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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-12-01 · 4 (12.1932) · page 29

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
4 (12.1932)
Date
1932-12-01
Page
– (sequence 29)
Language
German
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Seite 107 stein des Gemeinschaftswollens unserer Menschen und des Willens, zu neuer Berufsform und neuen Berufsinhalten zu kommen, sein. Was heute fehlt, ist die Zentralstelle, die alle Bestrebungen in dieser Richtung zusammenfaßt. An Gemeinden, Verbände und Institutionen richten wir die Aufforderung, solange keine Instanz eines Reichsverbandes der deutschen Juden da ist. dem Reichsausschuß "der" jüdischen Jugendverbände in Gemeinschaft mit der Zentralwohlfahrtsstelle der ■deutschen Juden Vollmachten und materielle Mittel in die Hand zu geben, um eine sich über ganz Deutschland erstreckende Organisation zu schaffen, die sich auf vorhandene Gruppen stützt, aber in einheitlichen Rahmen und nach einheitlichen Grundsätzen an Stelle aller schüchternen und unvollkommenen Lokalversuche das großzügige Unternehmen der Berufsumschichtung und wirtschaftlichen. Fundierung der jüdischen Jugend in die Wege leitet. Die Frage der jüdischen Jugend Deutschlands ist die Frage der Erhaltung des deutschen Judentums. Nicht durch Ideologien und Programme, nur durch praktische wirtschaftliche und kulturelle Arbeit kann verhindert werden, daß die jüdisch« Jugend zerbricht und mit ihr das deutsche Judentum. Kurt London Berufsumschichtung Manche jüdische Kreise propagieren eine Berufsumschichtung der deutschen Juden. Sie sollen Landwirte, Handwerker oder Arbeiter werden, aus sozialistischen Gründen, meinen die einen; damit der Antisemitismus dadurch aus der Welt geschafft werde, glauben die andern. Manche sehen darin eine Normalisierung des in einem unnatürlichen Zustande sich befindenden Volkes. Für den Beteiligten entsteht die Frage: Wird duroh die Berufsumschichtung eine der Erwartungen erfüllt werden? Soll er tatsächlich einen «produktiven" Beruf ergreifen? Um auf diese Frage eine Antwort geben zu können, muß man sich über die Gründe klar werden, aus denen heraus die deutschen Juden fast ausschließlich akademische und kaufmännische Berufe ausübten, um dann zu überlegen, ob diese Gründe auch heute noch Gültigkeit haben. Der Jude fühlt sich gegenüber dem Niohtjuden zurückgesetzt und ihm nicht gewachsen, er leidet an .^Minderwertigkeitskomplexen". Er gleicht einem körperlich behinderten Menschen, der krampfhafte Versuche macht, durch auffallend schöne Kleider, durch Reichtum, durch Heldentaten oder geistige Ueberlegenheit über sein Gebrechen hinwegzutäuschen. Der Jude fühlt sich durch den Antisemitismus dem Niohtjuden gegenüber im Nachteil und will das Gebrechen seines Judeseins durch seiue sozial und wirtschaftlich hohe Stellung verdecken. Akademische Titel und Reichtum sollen den Nichtjuden so blenden, daß er den Juden in ihm vergißt. Daher hat alles, was der Jude unternimmt, den Stempel des krampfhaften Bemühens, durch außerordentliche Leistungen oder durch besonders radikale Meinungen seine Minderwertigkeitskomplexe zu verdecken. Er ist extremer Nationalist (Naumann), radikaler Sozialist (Trotzki) oder weichherziger Philanthrop. Wenn er Proletarier ist, hat er doch keine normale Einstellung seinem Berufe gegenüber, wie der Nichtjude; er will immer höher hinaus, sich von der proletarischen Umgebung abheben. Es ist also ein innerer Zusammenhang vorhanden zwischen Berufs frage und Antisemitismus. Die Lösung der einen ist abhängig von der des andern. Was ist Antisemitismus*? Die deutschen Juden glaubten vor 200 Jahren das Wesen des Antisemitismus erkannt zu haben und sein baldiges Verschwinden voraussagen zu können. Sie sahen in ihm den Ausdruck der religiösen Intoleranz und Unvernunft des Mittelalters, der durch den Anbruch des neuen Zeitalters des Rationalismus und der Aufklärung sowie durch liberale Erziehung der Jugend verschwinden wird. Die Juden selbst suchten durch möglichstes Verschwindenlassen der auffallenden jüdischen Eigenarten, diesen Prozeß zu beschleunigen. So gaben sie eigene Sprache und Sitten auf. verzichteten uaif nationales Eigenleben. Aber der Antisemitismus blieb trotz Fortschritt und LiberaEsmus; ja trotz des furchtbaren Erlebens der Schrecken des Völkerhasses in dem grausamsten aller Kriege gewinnt er immer mehr an Boden. Daß er kein Produkt des Unwissens allein sein kann, beweist schon die Tatsache, daß vor allem der Mittelstand und die oberen Volksschichten die Träger des Antisemitismus sind. Manche jüdischen Kreise sträuben sich mit allen Mitteln dagegen, in ihm das Produkt nationaler und rassischer Gegensätze zu sehen. Durch den Hinweis, daß weder das deutsche noch das jüdische Volk reinrassig sind, glaubt man über diesen heiklen Punkt hinwegzukommen. Daß die meisten heute noch existierenden Völker aus Mischrassen bestehen, schafft ihre physischen und psychischen Verschiedenheiten nicht aus der Welt. Das Grundelement der Mischrasse des deutschen Volkes sind die Germanen, das des jüdischen die Semiten. Daß dem so ist, beweist die Tatsache, daß man einen Juden von einem Nichtjuden schon rein äußerUch unterscheidet. Wo physische Rassenverschiedenheiten sind, sind auch psychische vorhanden! Die Juden haben in Deutschland nur in anormalen Zeiten der revolutionären und geistigen Auseinandersetzungen, zu denen den Kämpfenden jeder Mitstreiter willkommen ist, führende Stellungen eingenommen. Wenn die Wogen der Erregung sich glätteten und man an das Genießen der Siegesbeute ging, wurden die Juden ausgeschaltet. Bundesgenosse im Kampfe, aber nicht im Frieden! Im Leben der einzelnen und der Völker spielt das Gesetz des Auffallenden eine große RoJle. Es besagt, daß das Gedächtnis und die Eindrücke auf die Dauer durch das am meisten Auffallende bedingt sind. Nebensächliches vergißt man; von tausenden Lebenstagen erinnert man sich vor allem an den Bar-Mizwa-Tag, an den Hochzeitstag, an den Tag, der durch eine auffällige Begebenheit sich von den anderen abhebt. Jeder Mensch erleidet im Leben Enttäuschungen geistiger oder materieller Art. Aber niemand spricht Sich selbst die Schuld daran zu. sondern in egoistischer Ueberheblichkeit sieht er seine eigene Vollkommenheit zerstört und vernichtet durch böse Menschen. Unter den vielen der als Schuldige in Betracht kommenden Menschen klammert er sich an den auffallendsten, sich von den anderen am meisten unterscheidenden, um auf ihn seinen ganzen Haß zu werfen. Dieser Haß wird dann verallgemeinert, auf alle, die dem Auffallenden gleichen, übertragen. Meistens ist es ein Jude, der schon rein äußerlich sowie durch die Tatsache seines Andersseins, seines Judeseins auffällt. Ein Beispiel: Leidet ein Mittelständler Not, so haben ihn die Warenhäuser vernichtet. Er kennt einige, die jüdische Besitzer haben; in ihm entsteht die Vorstellung und Ueberzeugung, daß alle Warenhäuser den Juden gehören, da ihm ja die nichtjüdischen nicht „auffallen". Als Einzelperson steht auch der Arbeiter dem Juden feindlich gegenüber, denn auch er macht den Juden für seine persönlichen Enttäuschungen und Mißerfolge neben dem Kapitalismus verantwortlich. Wenn die Arbeiter im antisemitischen Kampfe keine führende Rolle haben, so liegt es daran, daß das Proletariat im Kampfe gegen den Kapitalismus steht. Zwischen Völkern mit entgegengesetzten Interessen entstehen stets Spannungen, die sich vor allem an der Grenze der betreffenden Völker auswirken. Wenn der Deutsche den Polen haßt, so spürt es der einzelne im Innern des polnischen Landes Lebende in Zeiten des Friedens an seiner Person nicht, da Entfernungen zwischen ihm und seinem Hasser liegen. Anders an der Grenze: Dort beginnen alle Kriege, dort entstehen die meisten Zwischenfälle. Dort entlädt sich der Haß durch die starke „Grenzspannung''. Wir Juden haben eine Grenze, wo die Gegensätze zwischen uns und dem Wirtsvolke hart aufeinander stoßen: diese Grenze aber ist unendlich lang. Jeder einzelne bildet einen Teil davon. Darum gibt es keine Polennot, aber eine „Judennot": diese Not kann nur durch Verkleinerung der eigenen Grenze gelindert werden. Daher die auffällige Bildung von Judenvierteln in den Städten. Die Juden versuchen so instinktiv durch enges Zusammenleben, die „Grenze" zu verkleinern. Aber dies ist trotzdem unmöglich, da man im wirtschaftlichen Kampfe stehend mit den Angehörigen des Wirtsvolkes dauernd in Berührung ist. Antisemitismus ist also eine organisch bedingte Auseinandersetzung natürlicher Gegensätze, unabhängig von Religion und Klasse. Wenn man nun versucht, junge jüdische Menschen ins proletarische und produktive Lager zu drängen, so setzt man sie noch größeren köi-perlichen und seelischen Qualen aus als jetzt. Da der Antisemitismus bei dem Proletarier genau so vorhanden ist wie bei dem Angehörigen der höheren Klasse, läuft der empfindsame Jude, des Schutzes seiner gehobenen Stellung beraubt. Gefahr, seinen Minderwertigkeitskomplexen zu erliegen, zumal bei den unteren Klassen der Haß in viel roherer und ungeschliffenerer Form auftritt. Im kommunistischen Rußland klagt man heute schon über das starke Anwachsen des Judenhasses unter der proletarischen Jugend. In Deutschland sind 25% der radauantisemitischen S. A. ehemaüge Kommunisten. Im Preußischen Landtag stimmt die K. P. D. für die Enteignung der Ostjuden. In Wien traten in dem Arbeitersportverixind starke antisemitische Strömungen auf usw. Wenn die proletarischen Ver-

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