Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 5 (1.1933)
- Date
- 1933-01-01
- Page
- Seite 115 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3094266-3094386-3094391--3438-3098211- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 115 diente, die nach islamischer Auffassung ein Teil des im Himmel aufbewahrten und Muhammed stückweise offenbarten Urkoran ist. Die einzelnen Offenbarungen wurden nach Muhammeds Tode gesammelt, aufgeschrieben und zusammengestellt. Dabei wurde das Wort Koran auf das so entstandene Buch als Ganzes übertragen. Die bei der Sammlung des Korans befolgte Anordnung entspricht nun nicht irgend einem inhaltlichen Prinzip. Die historische Rahmenerzählung der Tora kam schon deshalb als Anordnungsgrundlage nicht in Betracht, weil sie im Koran nicht existiert. Eher könnte man den Koran mit den Sammlungen der Prophetenreden vergleichen, wie sie in den „letzten Propheten" vorliegen; nur muß man sich vorstellen, daß im Gegensatz zu den Prophetenbüchern die einzelnen Reden keine Ueberschriften, Einführungen oder Adressaten haben, noch viel weniger ein Datum. Der ganze Koran ist in direkter Rede geschrieben, die von Gott an Muhammed gerichtet ist und die Muhammed in der ihm vom Erzengel Gabriel überbrachten Form vorzutragen hat. Manchmal ist sie mit der Einführungsformel „Sprich:" eingeleitet, nach der dann das Folgende als direkte Rede des Propheten gedacht ist und der Prophet von sich in der Ich-Form spricht; überall sonst erscheint der Prophet jedoch als der Angeredete: in der 1. Person steht Allah, der als der eigentlich Redende vorausgesetzt ist, ohne daß es erst der aus den alttestamentlichen Propheten bekannten Formel „So spricht Gott:" oder einer ähnlichen Einleitung bedarf. Alle diese Offenbarungen nun, deren Sprache an Klarheit übrigens mit der der Bibel in keiner Weise verglichen werden kann, die vielmehr häufig in absichtlicher Dunkelheit und Symbolhaftigkeit gehalten sind und eine auffallende Tendenz zeigen, die direkte Nennung zeitgenössischer Personen oder Vorgänge zu vermeiden, wurden von den Sammlern des Korans in 114 Kapiteln, den Suren, gesammelt, die von ganz verschiedener Länge sind; ihr Umfang bewegt sich zwischen 286 und 3 Versen von ebenfalls ganz verschiedener Ausdehnung. Die längeren Suren handeln unter Umständen von den allerverschiedensten Gegenständen und umfassen Offenbarungen der zeitlich auseinanderliegendsten Perioden der Wirksamkeit des Propheten. Sind also die einzelnen Stücke des Koran z. T. schon in sich nicht einheitlich, so ergibt sich ohne weiteres die Unmöglichkeit, die nun einmal bestehenden Suren in eine sachlich motivierbare Reihenfolge zu bringen. Dieser Schwierigkeit gingen die Redaktoren des Korans dadurch aus dem Wege, daß sie die Suren, an deren Fassung im einzelnen sie nichts zu ändern wagten, im wesentlichen nach ihrer Länge ordneten, die längsten zuerst, die kürzesten zuletzt, abgesehen von der 1. Sure, die ein Gebet etwa nach der Art des Kaddisch oder des Vaterunser darstellt und nur 7 Verse lang ist. Fragen wir uns nun, warum Muhammed biblische Erzählungen in den Koran aufgenommen hat, so ergibt sich aus der Form ihrer Einführung eine Verschiedeiiartigkeit der Zwecke. Der nächstliegende war der, den ungläubigen Mekkanern, denen Muhammed seine Verkündigung brachte, vor Augen zu führen, daß schon die Propheten der Juden und Christen ihren „Völkern"' das herannahende göttliche Gericht geweissagt hatten, und (laß auch jene „Völker" ungläubig waren und nachherdem Gericht anheimfielen. Die Mekkaner sollten sich also das warnende Beispiel früherer Völker zur Lehre dienen lassen und sich davon überzeugen, daß die Weissagungen der Propheten früher oder später eintreffen. Daneben aber bildeten die biblischen Erzählungen für Muhammed selbst einen Trost und eine Ermahnung, über dem hartnäckigen Unglauben seiner Landsleute nicht an seiner göttlichen Mission zu verzweifeln. Auch die früheren Propheten hätten Unbill von ihren „Völkern" zu ertragen gehabt; das Eintreffen ihrer Weissagungen sei zugleich Rechtfertigung für sie selbst und Strafe für das Verhalten und den Unglauben ihrer Volksgenossen gewesen. Bevor die Weissagungen sich erfüllt hätten, hätten die Propheten Die Kultussteuer müsste unter den vielen Steuern, die heute zu zahlen sind, insofern eine Ausnahme bilden, als jeder sie gern bezahlen sollte, denn: 1) sie ist viel niedriger als die übrigen Steuern 2) durch die Zahlung der Kultussteuer ermässigt sich die Einkommensteuer 3) in der jetzigen Zeit ist es mehr als je dringend erforderlich, die Gemeinde als älteste und einzige Organisationsform, die alle Juden umfasst, zu erhalten. Dies gilt besonders auch für alle, die von den Einrichtungen der Gemeinde nur geringen oder gar keinen Gebrauch machen, für die aber die Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft mehr als ein leeres Wort ist 4) sie bietet der Gemeinde die einzige Möglichkeit, neben ihren religiösen und kulturellen Verpflichtungen zu den gewaltig angestiegenen Lasten für soziale Aufgaben beizutragen 5) die von der Gesamtgemeinde gewählte, alle Kreise der Gemeinde vertretende Verwaltung bürgt für sachgemässe und sparsamste Verwendung der Steuermittel. ihre Sicherheit nur aus dem Bewußtsein geschöpft, wirklich das göttliche Wort zu verkünden. Aus dem Zweck, den Muhammed mit den biblischen Erzählungen verfolgte, ergibt sich, daß er nur die Geschichten derjenigen Propheten brauchen konnte, deren Schicksale seinem eigenen zu entsprechen schienen. Dabei konnte er ohnehin nur aus den Geschichten derjenigen Propheten eine Auswahl treffen, über die mündliche Berichte in Arabien im Umlauf waren; denn zu selbständigem Studium der Heiligen Schrift war der sehreib- und leseunkundige Muhammed natürlich nicht imstande. Da nun von den eigentlichen Schriftpropheten des Alten Testaments so gut wie gar kein Legendenstoff existierte, kommen die von uns so genannten Propheten — bis auf den Propheten Jona, von dem die Bibel ja eine erzählbare Geschichte überliefert — im Koran überhaupt nicht vor, dafür aber lauter Persönlichkeiten, die wir größtenteils nicht als Propheten zu bezeichnen pflegen, sondern als Menschen, die direkten Umgang mit Gott gehabt haben. Aber auch die Geschichten dieser „Propheten" erscheinen im Koran zum Teil in recht anderer Fassung als in der Bibel. Muhammed mußte seinem Lehrzweck zuliebe bestimmte Züge aus den biblischen Erzählungen herausheben und sie auf Kosten des ursprünglichen Zusammenhangs unterstreichen, woraus sich teilweise recht tiefgreifende Umgestaltungen ergaben. Rechnet man den schon erwähnten Umstand hinzu, daß Muhammed lediglich auf mündliche Berichte angewiesen war, so erklärt sich ohne weiteres, daß schon das der Umarbeitung zugrunde liegende Material im Kopfe Muhammeds unwillkürliche Veränderungen, Auslassungen, Zusätze und Verwechslungen, besonders der Personen, erfuhr, noch bevor die tendenziöse Umarbeitung erfolgte. Dabei ist noch nicht berücksichtigt, daß schon seine Gewährsmänner zum Teil nicht nur denselben Fehlerquellen ausgesetzt waren wie er selbst, sondern ihm auch vielfach Berichte gaben, die nicht auf der Bibel allein fußten, sondern auch zahlreiche Elemente der rabbinischen und der christlichen Legende enthielten. Wenn wir die so vielen umgestaltenden Faktoren unterworfenen biblischen Erzählungen nun im Koran wiederfinden, muten sie uns vielfach grotesk an; und wir verstehen, woher es kommt, daß die Juden von Medina, weit entfernt davon, die von Muhammed behauptete Identität seiner Offenbarung mit der Bibel anzuerkennen, ihn ironisierten und verhöhnten. Der Prophet mußte natürlich nach einer Erklärung dafür suchen, weshalb die Juden und Christen, auf deren Zeugnis er zum Beweis der Echtheit seiner Offenbarung so großen Wert gelegt hatte, ihn ständig desavouierten und von seinem Prophetentum nichts wissen wollten, vor allem aber weshalb die Geschichten bei Juden und Christen so anders aussahen als sie