Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 8 (4.1933)
- Date
- 1933-04-01
- Page
- Seite 184 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 184 Münzgeschäft spezialisiert, das ein-? solch schwierige Ausbildung voraussetzt, daß für die praktische Einarbeitung und Betätigung auf anderen Gebieten des Kunsthandels kaum Kaum bleibt. Diese Tendenz wird dadurch unterstützt, daß sich auch die Sammler in der gleichen Weise spezialisiert haben, daß ein Münzsammler wohl selten ein besonderer Gemäldekenner ist und sich eine größere Anzahl Bilder zulegt. Da es Münzen von der Zeit an gibt, da die Menschen Handel getrieben haben, und da weiterhin das Münzgeschäft (wenigstens theoretisch) sich mit den Prägungen aller Herren Länder abgibt, ist der Geschäftsbereich im Münzhandel ungeheuer groß und setzt außerordentliche Kenntnisse voraus. Man braucht sich nur — um drei Gruppen herauszugreifen — an die vielen kleinen Stadtstaaten der Antike, an die stets nur kurz herrschenden islamischen Dynastien oder an die unzähligen Serenissimi des 18, Jahrhunderts in Deutschland, die alle eigenes Münzregal besaßen, zu erinnern, um vor numismatischen Kennern einen gewissen Respekt zu bekommen. Man geht wohl nicht fehl, wenn man in dem bei vielen Juden beobachteten Sinn für Geschichte eine geistige Voraussetzung für die Bewältigung dieser Materie sieht. Bei jeder historischen Untersuchung ist es wichtig, einen Vertreter aus der F r ü h z e i t der zu beurteilenden Gruppe zu studieren, um die Sonderheiten und Entwicklungstendenzen genauer zu erkennen. Bei der Betrachtung des numismatischen Geschäfts, besonders in Frankfurt, sind wir in der glücklichen Lage, einen solchen frühen Typ aufweisen zu können, denn kein Geringerer als Mayer Ä in sc hei Rothschild fing seine Laufbahn als Münzhändler an. Die beiden neueren Biographen dieses Mannes. Ch. W. Berghoeffer und Graf E. C. Corti, haben sich eingehend mit diesem ersten Geschäftszweig Rothschilds beschäftigt; nach deren Werken wollen wir hier kurz seine Bemühungen in dieser Richtung skizzieren, zumal dieses Stadium in Rothschilds Laufbahn weniger bekannt ist. Die historische Entwicklung und das geschäftliche Genie Rothschilds brachten es mit sich, daß er über seinen ersten Beruf hinauswuchs: wenn wir also auch keinen typischen Fall vor uns haben, so können wir an ihm doch wichtige und interessante Details studieren. Rothschild war in Fürth auf der Jeschiwa gewesen, hatte sie aber nach dem frühen Tod seiner Eltern verlassen, um sich in Hannover kaufmännisch in einem Wechselgeschäft zu betätigen. Aus dieser Zeit stammen seine Kenntnisse alter Münzen, mit denen er aber wohl auch schon in Frankfurt zu tun gehabt hat, denn in einer großen Handelsstadt mit ihren vielseitigen und internationalen Verbindungen spielt das Umtauschen fremder Geldsorten und das Umtauschen von großen in kleine Stücke natürlich eine besondere Rolle, zumal ja der eigene Vater das Wechselgeschäft ausübte. In Hannover hat sich Rothschild aber anscheinend auch mit der numismatischen Literatur beschäftigt und vor allem Kataloge studiert, wodurch er sich Fachkenntnisse aneignete. Sein bester Kunde war der General von Estorff, der sich von ihm seltene Stücke verschaffen ließ und ihn auch später an den Erbprinzen Wilhelm von Hessen-Kassel, den regierenden Grafen von Hanau- Münzenberg, empfahl einen jener Fürsten, die ein eigenes Münzkabinett besaßen. Wie eine heute im Marburger Staatsarchiv befindliche Rechnung des Juden Mayer von Frankfurt aus dem Jahre 1765 an die Hanauer Schatull'kasse über den Betrag von 38 Fl. 30 Kr. beweist, ist R. schon damals mit dem Prinzen, wenn auch wohl zuerst noch nicht persönlich, in Geschäftsverbindung getreten. Er war damals noch ein ganz junger Mann, aber bereits so tüchtig, daß ihm, dem Fünfundzwanzigjährigen, auf eine Bittschrift hin der Titel eines Fürstlich Hessen- Hanauisehen Hoffaktors verliehen wurde. Dieser Titel verschaffte ihm weiteres Ansehen und erhöhten Kredit in Frankfurt, aber auch die Möglichkeit, mit dem jungen r'ürsten andere Geschäfte mehr banktechnischer Art zu treiben. So gibt es aus der Zeit, da R. ein Hauptlieferant des Münzkabinetts war, auch Briefe an den Prinzen Wilhelm, in denen er ihn um Ueberlassung von englischen Wechseln bittet. R. hat sein Geschäft aber nicht nur auf den Landgrafen von Hessen-Kassel aufgebaut: es gibt z. B. eine Geschäftskorrespondenz von ihm mit dem Geheimschreiber des Herzogs Karl August von Sachsen- Weimar, in der er ihm eine Sammlung sächsischer Münzen anbietet: außerdem hat sich einer seiner Kataloge in ^inem Ganzlederband mit dem Wappen Karl Theodors von der Pfalz erhalten (heute in der Rothschild-Bibliothek, Frankfurt). Gerade die (in Exemplaren der Stadt- und Rothschildbibliothek erhaltenen) Münzka'taloge sind Zeugnisse seiner vielseitigen numismatischen Tätigkeit in den siebziger und achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts. Es sind kleine Oktavheftchen im Umfang von 8—16 Seiten, ohne Deckel und am Rücken nur durch ein farbiges Falzpapier zusammengehalten. In den älteren unterzeichnet der Firmeninhaber als Mayer Amschel Rothschild, Jud in Frankfurt, später mit seinem Titel als Hochfürstlicher Hoffakbor. Der charäkteristdsche Kopf eines Kataloges aus den achtziger Jahren lautet: „Verzeichnis einer Anzahl rarer Cabinetsthaler nach des Herrn von Maday vollständiegen Thaler- Cabinett numeriert, wie auch eine Anzahl sehr rarer Gold- und Silbermünzen und Medaillen, Gold- und silberne Römische, Griechische, Antique und Heydnische Münzen, welche vor beystehende Preisze zu haben sind." In den Verzeichnissen sind zunächst nur Taler, dann aber auch antike spanische, französische, englische, päpstliche und andere Münzen enthalten; das früheste Stück stammt aus dem 13. Jahrhundert, die Lagernummern steigen bis ins siebte Tausend. Die Kataloge beginnen mit billigen Stücken, die genau kalkulierte Preise zeigen, dann kommen genauere Beschreibungen von „hauptraren", „sehr raren" und „überaus seltenen ächten Stücken". In der Aufmachung und der Art der Beschreibung halten sie sich ganz an die damals gebräuchliche Form, wie z. B. ein in der Rothschild-Bibliothek erhaltener Münzkatalog der Jägerschen Buchhandlung zeigt. Die Beschreibung zweier solcher „hauptrarer" Stücke lautet etwa: 1) „eine schöne Chur-pfälzische Medaillie von 27/s Loth, Avers Ludovica deroselben Brustbild und mit Perlenschnüren gezierte Haaren von linker Seite, Revers ein vor einem brennenden Opferherd stehendes Weibsbild, welche mit der Rechten eine Opferschale ausschüttet und stützet sich mit der Linken an einen langen Mercurstaab"; 2) „eine sehr seltene Medaille von circa 2 Loth auf die in Frankfurt am Mayn geschehene Luftreise des Herrn Blanchard, Avers dessen ähnliches Brustbild, Revers die Stadt Frankfurt worüber Blanchard im Luftballon gegen den Himmel zu sehen ist". Die Verkaufssumme der Kataloge der siebziger Jahre bewegt sich zwischen 1700 und 3000 Fl., in denen der achtziger Jahre zwischen 2600 und 5000 Fl. Von dem Ende der achtziger Jahre an, in denen sich R. noch fast ausschließlich in diesem Geschäftszweig betätigt hatte, tritt der Münzhandel innerhalb der Rothschildschen Unternehmungen zurück, besteht aber noch bis in die ersten Jahre des neuen Jahrhunderts weiter. Zuletzt waren es allerdings mehr Gefälligkeitsgeschäfte, wie etwa der Rückkauf des bei der französischen Okkupation beschlagnahmten und nach Paris verbrachten Münzkabinetts. In den achtziger Jahren war übrigens auch das übrige Antiquitätengeschäft zum Münzhandel getreten. Das bezeugen Verkaufsannoncen von geschnittenen Figuren und Steinen in seinen Münzkatalogen, weiterhin aber auch das in einem 1778 erschienenen, von einem gewissen Samuel Jacob Schröckh herausgegebene Handelsadreßbuch („Handlungsschema von Frankfurt am Main"), wo Rothschild als«Verkäufer von Antiquen, Medaillen und Schaustücken bezeichnet wird. R. ist also in der Tat ein Münzhändler, bei dem sich die oben angeführte Verbindung mit dem Wechsel- und Bankgeschäft noch Idar erweist, aber auch Beziehungen zum Antiquitätenhandel bestehen. Daß er als Münzhändler im 18. Jahrhundert keine singulare Erscheinung ist, beweist ein (ebenfalls in der Rothschildbibliothek verwahrter) . Katalog eines gewissen Heyum Samuel Anspacher aus Fürth. Wenn sich die geschäftlichen Verhältnisse seit des alten Rothschild Zeiten auch gewaltig gewandelt haben, so ist Frankfurt weiterhin ein Hauptplatz des numismatischen Handels geblieben und kann wohl auch heute als der bedeutsamste Ort in diesem Geschäftszweig in Deutschland vor Berlin und München gelten. Die jetzigen Firmen sind: Adolph E. Cahn, Leo Hamburger, Ad. Heß Nachf. und Sally Rosenberg; die hier früher ebenfalls auf diesem Gebiet tätigen Firmen Joseph Hamburger und S. Schott-Wallerstein sind durch den Tod ihrer Besitzer verschwunden. Im Laufe der Jahre sind von diesen Firmen, die alle eine außerordentlich lange Reihe von — auch wissenschaftlich beachtenswerten — Katalogen herausgegeben haben, viele bekannte Sammlungen und Kabinette erworben und dem Markt (in erster Linie durch Auktionen) zugänglich gemacht worden. Genannt seien hier das Frankfurter Bellische Kabinett, die Dresdener Sammlung Erbstein, die Hannoversche Sammlung Reimmann, die Sammlung des Chemnitzer Geheimrat Vogel und aus jüngster Zeit das Dessauische Münzkabinett des Herzogs von Anhalt und die Fürstlich Fürstenbergische Sammlung in Donaueschingen. Bei dem numismatischen Geschäft läßt sich übrigens eine ähnliche Tendenz zur Wissenschaft feststellen, wie bei dem allgemeinen Kunsthandel und dem Buchantiquariat. Die zweite und dritte Generation strebt über die rein berufsmäßige Beschäftigung hinaus und sucht die •'Objekte ihres Erwerbszweiges nicht nur durch eine mehr oder minder gefühlsmäße Kennerschaft zu beurteilen, sondern auch auf Grund einer'auf der Universität vermittelten Spezialausbildung richtig zu werten. Diese Entwicklung hat es mit sich gebracht, daß aus den Reihen der numismatischen Händler hervorragende Experten hervorgegangen sind, die auf Grund ihrer theoretischen Schulung und ihrer auf Reisen und durch Auktionen stets erweiterten praktischen Erfahrung für die wissenschaftlichen Sammler unentbehrlich sind. Daneben hat es natürlich auch eine Reihe von Juden gegeben, die sich rein wissenschaftlich mit der Numismatik beschäftigt haben, allerdings nicht in Frank-