Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 4 (12.1932)
- Date
- 1932-12-01
- Page
- Seite 92 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 92 Der an dieser Stelle in der letzten Ausgabe veröffentlichte „Offene Brief an die weiblidien Mitglieder der Gemeinde" hat offenbar redit viel Widerhall gefunden. Wir geben widistehend — ohne eigene Stellungnahme — zwei Zusdiriften wieder : I. Auf einen offenen Brief gehört eine offene Autwort: Sehr geehrte gnädige Frau! Da ich mich betroffen fühle, halte ich mich für verpflichtet, Ihnen folgendes zu erwidern. Wir Hausfrauen und Mütter haben auch unaufschiebbare Berufspflichten und wir haben auch das Bedürfnis, zum Gottesdienst zu gehen; da wir aber keine Dienstboten haben, nehmen wir unsere Kinder einfach mit. Daß die Synagoge kein Kindergarten ist, wissen wir ganz genau, aber ich finde, daß wir unsere Kinder nicht früh genug ms Gotteshaus führen können. Sie müßten nur hören, wie meine Kleine von dreieinhalb Jahren ganze Gebetstücke heruntersagt, sie versteht es freilich noch nicht, aber mit der Zeit geht es in Fleisch und Blut über. Sie würden staunen, wenn Sie meine vier Rangen von neun bis VA Jahren hören würden ..Synagoge spielen", Schofar blasen usw.; man sieht, wie das kindliche Gemüt damit ausgefüllt ist. Wir können unseren Kindern so wenig fürs Leben mitgeben, warum sollen sie diese Eindrücke nicht mitbekommen*? Man kann ja nicht wissen, was ihnen das Leben noch bringt. Was die Ehrfurcht vor Gott anbetrifft, sage ich: er ist nicht nur ein König, der Ehrfurcht heischt, er ist auch ein Vater, der seine Kinder mit ihren Schwächen und Fehlern kennt und liebt, und im Vaterhause wollen wir gern und oft erscheinen und so tun wir uns keinen allzu großen Zwang an. Ich bin zwar keine von denen, die ein neues Mützchen und moderne Herbstgarderobe aufzuweisen hat, ich muß aber diese entschieden in Schutz nehmen. Es war von jeher Brauch und das Recht der Frau, sich zu schmücken und sich-so schön wie möglich zu machen; warum jetzt nicht? Was wäre eine Synagoge an Feiertagen ohne festlich gekleidete Frauen? Ich will Ihnen einmal die hohen Feiertage schildern, wie ich sie von meiner Kindheit im Gedächtnis habe, im Osten. Es sind schon an die 30 Jahre her, ich bin bei meinen Großeltern auf dem Lande erzogen worden. Der Gottesdienst wurde bei uns abgehalten, wir hatten unser eigenes Sefer Thora, von drei bis vier Dörfern kamen die Andächtigen zu uns beten. Sie kamen auf schmutzigen holprigen Wegen,, sie kamen durch düstere Wäldei-, sie ließen ihr Hab und Gut bei ungetreuen Dienstboten oder ganz ohne Aufsicht zurück, „unaufschiebbare Berufspflichten" gab es nicht. Die Andächtigen brachten ihre Kinder selbstverständlich mit. Sie erschienen alle vollzählig, um ihrem Herrn zu dienen. Unter diesen Frauen war ein großer Teil Analphabetinnen. Meine Großmutter s. A. war zu ihrer Zeit eine Ausnahme, sie konnte nicht nur die Gebete übersetzen, sie konnte sogar Talmud mit Raschi lernen; so war es natürlich, daß sich die anderen wie Schäfchen um ihren Hirten versammelten, sie betete ihnen vor und sie beteten inbrünstig nach. Die. die selbständig waren, beteten nicht minder andächtig. Viele weinten dabei, man hörte, dazwischen, die Stimme iles Vorbeters, es war wie ein Rauschen im Walde. Und wie schön geschmückt waren sie alle! Weiße oder rosa Atlaskleider: ob Kapotthüte überall große. Mode waren, weiß ich nicht, bei uns jedenfalls hatten alle eleganten Frauen Kapotthüte mit wunderbaren Blumen. Die älteren Frauen tragen seidene Kopftücher. Perlen, Brillanten und Diamanten hat fast jede jüdische Frau besessen. Wir Kinder verbrachten unsere Zeit nach Kinder Art. Aber den Eindruck, den wir mitbekamen. werden wir nie vergessen. Wir zehren ein ganzes Leben davon. Ordnung war bei uns ein Fremdwort, und doch hatte alles seine wunderbare „Ordnung". Die Andacht hatte jeder in seinem Herzen mitzubringen, und keiner soll sagen, wenn er nicht tanzen kann, «biß rli» Musik schlecht ist. Wenn man die Andacht von außen her beziehen will, so soll man sich einen gewaltigen Film oder ein Theaterstück ansehen, das wird auf sie mehr Eindruck machen als eine Rede vom Rabbiner. Man findet nichts dabei, wenn die schönen junvui Frau-n auch die besten Plätze besetzen, das paßt zum Rahmen. Es würde diesen Frauen niemals einfallen, einer älteren abgearbeiteten Frau nur für einige Minuten den Platz anzubieten, diese müssen stehen, bis sie vor Müdigkeit zusammenknicken. Neugierig wie ich von Natur bin, bin ich der Sache auf den Grund . gegangen und habe festgestellt, daß die wenigsten dieser schönen Frauen bezahlte Plätze haben. Sie kommen und setzen sich auf die Plätze, die ihnen ihrem Aeußern nach zukommen, und niemand findet etwas dabei. Würde sic'i ab«r einü ärmer gekleidete Frau dies erlauben, so würde es auffallen. Noch zwei Beobachtungen muß ich hier erwähnen. Der Bequemlichkeit halber ging ich zu einem deutschen Gottesdienst, aber zum Seelengedenken wollte ich gerne nach polnischem Ritus mitbeten, so betete ich teilweise hier und teilweise dort. Bei den Polnischen habe ich festgestellt, daß nur die älteren beteten, während sich die jüngeren nur unterhielten und sich nach der neidischen Freundin umsahen. Es ist mir sogar passiert, daß meine besten Freundinnen mich nicht sehen wollten, weil ich nicht die bewußte moderne Garderobe hatte. Also Sie sehen, wie wichtig das ist. Ja die Begriffe haben sich geändert, früher schmückte man sich dem Festtag zu Ehren, heute . . .? Meine Erfahrung beim anderen Gottesdienst war die: ich verstehe die aschkenasische Aussprache nicht gut, und so habe ich bei meiner Nachbarin ins Machsor hineingesehen, um mitzukommen; diese, nicht faul, verdeckte mit der einen Hand das Machsor, während sie sich mit der anderen an die Brust schlug. Was soll man im allgemeinen von den Frauen halten? Es wäre sehr begrüßenswert, wenn unsere Zeilen anregen Avürden, daß das Gemeindeblatt ebenso wie das Blatt der Jugend, ein Blatt für die Frau einrichten würde, und so würden viele sich durch Aussprachen näher kommen. Solche, die keine Zeit für öffentliche Vorträge und Geselligkeit haben, und solche,' die sich in der Oeffentlichkeit scheuen würden mitzureden, könnten hier auch einmal zu Wort kommen. In der Hoffnung, daß Sie im nächsten Jahr andächtiger sein können, grüßt Sie eine, die Iroty. allein andächtig war. J. L. II. Der Offenene Brief an die weiblichen Mitglieder der Gemeinde ist mir aus der Seele gesprochen. Ich besuche öfters k a t h o 1 i s c he Ki r c.h e n , nicht aus religiösen, sondern aus künstlerischen Gründen und bewundere immer wieder die musterhafte Disziplin, die daselbst herrscht. Es erscheinen da im Dom häufig mehrere Kinder im Alter von vielleicht 4—6 Jahren Hand in Hand ohne Begleitung Erwachsener, gehen an den Hochaltar und mucksen sich nicht. Ebenso kommen Frauen mit kleinen Kindern auf dem Arm und auch diese geben keinen Laut von sich: Das bewirkt die Erziehung. Nun kommen und gehen ja auch die Kirchenbesucher zu verschiedenen Zeiten, aber eine Unterhaltung gibt es nicht. - Gegen die geschilderten, höchst unerfreulichen Zustände in unseren Gotteshäusern gibt es nur e i n Mittel: Die Trennung der Geschlechter muß aufhören. Ebenso gut wie mit der Sitte, daß jüdische Damen nicht an Beerdigungen teilnehmen durften, gebrochen worden ist, ebenso gut kann man in den Synagogen Männer und Frauen zusammensetzen. G. F. Im Frühjahr 1933mit nein Norddeutschen Lloyd ins Mittelmeer 2 Reisen mit Dampfer Columbus q^q M.ndestpreis Mk. 4 Reisen mit D. General v. Steuben 4nn Mindestpreis Mk. t"UU. Prospekte beim Norddeutschen Lloyd, Frankfurt am Main — Hotel Frankfurter Hof