Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 8 (4.1933)
- Date
- 1933-04-01
- Page
- Seite 185 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3094266-3094386-3094394--3523-3098298- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 185 furt, wo die auf die lokale Münzgeschichte beschränkte Sammlung in der Stadtbibliothek keine Entwicklungsmöglichkeiten bot. Einer der bedeutendsten war der 1813. geborene Julius Friedländer, der als Direktor des Berliner Münzkabinetts diese großartige Sammlung eigentlich erst richtig ausbaute; seine außergewöhnliche Karriere war allerdings wohl nur möglich, weil er, wie seine ganze Familie, im Jahre 1820 getauft worden .war. Friedländer war ein sehr vielseitiger Gelehrter, der über die Münzen der Ostgoten genau so wie über Renaissance-Medaillen oder antike Numismatik schrieb; daneben gab er auch die Briefe und Aufsätze des Bildhauers Schadow heraus. Er starb 1884, nachdem er 1872 zum Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften ernannt worden war. Numismatisch einseitiger war ein anderer großer Kenner, der 1880 t verstorbene Direktor des Medaillenkabinetts an der Bibliötheque Nationale in Paris, Henri Cohen. Er beschränkte sich auf die römische Münzgeschichte, hat allerdings auf diesem Gebiet die Standardwerke _ geschrieben. Cohens eigentliche Passion war die Musik; von ihm, der eine Zeitlang das Konservatorium in Lille leitete, gibt es eine ganze Reihe von in Paris und London viel aufgeführten Werken, u. a. eine Faust-Komposition. Ein anderer jüdischer Numismatiker, der sich durch seine wissenschaftlichen Studien über antike Münzen einen Namen gemacht hat, ist Professor BerendtPick, der jetzige Direktor des herzoglichen Münzkabinetts in Gotha. Der Reihe dieser Gelehrten steht eine Anzahl bekannter jüdischer Sammler gegenüber. Mit Frankfurt besonders verwachsen ist der vor ein paar Jahren verstorbene Heinrich S t i e b e 1, der in seinem Hause im Gärtnerweg eine ungeheure Fülle von Francofurtensien zusammengebracht hatte. Der größte Teil seiner Sammlung ist nach seinem Tode durch die Firma Joseph Baer & Co. versteigert worden; seine Münzsammlung war jedoch schon 1900 in den Besitz der Stadt Frankfurt übergegangen. Aus dem weiteren Umkreis unserer Stadt ist dann noch Karl Nathan Mayer (Offenbach) zu nennen, dessen besonders gepflegte Spezialität palästinensische Münzen sind. Andere bekannte Sammlungen außerhalb Frankfurts besaßen Alexander F i o r i n o , Kassel, Albert W o I f f , Dresden (seine Sammlung bildet einen Teil des Jüdischen Museums der Stadt Berlin), der bayerische Hofbankier und Vermögensverwalter des Prinzregenten Luitpold Max Ritter von Wi 1 m e r s d ö r f f e r und vor allem der Berliner Großkaufmann und Sammler James Simon, der nicht nur viele archäologische Expeditionen nach dem Orient finanzierte, sondern auch seine eigenen Kunstsohätze, darunter eine berühmte Medaillcnsauimlung, den staatlichen Museen in Berlin in wahrhaft großzügiger Weise schenkte. Nach dieser Betrachtung über Numismatik in Frankfurt und jüdische Numismatiker wird die Frage auftauchen, ob es nicht aus alter und neuer Zeit von Juden herausgegebene Prägungen gibt, mit denen sie irgendwelche Personen dem ehrenden Gedächtnis überliefern wollten oder die überhaupt jüdische Ereignisse behandeln. Als es in Palästina einen jüdischen Staat gab, wurden selbstverständlich auch jüdische Münzen geschlagen. Von ihnen soll aber hier nicht die Rede sein, auch nicht von all den jüdischen Gedenkmünzen, die während der langen jüdischen Geschichte in allen Teilen der Welt geschlagen wiurden. Darüber irformieren sehr gut die einschlägigen Artikel in den großen jüdischen Enzyklopädien. Was hier versucht werden soll, ist ausschließlich am Beispiel der Frankfurter Gemeinde die verschiedenen Möglichkeiten solcher Gedenkmünzen aufzuzeigen, weil hierfür bei den Lesern die nun einmal unerläßlichen historischen Kenntnisse vorausgesetzt werden können, aber auch weil durch die Behandlung aller Münzen einer Gemeinde (und nicht nur der hervoragendsten) ein instruktives Bild von geschichtlichen Ereignissen und geschmacklichen Strömungen entsteht. Das älteste numismatische Dokument aus der Frankfurter jüdischen Geschichte ist wahrscheinlich ein kleiner Silberbrakteat (von nur 29 mm Durchmesser und von einem Gewicht von 0,95 gr), der im Frühjahr 1920 mit einer Menge anderer Münzen in der Nähe von Lichtenberg im Odenwald gefunden wurde und sich beute im Münzkabinett der kunstlind j£> /#t£h&*z.'i V;, :f » i it * \v^^$^ -' Silbermünze um 1180 (Abb.im Besitz von Dr.Jat. Cahri) kulturgeschichtlichen Sammlungen im Hessischen Landesmuseum zu Darmstadt befindet (Brakteaten sind dünne Münzen aus Silber, die während des frühen Mittelalters geprägt wurden; sie zeigen nur auf der einen Seite ein reliefmäßiges Münzbild und sind auf der Rückseite hohl.) Die erste wissenschaftliche VeröffentHehung dieses hochbedeutenden Stückes verdanken wir Dr. Julius Cahn, der von dieser Münze ausgehend interessante Mitteilungen über die Stellung jüdischer Münzmeister im Mittelalter gemacht hat, wobei er auch Material aus hebräischen Quellen, die ihm Professor A. Freimann erschlossen hatte, mitverwandte. (Zeitschrift für Numismatik Band XXXJH, Seite 97—112.) Auf diesem Brakteat. sitzt inmitten des Runds ein weltlicher Fürst in einem faltigen Gewand, ein Zepter in der Rechten haltend, ihm zur Linken iu halbkniender Stellung ein Mann in weitem Mantel, der seine linke Hand auf die Brust preßt. Das Besondere an der Tracht dieser zweiten Figur ist eine stumipfwinklig^spitze Kopfbedeckung, die ihn als Juden charakterisiert; wir haben hier nichts anderes vor ums als den sogenannten Judenhut, der erst später im 13. Jahrhundert eine breitere, in eine stempelartige Bekrönung endigende Form angenommen hat. Daß es sich bei unserer Münze wirklich um ein Judaicum handelt, wird durch die hebräische Umschrift „David Hakohen" am Rande, links von dem sitzenden Fürsten bestätigt. Die Person des dargestellten weltlichen Dynasten und die Entstehungszeit des Brakteaten konnte durch die anderen Münzen des Fundes leicht erschlossen werden; es handelt sich um einen Brakteaten des damals mächtigsten Fürsten der ganzen Gegend, den Reichsvogt in der Wetterau und Reichserbkämmerer Kuno I. von M i n z e n be r g (1151—1212) ungefähr aus der Zeit um 1180. Die Inschrift David Hakohen bezieht sich auf den Münzmeister oder Münzpächter des Fürsten, der wahrscheinlich in der knienden Figur selbst dargestellt ist. Wie uns Urkunden aus dem 12. Jahrhundert bezeugen, hat es schon damals jüdische Münzmeister gegeben, und auch aus der hebräischen Responsenüteratur muß man derartiges schließen, wenn dort etwa auf Anfrage entschieden wird, daß die nichtjüdischen Angestellten einer königlichen Münze, die von einem Juden verwaltet wird, am Sabbat nicht arbeiten dürfen. Außerdem gibt es aus der gleichen Zeit noch zwei andere Brakteaten mit hebräischen Umschriften, allerdings von solch verwilderten Formen, daß man sie bisher nicht entziffern konnte. Die Bedeutung der auf der Münze dargestellten Szene wird ersichtlich, wenn man die Rolle untersucht, die Kuno von Minzenberg den Juddn gegenüber eingenommen hat. Dieser Fürst hatte als Reichsvogt für die Aufrechterhaltung des Landfriedens zu sorgen, der laut ausdrücklicher Feststellung seines Lehnsherrn Friedrich Barbarossa auch den Juden zugesichert war. Die Juden waren bereits damals zur kaiserlichen Kammer gehörig, d. h. sie genossen den kaiserlichen Schutz, hatten aber dafür eine besondere Kammersteuer zu zahlen, die der Reichskämmerer einzog. Kuno von Minzenberg ist also durch seine doppelte Stellung zu dem jüdischen Bevölkerungsteil, dem er mit Rücksicht auf die Steuereingänge einen gewissen Schutz angedeihen lassen mußte, in nähere Beziehung getreten. Er hat aber, wie vor allem zeitgenössische jüdische Autoren bezeugen, diese Beziehungen nicht nur aus fiskalischen Gesichtspunkten unterhalten, sondern er ist warm für die Sache der Juden eingetreten. Trotz der judenfeindlichen Strömung in dieser Kreuzzugszedt hat er die jüdischen Gemeinden seines Machtbereichs gefördert und unter anderem in seinem Stammsitz Minzenberg die aus Speyer und Mainz Vertriebenen aufgenommen. So erscheint es nur natürlich, daß der jüdische Münzmeister eine Gedenkmünze für diesen Schutzherrn aus dem allgemeinen Gefühl der Dankbarkeit schuf und 7mmmwdw Sddaganßlh