Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-12-01 · 4 (12.1932) · page 31

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
4 (12.1932)
Date
1932-12-01
Page
– (sequence 31)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3094266-3094386-3094390--3427-3098199
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 109 Sache ist gut. Die andern tun uns bewußt und gewollt wehe und unrecht. Die Frage der Existenz der jüdischen Akademiker und des Deutsch-Judentums überhaupt ist keine konfessionelle, lediglich eine politische. Und nur auf politischem Wege ist unser Abwehrkampf zu führen und zu gewinnen. Hinein in die Parteien, die das kulturschänderische, unwürdige Treiben .jener Kreise nicht mitmachen! Sie stärken, für sie. opfern und kämpfen! Nur so ist vielleicht noch Rettung möglich. Die Zeiten, wo wir Juden recht- und schutzlos der Willkür niedriger Instinkte preisgegeben waren, sind vorüber und kehren nicht wieder, wenn wir einig sind in der Erkenntnis der Gefahr. Und wenn wir darin, nur darin, einig würden, dann wandelte sich, wie schon oft in der Geschichte unseres Volkes, der Fluch der Verfolgung zum Segen. Berndt M a y e r Von der Schalbank zum Stempelschalter Ein 19 jähriger Arbeitsloser erzählt : Ich schildere hier meinen Weg von der Schulentlassung bis zum Stempelschalter. Es ist nicht nur mein Weg, sondern leider auch der vieler anderer junger Menschen, die mit großer Hoffnung ins Berufsleben eingetreten sind. Nach meiner Schulentlassung — ich besuchte die Israelitische Volksschule zu Frankfurt — kam ich in eine Bau- und Kunst- •schlosserei in die Lehre. Als ich dort eintrat, waren alle sehr erstaunt, daß ein Jude ein Handwerk erlernt. Während meiner Lehrzeit mußte ich als Jude sehr viel einstecken. Wir hatten einen Gesellen, der nicht wußte, daß ich ein Jude bin. Im Anfang standen wir sehr gut. Als er es aber erfahren hatte, war er wie ausgewechselt. Er übersah keine Gelegenheit, um es mich fühlen zu lassen. Mein Chef beauftragte mich, ihm derartige Vorfälle zu melden. Wenn ich aber Meldung erstattet hätte, "wäre es ganz vorbei gewesen. Ich mußte alles stillschweigend über mich ergehen lassen. Zu Arbeiten, bei welchen man was lernen konnte, wurden wir Lehrlinge nicht herangezogen; wir waren nur billige Handlanger. Ich kam während der acht Monate, •die ich dort war, nicht weiter. Es wurde nicht die geringste Rücksicht auf uns junge Menschen genommen. Selbst während der grimmigen Kälte im Winter 1928/29 mußten wir im Hofe stehen und die Fenster und Türrahmen, die wir für Siedlungsbauten herstellen, mit Rostschutzfarbe streichen. Ich benutzte daher eine Krankheit als Anlaß, um von dort wegzukommen. Kurze Zeit darauf bot sich mir Gelegenheit, eine Lehrstelle in der Geflügelzucht zu bekommen. Ausschlaggebend für mich war nur, eine Unterkunft zu haben, da ich nicht zu Hause bleiben konnte. Ich kam nach R. auf die M.'sche Geflügelfarm. Die Ausbildung war sehr gründlich. Schon nach kurzer Zeit arbeitete ich dort selbständig. Damals hatte ich sozusagen fast gar keine Kleidung. Von zu Hause bekam ich nichts. Die paar Fetzen, die ich noch besaß, hatte ich verwachsen. Mein Meister gab mir hier und da einige abgelegte Kleidungsstücke, aber meine Arme und Beine ragten ein ganzes Stück hervor. Es war ein komischer Anblick. Die Leute schauten mich immer so mitleidig an; es war mir sehr peinlich. Aber ich hielt meine Lehrzeit dort aus. Nachdem ich sie beendet hatte, legte ich meine staatliche Prüfung vor der Landwirtschaftskammer in Kassel ab. Dann fand ich eine Stellung auf der Geflügelfarm W. in S. Ich bekam diese Stelle nur deshalb, weil ich 30 Mark unter dem Tarif arbeitete. An den jüdischen Feiertagen, selbst an den höchsten, bekam ich nicht frei. Die Farm stand wirtschaftlieh sehr schlecht. Im November 1931 wurden dort sämtliche Gehilfen entlassen bis auf die Eleven, die wir vorher erst einarbeiten mußten und die dann ohne Gehalt arbeiteten. Kurz darauf fand ich eine Aushilfsstelle als Packer, aber nur für die kurze Zeit von sechs Wochen. Infolge von Arbeitsmangel wurde ich entlassen und wurde so dem Heer der Arbeitslosen eingereiht. Der Unterstützungssatz ist sehr gering. Er reicht kaum für den nackten Lebensunterhalt aus, geschweige denn dazu, die immer stärker werdende Verwahrlosung einzudämmen. Wer nicht körperlich und moralisch versumpfen will, gerät sehr leicht in Versuchung, „Schwarzarbeit" zti leisten, trotz der Gefahren, die mit ihr verknüpft sind. Es gibt zwar verschiedene gute Erwerbslosen-Einrichtungen. So zum Beispiel das Tagesheim der erwerbslosen jüdischen Jugend in der Königswarterstraße. Ich komme fast täglich dorthin und beteilige mich an den verschiedenen Kursen und Veranstaltungen. Aber für einen alleinstehenden jungen Menschen genügt das nicht. Es müßte eine Institution geschaffen werden, die imstande ist, das Familienleben einigermaßen zu ersetzen. Man sollte sich sehr energisch darum bemühen, daß diese Menschen, die in so großer Not sind, nicht auf die schiefe Bahn geraten. Um für einige Zeit der schlimmsten Sorgen enthoben zu sein, entschloß ich mich, in den Jüdischen Freiwilligen Arbeitsdienst einzutreten. Die Arbeit war genau eingeteilt. Sie bestand darin, Fischweiher anzulegen und ehemaliges Waldgebiet in Ackerland umzuroden. Wir wurden keineswegs angetrieben oder gar gedrillt, wie oft behauptet wird. Es waren alle erdenklichen Berufe vertreten. Leute, die noch nie eine Schippe in der Hand gehabt hatten, waren in der Lage, die vorgeschriebene Arbeit mühelos zu verrichten. Wir bekamen Kost und Logis, die Wäsche wurde kostenlos gewaschen, und außerdem bekamen wir noch 3 Mark wöchentlich. Zu bemängeln war nur der Schlafraum. Es war ein ehemaliger Hühnerstall, der erst kurz vorher zu Wohnräumen umgebaut worden war. An verschiedenen Stellen zog es. Trotz alledem hat es mir sehr gut gefallen, wenn es auch an gegenseitigem Verständnis fehlte. Die Gegensätze traten am meisten in der Diskussion über Religiosität hervor. Teilweise war auch schuld daran, daß die Leute aus verschiedenem Milieu und verschiedenen Gegenden zusammengewürfelt waren. Ich blieb dort, bis der Arbeitsdienst beendet war, dann kam ich nach Frankfurt zurück. Die Aussichten, in meinem Beruf unterzukommen, sind trotz der besten Zeugnisse gering. Wenn ich Glück habe, finde ich vielleicht eine Stelle als Packer oder Auslaufer. Durch die lange Arbeitslosigkeit wird man seinem Beruf entfremdet. Ich habe schon daran gedacht, auszuwandern, aber ich weiß nicht, wieweit für mich Möglichkeiten hierzu vorhanden sind. Um dies zu erfahren, habe ich mich mit verschiedenen Organisationen in Verbindung gesetzt. Ich hoffe, daß ich in Palästina Aussichten habe. Als 14jähriger bin ich ins Berufsleben eingetreten. Als 19jähriger habe ich die Erkenntnis, daß es für mich nur die beiden Möglichkeiten gibt: entweder ich bleibe hier und setze mich einer grauen, ungewissen Zukunft aus, oder ich wandere -aus in das Land, wo die Zukunft zwar auch ungewiß ist, wo aber doch größere Möglichkeiten vorhanden sind. David Weidenfeld Schluss der Beilage. Verantwortlich für die Schriftleitung der Beilage: Ernst Holzer in Frankfurt a. M.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.