Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 4 (12.1932)
- Date
- 1932-12-01
- Page
- Seite 88 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 88 Augenblicken geht er an die Schublade und fängt langsam an, Geldstücke zu zählen; hüstelt leise. — Hm. Kinder, kommt mal her, da, habt Ihr Chanukkageld. Wir zögern zuerst, dann aber kommen wir laufend, springend und hüpfend herbei. Nach einet Weile öffnet sich die Türe und Onkel Berti, Vaters Bruder, tritt herein. — Jungens, kommt hierher, empfangt Euer Chanukkageld, Ihr Wildfange! Er holt dabei zwei silberne Münzen aus der Westentasche und gibt sie uns. Dann nimmt der Vater einen großen Bogen Papier, zeichnet schwarze und weiße Felder darauf, dann läßt er sich aus der Küche weiße und schwarze Bohnen holen, und dann wird „Dame" gespielt Mutter macht sich unterdessen in der Küche zu schaffen, läßt Fett aus und backt Pfannkuchen. Mein Bruder und ich spielen „Trendel" — nes gadol hajah schom", es geschah dort ein großes Wunder —. Vater und Onkel Beni spielen Dame. — Nur eins verlange ich von Dir, Beni, ohne Kunststücke, ohne Rückzüge, ohne Forderungen, gezogen ist gezogen! — sagt Vater zum Onkel. — Gezogen ist gezogen — wiederholt Onkel Beni und macht einen Zug. — Ein Zug ist ein Zug — sagt Vater und schlägt einen Stein. — Ein Zug ist ein Zug — sagt Onkel Beni und schlägt dem Vater zwei Steine. Sich in das Spiel immer mehr vertiefend, kauen sie ihre Bärte. bewegen sich auf ihren Sitzen und summen beide ein und dieselbe Melodie. — Wie—e soll ich ge—e—he—n, — singt der Vater im Gemorohsingsang und kaut den Bart dabei. — Gehe ich hierher — geht er dorthin, gehe ich dorthin, setzt er hierher. Am besten, ich mache diesen Zug. — Diesen Zug — hilft ihm im Singsang Onkel Beni. — Aber, was habe ich zu befürchten? Schlägt er mir diesen Stein, schlage ich ihm dafür zwei. Vielleicht will er mir aber drei Steine schlagen? — Drei schlagen — hilft ihm Onkel Beni. — Nun, dann bist Du aber ein Dummkopf, Beni, und kein kleiner, singt Vater. — Bist selber ein Dummkopf, lieber Bruder, singt der Onkel und will einen Zug machen, zieht aber den Stein zurück. — Das geht nicht, Beni. gezogen ist gezogen, so haben wir ausgemacht, sagt Vater ohne Gesang, und greift Onkel Beni nach der Hand. — Hast vollkommen recht, sagt Onkel Beni, solange ich noch keinen Zug gemacht habe, darf ich den Stein setzen, wohin ich will. — Nein, erwidert der Vater, gezogen ist gezogen und damit Schluß, wir haben ausgemacht: ohne Rückzüge und Kunststücke. — Rückzug! schreit Onkel Beni — wieviel Mal hast Du schon die Steine zurückgenommen? — Ich, macht der Vater erstaunt! Nicht ohne Grund, Beni. spiel ich nicht gern mit Dir. — Wer zwingt Dich denn dazu? . . . — Na. schon Streit ausgebrochen! Die Brüder zanken sich wegen einer Bohne! ruft Mutter, aus der Küche kommend, hinter ihr Bieine mit einer großen Platte voll heißer Pfannkuchen, in Fett gebacken. Ein angenehmer Duft steigt auf. Alle setzen sich zu Tisch: mein Bruder, mit dem ich mich eben erst zankte, war rasch versöhnt, wir fingen an. mit großem Appetit die Plinsen zu essen, ^- Am anderen Morgen, nachdem wir gebetet und „AI hanissim" und ..Hallel" gesagt hatten, frühstückten wir beide und gingen auf die ..Tour'', um das Chanukkageld von unseren Verwandten zu holen. Der Erste, dem unser Besuch galt, war Onkel Moishe-Arou. — Guten Tag, Onkel Moische-Aron, riefen wir und stürzten atemlos ins Haus, aber da begegnete uns die Tante Pessel. Sie nahm uns die warmen Mäntel ab, putzte uns die Nasen und setzte uns an den Tisch. Ich und Motel saßen wie' auf heißen Kohlen vor lauter Ungeduld. Tante Pessel aber setzte sich gemächlich uns gegenüber, kreuzte die Arme über die Brust und begann uns auszufragen. — Wie geht es Vater? Gut. — Mutter? Gut. — Habt Ihr Gänse geschlachtet? Geschlachtet. — Fett ausgelassen? Jawohl. — Habt Ihr Pfannkuchen gebacken? Ist Onkel Beni bei Euch gewesen? Er war bei uns. — Hat er Dame gespielt? Er hat gespielt. Und so ging Frage und Antwort hin und her. Nun putzt uns Tante Pessel nochmals die Nasen und wendet sich dann an den Onkel. — Moische-Aron, man muß den Kindern Chanukkageld geben! Onkel ist etwas taub. Tante Pessel ruft lauter: Chanukkageld für die Kinder! — Was, wie?, macht Onkel Moische-Aron und legt sich die Wattestückchen aus dem rechten ins linke Ohr und umgekehrt. — Chanukkageld für die Kinder, schreit Tante Pessel ihm ins Ohr. — Chanukkageld wollt Ihr"? Wie? Wozu brauchen Kinder Geld? Was werdet Ihr mit dem Geld machen? Wie? ausgeben wollt Ihr es? Wieviel hat Euch Euer Vater gegeben'? — Mir einen Rubel, sage ich. und ihm einen halben Rubel, zeige ieh auf Motel. — Einen Rubel?! Hm. ja. so verdirbt man die Kinder. Was wirst Du mit dem Rubel anfangen? Wirst ihn sicher wechseln? Sollst ihn aber nicht wechseln! Hörst Du, was ich Dir sage! Nicht wechseln! Vielleicht gedenkst Du ihn doch zu wechseln? Was? Wie? — Ob er ihn wechseln wird oder nicht, kann Dir doch egal sein, ärgert sich Tante Pessel, gib ihnen, was ihnen zukommt und laß sie in Gottes Namen weitergehn. Onkel Moische-Aron geht in sein Arbeitszimmer, sucht in allen Schränken und Schubläden herum, bis er einige Münzen zusammengescharrt hat und spricht währenddessen mit sich selber. — Manche Leute verderben mit eigener Hand ihre Kinder, ja. verderben sie! Und er drückt uns einige schwere Münzen in die Hände. Tante Pessel putzt uns zum letztenmal die Nasen, hilft uns in die Mäntel. Wir verabschieden uns und eilen weiter. Wir laufen über den weißen funkelnden Schnee, der unter unsern Füßen knirscht. Im Laufen zählen wir die Geldstücke von Onkel Moische-Aron, können sie aber nicht zusammenzählen. Unsere Hände sind von der Kälte blau angelaufen, erstarrt und die Münzen sind große schwere Kupferstücke, ganz abgegriffenes, verschimmeltes Geld. Die zweite Station war das Haus des Onkels Izchak und der Tante Debora. Vater und Mutter sind mit ihnen seit Jahren verzankt, warum wissen wir nicht. Wir wissen nur, daß Vater und Orkel Izchak leibliche Brüder .sind und nie miteinander sprechen, obwohl sie in derselben Synagoge beten, nebeneinander sitzen. Aber, obschon sie miteinander b;ise sind, kommen sie bei freudigen Anlässen,, bei einein Briß, — Pidjon haben, Bar- Mizwa oder zu Hochzeiten zueinander ins Haus. Setzen sich an den obern Platz, bringen schön.'1 Geschenke und tanzen auch mit allen „Mechutanim" und .>o weiter. Am Chanukka gehen wir zum Onkel Izchak nach unserm Chanukkageld. -— Guten Morgen. Onkel Izchak, ■— guten Morgen. Tante Debora! riefen wir b?ide Jungen zugleich. Onkel und Tante empfangen uns freundlich. — Ihr meint doch nicht die Hagada. Ihr meint doch wohl uie Knödeln! sagt Onkel Izchak zu uns und streichelt uns die Wangen. Er öffnet seinen Geldbeutel und gibt uns Geld, mir und Motel je einen Silberrubel. Dann geht es zu unserer Schwester Odel und ihrem Mann Seidel. .Schwager Seidel ist ein lustiger Mensch und liebt Späße zu treiben, er hat aber die böse Gewohnheit, uns Nasenstüber zu geben oder uns an den Ohren zu ziehen. Aus diesem Grunde gingen wir das ganze Jahr über nicht zu ihm hin, aber am Chanukka. wollten wir auf das Chanukkageld nicht verzichten. So gingen wir hin. Der Schwager empfängt uns sehr freundlich und ruft schon: Gut, daß Ihr kommt, ich halte schon Chanukkageld für Euch bereit, zieht den Beutel und zählt uns einige Silbermünzen in die Hände, und ehe wir uns besinnen, haben wir unsere Nasenstüber und Ohrenziehen weg. — Hör' auf, die Kinder zu quälen, bittet Schwester Odel. Sie zieht uns beiseite und füllt uns die Taschen mit allerhand Gebäck, mit Nüssen und sonstigen guten Sachen und gibt uns auch Chanukkageld. So laufen wir dann fröhlich nach Hause. — Motel, wollen wir mal unser Geld zählen? Zuerst zähle ich, dann Du. Motel will nicht warten, bis ich mit meiner Rechnung fertig bin und beginnt, sich mit seinem „Kapital" zu beschäftigen. Zählt und zählt, verrechnet sich, beginnt wieder von vorne. Ich helfe ihm, wir fangen zusammen an. Mit Mühe haben wir es beinahe gezählt, — da stoßen wir auf Onkel Moische-Arons abgeriebene Kupfermünzen, und da kommen wir ganz aus dem Konzept. Wir versuchen, diese Münzen bei Mutter umzutauschen, bei Vater, der Köchin Breine, niemand will sie annehmen. — Was sind das für Münzen, wer hat sie euch gegeben? — Wir schämen uns, es zu sagen und schweigen. — Weißt Du was, sage ich zu Motel, wir wollen die Münzen in den Ofen werfen oder in den Schnee, damit niemand sie sehen soll. — Bist Du aber gescheit, wir wollen sie lieber einem Armen schenken. — Motel, bekommen die Armen auch Chanukkageld? Wichtig für Stoff Händler! Ihre Stoffe zum Wiederverkauf beziehen Sie am besten undbmigstenim fl 5,^? eine^ Stets Eingang von Partieposten, die wir unter Preis abgeben