Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 4 (12.1932)
- Date
- 1932-12-01
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
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Seite 108 bände heute noch den Antisemitismus offiziell ablehnen, so nur darum, weil sie in ihrem Kampfe aun die Verwirklichung ihrer Ziele die jüdischen Mitkämpfer nicht entbehren wollen, und weil sie sich noch von abstrakten ethischen Wertungen leiten lassen. Wenn ihr Ziel erreicht ist. dann wird die rauhe Wirklichkeit triumphieren. Dann steht das jüdische Proletariat in der Crolah wieder vor einem Nichts. Die Konflikte beginnen von neuem! Es ist falsch, aus sozialistischen Gründen in einem kapitalistischen Lande die jüdische Jugend ins proletarische Lager zu drängen und sie so auch noch dem proletarischen Elend auszuliefern. Der Mittelständler und der An<>-ehöri"-e freier Berufe stehen trotz der Wirtschaftskrise wirtschaftlich besser und aussichtsreicher als der Arbeiter. Es ist nicht zutreffend, daß bei der Berufswahl die An»st vor körperlichen Anstrengungen ausschlaggebend sei: denn"Palästina zei»t, daß dies unrichtig ist. Nur dort ist eine Berufsumschichtun.'r denkbar, weil dort der junge Jude frei von irgeiKhvelchen Minderwertigkeitsgefühlen einen Gesundungsprozeß durchmacht, der nur bei einem sich normalisierenden Volke möglich ist. J e h u d a K a r p f Berufsfragen jüdischer Akademiker Drei Gefahren bedrohen heute den jüdischen Akademiker: die Ueberfüllung, der Boykott, der numerus clausus. Ist die Ueberfüllung — für sich allein schon vernichtend — Zeichen allgemeiner deutscher Not, so kommen Boykott und numerus clausus als jüdisches Sonderschicksal hinzu. Die Ursachen der Ueberfüllung sind bekannt: Verkleinertes Staatsgebiet, Verarmung der Wirtschaft und damit verminderter Bedarf an akademisch gebildeten Kräften auf der einen. Zustrom von Verlegenheitsstudenten und Halbausgebildeten — vom Staat kraft der Gewerbefreiheit Geduldeten — auf der anderen Seite. So schwer auch die Folgen der Ueberfüllung sein mögen, — die gesunkenen Einkommen beweisen es zur Genüge —, sie allein wären nicht imstande, die wissenschaftliche und wirtschaftliche Existenz des jüdischen Akademikertums in Frage zu stellen. Von Urbeginn an zum geistigen Kampf, zur wissenschaftlichen Betätigung erzogen, hat der jüdische Akademiker stets mit Ernst und Fleiß das geistige Erbe erworben und fortgebildet. Er braucht schärfsten Wettbewerb nicht zu furchten. In haß- und neidvoller Erkenntnis dieser Sachlage wird deshalb von bestimmter Seite versucht, mangels zwingender sachlicher Gründe, die Ausschaltung dei jüdischen Akademikerschaft im Wege „völkischer Erziehung und Aufklärung des Volkes" zu bewirken: man predigt früher versteckt, mit wachsender Anhängerzahl immer offener, den Boykott. Man fordert bestimmte Gruppen der Bevölkerung planmäßig und fortgesetzt auf. eine bestimmte andere politisch oder konfessionell mißliebige Gruppe wirtschaftlich zu meiden. Als „Erziehungsmittel" ist jede Lüge, wenn sie nur wirksam ist, recht, und in jüngster Zeit scheut man vor offener Gewaltanwendung keineswegs mehr zurück, wie manche Vorgänge erschreckend beweisen. „Kauft nicht bei Juden! Geht nicht zu jüdischen Aerzten und Rechtsanwälten!" so lautet das „ceterum censeo" jener „Führer", die außer ihrer verbissenen Hartnäckigkeit mit jenem sittenstrengen römischen Senator oft wenig oder nichts gemeinsam haben. Es sind dies dieselben Leute, die schon auf der Universität zu Ablehnung und Haß erzogen werden, die keinen Juden — was man verschmerzen kann '■— in ihren Reihen dulden und die nunmehr den ungleichen Kampf in der Wirklichkeit, im Wirtschaftsleben fortsetzen, um mit allen Mitteln die Wirtschaft von jüdischen Einflüssen zu „bereinigen". Daß große wirtschaftliche Verbände es bereits seit langer Zeit ablehnen, sich von jüdischen Anwälten vertreten zu lassen, ist eine Folge-, erscheinung jener stets unterschätzten „völkischen Bewegung", die angeblich auch mit dem berühmten, aber nicht immer greifbaren „Wasser kochen" müsse! Aber auch damit nicht genug. So schwer dieses „wirtschaftspolitische" Machtmittel — schon mit Rücksicht auf die Millionenzahl seiner Anhänger und Mitläufer — auf die Betroffenen wirkt, so hat es noch immer nicht vermocht das Vertrauensverhältnis zu untergraben, das in der erdrückenden Mehrzahl der Fälle zwischen Nichtjuden und ihrem jüdischen Arzt oder Rechtsanwalt herrscht. Da müssen schärfere Mittel Platz greifen! Man fordert kategorisch den Ausschluß_ der Juden von den akademischen Berufen überhaupt „Tm Dritten Reiche wird kein Jude mehr ein öffentliches Amt bekleiden!" In dieser Form dürften die frommen Wünsche jener Herrschaften wohl in absehbarer Zeit nur Wunsch bleiben. Die deutsche Wissenschaft, die zum Glück überwiegend noch unpolitisch, d. h. nicht „völkisch" verblendet ist. dürfte wohl kaum auf ihre jüdischen Mitarbeiter verzichten wollen und — können. Um so bedrohlicher schwebt die Gefahr des „n umeius clausus" über dem Haupte der jüdischen Akademikerschaft. D. h. die Gefahr, daß nur noch ein bestimmter, dem Anteil der Juden an der Oesamtbevölkerungsziffer entsprechender. Bruchteil zum Hochschulstudium und zu den akademischen Berufen zugelassen wird. Bezöge sich dieser „numerus clausus" lediglich auf den Ausschluß bzw. die Beschränkung der Zulassung von Juden zu den Beamtenstellungen, so wäre seine Schaffung zwar ebenso ungerecht und deshalb prinzipiell verwerflich, gäbe aber zu Besorgnis um die Existenz der jüdischen Akademikerschaft keinen Anlaß. Die Zahl der beamteten jüdischen Akademiker ist so verschwindend gering, daß ihre Ausschaltung ohne numerische Bedeutung wäre. Das Neue, Drohende gipfelt vielmehr in der Forderung, den Ausschluß bzw. die Beschränkung der Zulassung von Juden auch auf die „freien Berufe" des Arztes, des Rechtsanwaltes und weiter sogar noch des Bühnen- und Schriftleiters, des Künstlers und Schauspielers auszudehnen. Kurz auf alle Berufe, die das geistige und kulturelle Leben Deutschlands widerspiegeln. Dieser „numerus clausus" wäre denkbar mit rückwirkender oder mit nicht rückwirkender Kraft. Im ersten Falle würde noch ein Teil der jetzt in Ausübung seiner wolderworbenen Rechte tätigen jüdischen Akademiker wirtschaftlich völlig entwurzelt — im zweiten Falle bliebe er verschont, vielleicht durch die Neuordnung begünstigt. Für die Gesamtlage und die Entwicklung des jüdischen Akademikertums ist dies ohne Bedeutung. Bisher freilich war ein solcher „numerus clausus" auf legalem Wege nicht zu erreichen, da er wider die verfassungsmäßig gewährleisteten Grundrechte verstoßen würde. Bisher! Würde aber der numerus clausus auf irgend eine Weise Gesetz, so bedeutete er den. von seinen Urhebern freilich gewollten, geistigen und kulturellen Nieder- bzw. Untergang des deutschen jüdischen Akademikertums und vielleicht des deutschen Judentums überhaupt. Der jüdische Akademiker ist, wenn auch neben anderen, berufen, sowohl andersgläubigen Berufskollegen als auch den anderen Schichten gegenüber durch achtunggebietendes menschliches und wissenschaftliches Auftreten die.Schmach und die Verleumdung zu mildern und zu entkräften, die Verantwortungslose als bewußt unwahres Mittel für ihre hintergründigen politischen Zwecke gegen uns Juden aufbauschen. Audi innerhalb der Glaubensgemeinschaft hat der jüdische Akademiker aufklärend und erzieherisch zu wirken, hat die großen Fragen der Gegenwart zu erfassen und zu gestalten, um seinen Glaubensgenossen Wege weisen zu können aus geistiger, seelischer und wirtschaftlicher Not. Nur eine zahlenmäßig freie jüdische Akademikerschaft kann diesen beiden Aufgaben gerecht werden, die aus der Zahl des guten Durchschnitts die Ueberragenden aussondert und zu Führern macht, niemals eine nach irgendwelchen formalen Gesichtspunkten erwachsene. Eine solche Akademikerschaff als Sniegel ihrer geistigen Führer anzuerkennen, muß die deutsche Judenheit und die jüdische Akademikerschaft sich und der Welt gegenüber ablehnen! Wie stellt sich nun — in letzter Stunde — die Jüdische A k a d e m i k e r s c h a f t zu dieser wirtschaftlichen und ideellen Gefahr? Hat sie. die Einheitsfront gebracht? „Gemeinsame Hilf in gemeinsamer Not?" Davon ist keine Rede. Die theoretischen politischen Gegensätze führen auch in diesen Lebensfragen nicht zur Einheit. Die meisten erkennen die Gefahr nicht einmal, oder stehen ihr gleichgültig, oder gar naiv optimistisch gegenüber. Und verharren im Traumlande eines rücksichtslosen Individualismus, der nur den Nachteil hat, von gestern zu sein. Auch die Bünde, die Korporationen versagen — weil sie versagen müssen. Weil sie das, was ihnen streitig gemacht wird, die Gleichberechtigung, voraussetzen oder sich vortäuschen. Der K. C. wandert in Vollcouleur durch die Gänge von Universitäten, übt sich in Mensuren und studentischem Comment, gibt sich zur Satzung „Bekämpfung des Antisemitismus durch aufklärende Arbeit" — und wird verhöhnt und mißverstanden wegen seiner „Nachäfferei urdeutscher Sitten", von der Ueberzalil rauflustiger Antisemiten aus den Hörsälen geprügelt._ Der K. j. V. und der V. j. A. vertiefen sich in innerjüdische geistige Probleme, treiben Palästinakunde, wecken und pflegen in ihren Bundesbrüdern Sehnsüchte, die für die allermeisten von ihnen Sehnsüchte bleiben müssen. Und vergessen, daß sie hier in ihrem Leben, in ihrer Existenz bedroht sind. Wenige sehen die Gefahr. Die Frage ist für sie: Sich dem niederträchtigen Druck beugen und vor Ekel und Scham über die Gleichgültigkeit in den eigenen Reihen zerbrechen, oder nach neuen Wegen suchen, um Schlimmstes zu verhüten. Die Wege sind klar. Pochen die andern brutal auf ihre Macht, um feige und rücksichtslos eine kleine Minderheit zu vernichten, so ist es Notrecht und Notpflicht dieser Minderheit, mit ihren Machtmitteln der Gefahr zu begegnen. Und unsere