Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 5 (1.1933)
- Date
- 1933-01-01
- Page
- Seite 134 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 134 zur Klärung der gegenwärtigen jüdischen Situation nicht unwesentliche Tatsache ist es jedoch, daß der Beitrag der Judon zu den kulturellen Leistungen der Menschheit auch dann noch im Sinne des Aufbaues, der Entwicklung, des geistigen und menschlichen Fortschrittes verläuft, als von. einer eigenjüdischen Kultur nicht mehr — vielleicht auch: noch nicht wieder — gesprochen werden kann. Dem widersprechen auch die Leistungen der Juden nicht, die als „Geister, die verneinen", 'besonders im neueren Schrifttum als „spezifisch jüdisch" rangieren. In ihnen hat eine jüdische Begabung, nämlich die zur scharfein, pointierten Kritik, Niederschlag gefunden. Selbst wenn man von dem aufbauenden und positiven „Schaffendes" und Man hat Gladstone das Wort zugeschrieben, daß selbst die Liebe_ weniger Menschen unglücklich mache als das Nachdenken über das Wesen des Geldes. Gewiß stimmt dies für die Nachkriegszeit. So sehr die Konjunktur für unglückliche Liebe wohl zurückgegangen ist, ist diejenige für neue Wirtschaftstheorien gestiegen. Die gefühlsmäßige Abneigung gegen ein rationelles Denken " mußte zwangsläufig zu einer pseudowissenschaftlichen Durchdringung all der Richtungen und Strömungen führten, die als neue Heilslehrenaufgetan wurden und die in einer zerrissenen Zeit mit einer noch nie dagewesenen Attacke auf alle materiellen Grundlagen der Privatexistenz des Einzelnen von Millionen gläubig nachgebetet wurden. Der Jude ist immer an dem schuld gewesen, das gerade der allgemeinen Stimmung verhaßt war und das sich ohne Ueberlegung dem Denkfaulen als sein Produkt darstellen ließ. „Das Unangenehme, 'das man .nicht definieren kann, sieht man eben als jüdisch an." Früher konnte es genügen, wenn man einfach den Juden als den Schuldigen bezeichnete. Gründe waren unnötig, denn der Blitzableiter für Haß und Unmut war da. Aber schließlich sind alle Bewohner der zivilisierten Welt bewußt oder unbewußt durch die Schule des Rationalismus gegangen und verlangen im zwanzigsten Jahrhundert den systematischen Unterbau auch der Gefühlsregungen. Erst recht dann aber, wenn mit diesen Gefühlen Propaganda gemacht werden soll. Man lese Hitlers Buch, ein Lehrbuch der Kunst der „Volksführumg", und man erhält als probates Rezept eine Mischung aus Romantik und Eintrichtern von verstandesmäßig scheinenden und logisch aufgebauten „Gründen". Es hat sich — nicht nur bei dem Nationalsozialismus — eine religiöse Gläubigkeit fanatischer Wirtscliaftspropheten herausgebildet, deren Fanatismus bis zum Mord gesteigert werden konnte. Wenn nun der konkrete Jude, den jeder zum mindesten vom Sehen kennt, zu der gedanklichen Vorstellung des Wirtschaftsschädlings tritt, kann das zur Siedehitze einer Pogromstimmung führen. Gegen einen derartigen Fanatismus aufzutreten ist sehr schwer. Es gibt das Mittel, ruhig abzuwarten, bis sich die Bewegung ausgetobt hat. Niemals aber kann man bestimmen, wie hoch die Wellen gehen werden und ob sie nicht vorher alles zerstört haben, bis sie wieder schwächer werden. Die Oeffentlichkeit und ihr Sachwalter, die Wissenschaft, sind den theoretischen Ueberlegungen des Nationalsozialismus gegenüber viel zu lange stumm gewesen und erst aufgewacht, als die Bewegung so groß war, daß man ihr nicht mehr entgegentreten konnte, ohne von den faszinierten Anhängern eben einfach ausgelacht zu werden. Eine Diskussion war schon unmöglich geworden. Unter den wenigen mutigen Arbeiten der Wissenschaft, die noch vor Ende, 1932 entstanden sind, verdient die quellenkritische Studie von Dr. Walther Scheunemann „Der Nationalsozialismus" (Der Neue Geist Verlag, Berlin) mehr Beachtung als sie bisher gefunden hat. Sie verzichtet auf die intuitive psychologische Betrachtungsweise, -die das soeben erschienene Buch von Konrad Heiden anwendet, aber sie geht den Dokumenten einer. Bewegung nach, die zwar die Unabänderlichkeit ihrer Zielsetzung von vornherein festlegte, aber in Wirklichkeit doch eine erhebliche Wandlung bereits durchgemacht hat und gegenwärtig im Prozeß der Entpuppung steht Man könnte hieraus die Folgerung ziehen, jede ernste Beschäftigung mit den Grundlagen des N. S. D. A. P.-Programms als Jude so lange abzulehnen, bis sich die neuen Entwicklungslinien deutlicher abheben. Das wäre deswegen falsch, weil ja die Gedankengänge Wert kritischer Geistesart nicht überzeugt sein mag — diu Produktion dieser Gruppe kann nicht die Bedeutung der jüdischen Kreise verdunkeln, deren Beitrag zum kulturellen Werden produktiv und rein synthetisch ist, das Gegenteil also dessen, was mit dem Worte „bolschewistisch" diffamiert werden soll. Deshalb ist das Schlagwort vom „jüdischen Kulturbolschewisanus" auch falsch, wenn es aus höherer Warte, als im Tageskampf gebraucht wird. Dann nämlich, wenn es einseitig verwendet wird und Zeiterscheinung mit jüdisch, Kritik mit Zersetzung verwechselt. Dr. Hermann Gundersheimer „raffendes" Kapital des Federschen Manifestes zwar aus der Zeit heraus ihre Anregung und ihre Verbindung empfangen haben, weil aber den Juden immer wieder dieselben Fehler und Uebel vorgeworfen werden. Und es wäre falsch, zu glauben, daß aus dem Volksbewußtsein das, was fünf Jahre hineingehämimert wurde, rasch verschwände. Im Gegenteil — der Aberglauben sitzt tiefer und fester als der wirkliche Glaube, Afterwisssnscha.ftliches fester als Erkenntnis.! Es kann bei einer Betrachtung der theoretischen Auffassungen des Nationalsozialismus nicht die Rede sein von den irrationalen Untergründen der Bewegung, die aus der Zeit heraus mehr als verständlich sind und die manchen in ihren Bann ziehen, der politisch und wirtschaftlich ganz anders orientiert ist. Was aber an Theorie in dem Feder-Programm festgelegt Avurde, läßt seine Eltern nur zu deutlich erkennen. Die Ueberschätzung des Zillsproblems deutet auf die Erfahrungen der Inflation und ebenso die Sachwertpsychose, die das Federgeld, die nationalsozialistische Art der Kreditausdehnung, beherrscht. Das Herzstück der Bewegung ist die Brechung d e r Z i ns k n e ch t s c h a f t. Zinsknechtschaft ist wiederum „der Zustand der Völker, die unter der Geld- oder Zinsherrschaft der alljüdischen Hochfinanz stehen". Es ist kaum notwendig, das zu widerlegen. Die großen Geldmächte in Amerika, die weitaus stärksten der Welt, sind nur zum kleinsten Teil jüdisch, in anderen Ländern ist der Anteil der Juden an der Finanz sehr zurückgegangen. Und wo haben sich jüdische Bankiers anders verhalten wie liicbtjüdiseher Soll nun der Zins ganz abgeschafft werden? Darin ist sich die Feder-Theorie gar nicht einig. Seit neuestem will man einen bescheidenen Zins anerkennen, etwa in der Höhe, wie ihn die liberalen Nationalökonomen und die liberalen Wdrtschafts'blätter seit langem erstreben. Man ist sich nähergekommen. Wenn nun aber die Nationalsozialisten verlangen, daß geliehene Geldbeträge nach fünfzig Jahren überhaupt ohne Rückzahlung als getilgt anzusehen seien, so bewegen sie sich dabei ganz auf alttestamentarischem Boden und mögen sich bei den Büchern Mose weiter Rat holen. iMit dieser Ueberschätzung des Zinses ist natürlich die Ueberschätzung des ganzen Bankwesens aufs engste verbunden. Da man das Kapital schlechthin nicht als Uebel betrachten kann, muß man zwischen dem guten und dem schlechten, dem schaffenden und dem raffenden, dem nationalen und dem internationalen (jüdischen) Kapital unterscheiden. Das Kapital, das auf der Bank liegt, ist schlecht: wenn es aber dazu verwandt wird, ein Industrieunternehmen zu bauen, dann wird es gn.it. Wenn eine deutsche Automobilfaibrik in Händen eines deutschen Unternehmers arbeitet, ist sie gut; wenn dieser die Fabrik aber an einen internationalen Ausländer verkauft, wird der Besitz der Fabrik schlecht. Man sieht hieraus den Widersinn dieser Unterscheidung, einen, Kampf, der nicht geführt werden kann, weil er gegen Windmühlenflügel kämpft. Die ganze Einstellung der Front ist schief: wenn überhaupt, so kann der Kampf nur in der Sphäre der Produktion geführt werden, nicht in der nur der Produktion dienenden Sphäre der Zirkulation. An die Stelle des Bestehenden soll eine neue Staats¬ und W i r t s c h a f t s a u f f a s s u n g treten, die etwa so geordnet ist, wie sie der Jude Waltlier R a t h e n a u in seinen Zukunftsbüchern schildert („Gemeinnutz geht vor Eigennutz"). Ihren besten Ausdruck findet sie in dem Satz: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich Dienst sein für das Gemeine Beste." Dieser Satz steht aber nicht bei Feder und nicht bei Hitler. Er ist Artikel 153 der so geschmähten, weil von dem Juden Hugo Preuß abgefaßten Verfassung des Deutschen Reiches. Lothar^ au er