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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-01-01 · 5 (1.1933) · p. Seite 118

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
5 (1.1933)
Date
1933-01-01
Page
Seite 118 (sequence 8)
Language
German
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Seite 118 (Engelhorn Verlag, Stuttgart), berichten uns. daß Suarez wegen seiner jüdischen Konfession unter seinen Kameraden unbeliebt war und verspottet wurde. Rolland trat entschieden für seinen Mitschüler ein. Daraus entstand eine Freundschaft zwischen den jungen Dichtern, die auch heute noch nicht erloschen ist. Wenn wir auch wenig über die Stellung Suarez' zum Judentum wissen, so dürfen wir doch den Schluß ziehen, daß Rolland Einblick in die spezifisch jüdische Wesenheit seines Freundes gewann. Wie weit andere jüdische Persönlichkeiten in das Leben Rollands traten, ist nicht bekannt Das Studium der von ihm gezeichneten Charaktere läßt aber gewisse Rückschlüsse auf einen recht großen Kreis von Juden zu, die ihm in der Folgezeit begegneten. Man darf wohl die Vermutung hegen, daß der Dichter zur Zeit seines unerschrockenen Auftretens in der Dreyfuß-Affäre mit jüdischen Persönlichkeiten bekannt wurde. Wie der Prozeß des jüdischen Hauptmanns zu einem Bildungseiiebnis und zur Grundlage für eine sittliche Erneuerung des jungen Frankreich wurde, braucht hier nicht näher ausgeführt zu werden. Ich verweis« auf das oben zitierte Werk von Götzfried und auf die Biographie Romain Rollands von Stephan Zweig. Die Vermutung Götzfrieds, daß der Dichter in dem Revolutionsstück ..Die Wölfe" die Hauptfigur des Kommandanten D'Oyron als Pendant zu der Gestalt des Hauptmanns Dreyfuß geschaffen habe, ist nicht von der Hand zu weisen. Wenden wir uns nun den jüdischen Charakteren zu, die der Johann-Chiistoph-Roman aufweist. Da begegnet uns zunächst im ersten Band Franz Mannheim. Dieser junge Mann wird als typischer Vertreter einer neuen Jugend geschildert, die in starkem Gegensatz zur älteren jüdischen Generation steht. Von ihr sagt der Dichter: „Ihre Väter gehörten zur alten Generation arbeitsamer, zäher Juden, die dem Geist ihrer Rasse treu waren, mit herber Energie ihr Vermögen geschaffen hatten und ihr Machtbewußtsein mehr als ihr Geld genossen. Die Söhne schienen dazu da, um zu zerstören, was die Väter aufgebaut hatten: sie verspotteten die Familienvorurteile und den Hang zu sparsamer, wühlender Ameisenarbeit: sie spielten die Künstler, taten, als ob sie das Vermögen verachteten und es aus dem Fenster würfen. In Wirklichkeit aber verlor sich kaum etwas zwischen ihren Fingern: sie konnten noch so viele Tollheiten begehen: sie trieben es nie so weit, um sich den klaren Blick trüben zu lassen und ihren praktischen Sinn zu verleugnen. Im übrigen wachten ihre Väter darüber und zogen ihnen die Zügel an." Von den Vertretern der jüdischen Jugend sagt Christoph, daß sie nur aus Sport und Flirt Interesse für Musik und Literatur zeigten und snobistischen Neigungen nachhingen. Ihre Aufgeschlossenheit für neue Anschauungen sowie ihr sprunghaftes Denken wird besonders betont. Ich vermute, daß hier die Sympathie des Dichters auf Seiten der älteren Generation liegt, die als geschlossene Persönlichkeiten noch nichts von dem Zeitgeist der emanzipierten jüngeren Generation in sich aufgenommen hatten. Die Schilderung eines r h e ii n i s eben Ghettos, die Romain Rolland im selben Kapitel entwirft, bildet nicht gerade eine Glanzleistung des Werkes. Verschiedene Beobachtungen, auf die ach hier nicht näher eingehen will, sind wohl nur aus flüchtigen Studien entstanden. Wie allen Unterdrückten und unfreien Seelen, so wendet sich das Mitgefühl des Dichters auch den Ghettojuden zu. Er verkennt nicht, daß in ihnen schöne, ringende Seelen leben müßten, große Herzen, die aus dem Pfuhl emporstrebten. Im Kreise der jugendlichen Snobisten findet Christoph seine ersten Gönner, wie denn Juden immer die Wegbereiter seines Schaffens sein werden. Mag sich auch die von der Großmutter ererbte Abneigung gegen die Juden in ihm erhalten haben, er muß stets erkennen, daß sie allein sich um ihn bemühen. Der Bekanntschaft mit Judith Mannheim verdankt er das Eindringen in die ganze Problematik und Tragik jüdischen Seins, resultierend aus dem doppelten Erleben als Jude und" Deutscher. Alles Unschöne im Charakter Judiths sehreibt er der doppelten Rasse zu, doch gab er noch mehr die Schuld dem deutschen Geist, die den Schwung dieser Seele gebrochen habe. Romain Rolland sieht die bodenbedingte Gebundenheit der Juden an ■ihre Wdrtsvölker. deren Stempel sich ihnen-in kurzer Zeit aufgedrückt hat. Wenn sich auch gemeinsame Charakterzüge zwischen deutschen und französischen Juden fänden, so seien ihre Unterschiede, die von dem neuen Lande herrührten, größer, wenigstens in bezug a,uf ihre Gewohnheiten. Johann Christoph macht den Völkern den Vorwurf, daß sie die Juden mangelnder nationaler Einstellung zeihten. Weiterer Umgang mit Juden läßt ihn das Problem mehr von der Seite des Volklichen sehen. Besonders im zweiten Band waitert sieh der Kreis jüdischer Gestalten, die den Lebensweg des jungen Künstlers kreuzen. Da ist zunächst Hamilton, alias Sylvain Cohn. Er vertritt die Pariser geistige Welt, die aber nicht das eigentliche Frankreich darstellt. Hamilton führt ihn in das geistige und künstlerische Leben von Paris ein. Johann Christoph sieht aber überall nur das Unwahre, den talmihaften Schein, der das wahre Bild Frankreichs verschleiern müsse. Der Typ der snobistischen Jünglinge aus dem ersten Bande taucht wieder auf in dem Salonlöwen Lucien Levy-Co.ur, mit dem er sich verfeindet (der blasierte Skeptiker und Stammgast der leichtlebigen Pariser Salons tritt uns übrigens auch in der Gestalt des Marcel Frank entgegen, einer vortrefflich gezeichneten Figur im ersten Bande des Romanzyklus „Die bezauberte Seele"). Daneben eine Reihe .sympathischer Gestalten: Der Archäologe Weil, offenen und forschbegierigen Geistes, doch von einer ausgeprägt skeptischen Weltanschauung, seine gute und tatkräftige Gattin, von höchster Opferbereitschaft und Pflichtauffassung erfüllt, beide von mimosenhafter Scheu im Gegensatz zu der Aufdringlichkeit mancher ihrer Rassegenossen, die interessante Persönlichkeit Moochs, der mit großer Herzensgüte einen ausgeprägten Pessimismus verbindet Auch in den Lebensweg Oliviers und Antoinettes treten überall Juden. Antoinette hatte unter den Juden mehr Güte gefunden als unter ihren Glaubensgenossen. Niedrige Geldgier hatte sie bei ihnen nicht angetroffen. Im Gegensatz zu vielen Rasseforschern sieht Romain Rolland in dem zersetzenden Drang der Juden kein destruktives Element, sondern er versteht es geschickt, dieses seinem Bild von den Vereinigten Staaten der Welt einzugliedern. Für ihn bilden sie den Gärungsstoff der Tat, einen Sauerteig des Lebens, -sie sind die Männer des Fortschritts, ohne sie würde der Blick ewig am Gestrigen haften. So bilden sie wertvolle Mitstreiter am Bau einer neuen Weltordnung. Allerdings müssen sie wie die Weiber am Zaume gehalten werden, denn diese hypernervösen, aufgeregten und ungewissen Wesen bedürfen einer starken Führung. Olivier will ihre Rechte nicht angetastet wissen, doch findet er, daß sie :in diesem Augenblick eine Stellung ini Frankreich einnehmen, die nicht im Verhältnis zu ihrer Zahl steht. Nach Oliviers Meinung wäre eine Vertreibung der Juden das Törichste für Frankreich, denn dieses geistig so blutleere Land würde dann voUständig untergehen. Suchen wir aus den vielseitigen Aeußerungen, die Romain Rolland seinen jüdischen Charakteren in den Mund legt, ein Gesamtbild von der Einstellung das Dichters zu dem ganzen Fragenkomplex zu gewinnen, so läßt sich zusammenfassend sagen, daß der Dichter das rassenmäßig Bedingte des jüdischen Charakters nicht missen möchte; gerade es bildet den Gärstoff, der den oft so stockenden Pulsschlag anderer Völker höher schlagen läßt und zu ihrem Segen gestaltet. Damit reiht der Dichter die Mission des Judentums würdig an die Aufgaben anderer Minoritäten und spendet uns einen verheißungsvollen Ausblick in die ersehnte Befriedung der Welt. So — unter dem Blickfeld der paneuropäischen Gedankengänge Romain Rollands betrachtet — erscheint die „Judenfrage" dem Dichter nicht als das wichtige Problem, das die Verwirrung so vieler Geister in Europa herbeigeführt hat

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