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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-12-01 · 4 (12.1932) · p. Seite 91

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
4 (12.1932)
Date
1932-12-01
Page
Seite 91 (sequence 13)
Language
German
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Seite 91 Der kaiserliche Oberhoffaktor Samuel Oppenheimer, ein Frankfurter Kind Von B e r t h o Das Leben des genialen Kaufmanns Samuel Oppenheimer, der als Oberhoffaktor den deutschen Kaiser mit Geld und dessen gegen Türken und Franzosen kämpfenden Heere mit allen erdenklichen Bedarfsgegenständen versah, liegt erst von dem Zeitpunkte an klar vor uns, da er sich 1684, vierzehn Jahre nach der Ausweisung seiner Glaubensgenossen aus Oesterreich, wieder als erster Jude in Wien ansiedeln durfte. Von seinen früheren Lebensumständen war bisher nur so viel bekannt, daß er vorher in Heidelberg gewohnt hatte. Nicht eiumal sein Geburtsort konnte mit Bestimmtheit angegeben werden. Während manche Forscher diese Frage unentschieden lassen, schwanken andere zwischen Worms und Heidelberg. Durch glückliche Umstände und freundliche Hinweise des Herrn Dr. Paul Diamant in Wien war es mir möglich, einige bis jetzt unbeachtete Tatsachen zu entdecken, die Uber Samuel Oppenheimers vorwiener Zeit Aufschluß geben. Nach der Krönung des Kaisers Matthias (1612) begaben sich die drei Frankfurter Juden Samuel zum Drachen, Samuel zum Straußen und Samuel zum goldenen Brunnen als Anwälte „gemeiner Judischeit zu Frankfurt und der im heiligen Reich ingemein gesessenen Juden" an den Kaiserhof nach Prag, um die Erneuerung und Bestätigung der Privilegien der Gesamtjudenschaft und der Sonderrechte der Frankfurter Gemeinde zu erwirken und um Erläuterung und Extention einiger Punkte zu bitten. Während der Abwesenheit der Delegierten waren in Frankfurt ernstliche Unruhen entstanden. Die Zünfte suchten den in der Mehrzahl aus Patriziern bestehenden Rat der Stadt zu verdrängen und sich des Stadtregiments zu bemächtigen. Diese Bewegung, an deren Spitze der berüchtigte Krämer Vincenz Fettmilch gestanden hatte, trug bekanntlich einen stark judenfeindlichen Anstrich und führte auch, nachdem die Aufständischen die Oberhand erlangt hatten, 1614 zu einer vorübergehenden Vertreibung der Juden aus Frankfurt. Nun hatten die in Prag weilenden drei Abgesandten der Judenschaft erfahren, man verdächtige sie in. ihrer Heimat, sie stünden auf Seiten des Frankfurter Rats und würden den Kaiserhof gegen die Zünfte beeinflussen, so daß sie für sich, ihre Frauen und Kinder sowie für Hab und Gut Schlimmes befürchten mußten. Damit sie für sich und ihre Nachkommen auf jeden Fall, sowohl unterwegs, als auch zu Hause, vor aller Gewalt gesichert seien, erbaten sich die drei Anwälte vom Kaiser „litteras salvae guardiae" (Schutzbriefe), die ihnen allenthalben samt Hab und Gütern im heiligen römischen Reich freien Durchzug und zu Hause Schutz vor aller Gewalt gewähren sollten. Kaiser Matthias entsprach diesem Wunsche. Der von ihm in Prag am 2. November 1612 erteilte Schutzbrief wurde durch Privileg vom 5. Dezember 1613 (gegeben in Linz) erweitert und auch von den drei folgenden Kaisern bestätigt und in mehrfacher Hinsicht ergänzt. Das von Ferdinand H. auf Ansuchen Samuels zum Drachen und Samuels zum Straußen bewilligte Privileg (gegeben in Regensburg am 13. August 1630) gibt die Söhne und Tochtermänner der beiden Bittsteller namentlich an; u. a. wird ein gewisser Wolf erwähnt. In der Bestätigung des Kaisers Ferdinand III. (Wien, 23. Dezember 1638) für Samuels zum Drachen und Samuels zum Straußen nachgelassene Kinder erscheint ein Wolf zur Blume und in der des Kaisers Leopold I. (Wien, 1. Juni 1663) ein Wolf zur Kandten (Kanne) in Worms. Es steht außer Zweifel, daß es sich bei dem in den drei Privilegien genannten Wolf immer um die gleiche Persönlichkeit handelt, und zwar um Samuel Oppenheimers Vater Simon Wolf. Dieser war also in Frankfurt geboren und ursprünglich dort ansässig. Sein Vater, dessen Name sowohl auf der Grabsteininschrift des Sohnes als bei dessen Seeleugedächtnis im Wormser Memorbuch erwähnt wird, ist identisch mit Josef Juda (Löb) Oppenheimer in Frankfurt, dessen Stammbaum Dietz (Stammbuch der Frankfurter Juden S. 212) darstellt. Simon Wolf Oppenheimer bewohnte also um 1638 in Frankfurt das Haus zxir Blume, als dessen damaliger Besitzer auch Dietz (a. a. 0. S. 445) die Familie Oppenheimer angibt, und 1663 wird er als Eigentümer des Hauses zur Kanne in Worms ^bezeichnet, das schon lange der Familie gehörte und bereits einigen ihrer Glieder als Zufluchtsstätte gedient hatte (Dietz a. a. 0. S. 212 u. 213). Wann und weshalb er diesen Wohnsitzwechsel vollzog, ist nicht bekannt. Er muß aber um 1640 erfolgt sein. Denn 1642 war „Wolf Jud zur Kantin" bereits Wormser Judenschaftsvorsteher. Als solcher unterzeichnete er in jenem Jahre eine zwischen der Stadt Worms und ihrer Judenschaft durch Vermittelung des Kurfürsten von Mainz als kaiserlichem Kommissar abgeschlossene Vereinld Rosenthal barung wegen der städtischen Abgaben der Juden. Jedenfalls läßt sich nach diesen Feststellungen die vielverbreitete Ansicht, Samuel Oppenheimer entstamme einer Familie, die schon lange in Worms bodenständig war, nicht mehr aufrecht halten. Simon Wolfs Ehefrau Edel war, wie aus den vorerwähnten Privilegien ersichtlich ist, eine Tochter von Samuel zum Drachen. Auch das Wormser Memorbuch bezeichnet sie als Tochter Samuels, und dessen Sohn, der bekannte Abraham Drach, gibt in seinem Bittgesuch vom 22. Juni 1661 um Erneuerung des kaiserlichen Privilegs Simon Wolf Oppenheimers Söhne Abraham und Samuel ausdrücklich als Enkel Samuels zum Drachen an. Der jüngste Sohn Moses ist hier noch nicht erwähnt; das Privileg von 1663 hingegen erstreckt sich auf Wolf zur Kanne in Worms und seine Söhne Abraham, Samuel und Moses, auch zur Kanne in Worms. Wahrend die beiden letztgenannten Söhne um die Mitte des 17. Jahrhunderts ihren Wohnsitz in Heidelberg aufschlugen, blieb Abraham, der Vater des berühmten Prager Rabbiners und Bibliophilen David Oppenheimer, in Worms seßhaft und wird mehrfach in zeitgenössischen Aufzeichnungen als Abraham zur Kanne erwähnt. Auf Grund der in den Privilegien und deren Erwirkungsgesuchen enthaltenen Angaben ist es nunmehr möglich, an Hand des Stammbuchs von Dietz die Ahnen Samuel Oppenheimers väterlicherseits bis auf Löb (Juda) zum roten Hirsch zu verfolgen, der 1531 mit seiner Ehefrau Edel aus Heidelberg, wohin seine Ururenkel um 1630 wieder zurückkehrten, nach Frankfurt a. M. auswanderte und mütterlicherseits bis Männ- Iin zum Knoblauch (gestorben 1599), welcher der seit 1516 in Frankfurt angesessenen Familie Bacharach angehörte. Da Simon Wolf Oppenheimer frühestens 1639 Frankfurt verließ, können auch seine Kinder nicht in Worms geboren sein. Somit geht aus den kaiserlichen Privilegien des weiteren überzeugend hervor, daß Samuel Oppenheimer, der 1630 das Licht der Welt erblickte, ein Frankfurter Kind war. Die alte Reichsstadt darf also den Ruhm für sich in Anspruch nehmen, daß schon mehr als 100 Jahre vor Amschel Rothschild ein anderer, nicht minder bedeutender Finanzmann seinen Lebensweg in ihren Mauern begann. Auch über Samuel Oppenheimers Familienleben konnten aus verschiedenen Einträgen in den Mannheimer Stadtrats- Protokollen Tatsachen entnommen werden, die bisher der Forschung entgangen waren. Aus diesen Niederschriften geht einwandfrei hervor, daß er seine Gemahlin, die auf ihrem noch erhaltenen Grabsteine in Wien und in einem Eintrage des Marktbreiter Memorbuchs „Sandella, Tochter des Manoach de Caroassone" genannt ist, aus Mannheim heimführte. Diese Sandella, die in den Rats-Protokollen stets G e n t i 11 e heißt, war die Tochter des 1659 von Avignon nach Mannheim übergesiedelten Portugiesen Emanuel Carcassone und in erster Ehe mit dem ebenfalls aus Südfrankreich nach Mannheim gekommenen Portugiesen Abraham Astruck verheiratet, der 1668 starb. Vermutlich ist sie die Mannheimer portugiesische Jüdin aus Avignon, deren auffallende Schönheit noch nach vielen Jahren der pfälzischen Prinzessin Liselotte in bester Erinnerung war und von der sie in einem ihrer Briefe schwärmte. Ihre zweite Ehe ging Gentille um 1673 mit Samuel Oppenheimer ein, der damals noch in Heidelberg wohnte und rege geschäftliche sowie verwandtschaftliche Beziehungen zu Mannheim unterhielt. Er selbst hatte um jene Zeit schon verheiratete Kinder. Mithin war Gentille-Sandella seine zweite Gemahlin. Name und Herkunft seiner ersten Gattin konnten bis jetzt noch nicht ermittelt werden. Es leben heute noch manche Abkömmlinge Samuel Oppenheimers, und namhafte Forscher sind bemüht, das Leben dieses außergewöhnlichen Mannes zu ergründen. Vielleicht veranlaßt der Hinweis auf diese Lücke, feststellen zu helfen, wer die erste Lebensgefährtin war. Hierdurch könnte das Lebensbild Samuel Oppenheimers vervollständigt und manche jetzt noch unbekannte Beziehung hergestellt werden. DIAI2N-Puder bewahrt Ihren Liebling vorWundsein,

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