Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 8 (4.1933)
- Date
- 1933-04-01
- Page
- Seite 183 (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 183 ten erst in seinem Zusammenhang mit der zum Gotte^- reich hinführenden Geschichte Israels seine religiöse Bedeutung erlangt, daß mit anderen Worten nicht nur die Entscheidung über den Sinn unserer Zukunft, sondern auch die über den Sinn unserer Vergangenheit in unsere eigene Hand gelegt ist. Nur wenn wir die Zukunft, unsere eigene und die der 'Menschheit, nicht aus dem Auge verlieren, nur dann ist in Wahrheit der Auszug aus Aegypten mehr als ein beliebiges historisches Ereignis, nur dann bedeutet er in Wahrheit das Werden jener Gemeinschaft, in deren Mitte „ewiges Leben" gepflanzt ist. Unbekannte Sedermelodien Kadesdi ur'diatz (babylonisch): $ i£ m Kad-desch u-r'-chaz, Ka-r'-pas ja-chaz ma - ror, ko-rech, <T-_l'cho u - 1' - cho, l'cho ki 1' - cho l'cho af l'-cho Tcho aduu-noj ha-mam- T " jr-7 W schul - ehan ■ o - rech, za - fun ba - rech, hal - le! mir - za. Die Hagada beginnt mit einer gereimten Aufzählung der Gebräuche am Seder-Abend. Obige Melodie ist der Pentateuchweise der babylonischen Juden entnommen; sie erinnert etwas an den Ton der orientalischen Straßenausrufer. Die musikalische Gestalt ergibt sich dadurch, daß die Reimsilbe als Ruhepunkt immer wieder auf den gleichen Ton fällt (fis). So bildet sich eine Art Zentralton, der die Schwere der ganzen Verszeile auf sich konzentriert. Der Tonumfang ist eine Sexte (d—h). Von einem eigentlichen Grundton, also von einer bestimmten Tonart im europäischen Sinn, kann man dabei nicht sprechen. locho, ki lau no ch ki lau jo eh Dieser Lobeshymnus hat ukrainische und rumänische Melodieelemente. Die Verwendung des Oktavtons zeigt, daß wir es mit einer europäischen Weise zu tun haben, in dem übermäßigen Sekundschritt t)—eis begegnen sich slavischer und jüdischer Orient. Uneuropäisch ist auch der nicht in einer bestimmten Tonart ruhende Wechsel von c und eis, h und b. Immerhin haben Anfang und Schluß bereits einen deutlichen G-moll- Charakter. Etwas Improvisatorisches, Musikantisches liegt in dieser Melodie; ein merkwürdiger Gegensatz zu dem lautlich und rhythmisch festen Gefüge des Textes. Adir ha (Deutsch., Barock): Ha ladtma anja (marokkanisch) l'scha-na ha-ba-a b'-ar-a d'-jis - ra - el b'ne cho - rin. Mit dieser monotonen fünftönigen Weise gedenkt der marokkanische Jude der ägyptischen Armut. Man kann daran den Symbolwert jüdischer Melodien studieren: achtmal wird eine Abwärtswendung im Gesang vollzogen. Die beiden höchsten Melodietöne treten an zwei inhaltlich bedeutsamen Stellen hervor: bei „kol dizrich" und bei „ara d'jisrael". An diesen beiden Stellen erhebt sich die Melodie zu einem etwas zuversichtlicheren Ausdruck. Adir bimludio (Ostjüdisch): Ad-dir bim - lu-cboh, bo-chur kah - Io-cho. gdu-dow jaum-ru lau, Diese Paraphrase über die allgemein bekannte Melodie könnte von Joseph Haydn stammen. Sie zeigt, wie rückhaltlos sich die Chasonim des 18. Jahrhunderts der musikalischen Assimilation hingegeben haben: die Höhe der damaligen deutschen Musikkultur hat ihnen in einem solchen Grade imponiert, daß sie nicht davor zurückgeschreckt sind, traditionelle Synagogengesänge zu Sizilianen und Menuetten im Stil von Haydn und Mozart umzuarbeiten. Chad gadja (Orientalisch-Sefardisch): Ein etwas humorvoll wirkendes „Bänkelsängerlied" auf vier Tönen, das mit Absicht heruntergeleiert wird. Es entstammt — ebenso wie die übrigen Notenbeispiele — dem „Hebräisch- Orientalischen Melodienschatz" von A. Z. Idelsohn. Alice Jacob-Loewenson Frankfurter Juden im Münzwesen Von Dt. Richard E. Haus er Es sind allbekannte Tatsachen, daß gewisse Berufszweige mit bestimmten Gegenden und Städten eng verknüpft sind, und weiterhin, daß manche Berufe von Juden besonders ausgebildet oder mit ausgesprochener Vorliebe gewählt werden. Eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Untersuchungen hat sich mit diesen Tatsachen beschäftigt. Hier soll von einem Berufe gesprochen werden, auf den alle beide der genannten Merkmale zutreffen: vom Münz h and el. Wir dürfen gerade ihm hier besondere Aufmerksamkeit schenken, da er eng mit Frankfurt und den Frankfurter Juden verknüpft ist. Der Beruf als solcher ist aus dem Wechselge'schäft entstanden, das ja auch eine'Domäne der Juden gewesen ist. Bei der Vielheit der Münzsorten in den Hunderten von deutschen Kleinstaaten war es nur natürlich, daß außer Kurs geratene Stücke liegen blieben oder ältere Stücke von Besitzern angeboten wurden. Für diese Münzen fanden dann findige Männer, die sich in die Materie eingearbeitet hatten, Abnehmer bei dem sich im 18. Jahrhundert langsam bildenden Kreis der Sammler, besonders bei adligen und fürstlichen Herren, die sich ganze Münzkabinette angelegt hatten. Im Laufe der Zeit trennen sich dann der reine Münzenhändler von dem Geldwechsler; gelegentlich sind aber beide Berufe auch heute noch vereint. Daneben finden wir Firmen, die in den Münzen nur eine Gruppe von Antiquitäten sehen, die sie neben alten Bildern, Skulpturen und kunstgewerblichen Objekten in ihren Geschäftsbereich einbeziehen. Bei einer vierten Gruppe findet man das Münzmit dem Lotteriegeschäft verbunden. Die eigentlich führenden Häuser (wie z. B. alle Frankfurter Firmen) haben sich auf das reine