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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-01-01 · 5 (1.1933) · p. Seite 122

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Seite 122 den Gedanken, daß nicht die oder eine Nation Träger des Staats ist, sondern eine Klasse, das Proletariat. Auch das jüdische Nationalitätsproblem wird an verschiedenen Stellen behandelt. Schon dieser kurze Hinweis mag zeigen, daß hier ein ganz besonders lesenswertes und in bestem Sinn belehrendes (übrigens auch erstaunlich billiges!) Buch über das neue Rußland vorliegt. Ganz der Wesensschau des Judentums ist das vierte Buch gewidmet: ,,L' H u manisme Juif" (Editions Rieder, Paris 1931, 201 S.). In diesen „Fünfzehn Aufsätzen über den Juden, die Welt und Gott" wird an einzelnen hervorragenden Persönlichkeiten des westlichen und östlichen Kulturpreises gezeigt, wie bestimmte schöpferische Ideen den Charakter und die Entwicklung des Judentums der Neuzeit bestimmen. Einer Apologie des Juden Heinrich Heine folgt eine Abhandlung über den gelehrten Joseph Salvador, der als Grundprinzipien des Judentums die Einheit Gottes, des Menschengeschlechts, des Ziels und des Mittels bezeichnet. Einige andere bedeutende oder merkwürdige französische Juden, wie Alexandre Weül, James Darmesteter, Jean Richard Bloch, Albert Cohen, Bernard Lazare werden dargestellt. Besondere Kapitel sind dem hochbegabten Henri Franck — in ihm erwacht das bei Heine aufdämmernde, durch die „Affäre" angetriebene neue jüdische Selbstbewußtsein — und Andre Spire gewidmet, beide mit aufschlußreichen Exkursen in die neuere französische Geistesgeschichte. Gerade dieser französische Teil des Buches, der in weniger bekannte Bezirke führt, darf auf besondere Beachtung rechnen. Im zweiten Teil ist zunächst J. L. Perez als Schöpfer der modernen jüdischen Ausdrucksliteratur gewertet. Es folgt ein Aufsatz über Theodor Herzl, der dem jüdischen Kollektivbewußtsein neue politische Wege wies und von einer vielleicht nicht jüdischeren aber dafür menschlicheren Zukunft des jüdischen Volkes träumte. Nathan Birnbaum will das Volk aus drohender ErstarVung in seine schönere von Gott belebte Heimat zurückführen, für ihn ist Nationalität ohne politisches Band das Anzeichen einer neuen Menschheitskultur. Hier findet Kohr», dessen Auffassungen naturgemäß zuweilen zum Widerspruch oder doch zur Metakritik herausfordern, treffende Worte gegen die von manchen proklamierte „Normalisierung". Ein besonderer Aufsatz ist dem liberalen Judentum und der Emanzipation gewidmet: Leider kann aus Raumgründen auf diese und die übrigen Abhandlungen nur aufzählend hingewiesen werden: Reubeni, Fürst der Juden, oder die jüdische Moral; Moses Heß oder der neue Nationalismus: Acaad Haaon oder der ethische Nationalismus;' A. D. Gordon oder der schöpferische Nationalismus; Martin Buber oder der religiöse Nationalismus. Mit einer Zusammenfassung „Humanismus und Nationalismus", dn der man das politische Glaubensbekenntnis des Verfassers findet, schließt das Werk. Niemand wird, es aus der Hand legen, ohne vor der Fülle der Gestalten und Gedanken zugleich bewegt und beglückt den Reichtum zu empfinden, den der schöpferische jüdische Geist auch in unsere Zeit einströmen läßt. Hoffentlich wird das Buch bald auch in einer deutschen Ausgabe erscheinen. Aber schließlich: Was helfen die eingehendsten Rezensionen, wenn all diese schönen Bücher nicht gekauft und die gutwilligsten Verleger dadurch entmutigt werden, von den Verfassern ganz zu schweigen? E. M. Jüdische Gotteshäuser und Friedhöfe in Württemberg. Stuttgart 1932. Hrsg. vom Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs. Augsburg: Benno Filser 1932. 143 S. Das Werk enthält 1) Zusammenstellung der mittelalterlichen Siedlungen in Württemberg, 2) Zusammenstellung der nicht mehr bestehenden jüdischen Gemeinden und Siedlungen in Württemberg vom 16. Jahrhundert an, 3) Zusammenstellung -der derzeitigen israelitischen Religionsgemeinden Württembergs. Diese Zusammenstellungen enthalten sehr wertvolles Material. Die beigefügten Tafeln enthalten 1) Jüdische Kulturreste in Württemberg aus dem Mittelalter, 2) bestehende Gotteshäuser und Friedhöfe. Dem Oberrat gebührt für dies ausgezeichnete Werk, das vorbildlich erscheint, besonderer Dank. A. Freimann. Kurt Erich Meurer: Das Buch Ruth. (Deutscher Dichtergarten. Monatsschrift für moderne V erskunst 1932, Heft 12. Preis 30 Pfg.) Goethe spricht in den Noten zum West-östlichen Divan von dem unbezwinglichen Reiz, den das Buch Ruth über manchen wackeren Mann schon ausgeübt habe, „daß er dem Wahn sich hingab, das in seinem Lakonismus unschätzbar dargestellte Ereignis könne durch eine ausführliche paraphrastische Behandlung noch einigermaßen gewinnen". Der echte Dichter, der das Zeug in sich fühlt, dem alten Stoff neue Seiten abzugewinnen, wird sich durch eine solche Warnung nicht abschrecken lassen^ und so hat Meurer, von dem feinempfundene Gedichte schon vor dem Kriege Beifall fanden, den Versuch gewagt, die alttestamentarische Erzählung in deutsches Versgewand zu kleiden. Ich finde den Versuch geglückt. Meurer hält sich mit Recht, wo nur immer angängig, an den Wortlaut der Schrift, ja er übernimmt ihn oft fast unverändert. (Gegenüber dieser Auffassung muß hier auf die von Buber-Rosenzweis: aufgestellten Grundsätze einer Bibelverdeutschung hingewiesen werden. Schriftleitung.) Er versteht es, durch sparsam angebrachte Züge dem Leser ein greifbares und farbenfrohes Bild vom alten Morgenland zu geben. Wenn er hier und da ein unserem Gefühl weniger zusagendes Detail unterdrückt, so ist das sein gutes Recht; ich denke dabei besonders an die Stelle 1, 12 mit der für heutige Ohren nicht wohlklingenden Erwägung der Naemi. Die Erweiterungen der Vorlage betreffen Landschaft, Volksleben, sittliches Verhältnis der handelnden Personen zu einander und schließlich Ruths Eigenschaft als Ahnfrau Jesu. Der Autor konnte — was von seinem christlichen Standort aus zu begreifen ist — der Versuchung nicht widerstehen, in Ruths berühmtes Lied (1, 16) eine „vaticinatio ex eventu" einzufügen. Auch die Schlußpointe ist christlich gewendet. Als kleine Probe des ein Dutzend Seiten starken Gedichtes mag die Strophe hier Platz finden, die Kap. 2, 4—7 des Originals entspricht: Boas aber stieg, der Herr-des Feldes, von der Stadt herab den Hohlweg nieder. Fromm und freudig ward sein Gruß erwidert, denn die Leute liebten den Gerechten, der ein Richter war im Lande Juda. Und sein Auge fiel auf Ruth: „Wer ist sie?" Herzlieh sprach der Aelteste der Schnitter: „Herr, sie kam von Moab mit Naemi, um die Lese bat sie mich mit Demut, und ihr Fleiß vergönnt ihr keine Rast." W. Morel. E s r i e 1 Carlebach: Exotische Juden. Berichte und Studien. Welt-Verlag, Berlin, 1932. 248 S. Preis geb. Rm. 6.—. Ein vielseitig begabter junger Schriftsteller legt hier ein in vieler Hinsicht merkwürdiges Buch vor. Er wandelt auf ähnlichen Spuren wie einst Benjamin von Tudela und in neuer Zeit Elkan Adler und berichtet über Reiseeindrücke bei Juden in Saloniki, Nordafrika, der Wüste Sahara, Jemen, Smyrna usw. Vor dem berühmten Reporter Albert Loudres hat er voraus, daß er nicht nur Fremdartiges sieht und lebendig zu beschreiben weiß, sondern das Gesehene in den ewigen Strom der Geschichte einzubetten versteht. Ein ungemein interessantes, dabei belehrendes und stets fesselndes Buch; sozusagen eine gelehrte Reportage, wie auch die beigegebene Bibliographie erkennen läßt. M. Mo na t s s ciiri f t für Geschichte und Wissenschaft des Judentums. 1932, Nr. 6. Professor Samuel Klein von der Jerusalemer Universität schildert das Gasthauswesen der alten Zeit, insbesondere die Einrichtung, daß mit den Synagogen Unterkunftsstätten für Fremde verbunden waren. Jesajas Preß bringt Glauben und Aberglauben der palästinischen Landbevölkerung zur Darstellung. Auch auf die Wurzeln, des europäischen Judenhasses fällt neues Licht. In einem mittelfranzösischen Gedicht fand Heinz Pflaum eine Anspielung auf Raschi als den Verfasser (!) des Talmud. Von hier aus untersucht. er die Wege, auf welchen die Kenntnis mancher Talmudstellen über Jesus in die christliche Gel ehrten weit kam; die traurige Rolle des Vermittlers spielt ein getaufter Jude, der dem neuen Glauben innerlich so wenig zugetan war wie dem alten. Der Morgen. Jahrgang 8, Nr. 5 (Dezember 1932). Philo Verlag, Berlin, Preis 2,25 Mark. Zu besonderer Höhe erhebt sich das soeben erschienene, dem Andenken Spinozas gewidmete Heft. Ernst Cassirer Radio Photo Schallplatten EHRENFELD Frankfurt am Main ZEIL 104, neben Hauptpost

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