Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 5 (1.1933)
- Date
- 1933-01-01
- Page
- Seite 116 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3094266-3094386-3094391--3439-3098212- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 116 ihm von Gott — wie er ja überzeugt war — geoffenbari worden waren. Die Erklärung war bald gefunden. Die ..Besitzer des Buches", wie Muhammed die Juden und Christen immer nennt, hatten die ihnen offenbarten Schriften verfälscht, um eine Rechtfertigung für ihren Unglauben zu finden. Er selbst, Muhammed, stellt das ursprüngliche wahre Schriftwort wieder her. Daß den früheren „Völkern" die Fälschung ihrer heiligen Schrift zuzutrauen ist, beweisen gerade die Prophetengeschichten, aus denen hervorgeht, daß die Juden die Ueberbringer dieser Schriften, also ihre eigenen Propheten, und deren Verkündigungen nicht besser respektiert haben als den Propheten der Araber und seine Verkündigung. Selbstverständlich machte dieses Argument weder auf Juden noch auf Christen Eindruck; nichtsdestoweniger gehört es zum festen Bestände islamischer Glaubenssätze. Die Frage liegt nahe, warum Muhammed überhaupt als Prophet aufgetreten ist, wenn er der Ueberzeugung war, nur den Inhalt der früheren Offenbarungen zu verkündigen; denn daß diese früheren Offenbarungen verfälscht worden seien, kam ihm ja erst nachträglich, beim Auftreten der Widersprüche, zu Sinn. Es hätte doch viel näher gelegen, daß Muhammed als Missionar einer der bereits bestehenden Religionen aufgetreten wäre. Darauf ist zu erwidern, daß er seine Sendung gerade darin erblickte, seinen Landsleuten die Eine identische Offenbarung in arabischer Sprache zu bringen, die die früheren Propheten ihren „Völkern" in ihrer Sprache gebracht hatten, und zwar, so glaubte er, jeder einem anderen Volke und in anderer Sprache. Dieses nationalsprachliche Moment ist für die Auffassung, die Muhammed von sich selbst hatte, von größter Bedeutung. Die Verdrehungen und Verwechslungen, die Muhammed bei der Wiedergabe biblischer Erzählungen begeht, werden durch diese Erörterungen weder in ihrem Umfang noch in ihrer sich dem Bibelleser geradezu aufdrängenden Komik verkleinert; uns Nachgeborenen aber, die wir von der von Muhammed mit den Prophetengeschichten bezweckten Polemik nicht mehr betroffen werden, obliegt es, diese Seltsamkeiten aus ihren historischen Ursachen zu verstehen. Die Bedeutung Muhammeds kann durch die Erkenntnis der ihm unterlaufenen Irrtümer in keiner Weise verkleinert werden. Uebrigens sind die biblischen Erzählungen im Koran zum Teil nicht nur als Ganze entstellt; auch die Wiedergabe der Eigennamen der biblischen Personen ist, selbst von den schon erwähnten Verwechslungen abgesehen, sprachlich nicht einwandfrei. Das erschwert manchmal die Identifizierung. Dazu kommt ferner, daß einzelne biblische Personen im Koran mit anderen Namen belegt werden, die sich in der Bibel nicht finden, oder daß im Koran Geschichten von in der Bibel nicht vorkommenden Personen erzählt werden, die von der islamischen nachkoranischen Tradition auf biblische Personen bezogen werden, ohne daß der Inhalt der betreffenden Erzählung die Identifizierung mit Sicherheit gestattet. In einem zweiten Aufsatz sollen die wichtigsten biblischen Erzählungen im Koran kurz besprochen werden. Dabei wird Gelegenheit geboten sein, Beispiele für die einzelnen im Vorstehenden erwähnten Fehlertypen namhaft zu machen. Ein Verstofj gegen Gottes Gebot Von Dr. E1 i a s Zwei Menschen stehen im Gespräch. Dem heiligen Ernst ihrer Gesinnung entsprechen aber nicht die äußeren Bedingungen, unter welchen das Zwiegespräch staatfindet. Es ist nämlich gegen Störungen irdendwelcher Art nicht gesichert, was zur Folge hat, daß es nicht erschöpfend, also nichtig wird. Das Vorhaben der Gesprächspartner bleibt unerfüllt. Der Verstoß, von dem gesprochen werden soll, ist wie folgt zu verstehen: Die allerernsteste Gesinnung in den Gesprächspartnern ist wohl als ein wesentliches Moment ihres Vorhabens zu betrachten, denn es betrifft ihr Innerstes, und so kann — wie immer, wenn es um das Seelische geht — von Gottes Anwesenheit die Piede sein. Da indessen die für den guten Verlauf und die Vollbringung des Zwiegesprächs beeinträchtigenden Umstände nicht genügend beseitigt wurden, und daher das Vorgehabte leer läuft, so war Gottes Anwesenheit umsonst, d. h. die Gottheit war umsonst herbeigerufen. Martin Buber führt an, daß des Menschen Herz „sieben Siegel" verschließen. Davon ausgehend wollen wir versuchen, das Thema Zwiegespräche in bezug auf die Zweckerfüllung zu behandeln. Geschrieben steht: „des Herzens-Siegel". Gemeint ist natürlich des Geistes Verschlossenheit, des unmittelbaren Geistes, dem jeder Sprachausdruck ein unzulänglicher ist. Besonders dem tieferen Denker fällt es oft schwer-, seine Gedanken in passende Worte zu kleiden. Denn außer den inneren Hemmungen wird er durch gewisse äußere Umstände von Zeit, Ort usw. mehr oder weniger schwer gehemmt. Dadurch erklärt sich das Scheitern der Gespräche, der Zwiegespräche. Es ist ein Scheitern des aufrichtigen „Aufschluß-Versuchs" etwa des einen Gesprächspartner, dessen „sieben Siegel" nicht aufgehen mochten. Dies Scheitern will aber, seinen Ursachen nach, näher untersucht werden. I. Auf jene bekannten Fälle brauchen wir uns nicht einzulassen, in welchen die Menschen, die zu bestimmten Berufszwecken des eingehenden, erschöpfenden Zwiegesprächs pflegen, für außerberufliche Zwecke hingegen weniger auf Weit- Michlstädter läufigkeit halten, oder sich sonst „notgedrungen" entziehen mögen. Stets waren und bleiben die Menschen so; stets war und bleibt ihre Zugänglichkeit durch ihre Fähigkeiten bedingt; stets berufen sie sich auf die Zeitumstände. Die Hast der modernen Zeit ist nur eine spezifische Form der Unzugänglichkeit der Menschen .außerhalb ihres unmittelbaren Interessen- Bereichs, verursacht zum Teil durch das „Mechanistische" — eine Einstellung übrigens, von der sich ein jeder frei machen kann, der es will. Freilich, je höher die Menschen sozial stehen, um so zeitgebundener sind sie. Daher macht sie auch nur die Flucht vor dem Alltag zeitweise frei, den Erfordernissen des rein Geistigen zu genügen. Es seien ferner auch alle jene Fälle aus unserem Betrachtungsfelde ausgeschieden, bei welchen wesentliche psychische Momente auftreten, die auf die „Sache" an sich, bezw. auf das Verhältnis der beteiligten Personen unter sich zurückzuführen sind, und die etwa auf Voreingenommenheiten der Gesprächspartner „gegeneinander", oder überhaupt auf der Verschiedenheit ihres Wesens beruhen. Für unsere.These wird es genügen, von dem Falle ganz ernst eingestellter Gesprächspartner auszugehen, die sich auch gleichgesinnt sind, und deren Zwiegespräch ein für allemal genügt, da sie einmal die Feier des geistigen Einsseins miteinander gefedert haben. Und. warum kommt das so verhältnismäßig selten zustande? Es werden nämlich „die Gesetze der geistigen Funktionen" verkannt. 'Besonders an diesen beiden Umständen scheitert das Gespräch: 1. dem Mangel der .erforderliehen beiderseitigen Seelenruhe, die auch wohl von der Wahl von Zeit und Ort des Gesprächs abhängt; 2. dem Fehlen einer Sicherstellung der unbeschränkten G e - ■sprach sdaaier, eine, außerberuf lieh unter den abendländischen Menschen, gar oft unerfüllt bleibende Bedingung. Wollen wir ferner zugeben, daß bei einem Gespräch von weittragender Art eine gewisse Spannung der Geister herrscht, die jeweils zu der Vorausahnung des „möglichen Ergebnisses" in einem bestimmten Verhältnis steht und stehen muß (da ja — religionsphilosophisch kurz ausgedrückt: — „jeder