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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-11-01 · 3 (11.1932) · p. Seite 79

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
3 (11.1932)
Date
1932-11-01
Page
Seite 79 (sequence 25)
Language
German
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Seite 79 bereitet wurde, haben das deutsche Judentum des 19. Jahrhunderts und Menschen aus seiner Tradition leidenschaftlich auf allen Barrikaden und in allen Kriegen gekämpft. Von Robert Blum bis Walter Rathenau haben seine Besten ihr Blut hingegeben; an der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Offensive der deutschen Nation in der Weltepoche von Napoleon bis zum Weltkrieg haben unsere Menschen in begeistertem Wetteifer mit allen anderen Volksgenossen weit über das prozentuale Verhältnis hinaus teilgenommen. Die als Beziehungen von Mensch zu Mensch in Resten gebliebenen älteren übernationalen Verknüpfungen wurden auf lange Zeit hinaus wie so manche religiöse, ideologische Oder blutsmäßige analoge Bindung, z. B. die der internationalen Aristokratie, als Wert, nicht als Unwert den in die neuen Nationen eingegangenen jüdischen Menschen angerechnet. Denn auf allen Gebieten des Völkerlebens waren gewisse national lebenswichtige Funktionen der Zeit vor dem Weltkrieg ohne weltweit aufgeschlossenes Menschenmaterial überhaupt nicht zu vollziehen. Seit etwa 1870 begann freilich unter wachsenden Zersetzungserscheinungen der liberale Weltbeglückungsoptimismus langsam sich selbst zu widerlegen. Zwar standen nun noch nie dagewesene Machtmittel zur Dienstbarmachung der Naturkräfte zur Verfügung. Die liberalistische Lockerung aller Bindungen aber führte trotz alledem zu unheilvollen Zerstörungen, der Kapitalismus brachte das proletarische Elend und dadurch eine Zerspaltung der Nationen, der Imperialismus hörte nach Erschließung fast aller Erdgebiete auf, ein Segen zu sein. Die nationale Idee des 19. Jahrhunderts, nur als Wegbereiter zum Menschheitsglück erwachsen, wurde zum vergötzten Selbstzweck, mit dem sittliche und religiöse Menschen sich nicht mehr identifizieren konnten. Unorganische Nationalstaaten entstanden, die segensreiche Raumbindungen zersetzten; unorganische internationale Bünde von Kapitalisten, Proletariern und Ideologen traten immer ausgeprägter und dem Leben der Nationen feindlicher an die Stelle der Fühlfäden in die Welt, die der nationale Kosmopolitismus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geschaffen hatte. Auch in der Zersetzung wie im Aufbau dieser Epoche haben jüdische Menschen — freilich meist vom Judentum selbst losgelöst — eine beträchtliche und nicht immer erfreuliche Tätigkeit, meist internationalistisch, hie und da jedoch auch nationalistisch, entfaltet. Es ist das Schicksal der heute lebenden Generation, die Katastrophe des längst zersetzten politischen Systems des 19. Jahrhunderts, vom Weltkrieg und der russischen Revolution bis vorläufig zum Zusammenbruch der Weltwirtschaft zu erleben. Die Welt ist endlich geworden, ihre Möglichkeiten erscheinen begrenzt und nicht durch Fortschritt in dem im 19. Jahrhundert gewohnten Ausmaße zu vermehren. Der offensive und weltbeglückerische nationale Kosmopolitismus des 19. Jahrhunderts ist so gut zweck- und damit gegenstandslos geworden, wie seine Zersetzungserscheinungen, der vergötzte Internationalismus und Nationalismus. Zur Abwehr antisemitischer Angriffe, die noch in diesem alten Gedankenkreis sich vollziehen und etwa — zu Unrecht — dem Judentum eine Neigung zum vergötzten Internationalismus anrechnen, hat die Abwehrtätigkeit des deutschen Judentums bis zum Weltkrieg sachlich ausgezeichnete Widerlegungen formuliert, die vor allem durch die Schriften und die Organisation des C. V., sobald nötig, rasch zur Verfügung gestellt werden können. Heute freilich bietet sich uns jungen deutschen Juden angesichts des Zusammenbruchs des liberalen ökumenischen Systems eine im wesentlichen nicht mehr auf dieser Ebene gelegene nationale und Weltsituation dar. Aus dem bisher einheitlichen Weltwirtschaftsbezirk tauchen in sich einigermaßen autarke Großräume auf, von denen der russische, ostasiatische und amerikanische Raum festere Form angenommen haben, während der eurafrikanische Raum Frankreichs und das britische Imperium sich allmählich ebenfalls herausbilden. Unser eigener noch am wenigsten entwickelter Raum, Mitteleuropa von der französischen bis zur russischen Grenze mit seinen vielen Völkern und 150—200 Millionen Menschen, ist dadurch in eine beispiellose Totalkrise hineingeraten. Aus offensiven Nationen werden nun wieder statisch in sich ruhende Völker, wobei regelmäßig Humanismus als , Im Jahre 1917 deutete Max Hildebert Böhm, der als Sprecher der noch mit keinem offiziellen Titel versehenen jungen nationalen Bewegung in Deutschland auftrat, heute in Stapels „Deutschem Volkstum" mitarbeitet, in einem vielbeachteten Artikel in den „Preußischen Jahrbüchern" und in der folgenden Debatte in einem zweiten Artikel im „Juden" die Emanzipation als Ausdruck des Machtwillens im modernen Judentum. Seine in gleicher Richtung liegende Auffassung von der dadurch offenbar irewordenen Wahlverwandtschaft das im 19. Jahrhundert eingeschmolzene Judentum trotz Strukturkrise und Minderung seiner Funktionen sich mit dem größten Teil seines Bestandes als völkisch unabtrennbar erweist. Zugleich entzünden sich aber ohne Ende durch den Druck von außen alle menschlichen, soziologischen und religiösen innervölkischen Reibungsflächen, die es nur geben kann, wie wir es im Deutschland von 1932 mit Entsetzen erleben. Doch ist, so glauben wir aktiven Jungen, nicht für einen Zustand des Schreckens ohne Ende die Zeit bereit. Neues wird hier mit Schmerzen geboren, das dem 20. Jahrhundert Frieden und Glück bringen mag. An Stelle des dynamischen nationalen Kosmopolitismus des 19. Jahrhunderts und seiner Zersetzungserscheinungen, des zum Götzen erhobenen Nationalismus und Internationalismus, sehen wir ein neues statisches Volksgefühl sich entwickeln, an dem auch wir Anteil haben. Es ist nicht mehr offensiv-imperialistisch, sondern es will das Leben des gewordenen Volkstums bewahren, dessen schwächste Glieder es mit gleicher Liebe wie die starken durch aktive Tätigkeit zu schützen sucht. Es entsteht zugleich über die Volksgrenze hinaus ein neues Ordnung .stiftendes Raumgefühl voll Verantwortung des großen Kulturvolkes für die kleinen Völker seines Bereichs. Wer furchtlos die Zeichen der Zeit im Deutschen Reich versteht, beschränkt sich nicht mehr auf Abwehr innervölkischer Angriffe durch Wort und Tat. Denn ihre Argumente sind meist antiquiert, vor allem die antijüdischen. Es wird durch letztere eigentlich nur ein sehr ernsj; zu nehmendes, echtes und weitverbreitetes Massengefühl praktisch zum Ausdruck gebracht, nach dem das Judentum mit dem 19. Jahrhundert in einer so engen Verbindung geistig und materiell stünde, daß es im 20. Jahrhundert nicht mehr in neuem Geiste sich umstellen könnte. Hier hilft es freilich nichts, nur zu sagen, daß die formende Sittlichkeit des Judentums so gut wie die des Christentums ewig ist. Hier gilt es, dies praktisch durch Mitarbeit überall da zu beweisen, wo für unser Volk und damit für uns selbst ein Weg in die Zukunft gebahnt wird. Bei allen innerdeutschen Umbauplänen, die wir sittlich verantworten können, ist unser Platz. Für den mitteleuropäischen Raum müssen wir urs zu denken gewöhnen und durch unsere Alltagsarbeit kulturell, politisch und ökonomisch langsam Fäden nach Mitteleuropa hinein zu knüpfen suchen als Vorbereitung jenes „Dritten Reiches" der Deutschen, von dem Moeller-van den Bruck schon im November 1922 prophetisch schrieb, das wie das dem „Dritten Reiche" strukturell nicht unverwandte „Erste Reich" der deutschen Nation den föderalistisch verbundenen mitteleuropäischen Kultur- und Wirtschaftsraum zu einen bestimmt ist. Für die Durchsetzung eines gerechteren Zustandes um unser deutsches Haus werden wir mit Philosemiten wie mit Antisemiten zusammenarbeiten müssen, gleichgültig ob das letzteren und uns immer eine Freude sein wird. Denn Sittlichkeit, das werden wir durch unser Leben zu beweisen haben, steht über allen Ressentiments, wie sie vom 19. Jahrhundert her durch Vergötzung des Gefühls und der Rasse auf der deutschen Rechten, durch Vergötzung der Internationale, der Vernunft, des Egoismus und des Materialismus auf der deutschen Linken blutig unser Volksleben durchseuchen, alles für einen religiösen Menschen untragbar, der nur den einen Gott und sein Gebot als Absolutum nehmen kann und darum Verabsolutierung weltlicher Sphären notwendig ablehnt. Nur für eine solche von neuer sittlicher nationaler wie internationaler Gewissensverantwortung für das Leben der Mitmenschen und Mitvölker getragene sachliche und zähe Zukunftsarbeit innerhalb des uns vom Schicksal zugewiesenen Erdraums lohnt es sich heute zu leben. Der alte Vorkriegsgegensatz von Nationalismus und Internationalismus ist zum lebentötenden Gespenst geworden. Das neue Volks- und das neue Raumbewußtsein — das müssen wir jungen Deutschen aller Konfessionen durch Wort und Tat beweisen — stehen nicht mehr im Gegensatz, sondern weisen gemeinsam ein neues sachlich zu erarbeitendes nationales Ziel, das auch dem deutschen Judentum Lösung aus dem heutigen nur auf diesem Wege auflösbaren Drucke verspricht. Dr. Fritz Heichelheim zersetzende" Idee zwischen deutschem und jüdischem N a t i o n a 1 i s in u s seine Konstruktion, die neuerdings in Gustav Krojankers bekannn'r Broschüre1) wiederkehrt.) fand damals heftigen Widerspruch durch Arnold Zweig, der die Analogie zwischen diesem deutschen M acht nationaiismus und dem jüdischen, zusammen mit der machtpolitischen Deutung der Tendenzen in den h»tzl) Gustav Krojanker, Zum Problem des neuen deutschen Nationalismus. Berlin 1932.

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