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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-04-01 · 8 (4.1933) · p. Seite 182

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
8 (4.1933)
Date
1933-04-01
Page
Seite 182 (sequence 4)
Language
German
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Seite 182 Wirtschaffsberafung Im Rahmen, der von den Vereinigten Landesverbänden jüdischer Gemeinden eingeleiteten Aktion, über die an anderer Stelle des Gemeindeblattes (unter „Anstalten und Vereine") berichtet ist, wird auch in Frankfurt eine Beratungsstelle eröffnet. Alle Personen, die wegen ihrer Zugehörigkeit zum Judentum ihre Tätigkeit aufgeben müssen und der Beratung bedürfen, werden gebeten, sich' mit dieser Stelle in Verbindung zu setzen. Es wird ausdrücklich bemerkt, daß die Tätigkeit der bestehenden Organe der sozialen Fürsorge durch' diese Einrichtung in keiner Weise berührt wird und daß essich nur. um die Beratung solcher Personen handelt, die von den Ereignissen der letzten Wochen betroffen worden sind. Die Beratungsstelle befindet sich Eschersheimer Landstr. 65- und ist bis auf weiteres Montags und Donnerstags von 3—6 Uhr geöffnet (Fernspr. 52207). Ein Spruch von Meister Suezkind Süsskind von Trimberg war ein jüdischer Minnesänger, der aus Trimberg bei Schweinfurt stammte und in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts gelebt hat. Einer der wenigen von ihm erhaltenen Sprüche ist hier in der mittelhochdeutschen Urfassung und in einer hochdeutschen Umdichtung von Karl Wdlfskehl wiedergegeben. Klinik herre, hoch gelopter got, waz du vermdht, du Kuhtest mit dem tage vait vinsterst mit der naht) da von diu werlt vil vröude unt ruowe hat. känig, aller eren dir noch nie gebrast, wie den tak du zierest mit der sunnen glast, und ouch die naht dins manen lieht wol stat, du bernest himel mit den stern, diu Schönheit te mer mäk gewern, da hast ze geben gäbe vil, der niht zergat. König, Herr, Du hochgelobter Gott - gross deine Macht r Du leuchtest mit dem Tag, Du finsterst mit der Nacht Darob zur Welt viel Freud und Ruh ergeht. König, alle Ehren Du in Ewigkeiten hast So wie den Tag Du zierest mit der Sonne Glast Und nachts auch Deines Mondes Leuchten steht. Dem Himmel schenkst die Sternelein: Die Schönheit Dein muss ewig sein. Du hast zu geben Gabe viel, die nie vergeht. Zum Pessachfest Von Dr. Henry Philipp Man darf von unserem Festen sagen, daß sie stets einen doppelten Sinn haben: sie wollen in unserem eigenen Leben als lebendige religiöse Kraft wirksam werden und sie wollen uns zugleich das religiös bedeutsame Geschehen unserer Vergangenheit lebendig machen. Die Beziehung zur Gegenwart und -Zukunft tritt am stärksten am Neujahrsfest und Versöhnungstag, den „gewaltigen Tagen", hervor, sie machen den gegenwärtigen Aiugenblick aum Augenblick der Entscheidung, sie legen unsere Zukunft in unsere Hand. Nicht etwa nur als Juden, sondern als Menschen werden wir aufgerufen an diesen Tagen, als Menschen beten wir darum, „daß Dich verehren mögen alle Kreaturen!" Sofern wir der Zukunft zugewandt sind, ist unser Glaube ein weltumfassender, und m diesem Sinne dürfen wir uns noch heute als Träger der prophetischen Verkündung -betrachten: „ich will dich begeben zum Bundespfand des Völkertuans, zum Licht der Weltstämme" (Jesaja 42,6). Die Erinnerung an das vergangene Geschehen steht an keinem unserer Feste so im Vordergrand wie am Pessachfest. Im traulichen Kreise der Familie wird vom Auszug aus Aegypten erzählt, nind diese Erzählung, unübertrefflich in ihrer schlichten, packenden Anschaulichkeit, richtet sich an die Kinder. Auf diese Weise gelangt eines der Grundelemente des religiösen Lebens früherer Zeiten zu kraftvoller Geltung: das Element der Tradition. In der Ueberlieferung von Mund zu Mund, in Frage und Antwort wird am Sederabend die Vergangenheit lebendig, werden die Anfänge unserer nationalen Existenz uns so gegenwärtig,;,als ob der Heilige — gelobt sei er — nicht unsere Väter allein, sondern uns mit ihnen erlöst hätte". Nicht Geschichtsbetrachtung ist der Sinn dieses - Festes, sondern das Neu -Erleben geschichtlicher Vorgänge, die Ueberwindung der historischen Ferne und die ungeteilte Hinwendung zu unserer ältesten Vergangenheit. Indem wir diese Hinwendung vollziehen, fühlen wir uns ganz und gar als die von Gott erwählte Gemeinschaft, welche aus Aegypten befreit wurde, um dem Sinaibund entgegengeführt au werden. Nicht auf den Weg der Menschheit blicken wir jetzt, sondern auf unser eigenes Schicksal. Allein 'darin beruht die Eigenart unseres religiösen Denkens, daß wir in Wahrheit niemals einen Abschnitt unserer eigenen Geschichte oder einen Abschnitt der Weltgeschichte uns isoliert vor Augen stellen, daß wir vielmehr im Ganzen leben und daß der gegenwärtige Augenblick für uns Vergangenheit und Zukunft in sich trägt. Wenn wir des Auszugs aus Aegypten gedenken, dann sind wir in der Tat nur das Volk Israel — aber doch jenes Volk Israel, welches arn Sinai die Weisung für seinen zukünftigen Weg empfangen sollte, jenen Weg, dessen letztes Ziel nicht -Israels, eigene Entfaltung, sondern das Kommen des Gottesreiches ist. Unter diesem Gesichtspunkt gewinnt die messianische Weissagung Jesajas, welche am letzten Tag des Pessachfestes in unserem Gottesdienst verlesen wird, einen unmittelbaren Zusammenhang mit dem eigentlichen religiösen Gehalt des Festes: wir beginnen unsere Feier mit dankbarer Erinnerung und wir 'beenden sie mit gläubigem Ausblick auf das zukünftige Werden. Wenn wir der messianischen Vision der. Propheten eine derartig lebendige Beziehung zu unserem gegenwärtigen Sein und darüber hinaus zu unserer Vergangenheit zuweisen, so ist damit schon gesagt, daß wir diese Vision nicht lediglich als ein trostreiches Bild jener fernen Zukunft ansehen,, da „der Wolf beim Lamm gastet, der Pardel beim Böcklein lagert" (Jesaja 11,6), da 'die in sich zerrissene Völkerwelt zu einem ewigen Friedensreich geworden, ist. Für unsere Hinwendung zur Zukunft gilt das gleiche, was für unsere Hinwendung zur Vergangenheit gilt: wir überwinden 'die Ferne und nehmen das künftige Geschehen ebenso wie das vergangene in unser eigenes Leben hinein. Allein, wenn schon die Vergangenheit, welche von unseren Vätern durchlebt, wurde tund so gewissermaßen zu unserem eigenen Besitz geworden ist, nur in seltener Stunde, nur in dem zugleich feierlichen und friedvoll vertraulichen Beieinanderseki, des Sederabcnds zur lebendigen Wirklichkeit wird, zu einem Stück unseres eigenen Daseins, so empfinden wir der prophetischen Zukunftsvision gegenüber noch tiefer den Abstand, der uns aller innerlichen Annäherung zum Trotz von ihr trennt. Auch sie will unmittelbar hineinwirken in unser .gegenwärtiges Leben, jeden Einzelnen von uns will sie. aufrufen, wie auch die Vergangenheit jeden Einzelnen für sich in Anspruch nimmt; indessen der Prophet, welcher uns von der Gerechtigkeit kündet, die sich einstmals in der Welt verwirklichen soll, zeigt uns mit solcher Verheißung doch ein Ideal, dem keine volle Erfüllung unter uns zuteil werden kann. Gerade aus dieser Wendung zur Idee gewinnt unser religiöses Leben innere Spannung, aus der ewigen Aufgabe, vor die wir gestellt sind, gewinnt erst unsere 'Geschichte ihren inneren Sinn. „Wahrlich wie die Söhne der Aethiopier seid Ihr mir, Ihr Söhne Israels, — so lautet der Spruch des Ewigen — wahrlich, Israel äiabe ich aus Aegypten geführt und 'die Philister aus Kaftor und die Aramäer aus Kir" (Arnos 9,7). Deutlicher als es in diesem Amoswort geschieht, kann die Tatsache kaum zum Ausdruck gebracht werden, daß der Auszug aus Aegyp-

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