres Ausdrucks fanden, so beweist umgekehrt die Unmöglichkeit einer Uebersetzung der Feuchtwangerschen Modernisierungen ins Hebräische das Scheitern seines Unternehmens in diesem Punkte. I. N. Z i m c h o r i aber, der hebräische Meisterübersetzer von Josephus' Hauptwerk „Der jüdische Krieg" hat sich einer Sprache bedient, die beinahe nirgends über das Mischnah-Hebräisch von Josephus' eigener Zeit hinauslangt. Das ist echte Vergegenwärtigung. Das Problem des Stoffes Wer einen historischen Stoff dichterisch behandelt, ist gebundener als der freie Erfinder seiner Menschen. Feuchtwanger härte den Josephus nicht zum heidnischen Römer, den Vespasian nicht zum Juden machen können. Bei aller Zubilligung, „poetischer Lizenz" — sie hat aber offenbar ihre Grenzen. Diese Grenzen begrifflich zu bestimmen ist schwierig: sie liegen im historischen Allgemeinbewußtsein des durchschnittlichen Lesers, und dessen Umfang und Tiefe variieren beträchtlich. Man darf sagen: je weniger man von der Epoche weiß, um so stärker wird Feuchtwangers suggestive Darstellung einen in seinen Bann schlagen. Freilich wird auch der, zu seinem Glück, wenig vorbereitete Leser, wenn er, zu seinem Unglück, nur ein wenig aufmerksam ist, über gewisse innere Unstimmigkeiten nicht leicht hinwegkommen: z. B. nicht über den bis zum Ueberdruß mißbrauchten Gottesnamen, obwohl einmal richtig das Verbot verzeichnet ist, ihn jemals, außer durch den Hohepriester im Alierheiligsten am Versöhnungstage, laut werden zu lassen. Andererseits wird selbst der Geschichtskundige viele Freiheiten gutheißen: so wenn zwei Beschwichtigungsreden Agrippas IL in eine zusammengezogen werden, um den dramatischen Knoten zu schürzen, oder wenn dem Josephus das sogenannte vierte Makkabäerbuch noch zugeschrieben wird, obwohl die Forschung es ihm längst entwunden hat: es gehört seinem Mythos und damit auch seinem Dichter. Ebenso hat Feuchtwanger ganz recht, von den neuen Hypothesen Wilhelm Webers („Josephus und Vespasian", Berlin 1931) keiae Notiz zu nehmen, denen zufolge der jüdische Historiker d'i:\ Großteil seines Werkes gar nicht selbst geschrieben, sondern gerade für die römerfreundlichsten und dem Judentum gegenüber gleichgültigsten Passagen des Werkes die Feldzugstagebücher des Vespasian und des Titus wörtlich übernommen habe. Sollte sich diese Hypothese durchsetzen, so würde sie doch das allgemein rezipierte Bild des Josephus nur sehr allmählich ändern. Ein künftiger Verfasser eines Josephus- Romanes müßte dann von der mittlerweile erfolgten Aenderung jenes Publikumsbildes Notiz nehmen; der heutige Gestalter darf es nicht einmal. Mitten inne aber zwischen der Gruppe eindeutig verfehlter historischer Züge und jener anderen eindeutig zu bejahender -J) Propvläenverlaß Berlin, 1933. 3) Verlag: „Der Büdierkreis", Berlin, 1932.