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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-01-01 · 5 (1.1933) · page 23

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
5 (1.1933)
Date
1933-01-01
Page
– (sequence 23)
Language
German
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde_ Nr. 5____JANUAR 1933 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an den Schriftleiter der Beilage, Ernst Holzer, Corneliusstrasse 8, zu richten, GEGEN DAS ANTISEMITISCHE SCHLAGWORT In der Novembernummer haben wir uns mit dem geistig fundierten Antisemiten auseinandergesetzt. Heute beschäftigen wir uns mit dem antisemitischen Schlagwort, d, h. mit der Haltung des Vulgär-Antisemiten. In einer der folgenden Nummern soll dann vom Grundsätzlichen her zum Problem der Überwindbarkeit des Antisemitismus überhaupt Stellung genommen werden. Schriftleitung Jüdischer Kulturbolschewismus' Seit etwa zwei Jahren wird in politischen Auseinandersetzungen, in Zeitungen und Zeitschriften, in Flugblättern und Broschüren, besonders aber in öffentlichen Diskussionen das Wort „Kulturbolschewismus" gebraucht. Von ihm, so argumentiert man, sei die deutsche Kultur bedroht; sie zu schützen, so folgert man, ,sei vaterländische Verpflichtung. Der nationalsozialistische „Kampfbund für deutsche Kultur" wurde als Bollwerk gegen die Zersetzung der deutschen Kultur durch den Ktilturbolschewismus gegründet. Was. ist dieser Kulturbolschewisuius, in. dem die einen ein warnendes Fanal sehen wollen, der aber keine Bekenner hat? Denn es ist noch nicht vorgekommen, daß einer der vielen, die als „Kulturbolschewisten" bezeichnet werden, sich zu einer solchen Kategorie »bekannt hätte. Diese merkwürdige Tatsache ist darin begründet, daß mit dem Vorwurf des Kulturbolschewismus keineswegs etwa die Vertreter einer kommunistischen Gesinnung oder die Bestrebungen, kulturelle Werte im Sanne des kommunistischen Aufbauprogramms zu schaffen, getroffen werden. Das Hauptgewicht des Schlagwortes liegt in seinem zweiten Teil, wo — mit deutlicher Absicht — nicht von Kommunismus, sondern von Bolschewismus die Rede ist. Das Wort Bolschewismus wird hier nicht konstatierend im Sinne des seit 1917 in Rußland herrschenden radikalen Sozialismus gebraucht, sondern wird in dem ablehnenden un,d verächtlich machenden Sinn angewendet, den der deutsche Sprachgebrauch dem Worte Bolschewismus seit den Jahren 1919/20 verliehen hat. Um diesen Klang des Schlechten, Destruktiven, Zersetzenden und Aufbtuifeindliehen zu verstärken, hat man sich weiter des beliebten und hilligen Mittels bedient, den Kulturbolschewismus „jütlisch" zu nennen. Der Erfolg konnte nicht ausbleiben. Gilt der Kommunismus an sich schon als eine verdächtig jüdische Sache, s*o ist Bolschewismus geradezu ein spezifisch jüdischer Programmpunkt; der ..jüdische Kulturbolschewismus" aber ist etwas so sehr Jüdisches, daß höchste Gefahr von ihm ausgehen muß. Dazu kommt noch, daß das Wort „Kultur" — vielen der Benutzer des Schlagwortes als Tatsache wie als Begriff gleichermaßen unzugänglich — das Gefühl der Vagheit und Beunruhigung ^nur zu verstärken vermag. Nirgends wird das deutlicher als in der Zusammenstellung einiger Z e i t e r s c h e i n u n g e n, die als kulturbolsehewistiseh bezeichnet werden. Als vor nicht allzu langer Zeit die Habima in einer süddeutschen Universitätsstadt gastierte, bezeichnete ein führendes Zentrumsblatt das Gebotene als Kiüturbolsche- Avismus. Kulturbolschewisnms sind die Inszenierungen Piscators und ist die Gottlosenbewegung, ist Jazz und Psychoanalyse, das flache Dach und das Faimilleribad, die Relativitätstheorie und der Kampf gegen den § 218; kulturbolschewistisch sind alle Bestrebungen der Rechtschreibreform, ist der Pazifismus und die neue Sachlichkeit, aber auch ihr Antipode, der Expressionismus. Wenn Klemperer Beethoven strenger interpretiert als andere, wenn einer die Kameradschaftsehe .bejaht, wenn die Abschaffung der Todesstrafe gefordert oder im Film statt des Luxus die hoffnungslose Not gezeigt wird, so ist das nichts anderes als Aeußerung kulturbolschewistischer Gesinnung oder um es treffender zu bezeichnen, . des jüdischen Kultur-' bolschewismus. Die Aufzählung dieser „kidturholschewistischen" Erscheinungen zeigt zugleich, daß nicht nur das Schlagwort sich in keiner Weise»mit all diesen, Dingen deckt, sondern daß es wohl überhaupt keine begriffliche Fixierung geben wird, um glauben zu machen, diese verschiedenartigen Erscheinungen seien aus einem Gesetze entstanden. In Wahrheit gibtCs auch von den meisteif*dieser zivilisatorischen (nicht kulturellen!) Dokumente weder Beziehungen zur kommunistischen Ideologie noch zu dem. was 'mau mit. Berechtigung als jüdische Ivulturtendenz bezeichnen darf. Sie sind häufig Ergebnisse der Rationalisierung und daher eher amerikanisch als russisch. Dali Rußland sich der Dinge bedient hat, die ihm in den eigenen Plan zu passen schienen, kann nicht dazu führen, die Erscheinungen russisch oder im .Jargon der Schla.gwortbenut/.e' „bolschewistisch" zu nennen. Eine Eigenschaft ist jedoch all diesen Erscheinungen zu eigen, wenn auch nicht die. kultur-!!- wirksaai oder bolschewistisch oder jüdisch zu sein: es ist die Tatsache des Ungewohnten, Neuartigen, des Auftretens gegen gültige Ansichten. So kommt es. daß Dinge, die in der Sphäre des Entwicklungsmäßigen liegen, .und die. in verschiedenen Erscheinungsformen, von jeher den Gegensatz zwischen alt und jung, zwischen gestern und morgen, zwischen Vätern und Söhnen bezeichnen, jetzt — und das ist zeitbedingt — in den Kreis der politischen Auseinandersetzung gerückt sind, und dadurch aus dem Dynamischen ins absolut Unfruchtbare gifwandelt wurden. Es ist hier weder Ort noch Anlaß, die Lebensberechtigung und den Geltungsaiispruch der ..kulturbolschewistischen Fakten" zu erörtern. Lediglich die falsche Qualifizierung dieser heterogenen Tendenzen als ..jüdisch" ist die Anregung zu unserer Betrachtung. Deswegen darf der mit dein Schlagwort aufgestellten Identifizierung von Destruktion und jüdischem Kulturanteil die wirkliche Stellung der Juden in der Entwicklung der Kulturen, an denen sie" durch Schicksal. Wille und Leistung Anteil haben, entgegengestellt werden. Wenn — im Gegensatz zu den Errungenschaften der Zivilisation — die Schöpfungen der Kultur nicht von einem Volk wie von allen anderen hervorgebracht und verstanden werden können, so dürfen die Juden beanspruchen, nicht nur an der zivilisatorischen Entwicklung der -Menschheit, sondern auch an der kulturellen Entfaltung der Völker ihren Anteil zu haben. Die erhabene, in des Wortes tiefstem Sinn weitergreifende und schicksalhafte Bedeutung einer einstigen jüdischen Kultur liegt außerhalb und über dieser unserer politischen Uebcrlegui.g. Unsere gegenwärtige geschichtliche Situation, die uns zu Mitarbeitern an den Aufgaben unserer Umwelt .macht, beweist in welchem Maße die Juden am kulturellen Leben ihrer Völker Anteil haben. Nicht nur als Konsumenten und verständnisvolle Verarbeiter der kulturellen Eigenarten ihres Lebensraumes beweisen sich die Juden; auch ihre reproduktive Leistung — wobei an ihre Interpretationsbegabung erinnert sei — und besonders ihre produktive Kraft ist seit Jahrhunderten den Kulturkreisen zugehörig, in denen sie leben, ja die sie in wichtigen Teilen selbst mitgeschaffen haben. So sehr man sich bemühen würde, eine spezifisch jüdische Konstante zu finden, die allen jüdischen schöpferischen Menschen gemeinsam wäre, wo immer sie auch leben und wirken — man wird diese Komponente der produktiven Kraft nicht aufdecken können. Ob man das Fehlen dieses einigenden Spezifiknms bedauert und sein Entstehen erwartet, oder ob man die Tatsache als geschichtliches Ergebnis hinnimmt und, von anderem Standpunkt aus. darin eine Bestätigung1 für die Verbundenheit der Juden mit der Kultur ihres Umkreises erblickt, ist eine Angelegenheit der innerjüdischen Auseinandersetzung. Eine unpolitische, sachliche und

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