Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 4 (12.1932)
- Date
- 1932-12-01
- Page
- Seite 86 (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 86 Jakob Nussbaum zum 60. Geburtstag Von Erich Toeplitz Am 8. Januar 1873 wurde in einem Orte fern der großen Kultur der Maler geboren, der sich Zeit seines Lebens von der Aeußerlichkeit der ..Kultur" freizuhalten wußte. Die Stadtkultur mit allem Drum und Dran hat Nußbaum immer gern umgangen, und. dieser Jugendeindruck spiegelt sich wohl auch in seinen Werken wider. Die Verbundenheit mit der Natur insbesondere, die er von Rhina mitnahm, hat seinen Arbeiten jenen Reiz unmittelbaren Erlebens verliehen, der anders schwer zu deuten wäre. Die engere Heimat in der Kasseler Gegend hatte aber noch andere Einwirkungen auf "den Künstler, der uns hier als Jude interessiert. Ein bäuerlich geartetes, völlig in der Heimat verwurzeltes Element ist dort zu Hause, bei dem sich mit deutscher Gesinnung und deutschem Wesen innige Verbundenheit mit der angestammten Religion vereint. Von einem Bruch in dieserHinsicht ist keine Rede, und dieser Vorzug wird besonders deutlich, wenn man beobachtet, wie der Meister später die Stätte religiöser Schöpfung, wie er Palästina gesehen hat. Nußbaum hat nichts in die Landschaft hineingesehen, was das Auge des Künstlers nicht wahrnehmen konnte, er hat kein Drum und Dran gemalt, er hat uns die heutige palästinensische Landschaft vermittelt, so gut er konnte. Wie gut er konnte, das dürfte dem Auge des Kenners nicht verborgen bleiben, hier nicht und in seinen zahlreichen anderen Landschaftsbildern auch nicht. Wenn es somit die selbstgestellte Aufgabe Jakob Nußbaums ist, das Wesen einer Landschaft, die Eigenart eines Stadtbildes und insbesondere diejenige seiner Wahlheimat Frankfurt am Main im Bilde festzuhalten, so darf -es nicht verwundern, daß er etwa seit 1920 eine große Anzahl von Bildnissen geschaffen hat. Sein Selbstbildnis in der heimatlichen Galerie ist typisch für das Natürliche, das nur um der Sache willen und aus ihr Geschöpfte. Ein ungebrochener Mann, dem auch heute keiner die Altersgrenze anmerken würde, wäre er nicht Gegenstand zahlreicher und berechtigter Ehrungen, die dem um die Kunst und die Künstler in vielfacher Hinsicht aufrichtig Bemühten mit vollem Recht zuteil werden. Nicht nur .. . für seine Kunst und da- - . mit für die künstlerische ' .; - Arbeit war er rastlos auch den Inter- - , anderer Künstler - . tätige Förderung werden lassen, zeigt sich gerade der religiöse Zug, die tätige Religion der Liebe zu den Menschen und die Bekundung ethischer Arbeit um hohe Ideale der Kunst in einem. Wenn man bei dem Jubilar im Atelier weilt, und wenn man ihm gar solche Dinge dort sagen würde, fände man allerdings wenig Anerkennung damit. Ein bescheidener, ein stiller, ein sachlicher Mann sitzt einem gegenüber, der große Worte und lärmende Bekundungen ablehnt. Dekorativ ist dieser Künstler nie gewesen, Frühlingslandschaft im Taunus (1907) [Original im Besitz des Herrn Dr. Heinridi Simon) tätig, essen hat er zuteil Hierin Südende des Tiberiassees (Aquarell 1925) und das Treiben geschwätziger Salons verabscheut er. So wie er sich selber dargestellt hat, so ist er, und wie der Mann ist, so ist sein Werk. In München hat er studiert, in Berlin längere Zeit gelebt, den Kern seines Wesens hat dies nicht verändert. Das Können^ das er sich erworben hat, legt von seiner erfolgreichen Studienzeit ein Zeugnis ab, das seine Lehrer ehrt. Von der Landschaft her, zu der keine gewollte Rückkehr nötig war, findet er Anschluß an den großen Kreis der Landschafter, die in der Fachwissenschaft gerne als Impressionisten rubriziert werden. Mit „Ismen" hat es Nußbaum nie gehalten, und er hat die > einen deshalb auch nicht mit anderen .. vertauschen müssen, wenn sich die Mode wandelte, denn auch mit der Mode ist er nicht gegangen. Daß die Zeit und ihre Einflüsse ihn nun gar nicht berührt hätten, wäre wieder zuviel . gesagt, aber gewollt hat er das nie, und wenn er es getan hat, dann deshalb, weil es ein Wandel seiner selbst war. In dem Sinne ist er seiner eigenen Art stets treu geblieben, aber um jeden Preis eigenartig sein, das war auch nicht in mm vorbereitet. Er war und ist Künstler, dies ist seine Eigenart, vor der er fast objektiv zurücktritt, ohne sich selbst zu bespiegeln. Mit der ganzen und aufrichtigen Hartnäckigkeit des guten Gewissens einer . Lebensaufgabe treu bleiben, das ist das Geschick des Malers und damit des Menschen Nußbaum. Wie beides zu trennen wäre, danach kann man garnicht fragen, und dies Schicksal ist sein größter Ruhm. Diese Treue gegen seine Aufgabe haftet ihm an, von der Jugendzeit im Judendorfe bis zu dem Tage, da die Welt sich anschickt, den Jubilar zu ehren, der ein jüdischer Maler ohne „jüdische" Sujets ist. Darauf hinzuweisen kann schon deshalb nicht schaden, weil die Inhalte seiner Bilder von der Bescheidenheit seines Wesens das beste Zeugnis ablegen. Zurücktreten vor der Aufgabe des Bildinhalts und der Bildwiedergabe zeichnet die Landschaften aus, die hauptsächlich seiner engeren Heimat, dem Odenwald, entstammen. Aber diese Bodenständigkeit hat den Blick nicht getrübt für die weite Welt, von der außer dem schon - genannten jüdischen Lande bereist wurden: _ Aegypten, Madeira, Tene- - riffa, Nordafrika und die Kanarischen Inseln. In Europa hat er sich umgesehen und Ungarn, Hol- '•-fe--.^.. ' land und die Schweiz be- - - ./ - : . . . sucht; von dort und von zahlreichen Reisen in Deutschland brachte er reiche Eindrücke und ihren bildlichen Niederschlag mit. Neben seiner Wahlheimat Frankfurt und den Bergen des Taunus hat es ihm der Vogelsberg angetan, wie denn Nußbaum zu den Bergmalern gehört, die an Raumfragen nicht vorbeigehen müssen. Immer aber bleibt erhalten, was wirklich in der Natur zu finden ist, und mit dieser Wahrhaftigkeit lernen wir durch das Werk Jakob Nußbaums die Welt sehen.