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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-12-01 · 4 (12.1932) · page 28

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
4 (12.1932)
Date
1932-12-01
Page
– (sequence 28)
Language
German
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde_ Nr. 4____DEZEMBER 1931 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an den Schriftleiter der Beilage, Ernst Holzer, Corneliusstrasse 8. zu richten,. WIE STEHST DU ZUM BERUF? II. Wir führen heute die in der Juninummer begonnene Aussprache über die Berufsfragen der jüdischen Jugend weiter. Wirtschaftskrise und Berufsnot der jüdischen Jugend Der durch die heutige Wirtschaftskrise hervorgerufenen Berufsnot steuern zu wollen, wäre ein vergebliches Bemühen. Mit einer — von Optimisten erwarteten — Besserung der Wirtschaftslage muß naturgemäß auch die Frage der Berufswahl wieder normalen Charakter annehmen: mit einer — von anderer Seite erwarteten — völligen strukturellen Umänderung der Wirtschaft wird gleicherweise das Berufsproblem seiner Lösung zugeführt werden. 1— Es ist aber müßig, heute mit einer dieser Möglichkeiten zu rechnen, wenn der Augenblick eine Lösung erfordert. Für die jüdische Jugend liegen die Schwierigkeiten des Berufsproblems nicht nur in der allgemeinen wirtschaftlichen Lage, sondern in noch stärkerem Maße in der besonderen beruflichen Struktur der jüdischen Menschen. Wieder müssen wir es uns versagen, auf diesem beschränkten Baum auf Ursachen und Auswirkungen, die ja sattsam bekannt sind, einzugehen. Für uns handelt es sich ganz einfach darum, wie der arbeitslosen jüdischen Jugend und der zur Arbeit drängenden, vor der Berufswahl stehenden, zu helfen ist. Gibt es eine zusätzliche jüdische ßerufsnot infolge der unnatürlichen strukturellen Berufslage, so kann natürlich die einzige Möglichkeit, hier normale Verhältnisse zu schaffen, nur ein Anpassen an die Berufslage der Umwelt sein. D. h., auch die jüdische Jugend muß in verstärktem Maße sich handwerklichen Berufen, der Landwdrtschaft und nicht zuletzt der Erlernung qualifizierter Maschinenarbeiterposten widmen. Jedem Kenner der wirtschaftlichen Verhältnisse ist es aber völlig klar, daß auf dem üblichen Wege fast keine Aussichten bestehen, nach vollendeter beruflicher Ausbildung auch Arbeit zu finden. Aus diesen Gründen müssen alle Versuche, wie sie von den jüdischen Siedlungsorganisationen und auch den Verbänden zur Förderung des jüdischen Handwerks unternommen werden, scheitern. Es fehlen alle Voraussetzungen, die landwirtschaftlichen Siedlerstellen zu produktiven Erwerbsquellen zu gestalten, es fehlen auch fast alle Möglichkeiten, jungen Handwerkern Stellungen zu verschaffen oder sie gar in selbständige Positionen zu bringen. Der Fehler in allen diesen Bemühungen liegt in einer Verkennung der wirtschaftlichen Entwicklung überhaupt. Der Versuch, das Berufsproblem individuell zu lösen, muß daran scheitern, daß einmal die Mittel nur für einen Bruchteil der in Frage kommenden Jugendlichen Teichen, dann aber die Möglichkeiten einer produktiven Gestaltung landwirtschaftlicher oder handwerklicher Unternehmen nur im Kollektivbetrieb liegen. Es ist ein Unding, auf wenigen Morgen Land 10 Siedler unterzubringen, jedem ein Haus, einen Brunnen zu bauen, 10 Zäune zu ziehen und jeden Siedler neben der produktiven Arbeit mit der in jedem Betrieb gegebenen unproduktiven Arbeit zu belasten. In einem Kollektivbetrieb wäre nur eine Küche zu führen, die Arbeitskraft des Einzelnen, beispielsweise eines Handwerkers, im landwirtschaftlichen Kollektiv wäre besser auszunutzen. Man spart Häuser, Zäune und Brunnen, man kann die Arbeit besser einteilen und den Boden besser ausnutzen. Unproduktive Kosten sind nicht zehnmal zu leisten, Arbeitskraft, Boden, Material können voll ausgenutzt werden, es besteht leichter die Möglichkeit der Selbstversorgung und des vergrößerten und verbesserten Absatzes, den kulturellen Bedürfnissen kann in stärkerem Maße Rechnung getragen werden. Nicht viel anders liegt es bei den handwerklichen Unternehmen. Da die Stellenbeschaffung im nichtjüdischen Betrieb immer aussichtsloser wird, bleibt nur das Ziel des „Selbständigmachens". Es ist heute kaum möglich, dem Einzelnen ausreichende Mittel zur völligen Einrichtung eines technisch vollkommenen Betriebes zu schaffen. Auch ist der Einzelne nicht in der Lage, Konjunktur-Schwierigkeiten zu überwinden. Anders liegt es im K 011 e k t i v b e t r i e b, der Handwerkerverschiedener Berufsgruppen umfaßt. Die Vielseitigkeit des Betriebes gestattet die Werbung und Ausnutzung eines größeren Kundenkreises, Konjunkturerscheinungen einer Berufsgruppe sind durch den Ausgleich, den die anderen Gruppen schaffen, leichter zu Überwinden, Arbeitsräume, Handwerkszeug usw. sind besser auszunutzen. Entschließen sich die Mitglieder des Kollektivs zur gemeinsamen Haushaltsführung, so wird nicht nur die Produktion verbessert, sondern auch der Verbrauch rationalisiert. Sowohl das landwirtschaftliche wie das handwerkliche Kollektiv geben gewisse Möglichkeiten der Beschäftigung für Einzelne anderer Berufe, kaufmännisch-buchhalterisch vorgebildete. Hauswirtschaftskräfte, Hilfsarbeiter,. Boten. Entscheidend bleibt die Ausgestaltung des einzelnen Arbeitskollektivs. Wenn neben den Bauarbeitern, den Tischlern und Elektrotechnikern der Tapezierer, der Schuster und der- Schneider tätig sind, wird nicht nur nach außen der Arbeitskreis entsprechend gefunden werden, es besteht auch die Möglichkeit, innerhalb des Kollektivs, wenn auch in beschränktem Maßstabe, für den Eigenbedarf zu sorgen und damit wieder die Kosten der Haushaltsführung zu verringern. Für unsere jungen Akademiker kommt heute mehr denn je eine zusätzliche Berufsausbildung in Frage. Der Techniker muß wenigstens ein Handwerk beherrschen, der Mediziner den Beruf eines Krankenpflegers, der Jurist Sprachen, allgemeine kaufmännische Kenntnisse, wie Stenographie, Schreibmaschine, Buchhaltung. Einmal wird hierdurch einegrößere berufliche Beweglichkeit gegeben, dann aber besteht die Möglichkeit, auch hier zum Arbeitskollektiv zu kommen (Schreib-, Uebersetzungs-, Rechtsberatungsbüro usw.) Am schwierigsten liegen 'die Dinge in der beruflichen Umstellung von Fabrikarbeitern. Hier ist in stärkstem Maße auch die innere Umstellung erforderlich. Es ist zu befürchten, daß vorerst noch nicht diese Einstellung vorhanden ist, und nur wirklich absolute wirtschaftliche Not im Einzelfalle zu diesem Weg zwingt. Trotzdem werden wir uns auch mit diesem Problem — das vorerst noch Problem, keine Lösungist — zu beschäftigen haben. Es ist selbstverständlich, daß auch die anderen Lösungen nur Teillösungen darstellen, auch wenn sie für einen beträchtlichen Teil der berufsuchenden Jugend in Frag© kommen. Aber mit .diesen Lösungen wären die ersten Schritte a-uf dem Wege der wirtschaftlichen Gesundung des deutschen Judentums getan. Die Initiative muß hierbei in großzügiger Weisebei den Gemeinden liegen, die alle Kräfte, Logen, Verbände, Vereine, Jugendorganisationen zusammenzufassen haben. Neben der Propaganda für diesen Weg muß sofort die praktische Arbeit einsetzen. Das Kollektiv muß gebildet werden,, wenn die einzelnen mit der Berufsausbildung beginnen, da. schon diese unter dem Gesichtspunkt der Eignung und der späteren wirtschaftlichen Möglichkeiten bestimmt werden muß.. Von größter Bedeutung ist in dieser Zusammenfassung nicht, nur die berufliche, sondern auch die kulturelle Arbeit und nicht zuletzt das Bestreben, eine wirkliche Gemeinschaft junger Menschen zu bilden. Eine Lösung auf 'diesem Wege ist nicht nur eine Lösung der Berufsfrage, sie ist aaicli die Antwort an eine neue, gemeinschaftsuchende Jugend. Ueber den bündischen Gedanken hinaus entsteht hier ein neues Gemeinschaftsgefühl und -Wesen. Vielleicht auch die Lösung zu einem neuen Sein des d3utschen Judentums und die Voraussetzung für ein neues, jüdisches Leben jüdischer Menschen. Die Versuche der Bildung von Gruppen im Wege des fxe/iwilligein Arbeitsdienstes scheinen uns unter obigen Gesichtspunkten besonders wertvoll. Sie werden Prüf-

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