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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-01-01 · 5 (1.1933) · p. Seite 121

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
5 (1.1933)
Date
1933-01-01
Page
Seite 121 (sequence 11)
Language
German
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Seite 121 RothschildUAnekdoten Nachdem zu Anfang des 19. Jahrhunderls auf Befehl der französischen Besatzungsbehörde die Frankfurter Festungswerke niedergelegt waren, ließ der regierende Bürgermeister Guiollett an ihre Stelle durth den Stadtgärtner Rinz die „A n l a g e n" errichten. Der neue Gartengürtel wurde sehr bald zum beliebtesten Spaziergang -der Bevölkerung. Den Juden war in den ersten Jahren der Zutritt nidit gestattet, und erst die Emanzipation von 1811 ließ die entwürdigende Beschränkung fallen. Unter den ersten Juden, die von der Erlaubnis zum Besuch der Anlagen (oder „Promenade", wie es früher hieß.) Gebrauch machten, waren Mayer Amschel Rothschild und seine Ehefrau Gudula, geb. Schnapper. Beide bewunderten die schöne neue Anlage, nicht ohne daß die fürsorgliche Frau Gudula an ihren Mann die Mahnung richtete: ,,AmscheI, ziehg' aa (d. Ii. zieht die Luft gut ein!), es kost' uns unser Geld!" Freiherr Anselm Mayer von Rothschild hatte als Präsident des Verwaltungsrats der Ludwigs-Kanal-Gesellschaft (Main-Donau- Kanal) in der ersten Generalversammlung der Aktionäre in Nürnberg den Geschäftsbericht über das erste äußerst ungünstig verlaufene Geschäftsjahr zu erstatten. Seine Ansprache lautete kurz und bündig: „Meine Herren, wir haben nichts zu prangen. Die Einzelheiten wird Ihnen Herr Dr. Reinganum vortragen." Zu Baron Anselm kam ein armer Jude aus Meseritz, der nach Amerika auswandern wollte, und dem es an dem nötigen Reisegeld fehlte. Der Baron gab ihm einen Geldbetrag, fragte aber dabei: „Geht denn der Weg von Meseritz nach Amerika durch meine Stube?" Baron Wilhelm Carl wurde eines Tages von einem seiner Korrespondenten gefragt, was auf einen sehr groben und ungezogenen Brief eines Kunden geantwortet werden sollte. Der Baron erwiderte: „Garnichts antworten! Was meinen Sie, wie der Mann sich geärgert hat, als er den Brief schrieb." Als Baron Willy einst von seiner Sommerreise zurückgekehrt war, trat ein als zudringlich bekannter Börsenmakler auf ihn zu: „Nun wie geht es Ihnen, Herr Baron!" Die Antwort war: „Seit wann sind Sie mein Doktor?" Eine alte gemeinnützige Einrichtung der Familie von Rothschild bestand darin, daß die ortsansässigen Armen ohne Unterschied der Konfession zweimal im Winter Scheitholz zum Heizen erhielten. Als das Holz einmal durch Verschulden des Lieferanten einige Tage über den üblichen Termin ausblieb, klagte eine arme Sachsenhäuserin ihrem Mann, sie hätte kein Holz mehr im Keller, worauf jener ausrief: „Gott verdamm' mich, warum schickt denn der Judd' das Holz net!" Ein armer Jude kam in das Vorzimmer des Barons Anselm und bat den Diener, dem Herrn Baron auszurichten, er möge ihn empfangen, er habe ihm nur ein Wort zu sagen. Der Baron empfing den Armen, sagte ihm jedoch sofort, er dürfe bedingungsgemäfi nur ein Wort sprechen. Darauf sagte der arme Jude: „Gemoro". Der Baron fragte, was er damit meine. Darauf sagte der Jude: „Die vier Buchstaben des hebräischen Wortes Gemoro sind die Anfangsbuchstaben von „Guten Morgen, Reh Amsdiel". Der Baron fragte lachend, „was wollen Sie eigentlich von mir?" Die Antwort war wiederum: „Gemoro"*. „Nun, was bedeutet das?"" Antwort: „Gebt mir, Reh Amschel!". Der Baron griff in die Tasche, gab ihm einen Taler. Der arme Jude hatte einen wesentlich höheren Betrag erwartet und sagte betrübt: „Gemoro". Auf den fragenden Blick des Barons erläuterte er, daß diesmal das Wort bedeute: „Gebt mehr, Reb Amschel". Seine Bitte wurde ihm natürlich erfüllt. Neue Bucher von Hans Kohn. Durch Vorträge in der Universität, im Rundfunk und in verschiedenen Gesellschafben, auch als Mitarbeiter der Frankfurter Zeitung ist Dr. Hans Kohn in Frankhirt weiteren Kreisen bekannt. Doch liegt der bedeutendere Teil seines Schaffens nicht in jenen mehr oder weniger ephemeren Aeußerungen, sondern in seinen Büchern. Der über den Tag hinausblickende Beobachter der Politik — der allgemeinen wie der jüdischen — kann sich für manches ihrer Teilgebiete keinen zuverlässigeren Führer wünschen als diesen Prager Jurist, den man unbedenklich als einen der besten politischen öchriusteiier unserer Zeit bezeichnen darf. Diese seine Bedeutung gründet sich auf sehr weitgespanntes Wissen, ruhiges, sachliches Urteil, klare, niemals ermüdende Darstellung und zuverlässige Dokumentierung. Er ist von jener schönen alten Sachlichkeit erfüllt, die bei aller Distanz zum Gegenstand und aller Sauberkeit im HandAverklichen der Wärme und Leidenschaft nicht ermangelt. Seit dem Erscheinen seines großen Werkes über Martin Buber (1930) hat Hans Kohn neben einigen in Fachzeitschriften erschienenen staatsrechtlichen Abhandlungen nicht weniger als vier größere Arbeiten veröffentlicht. Die umfangreichste ist „Nationalismus und Imperialismus im Vorderen Orient" (Societäts-Verlag, Frankfurt ä. M. 1931, 455 S.). Im Zeichen des erwachenden Nationalbewußtseins vollzieht sich im Gebiet der uralten Handelsstraßen Vorderasiens eine durch .den Ausbau des Land- und Luftverkehrs geförderte Entwicklung, die sich nicht nur politisch, sondern auch kulturell und wirtschaftlich auswirkt. Die religiösen Unterschiede beginnen, an Bedeutung einzubüßen, das Kalifat verschwindet, die Türkei proklamiert die Trennung von Staat und Islam, die Jugend rührt sich, die Frau wird emanzipiert, Beduinen machen sich seßhaft, neue Stände treten auf, an die Stelle der primitiven Agrarwirtschaft tritt das kapitalistische Bürgertum und der städtische Arbeiter — der Orient tritt aus seinem Mittelalter heraus. Die Funktion des europäischen Imperialismus als „Kulturträger" ist'gegenüber den nach Gleichberechtigung und Autonomie strebenden Nationen ins Wanken geraten. Besonders deutliche Beispiele hierfür bietet die Neuordnung der Beziehungen Englands zu Aegypten, Irak und Indien, wie auch die Türkei, Persien und Afghanistan tatsächlich unabhängige Staaten geworden sind. Sehr aufschlußreich ist das Kapitel über Aegypten, wo aus einer Volksbewegung die herrschende Partei erwächst und die Verfassung erringt, die dann in sieben Jahren dreimal außer Kraft gesetzt wird; Parlament und Diktatur wechseln ab, der für Europa zu einem fragwürdigen Begriff gewordene Parlamentarismus ist dort ~ die große Hoffnung. Ueberaus interessant ist es, wie Kohn den jungen Nationalismus im Gegensatz zu seinem älteren Bruder in Europa als eine kulfcurf ordernde, vorwärtstreibende Kraft erscheinen läßt. Das englische Mandatsgebiet Palästina ist in diesem Kähmen von besonderer Bedeutung, weil hier der starke Zustrom europäischer Juden die Entwicklung beschleunigt und teilweise ve.-schärft. Die Elemente der Neugestaltung des Vorderen Orients in seiner Auseinandersetzung mit dem europäischen, d. h. vor allem dem englischen Imperialismus werden mit großer Klarheit und Sachkunde aufgezeigt. Umfangreiche, durch lie Fülle des tatsächlichen und historischen Materials besonders wertvolle Anmerkungen und Quellennachweise zeugen für die Gründlichkeit der Arbeit. Diesem großen und grundlegenden Werk haben ivir es wohl zu danken, daß Kohn Gelegenheit erhielt, in der sehr verdienstvollen „Weltpolitischen Bücherei" (Herausgeber Adolf Grabowsky) mit einir kleineren Schrift „0 r i e n t und Okzident" (Zentralverlag, Berlin 1931, 95 S.) zu Wort zu kommen. Hier ist das Thema nicht auf den Vorderen Orient beschränkt, sondern bezieht auch Indien und den Fernen Osten ein. Die knappe, durch Zeichnungen unterstützte Darstellung der politischen, kulturellen und sozialen Probleme ist ein Glanzstück geopolitischer Betrachtungsweise. Hatte sich Kohn hier als ausgezeichneter Kenner der weltpolitischen Entwicklungstendenzen des Orients erwiesen, so durfte man mit Spannung seiner Schilderung der nationalen Zustände in Rußland entgegensehen, zu der ihm eine längere Studienreise Gelegenheit bot. Dies um so mehr, als in einem Land mit 185 Völkerschaften und 147 Sprachen ganz naturgemäß das Nationalitätenproblem sein besonderes Gewicht hat und in der Außenpolitik der bolschewikischen Machthaber zahlreiche Fäden zu den Nationalbewegungen im Nahen und Fernen Osten laufen. Gerade der Kenner Rußlands wird nicht zögern, dem Buch „Der Nationalismus in der Sowjetu n i o n" (Societäts-Verlag, Frankfurt a. M. 1932, 150 S.) nachzurühmen, daß es sich weit über das Niveau der „Intourist"- Literatur erhebt, die uns in allen europäischen Sprachen überschwemmt. Seine in langer Kriegsgefangenschaft erlangte Kenntnis der Sprache und des Landes bewahrte Kohn vor oberflächlichem Urteil, seine tiefe politische Schulung und seine Kenntnis des modernen. Nationalismus lieferte eine weitere Voraussetzung für eine stets aus erster Hand schöpfende, zum Kern der Probleme vordringende Untersuchung. Das zeigt schon die geschickte und instruktive Auswahl von Originaldokumenten und statistischen Angaben im Anhang des Buches. Durchaus eigenartig und selbständig ist vor allem die Art, wie der unversöhnliche Gegensatz zwischen der kommunistischen Lehre von der horizontalen Gliederung der Menschheit und der vertikalen, das ganze Volk einschließenden Theorie des Nationalismus und gleichzeitig die an mittelalterliche Absolutheit gemahnende Glaubenshaltung des Kommunismus aufgezeigt wird. Eines der Kernstücke des Buches ist die Darstellung, wie neben der formalen Gleichberechtigung die wirtschaftliche und kulturelle Seite des Problems zu lös-en versucht wird, alles unter dem beherrschen-

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